Meditation zu Marc Chagall: Aaron mit dem siebenarmigen Leuchter

Meditation 6 zu Marc Chagall:
Aaron mit dem siebenarmigen Leuchter

(Bayer.) Evang. Gesangbuch S. 1440
Sämtliche Bilder, ihre Beschreibungen und dazugehörige Meditationen finden Sie in: "Die Bilder im Gesangbuch. Beschreibung - Kontext - Zugänge" 1995 ISBN 3-87214-267-4

Beschreibung

Der Bildaufbau ist sehr klar: Den größten Teil des verfügbaren Zeichenraumes wird von einem sieben-armigen Leuchter eingenommen, der nicht einmal ganz dargestellt werden kann, sondern dessen untere Arme man sich selbst weiterdenken muss - und das macht diesen Leuchter noch bedeutender. Sehr schön beschrieben ist er in 2. Mose 25,31-39 und 37,17-24. Sein symbolischer Wert für Juden entspricht dem des Kreuzes für Christen.

Dieser Leuchter neigt sich leicht dem Menschen zu, der in drei Bezügen dargestellt wird: Einmal im Bezug auf den Leuchter als Zeichen für das bei Gott immer vorhandene Licht der Schöpfung und der Erleuchtung für Menschen. Zum andern bezieht sich der Mensch Aaron auf sich selbst, auf sein eigenes  Herz, auf das er seine rechte Hand legt und schließlich baut Aaron ein abwartungsvolles Verhältnis zum Betrachter auf. Die Gestalt des Hohenpriesters ist nahezu halbkreisförmig um den Leuchter gebogen und deutet so größte Nähe, aber auch eine gewisse Ferne an.

Chagall hat weithin mit feinen Linien gezeichnet, aber an ein paar ihm wichtigen Stellen setzt er betonende dicke Striche.

Kontext

Vom ersten Tag seines Lebens ist Chagall intensiv mit dem Leben seiner Mitjuden verbunden. Sein Geburtsbericht beginnt mit: "Die Stadt stand in Flammen, das Viertel der armen Juden." So ist es nicht verwunderlich, dass sich Chagall zu allen Zeiten seines Lebens z. T. sehr intensiv mit Juden und mit dem Alten Testament befasst: Immer wieder mit dem wie Christus gekreuzigten, leidenden jüdischen Menschen, dann mit seinem biblischen Zyklus, mit Glasfenstern in christlichen Kirchen und dem Glasfensterzyklus zu den zwölf Stämmen Israels in der Synagoge des Jerusalemer Hadassah-Krankenhauses. Die Körperneigung des Aaron auf unserem Bild findet sich wiederholt, wenn Chagall Juden darstellt mit ihrer Thora. Auch wenn der Künstler weder orthodoxer Jude noch sonst einer Synagoge angehörender Glaubender war, so gilt doch sicher für seine "geistlichen" Bilder, was er einmal so beschrieben hat: "Gäbe es ein Versteck in meinen Bildern, ich würde hineinschlüpfen...". Wenn Chagall Aaron mit dem Leuchter der Gotteslehre malt, drückt er aus, was Martin Buber einmal von Rabbi Pinchas berichtet hat: "Wer sagt, die Worte der Lehre seien eine Sache für sich und die Worte der Welt seien eine Sache für sich, wird ein Gottesleugner genannt." Bei Chagall sind beide Worte eng verbunden, Aaron mit dem Leuchter Gottes, Gott mit dem Aaron, in dem sich Chagall verstecken möchte.

Erschließung

Der Mensch da mit dem siebenarmigen Leuchter sieht mich erwartungsvoll an: Wie siehst Du mich denn? Natürlich bleibe ich an diesem beobachtenden Auge hängen, schaue immer und immer wieder hin, weil ich ja gemeint bin. Dann gehen meine Blicke zu den Händen, die eine Aussage über die Person machen, die mich da so anschaut. Sie will mir sagen: Mein Herz unter meiner rechten Hand und Gottes Leuchter unter der anderen - die gehören zusammen. Das macht mein Wesen aus.

Zwei Welten werden da mit den beiden Händen zusammengespannt: Die des Lichtes von Gott und die Welt meines eigenen Herzens, der Gedanken, der Gefühle, die Welt des Zusagens und Versagens.

Gehören die beiden Welten für Aaron wirklich zusammen, untrennbar, wie beide Hände eben zu der einen Person gehören?

Die wirkliche Welt des Aaron sah nicht so ideal aus, wie es dieses Bild zeigt. Da hat die Hand den Leuchter sicher mehr als das eine Mal losgelassen, von dem wir wissen und der Zustand des Herzens und der Gedanken hat dann Anlass zu großer Unsicherheit vor Gott geführt. Schauen wir uns das eine Mal des Loslassens einmal an: Von den über 300 Stellen des Alten Testamentes, an denen Aaron genannt wird, berichtet die eine davon, dass Aaron vom Volk Gold gesammelt hat und ein goldenes Kalb gebildet hat. Und das Volk sprach: "Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten geführt hat." Chagall malt hier nicht jenen gefallenen, den vom Volkswillen abhängigen Aaron, sondern den anderen, der sein Leben in Ordnung gebracht hat und die Hand an den Leuchter legt, von dem es 2. Mose 25 heißt, dass er aus einem Zentner feinen Gold sein soll, sehr schön mit Schaft, Kelchen, Knäufen und Blumen, mit Kelchen wie Mandelblüten. Dieser Leuchter soll an das Paradies erinnern, an den Gott des Lichtes in der Finsternis der Welt.

Zweimal haben Feinde Hand an diesen Leuchter gelegt: Die Babylonier, wie Daniel 5 berichtet und dann die Römer, wie der Titus-Triumphbogen in Rom bis heute zeigt. Beide Male haben Israeliten sich gefragt, ob dieses Geschehen etwa mit ihrem Loslassen von Gott zu tun hätte.

Heute sind wir die Gefragten, die von dem wissenden Aaron und dem wissenden Chagall Gefragten: Ist Euer Herz durch die Hand mit Gott verbunden? Ist Gott durch die Hand mit Euch verbunden? Um meinetwillen ist das Bild entstanden, auch um Chagalls willen als mögliches Gegenüber für Selbstkritik und Rückkehr zur eigentlichen Bestimmung.