Vom Evangelisten benutzte Traditionen - Bindung und Freiheit

Ein bei ökumenischen Treffen oft zitiertes Wort aus 17,20f lautet:

"Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns seien, damit die Welt glaube, du habest mich gesandt."
Der Evangelist Johannes hat dieses Wort gelebt. Damit eine Herde und ein Hirt - 10,16 - werde, hat er auch andere christliche Glaubensformen, die in anderen Gemeinden ihre Schwerpunkte hatten, aufgenommen, nämlich: Die erste nichtjohanneische Tradition: Das Wunderbüchlein - oder Wunderevangelium:
Schon im Judentum gab es viele Gruppen mit ihren verschiedenen Erwartungen. Eine dieser Gruppen erwartete die Wiederkunft des Propheten Elia auf Grund des Wortes, das in unserem Alten Testament als letztes steht - Maleachi 3,23f - "Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des Herrn kommt. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern, auf dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage." Elia ist der Wundertäter im Alten Testament. Was wundert es da, wenn man in dem Wunder-wirkenden Jesus jenen wiederkehrenden Elia sah. Andere wiederum sahen das Versöhnungswirken "ehe der große und schreckliche Tag des Herrn kommt" als Schwerpunkt im Wirken des wiederkehrenden Elia. Was wundert es da, wenn man Johannes den Täufer, der vom Gericht Gottes so drastisch und drohend sprach und zur Umkehr in der Taufe aufforderte, als diesen neuen Elia sah. Im Neuen Testament gibt es genügend Hinweise, dass die einen Christen den Täufer als Elia verstanden, die anderen aber Jesus. Im Johannesevangelium kommt jene nicht-johanneische Gemeinde mit ihren Traditionen zu Wort, die in Jesu Wunderwirken den neuen Elia am Werk sah und im Täufer eine Stimme eines Predigers, der zur Wegbereitung für das Kommen des Messias aufforderte. So sammelte jene nicht-johanneische christliche Gemeinde Wunder Jesu, ordnete sie, gab ihnen einen kleinen Einleitungsteil, in dem Johannes der Täufer als Nicht-Elia, sondern Wegbereiter Jesu aufgezeigt wurde und gab den Wundern, in die man Elia-Worte einarbeitete, einen kurzen Schluss: dass man durch die Wunder glauben solle, dass Jesus der Christus sei.
Johannes hat dieses kleine Wunderevangelium als erstes - schriftlich wohl - erhalten. Aus Andeutungen wie 4,48 wissen wir, dass Johannes den durch Wunder und Sehen und Begreifen hervorgerufenen Glauben nicht sonderlich schätzte. Aber er hat die Wundergeschichten jener anderen Gemeinde aufgenommen und manchmal kräftig kommentiert, um auch sein eigenes Glaubensverständnis deutlich auszudrücken. Zu den Wundern des Wunderbüchleins gehören wohl: Die Hochzeit zu Kana - Joh 2 , die Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten - 4,43ff (mit kommentierendem Wort von Johannes in 4,48) - die Speisung der 5000 mit dem Wandel Jesu auf dem Meer - Joh 6 (mit ausführlichen Kommentierungen durch Johannes in 6,22-6,59) , die Heilung eines Blindgeborenen am Sabbat - Joh 9 (mit einer ausführlichen Weiterführung der Geschichte durch Johannes im gesamten Kapitel) und die Auferweckung des Lazarus - Joh 11 (wieder mit sehr ausführlichen johanneischen Aussagen im Geiste Jesu verbunden).
Jene christliche Gemeinde neben Johannes, die wohl auch für Heiden ihr Wunder-Evangelium zusammenstellte und jüdische Worte übersetzte und Gebräuche erklärte, jene Gemeinde erklärte sich den Unglauben von Juden trotz der Wunder mit einem Wort aus Jes 6,9f, das vielen Christen auch in anderen Gemeinden bis hin zu Paulus eine Erklärungshilfe war: "Darum konnten sie" (nämlich: ein Teil der Juden) "nicht glauben, denn Jesaja sagte: "Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, dass sie mit den Augen nicht sehen noch mit dem Herzen vernehmen und sich bekehren, und ich ihnen hülfe." - 12,37-40. Das kleine Wunderbüchlein wird dann mit den Worten geschlossen haben: "Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor den Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, dass ihr glaubet, Jesus sei der Christus, der Sohn Gottes."
Ich vermute, dass Johannes die Einheit mit jenen "Wunder-Christen" hat wahren können, auch wenn seine Kommentare die Wunder in Grenzen weisen und der Jesus, den er kennengelernt hat, mehr zu geben hatte als Wunder und mehr war als der wiedergekommene Elia.
Es gibt eine Reihe von Anzeichen, die darauf hinweisen, dass Johannes eine erste Ausgabe seines Evangeliums geschaffen hat, die nur aus dem Wunderevangelium und seinen Kommentaren dazu bestand.
Jahre später aber ergab sich die Möglichkeit und auch die Notwendigkeit, diese erste Ausgabe seines Evangeliums wesentlich zu verändern, nämlich durch die:.
Zweite nichtjohanneische Tradition: "Der vierte Synoptiker".
a) Die Möglichkeit, die erste Ausgabe des Johannesevangeliums zu erweitern, war durch folgendes Ereignis gegeben: Johannes ist mit anderen Christen zusammengetroffen. Sie brachten das Evangelium, das in ihrer Gemeinde entstanden war, mit. Sie konnten sich darauf berufen, dass ihr Evangelium von dem Augenzeugen der Kreuzigung und Jünger, dem Lieblingsjünger, stammte. Ein ehrwürdiges Evangelium, das in der Gemeinde jener Christen nur wenig nach dem natürlichen Tode jenes Lieblingsjüngers überarbeitet worden war, um das Verhältnis zwischen Simon, dem Felsen mit seiner zum Martyrium strebenden Gemeinde und dem Lieblingsjünger, der ohne Martyrium gestorben war, klarzustellen. Da dieses mitgebrachte Evangelium in seinem Anfang auch vom Täufer sprach und es auch Wunder enthielt, z.B. Joh 5, ergab sich für den Evangelisten (Johannes II) die Möglichkeit, seine erste Ausgabe zu überarbeiten: Er musste einzelne Stücke einarbeiten. Nähte dieser Einarbeitung sieht man noch, z.B. dass die Ordnung von Joh 4 - 7 gestört ist, genau durch das eingefügte Wunder in Joh 5 bedingt. In der ersten Ausgabe des Johannesevangeliums gehörten einmal Joh 4 (Ende) und Joh 6 (Anfang) zusammen. Auch in 6,50/51 ist so eine Naht, weil das mitgebrachte Evangelium auch die Geschichte vom letzten Mahl Jesu enthielt und der Evangelist gern davon im Anschluss an das von ihm in 6,1-50 schon früher Dargelegte sprechen wollte. Der Hauptteil des mitgebrachten Evangeliums vom Augenzeugen, dem Lieblingsjünger, bestand jedoch in der Passionsgeschichte mit den wichtigen Berichten vom Todesbeschluss gegen Jesus, von der Salbung Jesu, dem Einzug in Jerusalem, der Tempelreinigung, von Fußwaschung, Abendmahl und Verrat, von Ankündigung der Petrus-Verleugnung und dem Gebet in Gethsemane, von Gefangennahme, Jüngerflucht, Verleugnung und Verhandlungen vor jüdischen Autoritäten und Pilatus, dann Kreuzigung, Tod, Bestattung und Auferstehung, Erscheinung vor Maria Magdalena und anderen Frauen, vor Petrus und Thomas, Beauftragung zur Sündenvergebung und Begabung mit dem Geist, schließlich letzte Begegnungen am See in Galiläa. All das ließ sich leicht in der zweiten Ausgabe des Johannesevangeliums am Ende der ersten Ausgabe anbringen, aber Johannes II tat das nicht mit dem ganzen Material. Der Grund besteht
b) in der Notwendigkeit, die erste Ausgabe des Johannesevangeliums zu überarbeiten: Nach anfänglichen Verfolgungen von Christen unmittelbar nach dem Tode Jesu scheint es eine Zeit relativer Ruhe für die Christen gegeben zu haben, auch für die Gemeinde von Johannes II. Das wurde mit den Wirren des Krieges 66-70 und besonders nach dem Ausschluss aus der Synagoge anders. In der Gemeinde des Augenzeugen Johannes I konnte die Tempelreinigung Jesu noch als provokative Tat verstanden werden, die bewirken sollte, dass die Nachfolger Jesu in einem von Händlern gereinigten Tempel Gottesdienste miterleben konnten. Der Prophet Sacharja hatte davon als seiner letzten großen Hoffnung in den letzten Worten seines Buches geschrieben: "Und es wird keinen Händler mehr geben im Hause des Herrn Zebaoth zu der Zeit" - zur Endzeit der Welt! Die Tempelreinigung auf dem Hintergrund des Sacharja war für die Gemeinde des Augenzeugen so wichtig, dass sie versuchte, andere Ereignisse im Leben Jesu auf dem Hintergrund des Sacharja-Buches zu deuten. Jenes "Siehe, ich will meinen Knecht, den Spross, kommen lassen...und will die Sünde des Landes wegnehmen an einem einzigen Tag" - Sach 3,8-10 - taucht in den Worten des Täufers wieder auf, der von dem spricht, der nach ihm kommen wird, der das Lamm Gottes ist, das die Sünde des Landes wegnimmt (Johannes II sagt: das die Sünde der Welt wegnimmt). Sacharja sprach von dem Spross, denn "unter ihm wird’s sprossen, und er wird bauen des Herrn Tempel" - Sach 6,12 - vgl Joh 2,19: "Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten." Sacharja hatte gesagt: "Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin" - vgl Joh 12,14f. Bei Sacharja steht: "Und sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben, und sie werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einziges Kind..." - Sach 12,10. Der Augenzeuge, der Lieblingsjünger, hatte gerade das gesehen: "...und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr...". Der Lieblingsjünger hatte auch miterlebt, wie die Jünger Jesus verlassen hatten, wovon Sacharja zu sprechen schien: "Schwert, mache dich auf über meinen Hirten, über den Mann, der mir der nächste ist! spricht der Herr Zebaoth. Schlage den Hirten, dass sich die Herde zerstreue" - Sach 13,7. Ja, der Tempel und was in den letzten Tagen in Jerusalem geschehen war, stand in der Gemeinde des Augenzeugen im Mittelpunkt, aber wie sollte Johannes II Zugang zu dieser Tempelreinigung in einer Zeit finden, als der Tempel mit dem Jahre 70 in Schutt und Asche gelegt worden war?
War es denn der Einsatz für diesen Tempel, der Jesus das Leben gekostet hat? Johannes II hat andere Erkenntnisse gewonnen.
Ihm scheint die Auferweckung des Lazarus, der Sieg über den Tod, eher der Anlass gewesen zu sein, gegen Jesus einen Todesbeschluss zu fassen - 11,46ff. Und so versetzt er die Tempelreinigung von ihrem historischen Platz nach dem Einzug in Jerusalem an den Anfang seines Evangeliums, ins zweite Kapitel - und nicht Tempelreinigung, sondern die Auferweckung des Lazarus ist für ihn Grund für einen Todesbeschluss: das Leben wird vom Tod bekämpft, der Bringer des Lebens soll hingerichtet werden. Und der Prophet Sacharja bekommt den für Johannes II viel wichtigeren Propheten Jesaja an die Seite gestellt.
Zur Notwendigkeit, das Evangelium zu überarbeiten, gehört auch, dass die johanneische Gemeinde auf Hass, Verfolgung und Tod vorbereitet werden musste. Die Tradition jener Gemeinde des Augenzeugen - das vierte synoptische Evangelium - konnte dabei helfen. Glieder dieser Augenzeugen - Gemeinde hatten Jesusworte mitgebracht, die hilfreich waren in der neuen Verfolgungssituation, z.B.: "Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten." - 15,20. "Amen, Amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt’s allein; wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein" - 12,26. Im Anschluss an diese Tradition kann der durch Johannes II sprechende Jesus der Gemeinde des Johannes II Schweres ansagen: "Solches habe ich euch von Anfang nicht gesagt, denn ich war bei euch" - 16,4.
So lernen wir durch das Johannesevangelium vier christliche Gemeinden kennen: 1. Die Gemeinde des Augenzeugen, der eines natürlichen Todes stirbt, 2. die Gemeinde der Christen, die durch die Erzählung vom Wunder tuenden Jesus zum Glauben an ihn als den wiedergekommenen Elia führen will, 3. die Gemeinde des Petrus, die das Martyrium propagiert und 4. die Gemeinde des Johannes II, die sich auf der Flucht, dem Auszug befindet, Jesus bei sich hat und dem Haus des Vaters zustrebt, die den Geist bei sich hat und Leben für die Welt verkündigt. Vier Gemeinden, die nach dem Willen Jesu und dem des Evangelisten eins sein sollen, auf dass eine Herde und ein Hirte sei.

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