Einführung

Das Johannesevangelium ganz zu kennen, wird kaum ein Forscher am Neuen Testament behaupten. Zu viele Fragen sind da ungelöst. Und das, nachdem es auf der Welt sicher tausend Forscher gibt, die sich intensiv in den letzten 50 Jahren mit dem Vierten Evangelium beschäftigt haben. Sollte da ein Nicht-Forscher Zugänge zu diesem schwierigen Evangelium finden können? Ein einfacher Bibelleser?

Wahrscheinlich haben Sie solch einen Zugang schon. Vielleicht empfinden Sie ihn als zu klein, zu eng, zu kurz und deswegen für Sie unzureichend, aber er ist da. Zum Beispiel hat jemand vor vielen Jahren einen Segensspruch zugesagt bekommen: "Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht."
Oder: Jemand ist fasziniert von Bachs Vertonung "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, alle, alle, alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden...".
Oder: Da ist eine Frau angerührt von einem mittelalterlichen Bild, das die Begegnung von Maria Magdalena mit dem auferstandenen Christus zeigt, wie das in Joh 20 beschrieben ist.
Und dann wieder kann ein Mensch nicht vergessen, dass ihm beim Abendmahl einmal zugesprochen worden ist: "Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens."

Wahrscheinlich haben auch Sie einen solchen Zugang zum Johannesevangelium und empfinden ihn bei etwas Nachdenken nun gar nicht so eng und klein. Ihr Zugang steht für das Ganze - aber das Ganze ist für Sie ein Geheimnis, dem Sie sich nähern wollen.

Was fasziniert eigentlich, wenn wir das Wort "Ich bin das Brot des Lebens" zugesprochen bekommen?
Da wird erst einmal unser tägliches Brot mit unserer großen Sehnsucht nach Leben zusammengebracht. Wir selber können beides nicht zusammenbringen. Brot verhindert unseren Tod nicht. Es fördert auch nicht das Leben, das eigentliche. Das ist Erfahrung. Wenn wir dann das ganze sechste Kapitel bei Johannes lesen, werden wir an jenes legendäre Geschehen vor ein paar tausend Jahren in der Wüste Sinai erinnert, als vom Tode gejagte Flüchtlinge aus Ägypten von Tag zu Tag überlebt haben, weil Brot von Gott da war. Wenn wir die Gemeinde hinter dem Johannesevangelium kennenlernen möchten, der das Wort "Ich bin das Brot des Lebens" zugesprochen wird, dann ist es erlaubt, diese Gemeinde als auf der Flucht zu sehen. Sie macht die Erfahrung des Überlebens und führt dieses Überleben nicht auf das irdische Brot zurück, sondern auf aktuelle Zuwendung Gottes.

Und was fasziniert uns, wenn uns dieses Wort Jesu etwa beim Abendmahl zugesprochen wird?: <Ich bin das Brot des Lebens!> Wie stark ist unsere Empfindung, vom Tode gejagt zu werden? Wie stark ist unsere Erkenntnis, dass das irdische Brot, selbst in Luxusausführung, nicht das eigentliche Leben für uns ausmacht? Auch wir irgendwie auf der Flucht, beim Auszug?

Was kann man aus dem Johannesevangelium über die hinter ihm stehende Gemeinde, ihre Flucht und ihre Sehnsucht nach Leben erfahren? Erstaunlich viel!