Wichtige Ergänzung aus dem Jahr 2001


Drei griechische Buchstaben helfen mir zu einer Entdeckung -

hä - k - o (= ich komme),

und es treten zwei sehr wichtige übersehene Texte aus dem Alten Testament ins Rampenlicht der Johannesexegese:

1. PSALM 39 (in der griech. Übersetzung,
                      in der deutschen Bibel: Ps 40)

und
2. Jesaja 6

 Tetraevangeliar des Zaren Alexander)
Ausschnitt aus „Himmelfahrt Christi“
(Shivkova: Tetraevangeliar des Zaren Alexander)

Man hat sich immer wieder gewundert, dass Jesus im Johannesevangelium häufig als der dargestellt wird, den Gott gesandt hat.
Für alle hoheitlichen Bezeichnungen Jesu hatte man nämlich im AT Erwartungstexte: Für Messias, Sohn Gottes, Heiland, Menschensohn usw.
Ein solcher Erwartungstext aus dem AT fehlte für das Verständnis Jesu als von Gott gesandt.
Also suchte man in außerbiblischen Schriften etwa zur Zeit des Johannes oder später und fand – dachte man.
Der große Ausleger des Johannesevangeliums, Rudolf Bultmann, hat die zur Zeit Jesu und danach verbreitete religiöse Bewegung der Gnosis1 als Quelle des johanneischen Redens vom Gesandten gesehen. Eine so häufig gebrauchte Bezeichnung für Jesus wie „vom Vater gesandt2 “konnte ja nicht aus dem Nichts entstanden sein. Und so zitierten Bultmann und seine Schüler aus gnostischen Schriften und manche sahen wohl im Evangelisten selbst einen halben Gnostiker.
Ich denke, drei wichtige Buchstaben3 haben diese große These für immer zu Fall gebracht. Ich war überrascht, als ich das entdeckt habe4 :
Diese griechischen Buchstaben für „ich komme“ oder „ich bin gekommen“ stehen in Psalm 39 Vers 8 der griechischen Bibel (in der deutschen Bibel Ps 40,8). Sie kommen im NT nur ein einziges Mal vor in einem Zitat aus dem Psalm im Hebräerbrief 10,7-9 und ein einziges Mal bei Johannes 8,42, wo der Hintergrund des Psalmzitates jedoch nicht so offen ersichtlich ist. Aber bei Johannes spielen die Einzelaussagen aus Ps 39 (4o) eine so große Rolle5 , dass es ganz klar ist, dass Johannes diesen Psalm ausführlich benutzt hat.
Worum geht es in dem Psalm nach dem Verständnis, das sich im Hebräerbrief und bei Johannes findet?
1. Gott will das Tieropfer nicht zur Vergebung von Sünden.
2. Er hat dem im Psalm betenden einen Leib bereitet
6 .Von diesem Leib spricht Jesus in Joh 2,18-22, nachdem er Händler und ihre zum Opfer für Sünden bestimmten Tiere aus dem Tempel getrieben hatte. Diesen Leib, sein Leben, lässt er aus eigenem Antriebe, Joh 10,17.18. Joh 19,38-42 spricht dann von der Grablegung dieses Leibes7.

Aus der Bamberger Apokalypse
Aus der Bamberger Apokalypse

3. Gott will, dass sein Wille getan wird. Der Psalmbeter sagt: „Siehe, Ich komme, im Buch ist von mir geschrieben. Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern...“.

Im ganzen Johannesevangelium finden sich diese Worte wieder. Joh 8,42 war für mich das Eingangstor dafür, diesen reichen alttestamentlichen Hintergrund aus dem Psalm zu entdecken – und das erst nach etwa 35 Jahren Studium des Vierten Evangeliums!
Zwar steht in diesem Psalm noch nichts von der „Sendung“ dessen, der mit seinem Leib den Willen Gottes tun will, aber der wichtigste Hinweis ist schon mit dem Nennen des Bibelbuches gegeben: „Im Buch ist von mir geschrieben.“ Der Evangelist Johannes war sich sicher, welches Bibelbuch gemeint war: Jesaja 6! Dieses Kapitel enthält die bedeutendste Vision des AT neben den Visionen des Jakob mit der Engelsleiter (Gen 28) und der Vision des Mose (Ex 34) und des Daniel (Dan 7).
Johannes hat Jesaja 6 auf der Grundlage des hebräischen Textes so verstanden:
Der Prophet Jesaja wird zum wichtigen Zeugen für ein Gespräch im himmlischen Bereich. Es findet in einer Atmosphäre der Herrlichkeit und der höchsten Ehrerbietung statt: „Heilig, heilig, heilig...“.
Der Prophet hört Gottes Frage: „Wen soll ich senden und wer wird unser Bote sein?“- eine Frage in himmlischer Ratsversammlung.
Auf diese Frage hin antwortet der, den man später den Messias nennen wird. „Da sagte er -(nicht, - wie nach anderer Vokalisierung des hebräischen Textes: „Da sagte ich“, Jesaja!) –

„Da sagte ER: Hier bin ich, sende mich.“

Gott, den nie jemand gesehen hat – auch Jesaja nicht, beruft den, den man den Messias nennen wird, zum Gesandten.
„Der Vater, der mich gesandt hat...“ so wird es dann bei Johannes heißen.
Und: „Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.“ Und Gott beruft den, der sich senden lässt und der sagt „ich komme“, zum Heilen, (Jes 6,10 Ende), damit Gott nicht richten muss. Aber dieses Heilen und das Tun des Willens Gottes wird durch Gegner Jesu dazu führen, dass Jesus seinen Leib bis alles vollbracht ist, einsetzt und ein Tempeldienst mit dem Opfer von Tieren sich erübrigt: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt.“

So sind Jesaja 6 und Psalm 39(40) wie zwei Seiten der einen Medaille:
Wer von dem Jesus nach johanneischem Verständnis von Ps 39(40) spricht, muss gleichzeitig von dem Jesus nach johanneischem Verständnis von Jes 6 sprechen und umgekehrt. Senden, sich senden lassen, kommen, den Willen Gottes tun, Heilen, gehören zusammen, wie Vater und Sohn zusammengehören.

[Übrigens: Mohammed muss Christen gekannt haben, die ihm von dem von Gott gesandten Jesus erzählt haben. Er hat den Begriff des Gesandten dann für sich übernommen. Er hat gemeint, dass Jesus mit dem verheißenen Parakleten (Joh 16,4ff – Luther übersetzt „Tröster“) Mohammed gemeint habe. So steht es heute im Glaubensbekenntnis des Islam. Es gibt nur den einen Gott, und Mohammed ist sein Gesandter.]

Uns Christen hat Johannes jedoch klar gemacht, dass nach dem Lamm Gottes, das der Welt Sünden trägt, keine tierischen Opfer mehr nötig sind und auch kein weiterer Gesandter.


1 griechisch: Erkenntnis. In diesem Erlösungsglauben ist das Heil des einzelnen abhängig von der Erkenntnis Gottes und der erlebten Einsicht in göttliche Geheimnisse. Eine grosse Rolle spielen Spekulationen über den Gegensatz von Gott und Materie. Bultmann: „Aus dieser Gnosis ist die Gestalt des Logos als des Schöpfers zu verstehen.“ Und: „Besonders wird in der Gnosis der Offenbarer oder die Offenbarung als von Gott „gesandt“ charakterisiert.“ Das AT als Quelle johanneischen Redens wird von Bultmann vernachlässigt.

2 Die Schriftstellen bei Johannes finden Sie unter „senden, gesandt“ in jeder Konkordanz.

3 hkw ausgesprochen „häko“ = ich komme, bin gekommen

4 vergleiche meine beiden auf der homepage veröffentlichten Artikel „Vom Hebräerbrief zum Johannesevangelium, anhand der Psalmzitate“ (Original in der „Biblischen Zeitschrift“ NF 2000, S. 92-99)
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/130
und: “Wie der Evangelist Johannes gemäß Joh 12,37ff. Jesaja 6 gelesen hat" (Original in der „Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft“ 92. Bd. 2001,S.33-46).
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/56

5 vergleiche den unter Anmerkung 4 genannten Artikel „Vom Hebräerbrief...“ unter „2. Ps 40 im JohEv: fünf Elemente“.

6 Der hebräische Text hat „Ohren gegraben“. Der griechische Text, von dem der Hebräerbrief und Johannes abhängen, hat „einen Leib schöpferisch bereitet“.

7 das griechische Wort heißt „soma“. Für den lebenden Christus spricht Johannes von „sarx“, „Fleisch“ – „...und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns...“.