Meditation zu Max Beckmann: Jesus und Pilatus

Das Bild findet sich (Evangelisches Gesangbuch S. 626) und
http://www.brooklynmuseum.org/opencollection/objects/62945/Christ_and_Pi...

Meditation 1 zu Max Beckmann: Jesus und Pilatus
 

(Bayer.) Evang. Gesangbuch S. 626.
Sämtliche Bilder, ihre Beschreibungen und dazugehörige Meditationen finden Sie in: "Die Bilder im Gesangbuch. Beschreibung - Kontext - Zugänge" 1995 ISBN 3-87214-267-4

Beschreibung

Das Bild enthält deutlich zwei Hälften, aber die kleinere, Gewalt ausstrahlende Person des Pilatus dringt über seinen Bereich hinaus mit der Gesichtspartie, den starken Oberarmmuskeln und der seltsamen Hand, die so gar nicht zu dem Machtmenschen zu passen scheint. Der Christus erträgt diesen Übergriff in seinen Bereich stoisch. Nur die von Pilatus verordnete Dornenkrone reicht mit zwei Stacheln in den Bereich des Pilatus. Helligkeit und Dunkelheit sind klar verteilt: Für den einen das pralle Leben, für den anderen Leiden und Tod. Überraschend sind die beiden runden Flecke auf dem Haupt Jesu und der Stirn des Pilatus. Warum hat Beckmann in das Bild eine Leiter gezeichnet? Ist es die Leiter zum Kreuz? Oder die Leiter zu weiterer Macht, die Pilatus erstrebt? Oder wird über diese Leiter von oben her, von Gott her etwas vermittelt werden?

Ich als Betrachter werde auch ins Bild gezogen: Die Augen des zur Kreuzigung Bestimmten schauen mich an - nicht hilfesuchend, sondern auf meine Reaktion wartend.

Kontext

Es ist schwer zu sagen, welche Bedeutung der christliche Glaube für Beckmann hatte. In seinen Tagebüchern zwischen 1940-1950, also bis zu seinem Tode, schreibt er wenig davon (vgl. etwa zum 17.11.46; 23.1.47). Die Aufzeichnungen zwischen 1925 und 1940 hat er vernichtet. Aber da sind ja einige Grundmotive, die er in den Bildern aufgreift, etwa Adam und Eva, Kreuzabnahme, Auferstehung, der Verlorene Sohn, die gesamte Apokalypse des Johannes und dieses Bild von Christus vor Pilatus, das ein wichtiges Gegenbild in der Darstellung des Christus und der zur Steinigung gebrachten Sünderin (Joh 7,53-8,11) hat. Beckmann malt sich selbst als Pilatus, er gibt aber in dem Bild mit der Sünderin dem schützenden und erhebenden Christus seine eigenen Züge. Seine Bilder sprechen so mehr als seine Tagebücher über seine Beziehung zu Jesus.

Dass Beckmann sich als Pilatus darstellt, hängt vielleicht mit den vielen Überlegungen zu seinem eigenen Tod zusammen. In den Tagen, in denen das Bild mit Christus und Pilatus fertig geworden ist, schreibt er: "Ein lächerlicher alter Clown bin ich und nichts anderes" (18.4.46). Beckmann spiegelt sich in Christus, der den Weg zum Tod geht und ganz anders ist - ein Vorbild für den Maler? Die Haltung des zur Kreuzigung Bestimmten - eine Seite des Künstlers, die er intensiv bedenkt? Kann man also als Künstler einmal Pilatus sein, ein anderes Mal Jesus? "Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich?" - so fragt auch Beckmanns Zeitgenosse Dietrich Bonhoeffer sich.

Erschließung

Was für eine seltsame Hand dessen, der da Hand anlegt! Was will der, dem diese Hand gehört, begreifen? Er dringt in den Raum, der dem anderen zu steht, ein: mit der Hand, der Schulter, einem Teil seines Gesichtes. Er kann es sich leisten, den Abstand nicht zu wahren. Seine Macht legitimiert ihn. Doch: Merkt er bei seiner Annäherung gar nicht, dass er sich an der Krone des anderen verletzen wird? Ein Stachel in seinem Fleisch, ein Stachel im Rechtsbewusstsein der Menschheit! Erstaunlich, dass der andere bei dem Eindringen der Macht in seine Sphäre nicht weicht: "Du hättest keine Macht, wenn sie dir nicht von oben herab gegeben wäre" - so sagt er. Von oben? Von jener Leiter herab gegeben wäre, die sonst so unerklärlich im Raum steht?

Erstaunlich, dass der andere - der Christus Jesus - nicht weicht. Die Dunkelheit des Todes und des Verlassenseins und des Unrecht-Leidens steht ihm im Gesicht geschrieben. Er weicht nicht, weil er König ist, dazu geboren und in die Welt gekommen, dass er für die Wahrheit zeugen soll.

Der 45. Psalm singt von diesem Zeugen. Dort heißt es:

"Mein Herz dichtet ein feines Lied, einem König will ich es singen; meine Zunge ist ein Griffel eines guten Schreibers... Es möge dir gelingen in deiner Herrlichkeit. Zieh einher für die Wahrheit in Sanftmut und Gerechtigkeit."

In Beckmanns Bild ist dieser Griffel eines guten Schreibers· wieder am Werk, nun 1946, ein Jahr nach dem Ende des Krieges, in dem der andere Pilatus, der andere Kreuziger und Vergaser, in den Lebensraum der Kinder Gottes und des Sohnes Gottes eingedrungen war.

Nun wird uns sichtbar gemacht, warum es nicht zurückzuweichen gilt vor der Macht in allen ihren Schattierungen, auch wenn das Leiden mit sich bringt.

Beckmann zeichnet den Menschen, über den Pilatus gesagt hatte: ecce homo - was für ein Menschlein! Oder zeigt der weiße Fleck an der Stirn des Pilatus, der eindeutig die Züge des Malers selber trägt, dass es ihm aufdämmert, worin Menschsein besteht? Hatte er etwa auch gesagt: ECCE HOMO - Seht: DER MENSCH?

Hat Beckmann vier Jahre vor seinem eigenen Tode sein eigenes Leben im Gegenüber zu Jesus von Nazareth kritisch sich überlegt, staunend vor dem, der so ganz anders als er selber gelebt hat? Hat er sich in diesem Bilde dem Jesus angenähert, der sich wie er auch um die kleinen Leute in seinen Bildern gekümmert hat, auch wenn er als Maler  die Verbindung zu den Großen brauchte, um existieren zu können? Erkennt er in dem Verurteilten den, der  in Wahrheit in dieser Welt handelt?