Joh 7,37-39 (Und Nachtrag Juni 2013. Im Anhang: Zwei Predigten)

Der große Laubhüttenfest-Zyklus

Die drei Verse gehören zu einem großen Zyklus, der von 7,1-10,21 reicht (Ausnahme 7,53-8,11 – s. die Auslegung dort) :

* 7,1-8               Die Brüder Jesu gehen zum Laubhüttenfest. Jesus geht nicht zu diesem Fest. Durch ihn wird es zum Jesusfest werden.

* 7,9-36                         Jesus geht nach Jerusalem, verborgen, nicht um das Fest zu feiern. Er geht in den Tempel, um die Gotteslehre allen zuzurufen.

* 7,37-39           Am Höhepunkt des Festes werden die Zuhörer angesprochen, und zwar nicht als solche, die sich an Ereignisse der Väterzeit in Ägypten und beim Auszug bei diesem Fest erinnern, sondern als solche, die selbst in der Wüste sind, dürsten und nun trinken können von dem, der das lebendige Wasser ist und die dabei selbst zu Strömen lebendigen Wassers werden können.

* 7,40-8,59        Die Zuhörer-Menge entwickelt sich in zwei Richtungen: die einen hören, überlegen, glauben. Die anderen diskutieren mit dem Ziel, Jesus zu steinigen

* 9,1-41                         Die Entwicklung eines Einzelnen wird aufgezeigt vom Blindsein zum Sehen des Menschensohnes. Das geschieht inmitten von im dogmatischen Urteilen gefangenen sehenden Blinden.

* 10,1-21           Die Entwicklung derer, die auf den Hirten hören, der heilt und sein Leben hingibt und derer, die diesen Hirten verteufeln, geht weiter auseinander.

zu 7,37-39:

Wegfall eines Volksfestes

In der Gemeinde des Johannes wird das Laubhüttenfest nicht mehr gefeiert. Der Tempel ist zerstört, das wichtige Wasserritual am Laubhüttenfest kann nicht mehr vollzogen werden, die sonst an diesem Fest am Abend von Licht erfüllte Stadt steht nicht mehr. Was aber am Entscheidendsten ist: Die Vätergeneration der Wüstenwanderung, an deren Erfahrungen mit Gott das Laubhüttenfest erinnert, war nicht zum Ziel des Auszuges gelangt, sondern in der Wüste gestorben (Joh 6,49).

Jesusfest:
weil Menschen, auf ihrem Wüstenweg ihres Auszuges, von Jesus getränkt, in der Freiheit ankommen:

Feiern kann die johanneische Jesusgemeinde Jesusfeste. Denn wen der Sohn freimacht, der ist recht frei. Jesus lädt Dürstende zu dem Leben ein, das durch ihn auf Gott bezogen ist und das einladend und Leben verbreitend weitergeht und zu Strömen in der Wüste (vgl Jes 35,6; Jes 43,20) wird. Durch die Erfahrung des Geistes wird die johanneische Gemeinde zu einer selbstbewussten Gemeinde im Lebenszusammenhang mit Jesus, dem wasserspendenden Fels in der Wüste.

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt...
Auf Grund meiner Forschung scheint mir auf Jes 28,16 angespielt zu werden :

„Darum spricht Gott, der Herr: ‚Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist. Wer glaubt, der flieht nicht’.“ (+ s. Kommentar 1 unten)

Targum (+ s. Kommentar 2 unten)   und LXX haben sich besonders mit diesem Vers beschäftigt.
Für den Targum ist mit dem Stein der König Messias gemeint.
Die LXX übersetzt: „Wer glaubt, der wird nicht zuschanden.“ (vgl Röm 9,33; 10,11) Johannes interpretiert: „Wer glaubt, der wird in Ewigkeit leben.“ Paulus und Johannes kommt es besonders auf das Wort „wer glaubt“ an. Jeder Mensch dieser Welt, der an den Messias glaubt, ist mit Gottes Zusage in Jes 28,16 gemeint.

Der Text in Joh 7,37 könnte also lauten: „Wer da dürstet, der komme zu mir und trinke! Jeder, der an mich, wie Jesaja (28,16) sagt, glaubt, von des Leibe werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.“ Das sagte er aber von dem Geist, welchen empfangen sollten, die an ihn glauben.

Der Glaubende wird also Gottes Geist in reichem Maße empfangen und weitergeben. Das wird nach Jesu Kreuzigung, die ja zugleich Verherrlichung ist, geschehen.

Eine interessante Erzählung zum Fest der Freude an der Lehre, simchat torah, am Ende des Laubhüttenfestes findet sich in den Erzählungen der Chassidim, von M. Buber gesammelt. Unter der Überschrift "Der Tanz der Chassidim" s. 134 wird von den viel (!) Wein trinkenden und mit der Schriftrolle tanzenden Chassidim berichtet. Die um ihren Sabbatwein bangende Frau des Meisters, des Baalschem, beobachtet:
"Die Jünger tanzten im Kreis, und um den tanzenden Kreis schlang sich lodernd ein Ring blauen Feuers". Daraufhin geht sie selbst in den Keller und holt mehr Wein.
Hier bewirkt also die Tora die Begeist(er)ung aller Schüler - und der Frau!
Jesus verheisst, am letzten Tage des Fests, welcher der höchste war, dass von denen, die an ihn glauben, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers ausgehen. Das sagte er aber von dem Geist... - so Joh 7,37-39.
Hier bewirkt also der, auf den die Schriftrolle - Jes 28,16 - hinweist, die Geistbegabung aller, die an ihn glauben - und die ganze Welt zu allen Zeiten ist in seinem Blick.

(Es gibt viele Ausleger, die die „Ströme...“ auf Jesus beziehen, aber das Zitat aus dem AT dann nicht finden. Bei ihnen lautet der Text dann: „Wer da dürstet, der komme zu mir. ||| Und es trinke jeder, der an mich glaubt.“ Ich halte diese Auslegung nicht für angemessen wegen Jes 28,16, das einen solch großen Einfluss auf das Johannesevangelium hat.)

Nachtrag

Ergänzung zu Joh 7,37ff aus dem Jahr 2013

50 Jahre nach Beginn meiner Studien zu Joh 7,37ff mit meinem Ergebnis, dass das bisher vergeblich gesuchte Zitat in Jes 28,16 enthalten ist und sich auf Jesu Worte „Wer an mich glaubt“ bezieht, sehe ich, dass dieses Ergebnis in der Forschung wohl diskutiert worden ist, aber keine breite Zustimmung erfahren hat (vgl. M. Theobald. Das Evangelium nach Johannes, 2009. I, 533-48, besonders 537ff). Man führt bis heute eine Reihe von Stellen an, die für einen alttestamentlichen Hintergrund der Zusage „Ströme lebendigen Wassers werden aus seinem Leib fließen“ sprechen. Aber es fehlt das Zitat.

Erlauben Sie mir, eine Anekdote über meinen theologischen Lehrer für das NT, Johannes Leipoldt, zu erzählen. Dieser pflegte uns Ansichten von Rabbinen in großer Fülle darzustellen. Immer sagte er dann „Belege“ und führte daraufhin Talmudstellen usw. an. Wir warteten schon auf seine „Belege“. Nun die Anekdote: Das Kleinkind Johannes Leipoldt soll bei einer Feier mit Gästen im Nachthemd aufgetaucht sein. Als er gefragt wurde, wie er denn heißt, sagte er: „Johannes Leipoldt – steht auch im Hemd.“

Zurück zu Joh 7,37ff:

Kann man sich das vorstellen – und ich möchte auf die rhetorische Seite von Joh 7,37ff besonders hinweisen – kann man sich vorstellen, dass Jesus am letzten und höchsten Tag des Laubhüttenfestes vor vielen Tausenden von Zuhörern und einer Masse von Schriftgelehrten in ihrer Mitte mit sehr lauter Stimme ruft, ja, sogar ‚schreit’:

Wen da dürstet, der komme zu mir
und trinke, wer an mich glaubt.

Wie die Schrift sagt:
‚Ströme werden aus seinem Leib fließen
von lebendigem Wasser…’?

Stellen wir uns vor, danach – mit heutigem Vokabular gesprochen – geben die Schriftgelehrten Jesu Worte von den ‚Strömen…’ in ihr Suchprogramm Altes Testament ein und bekommen eine Fülle von Möglichkeiten angeboten, aber nicht das Zitat. Sie würden sich empören darüber, dass so pauschal von der Schrift gesprochen wird.

Geben aber die Schriftgelehrten – ob des Hebräischen (Biblia Hebraica), Aramäischen (Targum) oder Griechischen (Septuaginta) kundig, ‚wer glaubt’ in der jeweiligen Sprache in das Suchprogramm ein, landen sie unausweichlich bei Jesaja 28,16, bei dem von Gott in Zion gelegten Stein, auf dem alle, die glauben (Juden, Heiden, jeder) Leben finden in der großen Katastrophe, von der Jesaja schreibt. Man hat schon lange dieses Gotteswort in Jes 28,16 im Gespräch – ob in Qumran, in aramäisch sprechenden Diskussionsrunden, in den Übersetzerkreisen der Septuaginta, in Kreisen, aus denen Paulus kommt. Das diskutierende Fragen, das dann nach Johannes in der Menge (Joh 7,40ff) beginnt, macht sich an dem Zitat aus Jes 28,16 fest und dass Jesus es laut rufend auf sich bezieht:
’Wer an MICH glaubt, wie die Schrift sagt…’

Das ‚MICH’ wird in Joh 7,40ff diskutiert. Man muss nach dem Zitat gar nicht mit Hilfe eines Suchprogrammes suchen. Man kennt es, diskutiert, empört sich, zweifelt, ja, staunt wie die Menge, die spricht: ‚Noch nie hat ein Mensch so geredet’. Also: Neben Fragen und Ablehnung auch – Erkenntnis, und zwar von ‚Verfluchten, ‚die das Gesetz nicht kennen’(7,45ff). Alles dreht sich ab Joh 7,40 um das Zitat in Jes 28,16 und ob Jesus es mit Recht (s. Nikodemus in 7,48ff) laut rufend auf sich bezieht und mit Jesaja 55, wie die göttliche Weisheit, zu sich einladen darf – jeden.

Danach folgt die Verheißung der Ströme lebendigen Wassers, die jeder, der glaubt, beginnend mit der Verherrlichung Jesu, weltweit repräsentieren kann. Für diese Verheißung gibt es einen weiten Hintergrund im AT.
Aber das Zitat besteht aus:

„Wer an MICH glaubt“ – Beleg: Steht auch in der Schrift!

 

 + Kommentar 1: Ausführlich behandle ich Joh 7,37ff mit seinem alttestamentlichen Hintergrund in G. Reim, Jochanan, Erweiterte Studien zum alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums, Verlag für Mission und Ökumene, Neuendettelsau 1995, 56-88.

 + Kommentar 2: Als man das alte Hebräisch im jüdischen Gottesdienst nicht mehr verstand, mussten die Abschnitte der Bibel in die Umgangssprache übersetzt werden. Diese Übersetzung nennt man Targum (Tg). Sie ist z. T. auch Erklärung, wie man den Bibeltext etwa zur Zeit Jesu verstand.
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/204

 

PREDIGT (1)

(Am Sonntag Exaudi1993 in Erlangen-Thomaskirche und im Roncallistift)

Liebe Gemeinde
(Provokation)
Jesus spricht uns heute mit einem der anspruchsvollsten Worte im Neuen Testament an. Es ist so provozierend, dass es schon vor 2000 Jahren zwei extreme Spontanreaktionen bei den Zuhörern hervorrief. Die einen sagten nach Jesu wenigen Worten: So haben wir noch nie einen Menschen reden gehört - so haben uns noch nie Worte angesprochen! - und wieviele ansprechende Worte hatten sie nicht schon aus dem Alten Testament und von ihren Rabbis gehört.
"Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch."

Die andern aber, als sie den Worten Jesu entnahmen, dass er, der aus dem unbekannten und theologisch leeren Ort Nazareth irgendwo in der nördlichen Provinz Galiläa kommt,- die anderen aber entnahmen den Worten Jesu, dass er den Weltanspruch als Messias erhebt. Dass er der sei, der ihnen alles zu sagen habe, dass er der sei, der das Wesentliche in dieser Welt tue!

(Die größte Anmaßung am größten Tage)
Sie empfanden seine Rede als die größte Anmaßung, die größte Lüge in dieser Welt, die größte Anmaßung an ihrem größten Tage, dem letzten und Haupttage des Laubhüttenfestes. Er verdarb ihnen alles an diesem Fest. Sie hatten sich die letzten Tage alle in ihre Laubhütte begeben, hatten sich zurückversetzt in die Zeit des Auszuges aus Ägypten, als ihre Vorväter dem Sklavenhause Ägypten entronnen waren. Sie fühlten sich gerade wie jene Generation damals in der Wüste, feierten in der Laubhütte die Befreiung, feierten das große Wunder von damals, als Mose stand, mit einem Stabe auf Gottes Geheiss an einen Felsen schlug und mit dem herausströmenden Wasser das Leben der dem Verdursten nahen weiterging. Sie fühlten sich wie jene Generation, hatten sich wie zum Auszug gekleidet, hatten auch das köstliche, reine Wasser tief unten in Jerusalem aus dem Siloahteich in einer Freudenprozession mit ihren Priestern in kostbaren Gefäßen hoch zum Tempel getragen, um es dort dankend und um Wasser bittend vor Gott in einem Gottesdienste auszuschütten.

(Ganz in der Vergangenheit - Ganz in der Gegenwart?)
Sie waren ganz in der wunderbaren Vergangenheit. Die Vergangenheit war ganz Gegenwart. Die Freude des Festes war auf dem Höhepunkt.

(Extrem laute Einladung eines Nazareners)
Da tritt im Tempel dieser Jesus aus Nazareth auf, dessen Vater und Mutter man kennt, tritt auf, stellt sich wie Mose hin, wie der das Wasser aus dem Felsen geschlagen hatte und wagt es, zu schreien, so dass es alle Festpilger aus nah und fern hören sollen:

"Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!
Wer an mich glaubt - wie die Schrift ansagt - von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen."

(Ruf an alle - gültig für alle Zeiten und überall)
Das also ist das anspruchsvollste aller je gesprochenen Worte, das auch an uns heute gerichtet ist.
Während also die einen, wie ich schon sagte, sich von dieser Einladung angesprochen fühlten und sagten: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen wie dieser Mensch! - sagten also damit: Hier spricht der neue Mensch. Hier ist neue Sprache unter den Menschen, hier ist Höhepunkt der Menschheitsgeschichte und neuer Anfang zugleich für sie! Während sie also so sprachen und nach einer Bezeichnung für diesen neuen Menschen suchten, bis sie sich darauf einigten, ihn den Propheten zu nennen, der im Alten Testament von Gott verheißen war und der Mose und seine bis zum heutigen Tage geltende höchste Autorität in den Schatten stellen sollte.

(infrage gestellt)
Während sie also zu dem Bekenntnis kamen: "Dieser ist wahrlich der Prophet!"
- da hatten auch andere Menschen Worte für ihren Protest gefunden und stellten die schneidenden und tödlichen Fragen, die die nächsten Tage, Wochen bestimmen sollten, die nächsten Jahre und Jahrzehnte, ja, die Jahrhunderte bis hin zu uns. Sie sagten:

"Soll denn der Christus aus Galiläa kommen? Sagt nicht die Schrift an: Aus dem Geschlecht Davids solle der Christus kommen, aus Bethlehem?

Und etliche wollten ihn gefangen nehmen, aber niemand legte Hand an ihn."

Muss man nicht Hand an ihn legen, wenn er einem das Fest zerstört? Wenn man sich gerade so in die Vergangenheit zurückversetzt hat und man ganz dort ist und er sagt: Heute, hier ist Gegenwart. Euch gibt Gott jetzt zu trinken. Euch lädt er jetzt ein.

(... und die Erfahrung des Mose? ...fast gesteinigt!)
Jesus hätte noch hinzufügen können, dass ja damals die, die das Wasser aus dem Felsen getrunken hatten, Leute waren, die mit Gott unzufrieden waren und sich erbittert hatten über ihn. Jesus hätte noch sagen können: Erinnert ihr euch nicht, dass eure Vorväter Mose damals fast gesteinigt hätten?
Er sagt es nicht. Er ist ganz Einladung, ganz neue Einladung, ganz Neuanfang, ist ganz Geschenk Gottes, ist ganz neuer Mensch für neues Menschsein. -

"Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch!"

Wir wissen, dass in diesen Worten Jesu am letzten und höchsten Tage des Festes alles zusammengefasst ist, was er Menschen gesagt hat, was er ihnen getan hat, sodass sie aufleben und weiterleben konnten, ermutigt, geheilt, zuversichtlich in die Zukunft blickend.

(Die Verwandlung von Nazareth - die Verwandlung von Bethlehem)
Und für den, der das weiß und für sich annimmt, dem selber Heil und Heilung widerfährt, für den wandelt sich das unbekannte Nest Nazareth in das Bethlehem der Schrift, für den wird es gleichgültig, welcher Ort Geburtsort Jesu war, wer seine Eltern waren. Wen Jesu Worte und Taten berührt haben, so berührt haben, dass sie zu den wichtigsten Worten geworden sind, die sie je von einem Menschen gehört haben, wen Jesu Worte mit dem Wasser des Lebens getränkt haben, so dass der Tod von der Hauptsache zur Nebensache geworden ist, dem sind diese Worte Stempel und Siegel von Gott, neben denen es keiner weiteren Beglaubigung bedarf.

Wir wissen, dass es damals einige christliche Gruppen gab, die sich von den Fragen der Gegner Jesu am Laubhüttenfest so beeindrucken ließen, dass sie mit großer Mühe und Einfallsreichtum in treuem Glauben darüber nachsannen, wie denn der Jesus aus Nazareth gleichzeitig der Messias aus Bethlehem sein könne, wie denn der, dessen Vater und Mutter man kannte, gleichzeitig der Sohn aus der Jungfrau sein könne, von der die Schrift zu sprechen schien, dass sie als Jungfrau notwendig für die Geburt des Messias sei.

Wir lieben die Berichte des Matthäus und Lukas, die wir zu Weihnachten hören und in die wir uns hineinversetzen wie jene Frommen sich in die Situation des ersten Laubhüttenfestes hinein versetzten. Wir lieben diese Berichte des Matthäus und Lukas und sie sind auch auf ihre Weise Wahrheit, halten auf ihre Weise fest, dass Jesus der ist, von dem man sagen muss in alle Zeiten: "Noch nie hat ein Mensch geredet wie dieser Mensch!"

Vorsicht beim Sich-Hineinversetzen!
Da ist es möglich, dass man die Gegenwart aus dem Auge verliert, dass man Mitmenschen, die einen Zugang zu Jesus über ein Wort von ihm, über eine Geschichte, gefunden haben, die sich angesprochen fühlen und das auch ausdrücken, dass solche Menschen von vermeintlichen Frommen unserer Zeit zum Verstummen gebracht werden sollen, indem Maßstäbe an den Glauben von Menschen angelegt werden, die nicht Gottes Maßstäbe sind.

(Einzig gültiger Maßstab)
Einzig gültiger Maßstab ist, dass noch nie ein Mensch so geredet hat wie dieser Mensch. Gegenüber diesem Maßstab müssen alle von der Kirche in diesen beiden Jahrtausenden aufgestellten Dogmen so abgewertet werden, dass sie nicht am Glauben hindern.

(Zusage Jesu: Der Geist)
Jesus hatte seine Einladung zum Trinken, zum Glauben an ihn noch um eine wichtige Zusage bereichert. Der Evangelist Johannes hat diese Zusage verstanden, als er schrieb: Das, was Jesus da von dem Glauben an ihn und von den Strömen sagte, die wiederum von den Glaubenden ausgehen sollten - das sagte er aber von dem Geist, welchen empfangen sollten, die an ihn glaubten.

Der Geist lehrt uns sprechen
Sie können mit diesem Geist rechnen, der einen Menschen lebendig macht und der Leben verbreitet. Sie können mit diesem Geist rechnen, durch den die Gegenwart Gegenwart bleiben kann, durch den sie bestanden wird und verändert wird, denn Gottes Geist ist nicht der von Pfingsten damals, sondern der Geist, der heute einen Menschen in seiner ihm eigenen Weise so anspricht, dass er heute noch reden kann:

Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch. Amen

 

ABSCHIEDSPREDIGT (9.- 11. n. Trinitatis 1968 in READING, BIRMINGHAM und OXFORD) über Joh. 7,37f

Ich habe mir für unseren heutigen Abschiedsgottesdienst einen Predigttext herausgesucht und mir beim Heraussuchen überlegt, welches Gotteswort mir in den Jahren hier in England besonders wichtig geworden ist im Hinblick auf mich selbst und im Hinblick auf Sie als Gemeinde. Das Wort, über das ich predigen werde, ist für eine zweifache Zuhörerschaft gedacht:
Es ist in erster Linie eine Einladung für die gesamte Menschheit auf Erden, aber es greift zur selben Zeit einen einzelnen Menschen aus dieser Menge, fordert ihn auf und spricht ihm zu. Ein solches Wort brauchen wir, das über uns Einzelne nicht die ganze Menschheit in aller Welt vergisst und das über der ganzen Menschheit nicht uns als Einzelne vergisst.

Hier ist das Wort:
"Aber am letzten Tage des Festes, welcher der höchste war.
trat Jesus auf, rief und sprach:
Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!
Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt,
von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen."
Das sagte er aber von dem Geist, welchen empfangen sollten,
die an ihn glaubten;
denn der Geist war noch nicht da,
denn Jesus war noch nicht verherrlicht."

Gehen wir einmal Wort für Wort durch dieses Evangelium hindurch und hören:
"Aber am letzten Tage... war..."
Dieses 'aber' weist uns schon darauf hin, dass nun etwas kommt, was unerwartet ist, was sich gegen etwas anderes stellt. Und dieses Unerwartete passiert am letzten Tage des Festes, welcher der höchste war.
Ich gehe hier auf dieses Fest nicht näher ein. Es ist ein religiöses Volksfest, bei dem das Wohnen in schnell aufgerichteten Hütten aus Zweigen und Blättern als Erinnerung an die Zeit des Auszuges aus Ägypten vor über 1000 Jahren und eine Prozession
, bei der man Wasser als Opfer brachte, im Mittelpunkt standen.
Mit seinem Auftreten an diesem hohen Festtage und mit der Beschlagnahme dieses Tages für sich nimmt Jesus zugleich jeden großen Feiertag, den wir Menschen feiern, für sich in Beschlag: Seien es heidnische Wintersonnenwendfeiern, die wir jetzt als Geburtsfest Christi begehen, sei es Sylvester oder 1. Mai oder das jüdische Laubhüttenfest. Das 'aber' ist eine Entlarvung der Feste ohne Christus und besagt: Hört inmitten eures Festes zu: Das Wahre, was es zu feiern gibt, kommt erst noch! Das kommt nicht nur durch das 'aber' zum Ausdruck, sondern auch dadurch, dass Jesus nicht, wie üblich, beim Lehren sitzt, sondern dass er steht und in die Menge hineinruft, ja, hineinschreit. Und was er so sehr laut hineinruft, ist die freundlichste und schönste Einladung, die uns je in unserem Leben gegeben werden kann. Es ist eine Einladung für alle die, die eine Lücke in ihrem Leben spüren, die merken, dass bei ihnen etwas anders sein müsste, wenn sie mit ihrem Leben zufrieden sein wollten. Wen immer es auf irgendeine Weise dürstet, der wird von Jesus eingeladen:
Die geistlich Ausgetrockneten, die Enttäuschten, die mit einem schlechten Gewissen, die, die falsch handeln, die Wissensdurstigen auch.
Und weil alle Menschen in irgendeiner Weise den Durst spüren und ihn stillen wollen, werden sie alle eingeladen. Wohin? : "...der komme zu MIR und trinke! 'Zu mir' - das ist das Überraschende und noch nie Gehörte an diesem höchsten Festtage. Es ist so überraschend, dass im Anschluss an die Einladung manchen plötzlich aufgeht: Er ist der Christus - und andere wiederum greifen Jesus wegen seiner Einladung unerbittlich an.

Was würde heutzutage geschehen - ich bin in der DDR aufgewachsen - was würde heutzutage geschehen, wenn Jesus am 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiter, bei einem Aufmarsch in Ostdeutschland alle zu sich einladen würde und SEIN Wort dem dürstenden Arbeiter zum Trinken anbieten würde? - Und genau das tut Jesus. Er lädt jeden Menschen zu sich ein als dem Weg, als die Wahrheit und das Leben.

Hätte Jesus die Dürstenden nur - wie es jahrhundertelang in Israel der Fall war - hätte Jesus sie nur zum Trinken der Weisheit eingeladen - kein Mensch hätte am höchsten Tage des Festes daran etwas auszusetzen gehabt. Würde Jesus heute zur Wissenschaft einladen, zum Lernen, lernen und noch einmal lernen - jeder würde ihm zujubeln.

Aber er lädt uns zu SICH ein, zum Hören SEINES Wortes, zum Tun SEINES Willens, zum Mitgehen SEINES Weges, der eng und schmal ist und zum Kreuz führt und durchs Kreuz zur Auferstehung.

Und ich möchte Sie in Ihrem Durst heute zum letzten Mal zu ihm einladen, weil ich weiß, dass unser Durst nur bei ihm gestillt wird, dass nur er uns zufrieden macht, dass wir nur mit ihm das Rechte in unserem Leben tun und vom Falschen frei werden.

Wenn Sie sich von ihm einladen lassen, müssen sie etwas Ähnliches tun, was jeder Schwerhörige tun muss: Der kann bei einem Gespräch im größeren Kreise das Stimmengewirr nicht unterscheiden und geht leer aus, wenn er es nicht versucht, sich auf eine deutliche Stimme zu konzentrieren. Wir geistlich Schwerhörigen können es lernen, die vielen leisen Stimmen, die nur ein Geräusch machen und unseren Kopf hin- und herdrehen lassen in der Suche nach dem, was unseren Durst stillt, wir können alle diese Stimmen ausschalten und uns auf SEINE Stimme konzentrieren und so alles hören, was wir in unserem Leben brauchen.

Wenn Sie genau hinhören, was er sagt, geht es nicht nur darum, dass unser eigener Durst gestillt wird, sondern jeder, der glaubt und sich allein auf ihn eingestellt hat, wird mit seiner ganzen Person ein Flussbett für Ströme lebendigen Wassers.
Der von der Masse übersehene und verachtete Einzelne, - die winzige Gottesdienstgemeinde in Reading, Birmingham und Oxford - wird von Jesus in die Mitte gestellt: Von Dir sollen Ströme lebendigen Wassers fließen. Du geringer Einzelner bist mir groß genug, dass du vielen Durstigen helfen kannst. Du einzelnes Samenkorn bist stark genug, dass du hundertfältig Frucht bringen kannst.

Ich möchte Sie als solche Einzelne hier zurücklassen, als solche, die wissen, welche Bedeutung Sie für ihre Mitmenschen dadurch haben, dass Sie von Christus sich ihren Durst haben stillen lassen, zu denen andere kommen, um sich beraten und helfen zu lassen und die zu anderen hingehen, um sie in ihrer Not zu besuchen.

Wir bleiben ja alle weiter miteinander verbunden, weil wir zu derselben einen Quelle gehen und trinken. An dieser Quelle fängt die Gemeinschaft der Einzelnen an.

Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich Ihnen manchmal beim Abendmahl unseren Predigttext als Spruch zugesprochen habe. Ich will das auch heute tun und damit sagen, dass unser Trinken mit Tod und Auferstehung Jesu verbunden ist und dass wir vom Gottesdienst mit seiner ganzen Vielfalt von Gaben weggehen können, ausgerüstet mit dem lebendigen Wasser des Geistes, hin zu den Durstigen.

Welchen Weg wir beiden auch gehen - Sie und ich - es soll immer ein Weg sein, der bei unserer Quelle anfängt, andere zu ihr hinführt und bei ihr endet.

Für diesen Weg wünsche ich Ihnen allen Gottes Segen. Amen