Flucht, die zum sinnvollen Auszug wird - Die grosse Sicht des Evangelisten

Im Johannesevangelium entdeckt man, dass nicht nur das "Brot aus dem Himmel" an die Flucht aus Ägypten erinnert, sondern dass der Evangelist mehr als eine Anspielung an diese Grunderfahrung des Volkes Israel beabsichtigt. Die von Johannes angesprochene Gemeinde erlebt auch die anderen Wunder der Exodus-Zeit, aber mit einem Unterschied zu den Menschen der Mosezeit: Jene christliche Gemeinde kann auf den Führer und Vermittler Mose verzichten, weil sie Christus selber bei sich hat: "Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden." - 1,17.

Hier ist eine Erklärung notwendig: Schon jüdische Ausleger haben darauf Wert gelegt, dass Gott, der Unsichtbare, immer dann, wenn er Menschen in einer besonders eindrücklichen Weise begegnet ist, seine Zuwendung in eine dem Menschen ertragbare Form gekleidet hat. Diese Form konnte z.B. LOGOS genannt werden. Das ist eine Form, die Gott beinhaltet, aber doch nicht ganz fasst.
Ein paar Beispiele:
Als Abraham in 1. Mose 18 Besuch bekommt, ist unter den drei Besuchern einer, der diese Form für Gottes Anwesenheit darstellt.
Als Jakob in 1. Mose 28 einen Traum hat, sieht er, dass die "Form" der Anwesenheit Gottes ständige Verbindung mit Gott hat.
Als Mose am Dornbusch sein Berufungserlebnis hat, begegnet ihm die "Form" - nicht Gott in seinem umfassenden Sein.
Als die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten in der Wüste lebten, kam ihnen Gott in der "Form" einer Wolke und einer Feuersäule nahe, in der Form des Brotes und des Wassers. Als Jesaja berufen wurde, sah er in Jes 6 die "Form" Gottes, den LOGOS. Der Evangelist Johannes ist überzeugt, dass Jesus, der als Mensch Menschen begegnet, diese Form Gottes ist. Während Mose den Menschen seiner Zeit nur das Gesetz geben konnte - Lebens- und Handlungsanweisungen für den Israeliten - ist in der Jesuszeit der Logos begreifbare Form, Mensch wie du und ich geworden: "Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns..." - 1,14. Die Gemeinde des Messias erlebt nun ihren Auszug viel intensiver, weil sie im Unterschied zu den Flüchtenden der Mosezeit glaubt. Die johanneischen Christen fliehen unter der Leitung des Christus: ER kann wie in 2. Mose 3 sagen: "ICH BIN " - Joh 8,28. ER kann die Dürstenden zu sich rufen: "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke". ER ist das Brot des Lebens (6,35). Gegen Ihn murren auch einige - wie auch bei dem Auszug unter Mose das Volk murrte. ER ist das voranziehende Licht der Ausziehenden: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben." In Ihm ist das Heil für die dem Tode Verfallenen: "Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben." - 3,14f. Der neue Auszug soll alle Menschen in der ganzen Welt in Bewegung setzen: Aus der Knechtschaft der Sünde in die Freiheit der Kinder Gottes, aus der Blindheit ins Sehen der Herrlichkeit - Joh 8 und 9. Und so wandelt sich für den Evangelisten durch die Begegnung mit dem ihn ansprechenden Christus die Flucht vor den Verfolgern, die Christen aus der Synagoge verstoßen, die bedrohen, steinigen und sogar töten in den sinnvollen Auszug aus dem Tod ins Leben. Gegen diesen neuen Auszug ist der alte nur eine Vorahnung, weil jener wohl aus Ägypten führte, aber nicht aus dem Grundproblem des Menschen, dem Tod, wie der Auszug unter Christus. Das auf der Flucht befindliche kleine Häuflein von Christen also: Der Anfang einer Gemeinschaft, die Vorhut, die aus dem Tode ins Leben zieht. Tiefste Verzweiflung und Not direkt neben größtem Selbstbewusstsein, das Wort, den LOGOS, bei sich zu haben. Das ist die große Sicht des Evangelisten, die er für alle Zeiten zu vermitteln sucht.

Exodus - Flucht, die zum sinnvollen Auszug wird
Exodus


Aus der Literatur

Jurek Becker: Nach der ersten Zukunft, Suhrkamp Verlag
"Wie üblich schreibe ich an einem Buch. Plötzlich, an einer Stelle, die mir von fern wie ein Kinderspiel vorgekommen war, überfällt mich der Verdacht, ein bestimmtes Wort vergessen zu haben. Je länger ich nachdenke, um so sicherer bin ich: Mir fehlt ein Wort. Natürlich weiß ich nicht, welches. Doch ohne dieses Wort, das spüre ich, kann ich nicht das schreiben, was ich schreiben will. Es sei denn, nur ungefähr, aber das ist so gut wie nichts. Ich suche mit aller Macht, ich klappere die Wörter ab. Auch in anderen Büchern kann ich das Wort nicht finden. Ich führe Gespräche nur noch in der Hoffnung, irgend jemand könnte zufällig das eine Wort benutzen. Dann breche ich die Suche ab und gehe wieder an mein halbfertiges Buch. Ich beschließe, das Buch ohne dieses Wort zu Ende zu schreiben. Wenn es fertig sein wird, werde ich der einzige sein, der weiß, dass ein Wort darin fehlt. Eine andere Hoffnung gibt es nicht."

M. Buber: Geschichten der Chassidim s. 444
Der Maggid von Kosnitz sprach: "An jedem Tag soll der Mensch aus Ägypten gehn."