Joh 3,1-8 (9-15) (und Predigt über Joh 3,16 und Predigt über Num 21,4-9/Joh 3,14-17)

Wichtiger Kontext

Die Nikodemusgeschichte muss auf dem Hintergrund von Joh 2,23-25 gesehen werden: Dort heißt es, dass Menschen an Jesus auf Grund von Wundern glauben, aber Jesus vertraut sich ihnen nicht an (vgl 4,48). Einer von diesen Menschen ist wohl Nikodemus. Er will jedoch einen Schritt weiter als die anderen gehen und kommt nachts zu Jesus.

Nikodemus – ein Mensch auf dem ganzen Weg zum Glauben: Jesus ist König

Das Johannesevangelium zeigt dann, wie Nikodemus nach geschehener Unterweisung durch Jesus (3,3-21; 7,37-39) den ganzen Weg zum Glauben geht: Er setzt sich gegen Mitpharisäer (Joh 7,50) für Jesus ein. Wenn er Joh 19,39 eine übergroße Menge von Myrrhe und Aloe zum Begräbnis Jesu bringt, legt er Jesus die Attribute ins Grab, die den messianischen König auszeichnen! Nur im von Johannes mehrfach messianisch verstandenen Königspsalm 45 werden (Ps 45,9) in der gesamten Bibel Myrrhe und Aloe genannt. Nikodemus ist also den Weg vom Verständnis Jesu als „Lehrer, von Gott gekommen“ (weil er solche Wunder tut) bis zur Anerkennung Jesu als König gegangen, als den sich Jesus selbst vor Pilatus erklärt hatte.

Ein Pharisäer, der verstanden hat

Ein Pharisäer steht also mit seinem Handeln an dem toten Jesus für Jesus als König der Juden ein, wo seine Mitpharisäer später gerade den ans Holz gehängten Jesus gemäß Dtn 21,23 (vgl Gal 3,13) als von Gott verflucht deklariert haben. Nikodemus hat also verstanden, was Jesus gemeint hat, als er nach Joh 3,14 gesagt hat: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben... .“
Nikodemus hat auch verstanden, dass Gott nicht nur mit dem Wunder wirkenden Jesus (3,2) ist, sondern mit dem Gekreuzigten und Gestorbenen, dass also Gott so mit dem gestorbenen Jesus ist, dass er König ist und dass Gott Nikodemus als Zeugen und Mitarbeiter in diesem Prozess des König-Werdens Jesu gewinnt. In diesem Prozess wird Nikodemus selbst ein anderer, vollzieht sich an ihm die neue Geburt von oben (3,3), und er kann am Ende die Königsherrschaft Gottes sehen (3,3).

Zwischenstation für Nikodemus: Das Laubhüttenfest

Nikodemus war dann beim Laubhüttenfest in Jerusalem (7,50f). Er hatte dort Jesus erlebt, wie er am Höhepunkt des Festes ausgerufen hatte: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, welchen empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verherrlicht.“
An diesem Fest konnte also die Geburt des Nikodemus aus Wasser – dem Wort Jesu – weitergehen und nach Ostern durch den Geist vollendet werden.
Ausleger haben in Joh 3,5 einen Hinweis auf die Notwendigkeit der Taufe gesehen. Ich habe Joh 3,5 im Hinblick auf die Jesusreden und die Erfahrung des Geistes nach Ostern verstanden.

Die johanneische Gemeinde hinter Joh 3,1ff

Erstaunlich ist, dass Jesus in Joh 3 – obwohl die Verherrlichung am Kreuz noch weit entfernt ist – so viel vom Geist redet. Man merkt daran, dass die eigene Gemeinde des Evangelisten im Blick ist, die ganz vom an Jesus erinnernden Geist abhängig ist. In Nikodemus ist auch diese Gemeinde angeredet, den Weg des Nikodemus zu gehen. Sie hat nicht mehr wie Nikodemus Jesus als Gegenüber und direkten Gesprächspartner, aber sie ist wie Nikodemus auf dem Weg zur neuen Geburt, die dann abgeschlossen ist, wenn man in dem am Kreuz erhöhten Jesus nicht den Gescheiterten, sondern den König sieht. In Bachs Johannespassion heisst es: „Mache dich, mein Herze weit! Ich will Jesum selbst begraben.“ Mit dem Akzeptieren des Begräbnisses Jesu ist die neue Geburt zum Abschluss gekommen und der Glaubende erreicht durch den Geist ein neues Verständnis seines Lebens und seines Sterbens.

 

GEBET

Herr, arbeite du an uns.
Es ist nicht gut, wenn wir bleiben, wie wir sind.
Es ist nicht gut, wenn wir nicht sind,
wie du uns haben willst.
Arbeite du an uns,
weil wir dir zutrauen,
dass du etwas bei uns erreichst

und wir uns ändern
und deine Sache unter uns und in der ganzen Welt vorangeht.
Amen

 

PREDIGT ÜBER JOHANNES 3,16 am Heiligen Abend 1986

(Der Chor hatte vor der Predigt die Hirtenkantate zur Christnacht von Gregor Joseph Werner, einem Vorgänger J. Haydns, gesungen: Nach einem Lobgesang zur Ehre Gottes und über seinen Friedenswillen für uns treffen wir auf zwei Hirten, die sich Gedanken machen, wie sie für die Klugheit einfacher Menschen aus dem Volk typisch sind: Der eine Hirte meint, dass er heute nicht im Himmel sein möchte, weil Gott ja hier auf der Erde ist. Der andere sagt: Du hast recht. Gott ist bei uns Armen. Die Stadtleute aber verschlafen das alles. Sie werden wohl der Geburt Christi nicht würdig sein...)

Liebe Gemeinde,
Nehmen wir einmal an, die Hirten aus dieser Hirtenkantate vor 200 Jahren hätten recht mit ihrem Urteil über die Stadtleute. Nehmen wir an, die Hirten hätten recht mit ihrem Urteil über uns, wenn sie sagen: Die Stadtleute sind der Gnade der Geburt Christi nicht würdig. Sie sind des Weihnachtsfestes nicht würdig. Dann wäre also Christus nur für Menschen wie die Hirten geboren, nur für die Armen, also vielleicht für manche in den Sozialwohnungen oder für die, die sich 'Durchreisende' nennen und die 1-2 Tage in der Wöhrmühle (Übernachtungsmöglichkeit für Obdachlose in Erlangen) sind. Hätten die Hirten recht, so wäre Christus vielleicht geboren für die, die  in der geschlossenen Abteilung des Bezirkskrankenhauses sind oder für Jugendliche, die dabei sind, auszusteigen oder die schon ausgestiegen sind oder für die Ärmsten der Armen im Roncallistift, die mit 40 Jahren im Rollstuhl unter Alten leben müssen.

Nehmen wir einmal an, die Hirten hätten recht: Die Geburt Christi ist für die Armen - dann wäre das Grund genug für dieses Fest. Dann wäre das das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte: Christus stellt sich zu Menschen, die das wirklich brauchen. Gott ist für sie nicht im fernen Himmel, sondern der Himmel ist leer und die Erde ist Himmel für die ganz unten. Christus steht neben ihnen, steht so für sie ein, wie sie ihn brauchen. Er erkennt ihr Elend bis in die Wurzel hinein und hält sein Danebenstehen durch, ohne aufzugeben, hält das Danebenstehen durch, um zu heilen.

Nehmen wir einmal an, die Hirten hätten recht mit ihrem Urteil über uns Stadtleut und mit ihrer Meinung über Jesus, dass er sich den Armen verschrieben habe - so hätte sich die Geburt Christi auch für uns gelohnt, weil jeder von uns  in seiner Familie, Verwandtschaft oder Freundschaft jemanden hat, der ganz unten ist und der den Christus braucht. Weil jeder von uns in seinem Gesichtsfeld jemanden kennt, der ganz unten ist und einen Christen braucht, der in die Fußtapfen Christi zu steigen gelernt hat und der so auch bei den Armen ankommt, wie es der Christus getan hat, dessen Geburt wir heute miteinander feiern.

Manche meinen, man könne Weihnachten billiger haben. Manche meinen, man könne die Hirten, die für alle Armen und Elenden dieser Welt stehen, mit weniger abspeisen. Manche meinen, es bräuchte den Christus ganz unten nicht. Mancher meint, man bräuchte ihn selber als einen Christen ganz unten nicht. Manche meinen, man könnte Weihnachten billiger haben.
Hier zwei Beispiele für dieses billigere Weihnachten:
- Auf dem Trempelmarkt am Bohlenplatz verkauft ein Mann interessante Wurzeln, auf die er verschiedene Pflanzen gesetzt hat. Ein Besucher erfragt den Preis einer schönen Wurzel - 35 D-Mark. Ich gebe dir 25 D-Mark dafür. 30, sagt der frierende Verkäufer. Der andere bietet 26. Der Verkäufer sagt: 27. Der Verkauf findet statt.
So oder ähnlich verhalten wir fast alle uns. Wir wollen alles billiger. Manche meinen, man könnte Weihnachten billiger haben - ohne die von ganz unten, ohne die schwierigen Menschen und ohne die Feinde.

- Als zweites Beispiel für jenes billigere Weihnachten nenne ich jene Uhr, die man sich neuerdings für D-Mark 168 schenken kann. Diese Uhr zeigt nicht nur die Zeit an, sondern auf ihr steht z.B.: "Es geht mir jeden Tag immer besser und besser." Oder: "Ich bin ausgeglichen, ruhig und glücklich." Oder: "Ich bin stark, frei und gesund."

Das ursprüngliche Weihnachten, das für einen, dem es schlecht geht, der unausgeglichen, unruhig und unglücklich ist, der schwach, gefangen und krank ist - das ursprüngliche Weihnachten hat mehr als 168 D-Mark gekostet und kostet bis heute mehr, wenn es sich ereignen soll. Im Johannesevangelium hat ein Christ den Preis für lebenswertes und zukunftsträchtiges Leben, den Preis, von dem nichts runtergehandelt werden kann, so beschrieben:
"Also hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingebornen Sohn gab" - ihn bis zu denen ganz unten gab, wo andere einen verdächtigen, beschimpfen, ablehnen, für gottlos halten, das Kreuz als einzig angemessenen Ort für ihn sehen.
"Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

Wir haben aus diesen Worten des Evangelisten nicht nur herausgehört, dass der Preis für echtes Weihnachten höher ist, den Gott selbst bezahlt hat. Wir haben auch heraushören können, dass Gott uns, uns Stadtleute aus der Südstadt in Erlangen für würdig hält, alle für würdig hält, seine Leben bringende Zuwendung zu erfahren. Gott will Heil für jeden von uns durch Christus - das sollen wir ihm glauben. Damit wir Lob singen können: "Singt nun alle, singt mit uns ihr Leute..." (zweiter Teil der Hirtenkantate).

(Fortsetzung der Ansprache:)
Einer, der vom Geschichten-Sammeln etwas versteht, der Nobelpreisträger Elie Wiesel, schreibt nach vielen Geschichten, die er wiedergibt: "Noch eine Geschichte, die traurigste von allen:
"Ein König verbannte seinen Sohn strafweise in die Ferne. Da der Prinz Hunger und Kälte litt, verlor er sogar die Kraft, auf die Verzeihung des Königs zu hoffen. Jahre verstrichen. Da schickte der König eines Tages einen Boten mit der Anweisung, dem Verbannten alle Wünsche zu erfüllen. Der Abgesandte teilte dies dem Prinzen mit, und der antwortete: 'Gebt mir ein Stück Brot und einen warmen Mantel.' Er hatte vergessen, dass er ein Prinz war und in den Palast seines Vaters zurückkehren konnte."

Wenn sich einer heute dem Leben, das er leben könnte, entfremdet fühlt, ist er zwar nicht mehr auf ein Stück Brot und einen warmen Mantel aus, sondern auf verfeinerte Speisen und Luxusgüter oder auf Alkohol und Drogen - obwohl doch die eigentliche Möglichkeit für jeden von uns, für alle, heißt:
Du kannst jetzt in das Haus des Vaters zurückkehren. Du hast jetzt das Angebot, mit deinem himmlischen Vater wieder sprechen zu können. Gott bietet dir an, die Angst um die Zukunft deines Lebens aufzugeben. Er bietet dir an, dein Leben mit Leben zu füllen. Sein Bote lässt dir ausrichten:

"Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

Wer von uns sich mit einem Stück Brot und einem warmen Mantel - und sei beides in Luxusausgabe - zufrieden gibt, wo er das Daheimsein bei Gott durch Christus haben könnte, der bleibt unnötigerweise in der Fremde. Deswegen führt Elie Wiesel die Geschichte vom Anfang mit den Worten ein: "Noch eine Geschichte, die traurigste von allen."
Ihnen wird heute mit der Geschichte von der Geburt Christi um Ihretwillen die fröhlichste von allen Geschichten erzählt. Wie der Engel vorhin gesungen hat: "Legt Eure Furcht beiseit und seid vielmehr erfreut."

Freuen kann sich jeder von uns, der auf die Einladung des Königs nicht antwortet: "Gebt mir ein Stück Brot und einen warmen Mantel" oder: "Ich will eine Uhr, auf der ich jeden Tag lesen kann 'Es geht mir jeden Tag immer besser und besser'.
Jeder von uns kann auf die Einladung des Königs antworten: "Ja, ich nehme deine Liebe zu meinem Leben an. Ich nehme deine Liebe zum Leben aller Menschen an. Ich nehme Christus an: Dass wir miteinander im Gespräch bleiben über lebenswertes Leben in dieser Welt und danach." Amen

 

PREDIGT ÜBER "...wer die eherne Schlange ansieht" - Num 21,4-9/ Joh 3,14
(anlässlich einer Abendmahlsfeier mit Vorkonfirmanden Judika 1988 in der Thomaskirche)

Liebe Jugendliche, liebe Gemeinde,
unter den Bildern, die 365 Vorkonfirmanden im Laufe der letzten Jahre zu ihnen bis dahin unbekannten Geschichten der Bibel gemalt haben, befinden sich auch zwei, mit denen der heutige Predigtabschnitt aus 4. Mose 21 illustriert ist. Die Geschichte ist eine der verrücktesten in der Bibel - kaum zu glauben! Wir werden dennoch sehen, dass uns die Geschichte eine ganz wichtige Botschaft übermittelt.

Uwe hat Folgendes aus dieser Geschichte in 6 Abschnitten gemalt:

  1. Man sieht eine große Menge Männer, Frauen und Kinder auf einem Weg vom Gebirge herkommend durch eine Wüste ziehen. Als sie in eine bewohnte Gegend kommen, machen sie einen weiten Umweg. Das (dreieckig dargestellte) Auge Gottes beobachtet alles.
  2. Nun sind sie nur noch in der Wüste, haben auch den Weg fast alle verlassen. Sie rufen aus: "Das Essen ist ekelhaft!" und: "Wir verdursten!" Das erneut dargestellte Auge Gottes beobachtet alles und fängt an, Zorn auszudrücken.
  3. Ein Gewitter tobt. Aus dem zornigen Auge Gottes kommen zornige Schlangen hervor, bewegen sich auf die Menschen zu, beissen. "Nein!" - schreit einer. "Hilfe!" - ruft eine Frau.
  4. Weitere Schlangen kommen. Die Menschen sind zum Teil tot, andere sprechen: "Wir haben gesündigt! Bitte den Herrn um Gnade, Mose!" Der Zorn im erneut dargestellten Auge Gottes nimmt ab.
  5. Die Bedrohung durch die Schlangen ist weiter da, aber von Gott, der nicht mehr zornig ist, hört man als Antwort auf die Bitte des Mose um Vergebung: "Ja, du sollst eine Schlange aus Erz machen und aufrichten.!"
  6. Die Schlangen bedrohen immer noch, aber Mose hat auf einen langen Stab eine Schlange aus Erz an der Spitze befestigt. Von Gott her hört man: "Wer gebissen wird und die eherne Schlange ansieht, wird nicht sterben!" Die zur Schlange aufschauenden Menschen sprechen: "Danke, Herr!" - und sie bleiben am Leben.

Verlesung des Predigtwortes

Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen.
Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose:
"Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise."
Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.
Da kamen sie zu Mose und sprachen:
"Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme."
Und Mose bat für das Volk.
Da sprach der Herr zu Mose:
"Mache dir eine eherne Schlange und richte sie hoch auf."
Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an
und blieb leben.

Da sind Menschen also mit Gottes Hilfe auf dem Weg aus dem Sklavendasein in die Freiheit, haben jahrelangen Wüstenaufenthalt hinter sich und etwa 1500 km Weges, sind nur noch etwa 200 km vom zugesagten Land, der neuen Heimat, entfernt und müssen statt nach Norden nach Süden gehen. Jeder Schritt ein Schritt weg von der zugesagten Heimat, Hunger und Durst, und bei dem wenigen Essen Ekelgefühle. Nun gibt es nur noch Anklagen gegen Gott und Mose.
Soll man etwa schweigen, wenn es mit einem bergab geht?
Muss man immer zufrieden sein, auch wenn's einem noch so schlecht geht?
Soll man einen Umweg so hinnehmen, als ob es ein Weg wäre?
Darf man nicht im Verzweifeln klagen?
Muss Gott gleich Schlangen schicken, so dass es einem an's Leben geht?

Wir haben es schwer, die Geschichte von vor fast 3000 Jahren zu verstehen, obwohl sie auch sehr anziehend ist. Sie geht ja so aus, dass Menschen zu neuer Lebensmöglichkeit durch Gott finden.

Vielleicht verstehen wir alles ein wenig besser mit Hilfe eines Briefes von 1988, den ein Gefangener aus einem Gefängnis in Bayern geschrieben hat:

"Ich sitze wegen einer Unterschlagung seit einem Jahr hier ein; ich habe noch ein Jahr - vielleicht habe ich kein Jahr mehr. Seit zehn Tagen weiß ich, dass ich dieses Jahr nicht überleben kann. Meine Freundin mit Sohn, mit meinem Sohn, hat mich verlassen. Sie war zu feig, es mir bei ihrem letzten Besuch zu sagen. Sie schrieb es mir.

Ist denn das eine 'angemessene' Strafe, wenn gleich drei Menschen bestraft werden, denn sie tut es nicht leichtsinnig, sie kann auch nicht mehr, wie ich. 'Draußen' versteht man das alles nicht. Ein Freund, der mich regelmäßig besucht, meinte: Mensch, Junge, was ist ein Jahr, das schaffst du schon!

Auch er hat keine Ahnung. Ich schaff es eben nicht; ich muss mich irgendwie umbringen, irgendwie.

Ich habe doch seinerzeit nur Materielles genommen; mir nimmt man dafür meine Freiheit, meine Liebe, mein Kind, mein Leben. Meine Verwandten und Freunde würden den Geldschaden alle zusammen gut machen, sagte mir meine Mutter. Das geht nicht. Was ist daran gerecht?"

Auch hier murrt ein Mensch: "Ist das denn eine 'angemessene' Strafe?" So werden nicht nur Menschen gefragt. So wird auch Gott gefragt, denn der Gefangene hat seinen Brief an ein christliches Sonntagsblatt gerichtet.

Wird Gott ihn bestrafen? Ihm nach dem Leben trachten? Ihm die Schlange mit dem Todesbiss schicken?

Die 3000 Jahre alte Geschichte sagt: Nein! Gott will das auf keinen Fall. Er will, dass Menschen sich mit ihren Problemen an ihn richten und aufleben, am Leben bleiben. Die ganze Geschichte spricht von Gottes Lebenswillen für Menschen, die sich auf einem Umweg befinden, bei denen nichts mehr weiter geht, sondern das Gegenteil eintritt. Die alte Geschichte ist für Menschen, die ihren Lebensweg nicht mehr verstehen, denen das Leben nicht mehr schmeckt, die sich wie in einer Wüste oder wie in einem Gefängnis fühlen.

"Wer gebissen ist und sieht die erzene Schlange an, der soll leben."

Die 'erzene Schlange'! - Wir wissen nicht, was hinter diesem Bild steht, das sich auch die Ärzte und Apotheken zum Wahrzeichen von Heilung auserwählt haben. Gott hat unserem Unverständnis deswegen eine neue Verständnismöglichkeit entgegengesetzt.
Er hat uns auf unsere unverständlichen Lebenswege Christus geschickt, damit wir auf unserem Wege nicht  verzweifelt sterben, sondern getrost leben. Im Johannesevangelium hören wir, wie Jesus an die alte Geschichte in der Wüste anknüpft und nach Joh. 3,14-17 so spricht:

"Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Unsere Umwege werden zum zielgerichteten Weg, wenn wir auf Christus, den am Kreuz erhöhten, glaubend sehen, wenn wir mit ihm über unsere zur Verzweiflung treibenden Nöte reden und Heilung erwarten. Viele Menschen leiden unter unverständlichen Schicksalsschlägen- oder Schlangenbissen, aber dagegen gibt es von Gott ein Mittel: Christus.

Christen der Alten Kirche haben das Abendmahl "Pharmakon athanasias" genannt, also 'Gegengift gegen den Tod, Heilmittel zum Leben'.

Wir brauchen es genauso wie jener Gefangene, der in dem Antwortbrief, den er erhielt, lesen konnte: "Ich bitte Sie, bleiben Sie am Leben."

Christus selber bittet so, bittet für alle so am Kreuz und schenkt sein Heil der Stärkung zum Leben. Amen