Joh 6,47-51

Joh 6,47-51     (s. Hinführungen zu Joh 6,55-65 und  Joh 6,30-35)

Johannes 6 ist ein Gesamtkunstwerk.

Deswegen sind Predigten über Abschnitte daraus ein Notbehelf. Es wäre allerdings besser, wenn dieser Notbehelf nicht noch weiter verschlechtert würde durch den Texteinsatz in 6,47.

Der bessere Textbeginn: 6,45

Besser wäre der Beginn mit 6,45: „Es steht geschrieben in den Propheten: ‚Sie werden alle von Gott gelehrt sein’.“

Jeder jüdische Zuhörer zur Zeit Jesu kann diesem Schriftwort zustimmen. Aber, – so die Argumentation Jesu und des Evangelisten – weil man Gott nicht sehen kann, dass er alle lehrt, hat er als sein Wort seinen Sohn gesandt.

Gesandt: Das große Geschehen in Jesaja 6

Angespielt wird auf Jes 6, das vom Evangelisten als Gespräch zwischen Gott und seinem Sohn verstanden worden ist. Der Prophet Jesaja hört, wie Gott die Frage stellt, wen er senden soll und wer Bote sein will. Als Antwort hört er:
„Hier bin ich, sende mich!“
Diese Stimme ist für Johannes die Stimme des Sohnes, den Jesaja gesehen hat, denn Gott kann ja Jesja nicht gesehen haben,weil man ja Gott nicht sehen kann,
auch Jesaja konnte ihn nicht sehen.
Johannes hat also jüdisches Nachdenken über den Jesajatext (wie man es im Targum findet) von Jesus her verstanden:
Jesus ist im gesamten Johannesevangelium der, den Gott gesandt hat und alle mit Gotteslehre lehrt.
Weil Gott, in dem das Leben ist, gemäß Jes 6 zu Jesus spricht, der sich senden lässt, wird Jesus auch in seinem lehrenden Wort zum Mittler dieses Lebens und es kann heißen:
„Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“ (3,36)

Alle sollen von Gott gelehrt sein!
Also:
Auch ich soll von Gott gelehrt sein

Johannes verbindet in 6,45-51 auf engstem Raum folgende für ihn zentrale Aussagen des AT:
Jes 54,13 (von Johannes als Verheißung des Geistes für alle verstanden),
Jes 28,16 (von Johannes verstanden als ‚jeder, der an Jesus glaubt, hat das Leben’),
Jes 6 (von Johannes als von Jesus verstanden, der allein den Vater gesehen hat) und
Ex 16,4.15 (von Johannes verstanden als Gottes Brot für jeden Menschen), verbunden mit der Gottes- und Gottesbotenbezeichnung
‚Ego Eimi – Ich bin es’ aus Deuterojesaja (z.B. 45,18f).

Alle diese Stellen haben gemeinsam, dass sie Verheißungen sind, die nach johanneischem Verständnis alle Menschen in der Welt einschließen, dass Jesus also Heil der Welt und Heiland der Welt ist. Insofern sind diese Worte auch an mich gerichtet: Auch ich soll von Gott gelehrt sein, auch ich soll das Leben haben, auch zu mir redet Jesus, auch für mich ist das Brot vom Himmel gedacht.

Einladung, zu Jesus zu kommen

Das allen Zuhörern Jesu bekannte Gotteswort „Sie werden alle von Gott gelehrt sein“ aus Jes 54,13 lädt zu Jesus ein: „Wer es nun hört vom Vater und lernt es, der kommt zu mir.“ Es geht beim Kommen zu Jesus um das Hineinkommen in das Gesamte des Jesusgeschehens und ist nicht nur um eine oft benutzte Floskel. Es geht um die Meditation meines gesamten Lebens und der Welt im Lichte des gesamten Lebens Jesu.

Beginnend mit dem zweiten Teil von V.51 („...und das Brot, das ich geben werde, das ist mein Fleisch...“), hält Jesus eine Rede im Anschluss an für den Evangelisten sehr wichtige Worte aus LXX Ps 39 (das ist Ps 40,7-9 in der Biblia Hebraica und der Lutherbibel.)
Johannes hat diesen Psalm-Text so gelesen, wie er vom Hebräerbrief gelesen worden ist: „Darum spricht er bei seinem Kommen in die Welt:
‚Opfer und Gaben hast du nicht gewollt; einen Leib aber hast du mir bereitet’ .“:
Der Psalm spricht für den Evangelisten von der Gesamtheit des Jesusgeschehens, das im Tun des Willens Gottes auch die freiwillige Hingabe des Lebens für die Gesamtheit der Welt einschließt.
Gott gab seinen eingeborenen Sohn als Wort des Lebens und dieses Wort des Lebens gibt sich selbst in eigener Entscheidung (Joh 10,18) für das Leben der Welt.

Joh 6 – eine Geschichte vom grundsätzlichen Umgang Gottes mit den Menschen durch Jesus

Die alttestamentliche Manna-Geschichte wird also im Zusammenhang mit der "Speisung der 5000" vom Evangelisten und seiner Gemeinde nicht als isoliertes Wunder verstanden, von dem Spätere wehmütig sagen könnten: „Würde es mir doch einmal widerfahren!“, sondern ist eine Lebensbrot-Geschichte vom grundsätzlichen Umgang Gottes mit den Menschen aller Zeiten und dem Ziel des Heils, des Lebens, durch Christus.

 (Wer sich über diesen Jesaja-Text in johanneischer Sicht informieren möchte, findet auf der homepage den Artikel: „Wie der Evangelist Johannes gemäß Joh 12,37ff Jes 6 gelesen hat“ )
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/56