Meditation zu Ernst Barlach: Sitzendes Liebespaar

Meditation 5 zu Ernst Barlach:
Sitzendes Liebespaar

(Bayer.) Evang. Gesangbuch S. 1410
Sämtliche Bilder, ihre Beschreibungen und dazugehörige Meditationen finden Sie in: "Die Bilder im Gesangbuch. Beschreibung - Kontext - Zugänge" 1995 ISBN 3-87214-267-4

Beschreibung

Der viel größere, kräftigere und auch etwas ältere Mann mit seinen kräftigen Backenknochen hält mit beiden Armen eine zarte junge Frau, die auf seinem rechten Bein sitzt, aber im Augenblick ohne jegliche Kraft und Bewegung ist. Nicht einmal Arme sind bei ihr zu sehen, und ihre Augen sind im Unterschied zu denen des Mannes geschlossen. Sie schweigt, während der Mann redet, aber beim Reden merkwürdig unsicher wirkt, ins Leere wie Hilfe suchend schauend.

Beide sitzen sie eng verbunden auf einer Bank, aber zu ihrer Verbindung tragen merkwürdig schwarze Linien bei, die, von links oben ausgehend, einen starken Zug nach unten haben. Ich habe das Gefühl, dass der Maler zwei V-Buchstaben miteinander verbunden habe, beide auf dem Kopf stehend, der linke ganz dunkel, der rechte zum Teil. Auf der linken Bildseite herrschen dicke, nach unten weisende Kohlestriche vor, die das Mädchen als einen schwarzen Engel mit so etwas wie Flügeln erscheinen lassen. Auf der rechten Seite finden sich waagerechte Striche, die von unten her gesehen immer heller werden und dann sogar etwas nach oben weisen.

Kontext

Barlach hat auch andere, sehr lebensfreudige, entspannte Liebespaare gezeichnet, in seinen ersten Jahren als Maler immer wieder unbeschwerte Mädchen, aber das Jahr 1922, so kurz nach dem 1. Weltkrieg hat wohl viele junge Paare vor größte äußere und dann auch innere Nöte gestellt. Auf einem anderen Bild, Mann und Mädchen· betitelt (ohne Jahr), sehen wir die beiden wieder: Sie sind immer noch barfuß, aber es hat sich etwas Entscheidendes getan: Mädchen und Mann sind aufgestanden. Das Mädchen hat plötzlich Hände, hat die Augen geöffnet, geht zögernd, immer noch vom Manne beredet, nach vorn, lässt sich von der Vision einer Zukunft mitnehmen.

Viele Darstellungen von älteren Frauen lassen aber nicht viel Spielraum für Gedanken an eine gute Zukunft: Armut, Hunger und Elend prägen eine Reihe von Barlachs Frauenbildern aus den zwanziger Jahren. Grundsätzlich sieht der Künstler den Zweifel und die Not eines in sich zusammenfallenden Menschen erst in der Begegnung des Thomas mit dem Auferstandenen aufgehoben. So hat er das in seiner Skulptur Das Wiedersehen· von 1926 gezeigt. Ehe die Aufhebung von Zweifel und Not aber geschehen ist, muss Barlach versuchen, die Menschengestalt als Ausdruck Gottes, soweit er im Menschen und hinter dem Menschen brütet, steckt, wühlt," freizulegen.

 Erschließung

In solcher Armut werden viele Ehen in der Welt begonnen. Außer den beiden Liebenden gibt es nichts auf der Welt, nur ein wenig Hell und viel Dunkel. Aber trotz Armut und Schwierigkeiten müssen Ehen begonnen werden und so muss einer den anderen zu überzeugen oder überreden versuchen, damit wenigstens die Idee einer sinnvollen Zukunft entsteht.

Vom Körper her sind sich die beiden auf dem Bild sehr nahe, bilden fast ein X - aber es ist eine schwere Nähe: Das Mädchen muss gehalten und geschützt werden, hat wenig Lebenskraft, wirkt müde und angespannt. Barlach hat in sie und um sie dicke Kohlestriche gemalt, die nach unten zu immer breiter werden - das Fundament dunkel, das Oben dunkel.

Auch die Rede ihres Freundes scheint ihr keine Kraft zu geben. Woher soll er auch eine Vision nehmen? Seine Augen suchen, während er redet und reden muss, damit sie gemeinsam Mut fassen können. Ihm erscheint alles ein wenig heller: Die wenigen dunklen senkrechten Kohlestriche auf seiner Seite werden nach oben zu abgelöst von waagerechten, dann leicht aufwärts gerichteten Linien, die am rechten oberen Bildrand immer leichter werden.

Wie wird es mit den beiden weitergehen, mit dem zarten dunklen Engel, der nicht fliegen kann und mit ihrem leidenden Freund, der aber vielleicht doch genügend Kraft hat für die Zukunft?

1919 hatte Barlach eine kniende Frau gemalt, die ihrem sterbenden Kind nichts zu essen geben kann. 1927 entstand eine Hungergruppe. Ist das die Belastung, mit der das junge Paar fertig werden muss? Oder stehen da ganz andere Dinge belastend vor ihnen oder zwischen ihnen?

Die Kräfte sind im Laufe einer Ehe oder einer Partnerschaft manchmal vertauscht. Dann ist die Frau die Stärkere und Größere und er der Zusammengesunkene. Dann muss sie versuchen, eine Vision zu entwickeln und zu vermitteln, will man nicht auseinander gehen.

Auseinander gehen aber werden die beiden bei Barlach nicht - jetzt nicht - solange sie im Gespräch miteinander sind und der eine sich ganz intensiv am anderen ausrichtet, verbunden durch die Wärme des Körpers und durch das Nichts um sie herum.