Meditation zu Otto Dix: Saul und David

Meditation 2 zu Otto Dix:
Saul und David

(Bayer.) Evang. Gesangbuch S. 280
Sämtliche Bilder, ihre Beschreibungen und dazugehörige Meditationen finden Sie in: "Die Bilder im Gesangbuch. Beschreibung - Kontext - Zugänge" 1995 ISBN 3-87214-267-4

Beschreibung

Die Komposition ist beeindruckend: Ein klares, gewalttätiges Oben und ein zartes, gewaltfreies Unten. Saul wird mit aller seiner Macht dargestellt: Herrscherstab, Krone, Herrschergewand und Machtgebärde. Aber der Stab ist eher ein Knüppel, nicht Zeichen guter, kunstvoller Regierung, sondern Symbol primitiver Macht, die sich auch des Speers gegen den Gewaltfreien bedienen kann.

Auffällig ist der massive, eingezogene Kopf ohne Hals, der Unfreiheit und Verkrampftsein vermittelt und auch Angst. Wird sich diese Position über längere Zeit durchhalten können?

Der Knabe unter ihm ist harmlos. Mit geschlossenen Augen, ganz der Musik ergeben, spielt er mit zarten Fingern. Helligkeit liegt über ihm und seinem Instrument. Wäre er nicht im Bild, so wäre die Situation für alle Untertanen Sauls und für ihn selbst hoffnungslos und von reiner Brutalität gekennzeichnet. So aber geht eine Kraft von unten her aus und der Zuschauer ist gefragt, ob er der gewaltfreien Haltung eines singenden und musizierenden Kindes so viel zutraut wie der Maler es tut.

Kontext

In mehreren Bildern setzt sich Dix während und nach seiner Gefangenschaft 1945 mit biblischen Themen auseinander. Sie beleuchten und deuten seine eigene Situation. Hinter der Musik des Knaben David steht ja überhaupt die Kunst, die etwas gegen die totale Macht zu setzen hat - auch Gemälde gegen die dunkle Zukunft. In der Gefangenschaft malt er vor dem Stacheldraht Maria mit dem Kind zwischen Trümmern - Hoffnung gegen den Stacheldraht, Hoffnung für die Gefangenen im Dornwald des 20. Jahrhunderts. 1948 folgen die Bilder Geißelung· und Christus vor Pilatus· - auch hier die Erfahrung von Macht und Ohnmacht im Mittelpunkt, aber immer, wie auch bei Saul und David mit der klaren Aussage, wem nach der Erfahrung des Künstlers die Zukunft gehört. Wenn Dix die Bilder Saul und David· und Hiob· malt, so sind sie für ihn Vorläufer des Christus, in dem sich die leidvolle Erfahrung der Menschheit zentriert, so dass Pilatus, als er mit Jesus zusammentrifft, seine zentrale Rolle aufgeben muss und er seine Worte Ecce homo· - sehet, welch Menschlein! - von Dix in Bild und Wort korrigiert zurückbekommt, wenn unter dem Bild steht: Homo Deus Tuus est· - der Mensch ist Dein Gott.

Erschließung

Manche Menschen können sich nicht schwach zeigen. Sie demonstrieren Stärke und Härte und legen sich deren Attribute zu: Den Stab, die Krone, das Gewand. Sie befehlen, sie bezahlen, sie schüchtern ein. Manche Menschen können sich nicht schwach zeigen.

Dix deckt Sauls Schwäche auf. Alle Attribute der Macht werden entwertet durch das Lied, durch das Kind. Im spielenden und singenden Kind liegt Sauls Möglichkeit der Gesundung. Das Lied lädt Saul ein, selbst das Gesicht zu neigen, auch wenn die Krone dabei vom Haupt fiele. Das Lied lädt auch ihn zum Schließen der Augen ein, die dann nicht mehr argwöhnisch alles und jedes wahrnehmen und beurteilen müssten. Das Lied würde Sauls Finger sich entkrampfen lassen, selbst wenn dann der Herrscherstab sänke. Und mit dem Singen und Spielen entstünde Licht - Licht, das aus dem Licht Gottes kommt.

Aus dieser Geschichte vom Singen und Spielen Davids vor dem Mächtigen und für ihn ist die für uns bis heute wichtige Davidstradition entstanden: das älteste uns erhaltene Liederbuch des Glaubens an den Allmächtigen, der aus dem Munde der Kinder und Säuglinge und aller seiner Zeugen Lob zubereitet. Mit dem Buch der Psalmen ist der Anfang auch dieses Gesangbuches gegeben, das gegen das Übermächtige und Gewalttätige ansingt und Gesundung für unsere Zeit ermöglicht, Gesundung auch für uns selbst.

Das Neue Testament singt in vielen Teilen vom Sohn des David, Jesus, der sich des Blinden erbarmt und dem Armen das Lob ermöglicht, der ohne Stab und Krone und Herrschaftsabsicht in Jerusalem einzieht und empfangen wird mit dem "Hosianna, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt!"

Das Neue Testament singt danach von dem Sohne Davids, der am Kreuz das Haupt neigt, nachdem er das letzte für ihn gültige Lied, den Anfang des 22. Psalms, gebetet hat. Da, am Kreuz, wird die Ohnmacht der Mächtigen sichtbar.

Dix hat einmal über sein Bild von Saul und David gesagt: "Man kann es auch nennen Die Macht der Musik·, man kann es aber auch nennen Die Macht des Geistigen über die pure Gewalt·."

Das Osterlied ist im Entstehen, das Lied von der Macht des Gekreuzigten Friedenskönigs über die letzte pure Gewalt, den Tod.