Joh 11,1 (2) 3.17-27 (41-45), Predigt und Kurzansprache in der Herderkirche in Weimar vor Schüler/innen des Herdergymnasiums Forchheim 1994

Der größere Bereich der Lazarusgeschichte

Der Bereich der Lazarusgeschichte geht von Joh 11,1 bis 12,17-19 (eine Klammer zwischen der Lazarusgeschichte und der Passionsgeschichte).

Zuerst: Die kürzere Geschichte aus der Tradition

Die Lazarusgeschichte, die Johannes aus der Tradition eines Wunderevangeliums erhalten hatte, war viel kürzer.

Warum die Geschichte jetzt länger ist

Sie ist viel länger geworden,

  • weil Johannes neben das Verständnis von Leben als Auferweckung eines Gestorbenen sein Verständnis von Leben als durch den Glauben geschehene neue Geburt von physisch Lebenden in die Lazarusgeschichte (11,25f) eingebracht hat. Alles, Krankheit und Tod Bringendes hat dadurch nicht nur eine Seite, sondern wird für den Glaubenden zur Ehre Gottes verwandelt (11,4) (vgl. die Blindheit von Joh 9,3, die zur Ehre Gottes von dem Kranken genommen wird, der sich zum Sehen und Glauben führen lässt)
  • weil Johannes die Lazarusgeschichte örtlich verzahnt (11,8f) mit der versuchten Steinigung Jesu in 8,59 und er damit die Souveränität des Weges Jesu betonen kann. Diese Souveränität unterstreicht Johannes mit einem synoptikerähnlichen Jesuswort (11,9f), das für ihn und für jeden Glaubenden gilt und in den Zusammenhang mit dem Stein des Anstoßes (Jes 8,14/ Jes 28,16) gehört, dem Stein, über den die einen straucheln, der aber für die anderen der köstliche Eckstein ist
  • weil Johannes das von ihm oft benutzte Motiv des Missverständnisses von Zuhörern einbringt (11,12ff): Tod wird von Jesus als Schlaf verstanden, während die Jünger nur Schlaf als Schlaf verstehen können
  • weil Thomas in die Geschichte eingeführt wird (11,16), der Jesus nicht verstanden hatte und den Gang Jesu nach Jerusalem weiter als Jesu Gang zur Steinigung versteht und alle Jünger auffordert, Jesus fatalistisch in dieses Scheitern zu begleiten
  • weil Johannes in Martha dem Thomas einen Menschen entgegenstellen kann, der glaubt, dass die/der Gläubige immer lebt, wenn er einmal Jesus als von Gott in die Welt gesandten Sohn Gottes, Christus, erkannt hat. Für den Evangelisten wird die Lazarusauferweckung zum Hintergrund für das, was für den lebendigen Christen im Vordergrund steht: Die Zusage an die glaubende Martha, deren Auferstehungsgeschichte in Joh 11 eigentlich erzählt wird
  • weil Johannes die Lazarusgeschichte weiter verzahnt mit der Blindenheilung (11,36f) und er so – was er gern tut, weil es für ihn typisch ist für die Begegnung von Juden mit Jesus – zwei Gruppen mit verschiedenen Ansichten über Jesus gegenüberstellen kann (vgl. z.B. die zwei Gruppen in 11,45f): Menschen, die den mitfühlenden, weinenden Jesus positiv sehen und andere, die Jesus nur abwertend sehen können und ihn bei den Machthabenden (das sind zur Zeit des Evangelisten Pharisäer) anzeigen und den Tod Jesu bewirken wollen. Damit beschreibt der Evangelist zugleich Erfahrungen seiner Tage, die sich bis zum heutigen Tage wiederholen: informelle Mitarbeiter (von Staatssicherheitsdiensten) zeigen einen Menschen an, der nicht in die offizielle Staatspolitik und Religionsauffassung hineinpasst.

Zusammengefasst: Dem Evangelisten gelingt es, eine ursprünglich selbständige Einheit der Auferweckung des Lazarus (aus einem Wunderevangelium) mit dem Passionsgeschehen (aus einem „vierten Synoptiker“) zu verbinden und auch zu verbinden mit Erfahrungen seiner eigenen Gemeinde gegen Ende des ersten Jahrhunderts.

Es gelingt ihm aber auch, zwei verschiedene Auffassungen über Auferstehung und Leben miteinander so zu verbinden, dass Menschen mit unterschiedlichen Frömmigkeitstypen und Traditionen nicht kontaktlos nebeneinander oder sogar gegeneinander stehen, sondern ins Gespräch gebracht werden. Wie schwer dieses Gespräch bis zum heutigen Tage ist, zeigt Christian Dietzfelbinger in seinem Johanneskommentar (I,374f): „Daraus erwächst die Freiheit zu der Einsicht, die Blank (Anm. von mir, G. Reim: ein ausgezeichneter katholischer Ausleger des Johannesevangeliums) so formuliert:
Es „ist die Frage nach der ‚Historizität’ der Auferweckung des Lazarus klar zu verneinen“...Man hat mit diesem Thema sorgsam und mit Rücksichtnahme auf Andersdenkende umzugehen. Man sollte gleichwohl sich vor einer eindeutigen Antwort nicht davonstehlen.“ (Übrigens findet man bei Dietzfelbinger einige Überlegungen zu Joh 11 in der Literatur des 19. und 20. Jhd.)
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/210

Zur Predigt: Es werden eigentlich drei Auferstehungsgeschichten erzählt:

  • die des Lazarus
  • die der trauernden Martha
  • die Auferstehungsgeschichte Jesu, für den gilt, dass er nimmermehr stirbt als der, der den Gott verkündet, in dem das Leben ist und der es in Jesus und den Glaubenden weitergehen lässt.

Warum sollte die Predigt nicht einmal grundsätzlich über verschiedene Frömmigkeitstypen in der Gemeinde/Kirche sprechen und über ihr Angewiesensein aufeinander?

Der Schwerpunkt könnte auch auf die Trauernden in der Gemeinde gelegt werden, die um ihre Trauer bewältigen zu können, selbst – und jetzt – auferstehen können.

Man könnte auch die Reaktion der einen und der anderen in der Begegnung mit dem weinenden Jesus (oder wie er sonst begegnet, z.B. heilend in Joh 5 und 9 oder als der in Gottes Namen Redende in Joh 7f), der Menschen zu verschiedenen Reaktionen führt, in unsere Zeit ausdeuten.

Schließlich wäre auch das Mitgehen mit dem Thomas von Joh 11 bis zu seinem Bekenntnis in Joh 20 als mit einem, der aufersteht, eine gute Möglichkeit des Umgangs mit diesem Text[GR1] .

 


 [GR1]vgl dazu die „Thomaskantate“ auf der homepage
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/Thomaskantate

 

 

PREDIGT

(16. Sonntag nach Trinitatis 1985 in der Thomaskirche Erlangen und im Roncallistift)

Liebe Gemeinde,
(Von alten Säulen...)

In der bedeutendsten erhaltenen Kirche aus dem 4. Jahrhundert, der Hagia Sophia in Istanbul, gibt es eine bemerkenswerte Besonderheit: Sie hat sehr schöne Säulen, die wohl tausend Jahre älter sind als die Kirche. Man hat sie aus einem der sieben Weltwunder, dem Tempel der Diana in Ephesus, übernommen. Wer von der Herkunft der Säulen nichts weiß, merkt überhaupt nichts von dieser Übernahme und denkt: Diese schönen Säulen sind für diese schöne Kirche angefertigt worden. Wer es aber weiß, dem ist klar, dass diese Säulen für eine ganze 1000-jährige heidnische Epoche stehen. Sie ist nun, durch den Bau des Kaisers Konstantin, ganz sichtbar, von der christlichen Epoche abgelöst worden. Die Säulen der Heiden müssen der Kirche der Christen dienen.

(...und alten Geschichten)
Im heutigen Auferweckungs-Evangelium haben Wissenschaftler auch so etwas wie alte Säulen gefunden: Eine alte christliche Geschichte, die vom Evangelisten Johannes in eine neue Geschichte eingebaut ist. Seine neue Geschichte vom Leben, das den Tod durchdrungen hat, soll die alte Wundergeschichte wohl aufnehmen, aber vollkommen ablösen!

Ich lese zuerst die alte und kurze Geschichte von Jesus und Lazarus, wie man sie etwa rekonstruieren kann. Es ist eine Geschichte einer wundersüchtigen christlichen Gemeinde des ersten Jahrhunderts. Über deren Geschichtlichkeit hat der großartige katholische Ausleger des Johannesevangeliums Josef Blank, geurteilt:"...ist die Frage nach der 'Historizität' der Auferweckung des Lazarus klar zu verneinen."

Und hier sind die "alten Säulen", ist die alte Wundergeschichte, die der Evangelist dann in seine neue Geschichte eingebaut hat:
"Es war einer krank, Lazarus aus Bethanien, aus dem Dorfe Marias und ihrer Schwester Martha. Da schickten nun die Schwestern zu Jesus, um ihm auszurichten: 'Herr, siehe, den du liebst, der ist krank.' Da sagte nun Jesus zu den Jüngern: 'Lasst uns zu ihm gehen.' Jesus ging dann und fand, dass Lazarus schon vier Tage im Grab war. Jesus nun kommt zum Grab. Es war aber eine Höhle und ein Stein lag davor. Spricht Jesus: 'Hebt den Stein weg! Da hoben sie den Stein. Jesus aber hob die Augen auf und sprach: 'Vater, ich danke dir, dass du mich gehört hast.' Und als er das gesprochen hatte, schrie er mit großer Stimme: 'Lazarus, komm heraus!' Da kam, der gestorben war, heraus, die Füße und Hände mit Binden gebunden und sein Gesicht mit einem Tuch umgeben. Spricht Jesus zu ihnen: 'Macht ihn frei und lasst ihn gehen'."

(Einbau in das Monument über die Auferstehung)
Soweit also die alte Geschichte, die mit den Säulen des Diana-Tempels verglichen werden kann. Johannes hat die alte Geschichte eingebaut in sein gewaltiges Monument über die Auferstehung. Der Einbau ist ihm wohl nicht so gut gelungen wie der Einbau jener Säulen in die Hagia Sophia. Deswegen wissen auch viele nur von der alten Geschichte und sehen nicht in erster Linie den 'neuen Bau' der Geschichte des Evangelisten mit ihren vollkommen neuen Elementen. Deswegen wissen auch viele mit dem Evangelium in Johannes 11 nichts anzufangen.

(Das Neue sehen helfen)

Diese Predigt möchte ein wenig das Neue sehen helfen, das Neue, mit dem auch die unter uns etwas anfangen können, die überhaupt nicht wundersüchtig sind hier in dieser 'Siemens-Enklave'.

In der alten Geschichte geht es um ein massives Wunder an einem verwesenden Toten. Der Evangelist Johannes aber, der darunter gelitten hat, dass so viele lebende Menschen durch ihren Unglauben praktisch tot sind, hat für diese sein Evangelium geschrieben, damit sie im Leben leben.

(Vom Geist ergriffen reden)
Was er geschrieben hat, ist keine erfundene Geschichte, Worte, die er Jesus in den Mund legt, sind keine erfundenen Worte. Vom Geist Gottes ergriffen, hat er um das Jahr 80 , also 50 Jahre nach der Kreuzigung Jesu, Jesus in sich so sprechen hören.

(Nicht wegwerfen, sondern einbauen)
Und was er dann gehört hat, führt weit über plumpe Wundergläubigkeit hinaus. Aber in seiner Ehrfurcht vor den Erfahrungen einer anderen christlichen Gemeinde hat er deren Wundergeschichte nicht einfach als überholt weggeworfen, sondern hat sie in sein Werk eingebaut. Das ist eine Möglichkeit, die auch wir in einem wissenschaftlichen Zeitalter noch haben: Einbauen - nicht einfach wegwerfen. Wunderbare Geschichten weiterführen in unsere Zeit hinein, indem wir darauf hören, was uns der Geist heute sagt. Von einem Wunder schreibt allerdings auch Johannes: Dass nämlich ein Mensch, der im Leben aufgegeben hat zu leben, der lebend tot ist, hier auferstehen kann, heute auferstehen kann, heute anfangen kann, wieder zu leben.

(Geschichte von Glauben und Unglauben)
Die Predigt würde zu lange dauern, wenn ich Ihnen die ganze Geschichte, wie sie Johannes geschrieben hat, jetzt vorlesen würde. Sie ist ein großes Kunstwerk und Drama geworden, das schließlich sogar die Passionsgeschichte mit einbezieht. Sie werden das beim Lesen des ganzen 11. Kapitels merken. Unter der Einwirkung des Geistes Gottes wird die ursprüngliche Geschichte von der mirakulösen Auferweckung eines Verwesenden zu einer Geschichte von Glauben und Unglauben der Menschen.

Ich greife also nur fünf Verse heraus: (11,23-27)
Jesus spricht zu ihr: "Dein Bruder wird auferstehen." Martha spricht zu ihm: "Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird - bei der Auferstehung am Jüngsten Tage." Jesus spricht zu ihr: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?" Sie spricht zu ihm: "Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist."

(Nur Opium des Volkes?)
Zu den größten Vorwürfen von Marx und Lenin gegen die Kirchen gehört, dass die Religion Opium des Volkes sei und die Kirche die armen geschundenen Menschen auf das Jenseits vertröste. Sie haben mit diesem Vorwurf sicher weitgehend recht gehabt: Eine Kirche, die nur die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus erzählt und im Anschluss daran unterdrückte Menschen auf das Leben im Jenseits vertröstet, hört nicht auf Jesus, der sich dafür eingesetzt hat, dass seine unterdrückten Zeitgenossen hier zu leben anfangen.

(Kirche kann anders reden)
Nun hat es aber immer auch eine Kirche gegeben, die Jesus gefolgt ist und Auferstehung im Sinne des Johannes verstanden hat. Es ist das bleibende Unrecht von Marx und Lenin und ihren Nachfolgern bis in dieses Jahr 1985, dass sie diese Kirche nicht gesehen haben, aus Prinzip nicht sehen wollten. Wenn sie nur diese wenigen Verse des Johannesevangeliums, die ich gerade verlesen habe, gelesen und ernst genommen hätten als geschichtswirksame Worte, hätten sie differenzierter sprechen müssen.

(Leben jetzt)
Johannes möchte Menschen also klarmachen, dass durch Jesus jetzt Leben in ihr Leben kommt, dass niemand auf die Zukunft warten muss, sondern dass der, der glaubt, jetzt das Leben in sich entstehen spürt. Die althergebrachte Anschauung, die Martha ausspricht, wenn sie sagt: "Ich weiss wohl, dass mein Bruder auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tag" - wird außer Kraft gesetzt. In dem, was Jesus antwortet, meint er: 'Martha, du denkst, dass du Bescheid weißt über das Thema Auferstehung. Ich sage dir: Du weißt nichts darüber. Ich sage dir: Auferstehung ist eine Sache von jetzt, und wenn du jetzt auferstehst, kann der Tod gar nicht an dich heran. Wenn du glaubst, wirst du nimmermehr sterben. Glaubst du das?

Zur Kunst des Evangelisten Johannes gehört, dass er diese Frage so stellt, dass jeder von uns jetzt gefragt ist:
Glaubst du, dass du im Glauben an Gott jetzt auferstehen kannst, jetzt beginnen kannst zu leben, jetzt dich mit Gott in ein Gespräch einlassen kannst, das Gott nie abbrechen lassen wird? Glaubst du, dass deine Verbindung mit mir, Jesus, Auferstehung für dich bedeutet? Dass ich Auferstehung und Leben bin?

In unsere Zeit hinein hätte Johannes vielleicht lieber ein paar andere Worte gesagt für 'Auferstehung'. Vielleicht hätte er uns gefragt: Glaubst du, dass Jesus das sinnvolle Leben geführt hat, das ein Mensch überhaupt führen kann? Glaubst du, dass auch du sinnvolles Leben führen wirst, wenn du dich prinzipiell an Jesus orientierst? Und auch der Tod wird dir den Sinn, den dein Leben einmal bekommen hat, nicht ausradieren können. Und: Sinn bleibt bei Gott Sinn. Glaubst du das?

(Gemeinsame Gegenwart - gemeinsame Zukunft)
Martha hat Jesus eine Antwort gegeben. Der Evangelist hat sie ihr, aus seiner Verbindung mit dem Geist Gottes heraus, in den Mund gelegt: "Herr, ja, ich glaube, dass du bist der Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist."  - Das heißt: 'Ja, jetzt spüre ich Leben von Gott. Jetzt weiß ich, dass mir dieses Leben auch nicht durch den Tod genommen werden kann. Eigentlich brauchst du jetzt meinen Bruder nicht mehr aufzuerwecken. Er lebt ja, obwohl er gestorben ist. Ich höre aus deinen Worten heraus, dass er vor Gott lebt. Im Augenblick lebt er nicht mehr ganz bei mir, aber er lebt auch nicht ganz nicht bei mir: Wir haben beide eine gemeinsame Gegenwart durch den Glauben und eine gemeinsame Zukunft.'

(Praktische Konsequenzen für uns)
Wenn ich nun Jesus mein Leben glaube, dann hat das praktische Konsequenzen:
Weil ich lebe, werde ich freier gegenüber den Mächten, die Tod androhen.
Weil ich lebe, muss meine althergebrachte Angst vor dem Tode in einen Schrumpfungsprozess eintreten.
Weil ich lebe, muss ich nicht - 'solange das Lämpchen noch brennt' - mich des sogenannten Lebens freuen. Ich brauche z. B. keine Torschlusspanik zu entwickeln.
Weil ich lebe, möchte ich auch, dass die von der Angst gezeichneten Mitmenschen von Jesus zu leben lernen, frei von Angst.

(Sich selbst neu entdecken)
"Auferweckung des Lazarus???" - Vorsichtig sein mit dem Überbordwerfen von alten Geschichten der Christenheit! Einbau ist besser.
Sie können sogar den auferweckten Lazarus wieder entdecken: Sich selbst, lebendig durch Christus. Amen

Kurzansprache in der Herderkirche in  Weimar 1994 vor Schüler/innen des Herdergymnasiums Forchheim

Liebe Schülerinnen und Schüler heute hier in der Herderkirche in Weimar,
liebe Kolleginnen und Kollegen

Ich weiß, dass einige von Euch heute noch mit dem Bus in das nahe gelegene Konzentrationslager in Buchenwald fahren.

Wenn die Deutschen in der Hitlerzeit auf Herder gehört hätten, hätte es Buchenwald, diesen Todesort, nie gegeben.

Menschenfreundlichkeit wollte Herder, wie sein Freund Jesus sie gelehrt und gelebt hat.
Menschenfeindlichkeit ist aber dann in Sichtweite von Weimar praktiziert worden. Ihr werdet davon hören und sehen.
Ihr könnt Menschen werden, die Menschenfreundlichkeit praktizieren.
So erhofft es sich von uns allen nämlich der Träger des Friedenspreises 1994, Jorge Semprún. Er hat in Buchenwald gelitten. Seine Rede vor ein paar Tagen, als ihm der Friedenspreis verliehen wurde, hat er mit folgenden Worten geschlossen:

Vielen Dank für die erwiesene Ehre,
für die geteilte Erinnerung,
für die Zukunft,
die wir gemeinsam bauen müssen.

Wir, - hat er gesagt.
Wir - müssen gemeinsam Zukunft bauen.

Die Schwierigkeit, wie denn zu bauen ist, hat der jüdische Philosoph Edmund Husserl, der selber in der Hitlerzeit verfolgt worden ist, im Jahre 1936 so beschrieben:

Ein historisches Erdbeben hat einen Abgrund aufgerissen, der das neue Deutschland von dem Lessings, Herders, Schillers und Goethes trennt.

Von diesem historischen Erdbeben will ich anhand eines Beispieles kurz berichten. Ich erzähle etwas von Pfarrer Paul Schneider: Er ist hierher, nach Weimar-Buchenwald, transportiert worden. Er sollte im Lager 1937 seine Mütze vor der Hakenkreuzfahne des Hitlerregimes abnehmen, wie alle anderen Häftlinge. Er tat es nicht, weil Verehrung nur Gott gebührt - und nicht einem Landvogt, einem Führer oder einer Fahne. Paul Schneider wurde in den Bunker geschleift. Wenn alle anderen Häftlinge sich an jedem Morgen zum Abzählen auf dem Platz vor dem Bunker aufstellen mussten, versuchte er herauszurufen und zu predigen.

So spricht der Herr - (Jesus) -:
Ich bin die Auferstehung und das Leben.

Viel konnte er nicht sagen, weil man ihn schlug.
Einmal rief er dem Lagerkommandanten zu:

Sie sind ein Massenmörder. Ich klage Sie an vor dem Richterstuhle Gottes.
Ich klage Sie an des Mordes an diesen Häftlingen!
und er zählte ihm Namen von Opfern auf.

Zu diesen Opfern ist Pfarrer Paul Schneider selbst 1938 hinzugekommen.
Das ist also der Abgrund, das ist ein Stück des historischen Erdbebens, von dem Husserl gesprochen hatte.

Ein kommunistischer Häftling ist damals durch die Predigten Paul Schneiders Christ geworden. Er sagte:

Dass er diesen Pfarrer Paul Schneider kennen lernte und durch ihn das Evangelium, das sei die sieben Jahre Konzentrationslager wert gewesen.

Wir aus dem Herdergymnasium in Forchheim sind nur ein paar Stunden in Weimar und zum Teil in Buchenwald. Diese paar Stunden aber können uns die lange Fahrt hierher wert sein, wertvoll geworden durch Menschen wie Johann Gottfried Herder und Paul Schneider und jeden, der Humanität, Menschenfreundlichkeit, lehrt und praktiziert.
Wir werden dann Nachfolger des Jesus, der uns zuspricht:

Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.
Und wer da lebt und glaubt an mich,
der wird nimmermehr sterben.
Glaubst Du das?

Amen