Joh 1,14 und Predigt

Joh 1,14

Gebet:

Gott, unser Vater,
Die Sehnsucht vieler Menschen in der Welt ist überaus groß.
Sie stecken im Elend, das so vielfältig bedrückt.
Viele werden belogen, betrogen, verführt und versklavt.
Wenn es für sie und für uns Herrlichkeit gibt
und Gnade und Wahrheit,
dann durchbreche alles Elend
und führe durch Jesus Christus ins Freie. Amen

 

Joh 1,14 gehört zur Einleitung des Evangeliums

Die außerordentlich vielen Auslegungen und Rekonstruktionsversuche zu Joh 1 zeigen:
Dieses Kapitel ist schwer zu verstehende und doch sehr geschätzte Einleitung zum Johannesevangelium. Auch Joh 1,14 gehört dazu. Soll man das den Menschen und den vielen Randsiedlern am Heiligen Abend nahe bringen können?

Fast jedes Wort dieses Verses hat mehrere Verständnisebenen und/oder ist in unserer Zeit nicht mehr in ständigem Sprachgebrauch: „Wort“, „Fleisch “, „Herrlichkeit “, „Gnade  und Wahrheit “.

Das war aber z.T. in der Zeit des Johannes genauso:
Man sprach normalerweise nicht so vom „Wort“, wie Johannes es meint,
wusste mit „Fleisch/sarx“ in johanneischem Verständnis nichts anzufangen .
Mit dem „wohnte unter uns“ wurde man wohl an die Geschichte vom Auszug aus Ägypten erinnert, als Gott im heiligen Zelt und in Wolke und Feuersäule unter den Menschen wohnte, aber das war gut 1000 Jahre her.
Auch mit Gnade und Wahrheit hatte man sicher seine Schwierigkeiten – wie man zumindest bei Pilatus sieht, wenn er sagt/fragt: Was ist Wahrheit!? Die Worte vom Sehen, von der Herrlichkeit und der Wahrheit durchziehen das gesamte Evangelium!

Joh 1,14: Eine Zumutung – aber: verständlich gemacht!

Johannes hat diese Worte, die er wohl zum Teil in der jüdischen Tradition des Logosliedes vorfand, Menschen seiner Zeit zugemutet, nachdem er sie ergänzt #1u hatte, aber für die Ansprache am Heiligen Abend ist es unbedingt wichtig, zu wissen, wie er diese Worte zugemutet hat:

Indem er im ersten und allen weiteren Kapiteln des Johannesevangeliums Geschichten erzählt hat!

Diese Geschichten sind Auslegung des Logosliedes.

Geschichten erzählen

Das ist die große Möglichkeit am Heiligen Abend: Geschichten zu erzählen von Jesus und seinen Nachfolgern/innen bis in die Jetztzeit. Geschichten erzählen, die zeigen, wie etwas Abstraktes, normalerweise Unzugängliches, wonach wir uns dennoch sehnen, Menschen begegnet, sehr verständlich begegnet: Herrlichkeit, Gnade und Wahrheit. Während dieser Begegnung geht es uns plötzlich auf: Hier ist also Gnade, durch diesen Menschen, für mich, für andere, für unsere Welt. Hier ist also Wahrheit, nichts Abstraktes, sondern für mich sehr zugänglich geworden, so zugänglich: dass ich unbedingt gefragt bin, ob ich selbst Gnade und Wahrheit anderen so zugänglich machen will durch meine Geschichte mit ihnen.

Stichwort: Meine Geschichte erzählen – was ich gesehen habe.

Wenn Jesus später einmal im Johannesevangelium seinen Nachfolgern zusagt, dass sie größere Werke tun werden als er, dann ist es sehr legitim, in der Christvesper von solchen Menschen zu erzählen, durch die Gottes Wort unter uns überzeugende Gestalt angenommen hat. Ich kenne Menschen, die liebevoll und furchtlos sich anderen Menschen zugewandt haben. Ich lasse also Menschen innerlich vor mir Gestalt annehmen, durch die mir von Gott etwas klar geworden ist und die mir Mut gemacht haben.
Es ist nicht sinnvoll, publikumswirksame Christen wie Albert Schweitzer zu zitieren, sondern nur die, die mir begegnet sind, die für die Zuhörer vielleicht sogar namenlos bleiben. Und: Auch ich selber habe von Jesus her Teilnahme an der Herrlichkeit. In Joh 17 heißt es: „Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind.“

Geschaute Herrlichkeit sucht Ausdruck in der Einheit

„Damit sie eins sind“ - so heißt es in Joh 17: Einigkeit als Ausdruck der gesehenen Herrlichkeit in der entzweiten Welt aufleuchten zu lassen, ist mir in meinem kleinen Bereich aufgetragen.
Mir kommt ein Bild in den Sinn: In einem einfachen Krankenhaus in Afghanistan, in dem Menschen sich für Bürgerkriegsopfer, für Kinder, Frauen und Männer engagieren, hängt am Eingang ein Schild, das ich wie eine Hinwendung zum Kreuz in unserer Zeit verstehen kann: Eine Kalaschnikow ist abgebildet und durchgestrichen. Hier ist ein Ort ohne Waffen. Hier ist ein Ort für den einen und für den anderen von der anderen Seite. Hier ist ein Ort, an dem Gnadenlosigkeit ein Ende oder wenigstens eine Unterbrechung hat. Solche Haltung geht für mich der Haltung Jesu parallel, auch wenn es von ihm noch viel Größeres zu erwarten gibt: „Voller“ Gnade und Wahrheit. Es wird in unserer Welt noch mehr geben durch Christus als unsere punktuellen Gnadenzeichen. Daraufhin haben auch die, die hinter dem Johannesevangelium stehen, geblickt: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit“.

Voller Gnade heißt: Es steht Hoffnung aus für die Welt.

 Für Johannes enthält dieses Wort von der Herrlichkeit neben der Mitmenschlichkeit Jesu auch alles, woran Menschen Anstoß nahmen, wenn sie mit einem dogmatischen Vorverständnis Jesus maßen: Seine bekannte Herkunft Joh 6,41, sein Abendmahl nach Joh 6 und besonders sein Sterben am Kreuz der Schande. Zu „Fleisch“ vergleiche: 1,13; 1,14; 3,6; 6,51; 6,52; 6,53; 6,54; 6,55;6,56; 6,63; 8,15; 17,2.

 Herrlichkeit: Dieses Wort ist für Johannes sehr stark von Jes 6 her verstanden worden. „Herrlichkeit“ findet sich in 1,14; 2,11; 5,41; 5,44; 7,18; 8,50; 9,24; 11,4; 11,40; 12,41; 12,43; 17,22; 17,24; 17,5; „verherrlichen“ in 8,54; 11,4; 12,23; 12,28; 13,32; 14,13; 16,14;17,1; 17,5; 21,19. „Verherrlichen“ ist sehr von Jes 52,13 her gesehen worden: „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.“ Die LXX hat hier: „hypsothäsetai kai doxasthäsetai sfodra“

 Das Wort „Gnade“ wird von Johannes im Evangelium nicht Zentralwort wie „Wahrheit“.

 Für Johannes ist die Gottesbegegnung in Ex 34 Grundlage für das Verständnis Jesu als „voller Gnade und Wahrheit“.
Der Evangelist benutzt das Wort „Wahrheit“ sehr oft, etwa 23 mal. Das hängt einmal zusammen mit Ex 34. Zum anderen aber sieht Johannes Jesus nach Ps 45. Dort ist von dem König die Rede, den Johannes in Jesus darstellt. Dieser König ist Zeuge für die Wahrheit (Ps 45,5/ Joh 18,37f).
Über diese Wahrheit redet Johannes in 1,14; 1,17; 3,21;4,23; 4,24; 5,33; 8,32; 8,40; 8,44; 8,45; 8,46; 14,6; 14,17; 15,26; 16,7;16,13; 17,17; 17,19; 18,37; 18,38;

 Sarx/soma: Für Johannes und den Schreiber des Hebräerbriefes (Hebr 10,5-7) war Ps 40 (in der LXX Ps 39, aber wie in Hebr 10 zitiert) Hintergrund für das Sprechen von sarx (Fleisch) bzw. soma (Leib). Jesus stellt sich gemäß den Worten des Psalms „Ich komme, im Buch ist von mir geschrieben“ Gott zur Verfügung, der ihm „soma“ gegeben hat.
Sarx und Soma sind für Johannes zwei Seiten desselben Jesus: Mit dem einen Wort wird sein Leben, mit dem anderen seine Lebenshingabe betont.

Sarx und Soma Jesu, also sein Menschsein, sind für Johannes besonders wichtig, weil sie eine große Erfahrungsmöglichkeit für Blinde jeder Art enthalten:
Sehen lernen, Gottes Weg im Menschen Christus sehen lernen. "Wir sahen seine Herrlichkeit".
Wer nicht sehen will und nicht hören will, zieht sich Gottes in Jes 6,8-10 genanntes Gericht zu, dass man sehenden Auges blind ist, verblendet. Der Evangelist Johannes hat sich mit Jes 6,8-10 besonders beschäftigt. Er konnte damit die unverständliche Verfolgung der Christen durch "Blinde/Verblendete" geistlich verstehen. Er hat aber in allererster Linie Gottes Wille zur Heilung des Menschen aus den Jesajaworten gehört. "Wir sahen seine Herrlichkeit."

 

PREDIGT ZUR CHRISTVESPER 1977 in der Thomaskirche über Joh 1,1-3.14

Liebe Gemeinde,

einmal, als in Rabbi Mendels Haus keine Brotschnitte war, kam sein Sohn weinend zu ihm gelaufen und klagte, sein Hunger sei so groß, dass er ihn nicht mehr ertragen könne. 'So groß ist dein Hunger nicht', sagte der Vater, 'denn sonst hätte ich etwas, um ihn dir zu stillen'.

Der Knabe schlich sich schweigend fort. Ehe er aber noch an der Tür war, sah der Rabbi eine kleine Münze, einen Dreier, auf dem Tisch liegen. 'Ich habe dir unrecht getan', rief er, 'du bist in Wahrheit sehr hungrig.'

Was würde wohl mit uns geschehen, wenn wir gelaufen kämen und klagten, unser Hunger sei so groß, dass wir ihn nicht mehr ertragen könnten? Wir würden ja nicht lügen, wenn wir so sprächen. Jeder wüsste ja, dass es sich bei uns nicht um Hunger nach einer trockenen Scheibe Brot handelte. Den Hunger kennen manche unter uns zwar auch, aber wir haben in den letzten Jahren den schlimmeren Hunger kennengelernt, der sein Zentrum nicht im Magen hat. Viele haben eine Leere kennengelernt. Viele leiden unter ihr. Ein Geschäftsmann, über das Weihnachtsgeschäft befragt, hat ganz kurz geantwortet: 'Geben Sie einem Satten etwas zu essen!'

Vielleicht würden manche unter uns aus Erfahrung sagen: 'Wenn man ganz satt ist, fängt der große Hunger erst an!'

Es ist mehr als ein Werbetrick, wenn dieser Tage auf der letzten Seite einer renommierten Zeitung ganzseitig auf Glanzpapier folgendes Bild erschienen ist:
In einem barocken, goldglänzenden Saal sitzen drei Weihnachtsmänner in roten Kapuzenmänteln. Eine weiss gekleidete Dame mit Tüllflügeln kredenzt ihnen einen bekannten Sekt. Die Sektflasche mit dem Markenzeichen steht im Mittelpunkt und wird angepriesen mit den Worten:
       "Alle Jahre wieder. Und so weiter."

Es ist mehr als ein Werbetrick. Es ist Spiegelbild unserer Zeit, dieses Bild mit diesem 'und so weiter'.
"Alle Jahre wieder." Wie ging das denn früher einmal weiter? Und wie wird das Lied weitergehen mit uns, bei uns?

"Der Knabe schlich sich schweigend fort. Ehe er aber noch an der Tür war, sah der Rabbi eine kleine Münze, einen Dreier, auf dem Tisch liegen."

Die Gefahr, heute abend schweigend aus dieser Kirche fortzuschleichen, ist groß. Groß ist auch die Versuchung, sofort eine entschuldigende Erklärung bei der Hand zu haben: "So groß ist dein Hunger nicht", sagte der Vater, "denn sonst hätte ich etwas, um ihn dir zu stillen."

Aber da gibt es ja den Dreier, genug für ein paar Scheiben Brot, genug, um ein Stück Weges aufrecht weiterzugehen, genug, um es zu den Worten kommen zu lassen:

"Ich habe dir unrecht getan, du bist in Wahrheit sehr hungrig."

Ich verstehe den Anfang des Johannesevangeliums als eine solche kleine, aber sehr notwendige Münze für uns heute, ausreichend, um niemanden wegschicken zu müssen, ausreichend, um uns die Worte sprechen zu lassen:
"Ich habe dir unrecht getan, du bist in Wahrheit sehr hungrig."

Im Johannesevanelium heisst es:
"Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht...
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des eingebornen Vaters,
voller Gnade und Wahrheit."

Hier begegnet also ein hungriger Mensch einem Menschen voller Gnade und Wahrheit und sagt nach dieser Begegnung: "Wir sahen seine Herrlichkeit." Einer, der schon auf dem Wege war, sich hinauszuschleichen, wird von einem gnädigen und wahren Menschen zurückgerufen. Der hatte mehr Gnade und Wahrheit als ich und Sie, deswegen heisst es: 'voller Gnade und Wahrheit.' Und weil seine Geschichte keine einmalige Geschichte ist, sondern sich mit jedem in Wahrheit sehr hungrigen und mit jeder in Wahrheit sehr hungrigen ereignen sill, erzähle ich sie heute.

Ich bin Menschen begegnet, die wohl gnädig gewesen sind. Sie haben gesagt: 'Ich verstehe das, wie das bei dir gelaufen ist.' Sie haben verstanden bis hin zur Permissivität: 'Schwamm drüber.'
Und ich bin anderen begegnet, die nur die Wahrheit kannten, die harte Wahrheit, die technische Sachlichkeit.

Der Hunger aber, der so groß sein kann, dass ihn ein Mensch nicht mehr ertragen kann, wird von Menschen gestillt, in denen Gnade und Wahrheit nach dem Vorbild Christi verbunden sind.

Ich glaube, dass Sie ein Mensch sein können, von dem Gnade und Wahrheit ausgeht, weil Christus mit Ihnen so umgeht.

Ich glaube, dass Sie Menschen sein können, die einem auf irgendeine Weise Hungrigen, der von Ihnen fortgehen will, jenes 'ich tue dir unrecht' sagen, weil Sie nicht nur seine Not sehen, sondern auch das Evangelium von Jesus Christus, das dieser Not ein Ende setzen will.

Ich glaube, dass Sie Menschen sein können, durch die die Weihnachtsfreude - die Gnade und Wahrheit - unserer Welt in ihrer Gefahr des 'und so weiter' erhalten bleibt und dass dann Menschen mit dem anderen Hunger sich an Jesus satt sehen können.

Ich sollte nicht sagen: 'Ich glaube, dass Sie solche Menschen sein können' - Gott glaubt das und lädt Sie durch die Geburt seines Sohnes ein. Nun kann sich also etwas ereignen, ehe der andere durch die Tür sich hinwegschleicht - und er und Sie können zusammen mit dem Lob beginnen, das aus Gnade und Wahrheit erwächst. Amen

 

GEBET

Herr, unser Gott
Ein Tag unseres Lebens nach dem anderen vergeht.
Wir halten inne.
Fragen uns, ob unsere Tage Deine Güte widerspiegeln
Oder nur Zeichen unserer Oberflächlichkeit sind,
Bitten Dich auch, dass Du uns ganz durchdringst,
Bis unsere Tage Deine Tage sind.
Voller Güte und Wahrheit
Durch Jesus Christus. Amen

 

1 Von dieser Ergänzung handelt mein letzter wissenschaftlicher Aufsatz über das Logoslied. (Hier auf dieser homepage, node 236) :
Joh 1,1-18 - wie und warum ein jüdisches Logoslied geändert worden ist - ein Entwurf.
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/236