Meditation zu Alexej Jawlenski: Johannes der Täufer

Meditation 3 zu Alexej Jawlenski:
Johannes der Täufer

(Bayer.) Evang. Gesangbuch S. 334
Sämtliche Bilder, ihre Beschreibungen und dazugehörige Meditationen finden Sie in: "Die Bilder im Gesangbuch. Beschreibung - Kontext - Zugänge" 1995 ISBN 3-87214-267-4

Beschreibung

Das Gesicht des Täufers hat zwei Rahmen: Den hellen, äußeren, der sich um den dunklen legt. Gemalt sind nur Kopf und Hals. Der Körper besitzt für Jawlenski keine Aussagekraft. Des Täufers unbedingte Ergriffenheit von Gott, seine Askese und seine radikale Predigt - alles muss sich in dem Gesicht ausprägen. Da sind die langen Haare, der Bart, das längliche Gesicht, die weit und hindurch schauenden Augen, der helle Mund, die harte, markante Nase..

Wenn man die späten Köpfe, die der Künstler in den 30ger Jahren gemalt hat, betrachtet, wird man auch dem dunklen Fleck oberhalb des rechten Auges sein Augenmerk zuwenden: Er ist als göttliches Stigma immer vorhanden und weist auf den religiösen Urgrund der Malerei Jawlenskis. Dieses Stigma zeichnet sich auf anderen Bildern oft durch besondere Helligkeit aus - nicht aber auf diesem Bild vom Täufer.

Es gibt auf diesem Bild keine Bezugsperson des Täufers - nicht Jesus bei seiner Taufe, nicht das Volk am Jordan bei der Predigt. Die einzige Bezugsperson ist der Betrachter, der sich diesem Blick aussetzt und der zugleich weiß, dass er selbst und jeder Mensch mit diesem Blick gemeint ist.

Kontext

Diesen Kopf hat ein Russe gemalt aus seiner Tradition heraus im Jahre 1917, dem Jahr der russischen Revolution. Der Täufer spielt in der russischen Ikonenmalerei eine besonders wichtige Rolle. Er wird der "Vorläufer" genannt. Nach ihm kommt der Messias. In Johannes ist für das gläubige Volk harte Sozialkritik an den Mächtigen präsent. Die durchdringenden Augen des Propheten bei Jawlenski stammen aus dieser Ikonentradition.

Ab 1934 hat der Künstler eine Manie entwickelt, heilige Gesichter in der Frontalansicht zu malen. Bis 1937 entstanden über 700. Für die Nationalsozialisten war das nur entartete Kunst. Für Jawlenski aber Ausdruck innerer Seelenzustände, die wegen seiner schweren Krankheit in abstrakter und sehr einfach anmutender Form wiedergegeben werden mussten. "Gott weiß, wie lange ich den Pinsel noch halten kann. Ich arbeite mit Ekstase und mit Tränen in den Augen, und ich arbeite so lange, bis die Dunkelheit kommt und mich umhüllt. Licht! Licht! - Und von allen Wänden fließen die Farben." Und: "Meine Meditationen sind meistens wie biblische Köpfe."

Erschließung

Es ist anstrengend, in das Gesicht eines Menschen zu sehen, der keine Kompromisse kennt. Er kennt sie für sich selbst nicht, nimmt keine Privilegien in Anspruch. Gott hat ihm diese langen schwarzen Haare gegeben und er hat sie nie gekürzt, hat sich gegen diesen schwarzen Gottesrahmen nie gewehrt.

Mir ist klar: Ihn werde ich nicht zum Lachen bringen können, ihn von mir ablenken können auf jemanden anderen. Bei ihm wird "ja" auch "ja" bleiben und "nein" "nein".

Ich habe hier kein Punkt, Punkt, Komma, Strich-Gesicht vor mir, sondern den unbedingten Anspruch Gottes: "Schuwu!" - "Kehrt um!" So ruft dieser Täufer zu allen Weltzeiten, zu allen Lebenszeiten. "Kehrt um!" - so spricht er vor und nach unserer Taufe.

Wir haben versucht, dieses Gesicht zu unseren Gunsten - zu unseren Ungunsten - abzuändern: Freundliche Täufer unserer Kinder  - freundliche Taufe - kein Weltgericht, keine Umkehr.

Aber hat nicht Jesus, unser Meister, selbst damit begonnen, dieses Gesicht des Täufers, dieses drohende und finstere, in den Hintergrund zu drängen? Hat Jesus nicht neben den kompromisslosen Ruf zur Umkehr den anderen Ruf gestellt: Glaubt an die Botschaft von der Freude, die Gott für euch bereit hat!? Ist das Gesicht unseres Meisters nicht ein anderes, das sogar für kleine Kinder anziehend wirkt, die nach Freundlichkeit suchen? Hat Jawlenski im Jahre 1917 falsch gesehen? Hat er Gott falsch ausgedrückt?

Im Judentum heißt es, dass die Thora - der Wille Gottes vom Sinai-Geschehen - ein siebzigfältiges Angesicht habe. Es könnte also neben dem gültigen Bild des Endzeitpredigers Johannes von Jawlenski noch 69 andere gültige geben?

Es ist anstrengend, in das Gesicht eines Menschen zu sehen, der keine Kompromisse kennt. Herodes Agrippa hat diesen Blick nicht ausgehalten, hat die Anklage nicht akzeptiert, dass es nicht Rechtens sei, die Frau seines Bruders zu haben. Herodes hat auf diesen Blick mit Gefängnis und dann mit dem Schwert reagiert.

Es ist anstrengend, in das Gesicht eines Menschen zu sehen, der keine Kompromisse kennt.

Manchmal ist jedoch dieses Gesicht aus den 70 möglichen das einzige, das mir helfen kann, auf dem Weg der Freundlichkeit Gottes zu bleiben, oder zu ihm zurückzukehren.