Joh 9,1-7 (und Predigt über dieses Evangelium sowie über die Blindenheilung des Paulus - Apg. 9,1-22))

(vgl. die Hinführung zu 9,35-41)

Ich mache erst einige Bemerkungen nur zu Joh 9,1-7, beziehe mich dann aber auf das ganze Kapitel 9, das wohl schon in der Tradition am Sabbat (9,14) spielt.

Heilung am Sabbat des Laubhüttenfestes

Zu 9,1-7: Die kurze Geschichte ereignet sich im Kontext des Johannesevangeliums noch am letzten Tag des Laubhüttenfestes, an dem zugleich der Beginn eines neues Lesungsjahres[GR1] für die Fünf Bücher Mose und die dazugehörigen Prophetentexte ist. Das spielt in 9,32 dann eine wichtige Rolle.

Die Tradition des Wunderevangeliums

Die Geschichte aus der Tradition des Wunderevangeliums erzählte von Joh 9,1-7 wohl nur, dass Jesus einem Blindgeborenen begegnet, die Jünger fragen: „Rabbi, wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ Jesus antwortet: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.“ Jesus spuckt auf den Boden, macht einen Brei daraus, schmiert ihn dem Blinden auf die Augen und sagt zu ihm: „Gehe hin und wasche dich (im Teich Siloah). Jener ging, wusch sich und kam sehend zurück. Das Wunder am Sabbat hat dann eine Diskussion hervorgerufen.

Siloah – Schilo - Gesandter

Wenn „Siloah“ schon zum ursprünglichen Text gehört hat, dann wollte schon das Wunderevangelium auf Jesus als Erfüller der von Juden und Samaritanern als Weissagung gesehenen Stelle Gen 49,8-12, als den „Schilo“ sehen. Der Teich, aus dem man am Laubhüttenfest Wasser schöpfte und es in einer Prozession zum Tempel brachte, wird dann mit dem Messias, dem „Schilo“ in Verbindung gebracht: In ihm soll sich der Blindgeborene waschen. Wie das Wasser als Symbol beim Laubhüttenfest auch sonst auf den Messias bezogen wird, sieht man an Joh 7,37ff, wenn Jesus spricht: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt...“.

Interpretation durch Johannes

Johannes hat dann folgende Erweiterungen in die alte Geschichte gebracht:

  • die Werke Gottes sollten am Blindgeborenen offenbar werden. Jesus wird im Johannesevangelium wiederholt als der dargestellt, der Werke von Gott und Worte übertragen bekommt. Ort und Zeit dieser Übertragung wird für Johannes in Jesaja 6 gesehen. Der Prophet Jesaja wohnt diesem Geschehen bei und berichtet davon[GR2] .
  • ein synoptikerähnliches Wort wird eingefügt. Es findet sich zum Teil noch in Joh 11,9f: „Jesus antwortete: Sind nicht des Tages zwölf Stunden? Wer des Tages wandelt, der stößt sich nicht; ...Wer aber des Nachts wandelt, der stößt sich...“. In Joh 9,4 heißt es: „Wir müssen wirken (die Werke Gottes, der mich gesandt hat) solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. (Dieweil ich bin in der Welt, bin ich das Licht der Welt).“ Das überraschende „wir“ (Wir müssen wirken...) in 9,4 wird man vielleicht als Überbleibsel aus diesem synoptikerähnlichen Wort verstehen können. Johannes sieht das Wirken Jesu in den Glaubenden fortgesetzt.
  • Johannes zeigt die weltgeschichtliche Bedeutung der Heilung durch das „Licht der Welt“ auf, aber weist auch gleichzeitig auf das Ende des Wunderwirkens hin, auf die Nacht.

Was will der Evangelist durch seine Auswertung klar machen?

Auswertung der Umgestaltung von Joh 9,1-7 durch den Evangelisten:

Johannes weist darauf hin, dass ein Mensch bei seiner Begegnung mit Jesus nicht von seinem „ist“ her festgelegt werden darf (hier von seinem Blindgeborensein), sondern von seinem „werden können“ durch Gottes Wirken in Jesus.

Johannes zeigt das Wunder in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung und sieht Jes 42,6f als in Jesus erfüllt – Licht der Heiden und der, der die Augen der Blinden öffnet. Er verbindet außerdem die griechische Übersetzung des Wortes „Schilo“ (von hebräisch ‚schalach’ = 'senden' her gedeutet als ‚apestalmenos’, deutsch „Gesandter“) mit der Sendung Jesu nach Jes 6 – „Hier bin ich, sende mich“.

Aber Johannes weist seine Gemeinde gleichzeitig darauf hin, dass Jesus nur als „in der Welt, am Tage“ dieses Wunder wirkt. Die johanneische Gemeinde erlebt das Wunder so nicht. Sie erlebt die Nacht und die Ohnmacht.

Mut bekommen, sich zu Jesus zu bekennen

Aber gerade einer ohnmächtigen Gemeinde sagt die Geschichte vom Geheilten, der ohnmächtig den Mächtigen gegenübersteht und ihnen ausgeliefert zu sein scheint, so viel, dass sie den Mut bekommt, sich - wie jener Geheilte - zu Jesus zu bekennen.

Zum Gesamten von Joh 9:

Johannes hatte in dem Wunderevangelium eine kurze Erzählung der Heilung eines Blindgeborenen vorgefunden. Sie sollte – wie die meisten anderen Wundergeschichten im Johannesevangelium – Jesus als den für die Endzeit nach Mal 3,23f erwarteten Elia darstellen: „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag kommt. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern, auf dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.“ (zu den Elia-/Elisa-Anspielungen s. die Hinführungen zu Joh 2,4; 4,50; 6,9; 11,41f)

Wegen dieser Elia-Erwartung sind in die Wundergeschichten des Johannesevangeliums schon in der Tradition Worte aus der Elia-/Elisatradition eingefügt. In Joh 9,7 ist es die Aufforderung „Gehe hin und wasche dich...“(2. Kön. 5,10). Durch solche Einfügungen in Wundergeschichten sollte Jesus auch abgehoben werden vom Täufer, der von manchen (von vielen?) als der wiedergekommene Elia betrachtet wurde. Im Johannesevangelium weist der Täufer das von sich (1,21) und wird als der gekennzeichnet, der keine Wunder getan hat (10,40f). Wenn es 9,7 schon in der Tradition geheißen haben sollte: „Gehe hin und wasche dich im Teich Siloah, das ist verdolmetscht ‚gesandt’“, dann würde schon die Tradition die vorherrschende johanneische Darstellung Jesu als des Gesandten Gottes vorbereitet haben.

Joh 9 und der Beginn des jüdischen Lesungsjahres

Der Evangelist Johannes hat die Blindenheilungsgeschichte in ganz neuen Bezügen gesehen und sie gestaltet:

·        Er hat (neben dem zu Joh 9,1-7 Bemerkten) sie im Zusammenhang gesehen mit der ersten Lesung im jüdischen Lesungsjahr am Fest Simchat Tora – Freude am Gesetz. Diese Lesung trägt die Überschrift „Bereschith“ – „im Anfang“. Gelesen werden am ersten Lesungstag Gen 1,1ff und Jes 42,6-22 bis zum heutigen Tage. In Joh 9,32 heißt es: „Vom Anbeginn der Welt (vgl. Gen 1,1) hat man nicht gehört, dass jemand einem Blindgeborenen die Augen aufgetan hat (Jes 42,5-7, vgl. Joh 9,5). Jesus, der den Blindgeborenen heilt als Schöpfungstat, ist für die johanneische Gemeinde der Erfüller jener ersten Schriftlesung im Lesungsjahr. Man wird wohl nicht fehlgehen, dass im Gottesdienst der johanneischen Gemeinde jüdische Schriftlesungen z. T. übernommen worden sind, bestimmt jedoch die von Simchat Tora.

·        Für Johannes leuchtet im Wunder die Herrlichkeit auf, die Jesus von Gott hat (vgl. z.B. 2,11). Das Wunder ist das Werk Gottes, durch Jesus vermittelt (9,4f).

·        Die in der traditionellen Geschichte wohl schon erwähnten Pharisäer, die den Sabbat durch Jesu Heilung entheiligt sahen (9,16), sieht Johannes im Zusammenhang mit der in johanneischer Zeit nach dem jüd.-röm. Krieg herrschenden Pharisäer-Behörde, die Christen befragt und aus der Synagoge ausstößt (9,22).

·        Johannes entwickelt die traditionelle Geschichte zu einer Geschichte eines körperlich und geistlich zum Sehen gelangenden Menschen (9,37f), und in der Gegenbewegung wird die unverständliche Erblindung von Pharisäern gezeigt mit dem Höhepunkt in 9,39-41. Johannes sieht in dieser doppelten Entwicklung, wie sich Jes 6,8-10 im Beisein Jesu verwirklicht: Heilung und Erblinden (vgl 12,39-41). Gegenüber stehen sich in Zukunft die Jünger „jenes“(9,28) und die Jünger des Mose.

Johannes stellt weiter Jesus und Mose gegenüber. Nicht nur mit Mose hat Gott gesprochen, wie Pharisäer betonen, sondern Gott hat mit Jesus gesprochen und spricht mit ihm nach johanneischem Verständnis von Jes 6,1ff. Ecclesia und Synagoge stehen sich gegenüber.

Ecclesia und Synagoga

Erblindung mancher „Christen“ wird in späteren Jahrhunderten aus dem Verständnis von Joh 9 ein unseliges Dogma machen: Die Kirche sieht, die Synagoge ist blind. Dieses Dogma mancher „Christen“ berechtigt sie - weil blind geworden - ihrerseits zu Ausstoßung und Verfolgung und Tötung von allen Juden.

Antijudaismus ist nicht die Intention des Johannesevangeliums

Die absolut machtlose und gewaltfreie johanneische Gemeinde hätte diese Entwicklung, als gegen Gottes Willen und gegen den Willen Jesu als König der Wahrheit gerichtet, bekämpft. Antijudaismus ist nicht die Intention des Johannesevangeliums, wohl aber die Suche nach Gerechtigkeit für entrechtete Christen, die sich gegen eine machthabende und die Macht missbrauchende religiöse Autorität wehren.

Johannes 9 war und ist Einladung zum Sehen: Jesus als Licht der Welt sehen und Menschen als zur Heilung Eingeladene sehen.

Das jüdisch-christliche Verhältnis in der Predigt

Die Predigt könnte also auch Einblicke in die Entwicklung einer urchristlichen Gemeinde geben anhand der Entwicklung eines Einzelnen, des Blindgeborenen. In diesem Einzelnen kann sich jedes Gemeindeglied wiederfinden und Kraft für den eigenen Weg finden.

Thematisiert werden könnte das jüdisch-christliche Verhältnis bis hin zu den Äußerungen von kirchlicher Seite am Ende des 20. Jahrhunderts. Dazu gehört die Reflexion über Jesus als Licht der Welt und über die Verblendung von Menschen.


 [GR1]vgl meinen Artikel in JOCHANAN S.331-333 „Johannesevangelium und Synagogengottesdienst“
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/203

 

 [GR2] (Wer sich über diesen Text in johanneischer Sicht informieren möchte, findet auf der homepage den Artikel: „Wie der Evangelist Johannes gemäß Joh 12,37ff Jes 6 gelesen hat“ ) 
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/56

 

 

PREDIGT ÜBER JOH 9,1-7 in der Thomaskirche Erlangen

Liebe Gemeinde,
In Teilen des Judentums gibt es eine seltsame Entwicklung: Man sieht Interesse an Jesus, es gibt Bücher von Juden über ihn, es gibt ein zaghaftes christlich-jüdisches Gespräch. Warum?

Da ist einmal die Wirkungsgeschichte Jesu in der ganzen Welt, die längst nicht zuende ist.
Da wird von Christen um Jesu willen das Alte Testament gelesen und studiert.
Da gibt es Bücher, um sich abzugrenzen von Jesus, wenn er als Messias angesehen wird.

Von unserem heutigen Evangelium her können wir das Verhalten von Juden sehr gut verstehen. Das Evangelium ist interessant für Juden - und nicht nur für sie. Aber ist es interessant genug, dass es höchsten Maßstäben genügt, höchsten Maßstäben, wie sie nur für den Messias gelten?

Dieses Evangelium ist auch für unsere nicht-jüdischen und nicht-christlichen Mitmenschen interessant - aber ist es interessant genug, dass sie ihr ganzes zukünftiges Leben auf Jesus einstellen sollten? Ist das Licht, das von Jesus ausgeht, hell genug, dass es auch noch unsere Finsternis erreicht?

Verlesung des Evangeliums für den 8. Sonntag nach Trinitatis:

Und  ging vorüber und sah einen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: "Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern dass er ist blind geboren?"
Jesus antwortete: "Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Ich muss wirken die Werke des, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Dieweil ich bin in der Welt, bin ich das Licht der Welt."
Da er solches gesagt, spie er auf die Erde und machte einen Brei aus dem Speichel und legte den Brei auf des Blinden Augen und sprach zu ihm: "Gehe hin zu dem Teich Siloah - das ist verdolmetscht 'gesandt' - und wasche dich."
Da ging er hin und wusch sich und kam sehend.

Es ist kein x-beliebiger Tag, an dem das Wunder passiert, sondern der letzte, höchste Tag des achttägigen Laubhüttenfestes, eines freudigen Festes der Juden, bei dem es Lichterprozessionen gab, bei dem frisch geschöpftes Wasser aus dem Siloah-Teich eine große Rolle spielte. Kein x-beliebiger Tag also, sondern ein Festtag - ein ganz besonderer Festtag sogar: Hatte man das ganze Jahr an jedem Sabbat aus der Bibel gelesen - immer zuerst aus den Fünf Büchern Mose und dann einen Abschnitt aus den Propheten - so war dieser letzte, höchste Tag des Laubhüttenfestes der Tag, an dem man mit den Lesungen wieder von vorne begann, also beim Anfang der Bibel, beim Anfang der Schöpfung. Der festgesetzte Abschnitt aus den Propheten trägt die Überschrift 'Vom Messias'. Er soll das Licht der Heiden sein, die Augen der Blinden öffnen, die Gefangenen aus dem Gefängnis führen.

An diesem bestimmten Tag also hören Juden nicht nur vom Messias aus der Schrift, sondern sie erleben, dass ein Blindgeborener durch Jesus sehend wird. Der Sehend-Gewordene ist in seiner eigenen Person die Erfüllung des Prophetenwortes für diesen Tag vom Messias, der als Licht der Heiden die Augen der Blinden öffnen soll. Der Sehend-Gewordene weist schließlich selbst auf den Anfang der Schöpfung hin, von der an diesem Tag in allen Synagogen vorgelesen wird, indem er sagt: "Von Anbeginn der Welt hat man nicht gehört, dass jemand einem Blindgeborenen die Augen aufgetan habe. Wäre dieser (Jesus) nicht von Gott, er könnte nichts tun."

Wir verstehen das Interesse von Juden und später von Nichtjuden an Jesus. Ist das, was er getan hat, was er gelebt und gelehrt hat, was er in seiner ganzen Person ausgedrückt hat, so, dass es höchsten Maßstäben genügt, höchsten Maßstäben, die nur für den Messias gelten? Ist es so, dass wir unser ganzes zukünftiges Leben auf ihn einstellen sollten?

Wir verstehen, dass dieser Sehend-Gewordene auf diese Fragen mit seiner ganzen Person "Ja!" gesagt hat. Am Ende der Geschichte sagt er, von Jesus gefragt: "Herr, ich glaube" - und dann ist er anbetend vor Jesus niedergefallen.

Alle anderen aber müssen sich seitdem für ihre eigene Person damit auseinandersetzen, ob Jesus den höchsten Maßstäben dieser Welt genügt oder nicht.

Einige Juden haben damals den Sehend-Gewordenen ins Verhör genommen und haben ihn hinausgeworfen, nachdem der sie auf die Schriftstelle am Anfang dieses Lesungsjahres verwiesen hatte. Sie haben zu ihm gesagt: "Du bist ganz in Sünden geboren und lehrst uns?"

Seitdem ist das Thema 'Jesus' bei Juden nicht mehr vom Tisch gekommen bis hin zu heutigen jüdischen Jesusbüchern. Seitdem wird unter uns die Frage überlegt, die die Jünger am Anfang Jesus gestellt hatten, als sie den Blindgeborenen gesehen hatten: "Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er ist blind geboren?" - Das ist eine Frage, die von vielen Juden jener Zeit bejaht worden ist.

Mir hat sich die Frage nach dem Leiden und die Frage, ob Jesus der Heiland der Welt ist, in den letzten Wochen zweimal gestellt:

Ich sollte im 'Friedenshort', einem Heim für schwerstbehinderte Kinder in Neuendettelsau, über die Frage einen Vortrag vor Eltern dieser Kinder halten: "Welchen Sinn hat das Leben schwerstbehinderter Kinder?"

Das zweite Mal hatte ich mit der Frage vorgestern am Bett eines schwerkranken jungen Mannes zu tun.

Dazu kommt, was ich in einem jüdischen Jesusbuch gelesen habe (P. Lapide: Der Jude Jesus, S. 54-56). Da führt ein gesetzestreuer Jude 11 Schriftstellen aus dem Alten Testament über den Messias an, die sich seiner Meinung in Jesus nicht erfüllt haben, sondern offen stehen. Er schreibt: "Ehe jedoch die oben erwähnten 11 prophetischen Verheissungen auf dem öffentlichen Platz der Weltgeschichte einer wahrnehmbaren Erfüllung nicht näher kommen, kann kein toratreuer Jude an den Anbruch des messianischen Zeitalters glauben."

Wie stellen wir uns zum Anbruch des messianischen Zeitalters, wenn wir im Angesicht Schwerstbehinderter und Schwerstkranker nach Sünde und Heil gefragt werden, nach Sünder und Heiland?

Jesus hatte mit Blick auf den Blindgeborenen gesagt zu den Jüngern, die nach der Sünde gefragt hatten, nach den Sündern: "Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm."

Die Werke Gottes sollen offenbar werden an ihm - das ist wie eine Überschrift über jedes behinderte und bedrohte Leben, das uns ins ergebnislose Fragen treibt.

Wie ist das aber mit den schwer leidenden Menschen, an denen die Werke Gottes nicht so offensichtlich offenbar werden wie bei einem blind Geborenen, der nach der Begegnung mit Jesus sehend ist in jeder Beziehung? Wie ist das, wenn die prophetischen Verheissungen des Heiles auf dem öffentlichen Schauplatz der Weltgeschichte einer wahrnehmbaren Erfüllung nicht näher kommen? Müssen wir dann unser Vertrauen auf Jesus wegwerfen und auf einen anderen warten oder alle Hoffnung wegwerfen?

Die christliche Mutter eines schwerstbehinderten Kindes hat gesagt: "Jeder, der sich die Mühe macht, sich mit diesen hilflosen Geschöpfen zu befassen, spürt dieses Stück Himmel, das laut Verheissung der Bergpredigt Jesu an ihnen klebt. Dieses Stück Himmel zieht unser Markus auf unser Haus, diese in aller Qual enthaltene Seligkeit ... unsere Ehe ist mit diesem Kind gesegnet ... Vielleicht ist es gerade seine Krankheit, mit der Gott Markus und auch uns an seiner Hand führt." (Ruth Müller-Garnn: ...und halte dich an meiner Hand S.24 und 74)

Zum Offenbarwerden der Werke Gottes gehört diese Erfahrung dieser Eltern. "Gehe hin und wasche dich im Teich Siloah" - das heisst für diese Eltern 'in Jesus eintauchen'.

Aber es gehört zum Offenbarwerden der Werke Gottes noch mehr, jenes 'mehr', an das Juden uns erinnern und das uns selber nur zu bewusst ist. Aber ich glaube Gott dieses 'mehr' nur wegen seines glaubhaften Heiles in Jesus Christus. Ich glaube Gott dieses 'mehr' wegen dieses glaubhaften Anfangs an jenem Anfang des jüdischen Lesungsjahres. Ich glaube an Jesus Christus, der mit uns auf das volle Heil zugeht, nachdem er in uns damit begonnen hat.

Beim nächsten Blindgeborenen, dem die Jünger nach der Kreuzigung Jesu begegnet sind, werden sie nicht mehr die Frage gestellt haben: "Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er ist blind geboren." Sie werden den Blinden mit der Freundlichkeit Christi in das Heil hineingenommen haben, indem sie ihm von diesem Heil erzählten und ihn auf dem Weg dahin begleiteten und offenbar werdende Werke Gottes erfuhren - wie wir sie erfahren können in der Nachfolge Christi. Amen

(Übrigens: Ich habe die schönsten und eindrucksvollsten Orgelkonzerte mit Werken von J. S. Bach von einem Blinden  - Walcha - und von einem Blindgeborenen - Holm Vogel - gespielt gehört.)

Predigt am 30.8.1991 in Fürth-Ronhof (Löhekirche) über Apg. 9,1-22

Liebe Gemeinde,

wie reagieren wir, wenn sich plötzlich ein Bruch in unserer Lebensplanung ereignet? Was machen wir, wenn unser Lebensweg, den wir uns so und so gedacht haben, einen empfindlichen Knick bekommt, ja, wenn er vielleicht wie von einem Erdrutsch verschüttet wird?

Genauer: Wie haben wir reagiert, wenn das Unerwartete eingetreten ist? Da haben ja die meisten von uns ihre Erfahrungen. Und wer sie nicht hat, wird sie machen.

Wie haben wir reagiert?

Manche Tiere stellen sich tot, wenn es lebensgefährlich wird : Keine Bewegung! Abwarten, bis die Luft wieder rein ist. Erst dann wieder die ersten vorsichtigen Bewegungen. Oder aber: Um sein Leben rennen.

Und was haben wir gemacht? Manche von uns haben geweint, haben sich ausgeweint, haben dann die Trauer kaum verlassen können.

Manche haben sich totgestellt - und der Arzt hat von Depression gesprochen. Manche haben eine Aktivität entwickelt, als ob sich alles überspielen ließe, sind unerwartet neue Wege gegangen und andere haben nur den Kopf darüber schütteln können. Ich habe bei einem solchen plötzlichen Bruch als kleiner Bub am 13. Februar 1945 mich unter die Plane eines Pferdewagens verkrochen, habe geweint - und habe an diesem Tag meine Heimat durch die Flucht aus Schlesien für immer verloren.

Heute habe ich die Möglichkeit, ganz neu über diesen entscheidenden Tag zu denken, und auch neu über andere entscheidenden Tage zu denken, an denen sich solch ein Bruch in meinem Lebensweg ereignet hat.

Aber war es damals bei mir Gott, der den Weg verbogen hat und ihn dann neu geordnet hat, wie wir das bei Paulus in unserem heutigen Predigtwort aus der Apostelgeschichte miterleben?

Lesung von Apg. 9,1-22

Die Katastrophe war für Paulus perfekt. Für ihn hätte nichts Überraschenderes und Einschneidenderes passieren können. Nach seinem Erlebnis mit Gott, der sich hinter den gekreuzigten Jesus gestellt hat, ist Paulus nicht als Sieger in die Stadt Damaskus eingezogen, ausgestattet mit einer Vollmacht Mächtiger aus Jerusalem, Vollmacht, zu verfolgen, auszulöschen, auszuliefern, um für religiöses Recht und religiöse Ordnung zu sorgen unter dem Motto "Gott mit uns!"

Nicht als Aufrechter zog Saulus ein in Damaskus mit seinen Leuten. Nicht mit suchendem Blick zog er ein, wo sich denn die Feinde Gottes, die Anhänger des Verführers Jesus von Nazareth eingenistet haben mochten. Total verunsichert, ohne festen Schritt, eher stolpernd und auf Führung angewiesen, geblendet und ohne Lebensaufgabe, wie er dachte, mit leeren Augen und leeren Händen - aber mit einer Begegnung mit dem lebendigen Gott zieht Saulus in Damaskus ein.

Wie hat Saulus auf diesen Bruch in seinem Lebensweg reagiert?

Ich lese: "Und er war drei Tage nicht sehend und aß nicht und trank nicht."

Wann verhalten sich Menschen so extrem? Haben Sie es schon getan? - Nicht essen, nicht trinken?

Mancher, der operiert worden ist, weiß, wie das ist.
Mancher in der Welt, der gegen etwas mit größter Anstrengung protestiert, verhält sich so und zeigt, dass es ihm oder ihr sehr ernst ist.
David, der große König, hat so gefastet nach seiner furchtbaren "Lewinski-Affäre".
Jesus hat 40 Tage in der Wüste gefastet und hat seine Versuchungen überwunden.

Warum hat Saulus nicht gegessen und nicht getrunken?

Die Jesus-Begegnung auf seinem Weg war so überaus stark, dass Saulus nicht mehr so weiterleben konnte, nicht mehr so weiter fromm sein konnte, wie seine Mitpharisäer, nicht mehr so weiter denken und Bibellesen konnte, nicht mehr so weiter verfolgen konnte.
Das Herumreißen des Ruders nach jahrelanger Fahrt in eine total andere Richtung war für Saulus so hart, dass er nicht einfach mit den Tagesgeschäften fortfahren konnte: essen und trinken, als wäre nichts geschehen und als sollte nichts geschehen.

Saulus/Paulus aß und trank drei Tage nicht nach seiner Erblindung, nach seiner Gottes-Blendung.

Ich habe vor gut 10 Jahren eine Konfirmandin unterrichtet, die am Anfang des Unterrichts sah wie alle anderen und dann - sehr plötzlich - das Sehen verlor. Dieses Mädchen hat bei seiner Konfirmation als blindes Mädchen bei der Geschichte vom Schärflein der Witwe die Witwe gespielt - total verarmt, aber freigiebig für Gott - keine Glaubenskrise bei diesem Mädchen!

Ich habe zwei Männer gehabt in meiner früheren Gemeinde in Erlangen, die im Krieg plötzlich ihr Gesicht verloren haben, einer zusätzlich auch noch das Gehör. - Eine Krise sondergleichen - aber sie wurde keine Glaubenskrise. Beide sind sie mir beim Abensmahl begegnet.

Paulus jedoch gerät in eine Lebens- und eine Glaubenskrise und ist danach derselbe Pharisäer und zugleich ein total anderer Pharisäer. Im Brief an die Galater, an Christen in Kleinasien, schreibt er im zweiten Kapitel:
"Weil wir - nun - wissen, dass der Mensch nicht durch des Gesetzes Werke gerecht wird, sondern durch den Glauben an Christus Jesus, sind auch wir gläubig geworden an Christus Jesus, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch des Gesetzes Werke; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht."

Es ist Saulus also plötzlich klar geworden, wie jemand ein gerechter Mensch wird und wie die Welt vor Gott gerecht wird: Durch den Glauben an den von Gott ins Zentrum der Weltgeschichte gestellten Jesus, den gekreuzigten und auferstandenen Christus Jesus. Von diesem Tage des Klarwerdens an, von dieser Wende an, von dieser Krise an wird kein Mensch mehr von Paulus verfolgt - und wer von uns Christ sein will, der verfolgt nicht. Und diejenigen, die sich Christen genannt haben und verfolgt haben, etwa bei den Kreuzzügen und unter Hitler, sind von Gott danach korrigiert worden, ins Unrecht gesetzt worden. Auch Martin Luther mit judenfeindlichen Schriften ist korrigiert worden. Christen verfolgen nicht, sondern folgen Jesus, der die Liebe ist, der unser Friede ist und - wie der neue Paulus schreibt: der unsere Freiheit bedeutet - "Zur Freiheit hat uns Christus befreit."

Saulus stolpert in Damaskus als ein neu werdender Mensch hinein, der ganz anders sehen wird als je zuvor.

Was für eine Entlastung! Freiheit ist also nicht eine Sache von Befreiungsarmeen, sondern sie hat ihren Anfang in Gott, der Menschen - der uns Menschen - in unserem Fehlverhalten anspricht, wenn wir es nicht erwarten und wenn andere Menschen es nicht erwarten.

Krisen bergen also eine große Möglichkeit auch für uns in sich. Sie ändern unsere Lebensrichtung, wenn wir sie uns von Gott ändern lassen. Von Saulus heisst es: "Und alsbald fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er war wieder sehend und stand auf, ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich."
Es heisst nicht etwa: Er aß und trank wieder. Er machte so weiter wie vorher, sondern: ...ward wieder sehend und stand auf und ließ sich taufen.

Vielleicht müssen wir uns also nur von unserer schon geschehenen Taufe wieder ausrichten lassen auf die Gerechtigkeit, die Gott selber als Gerechtigkeit anerkennt und uns die Schuppen von den Augen fallen lassen, die uns für das Wichtigste in dieser Welt blind werden lassen - für Jesus - damit er, das Zentrum der Weltgeschichte, auch das Zentrum unserer persönlichen Lebensgeschichte mit ihren Brüchen und Krisen wird.
Amen