Der Friedenskönig - Scheitern und Erfüllung

ZUGANG 23

DER FRIEDENSKÖNIG -
SCHEITERN UND ERFÜLLUNG

Als der jüdisch-römische Krieg vom Jahre 66-70 vorbei ist, ist nicht nur der Tempel verwüstet, sondern das ganze Land vom äußersten Norden bis zum Süden. Zur äußeren schlechten Lage auch der Christen kommt nach einer Reihe von Jahren die innere Bedrängnis durch den Ausschluss aus der Synagoge. In dieser Situation zielt alles, was der Evangelist unter dem Einfluss des Geistes im Namen Jesu sagt, darauf hin, dass die Gemeinde Frieden hat: Sie hat solchen Frieden von Jesus erfahren und wird ihn erfahren. Und wie es zwei Ebenen gibt, das Leben Jesu zu betrachten - das Leben der Niedrigkeit und der Verfolgung und des Kreuzes und auf der anderen Ebene das Leben der Hoheit und der Vollendung am Kreuz, so gibt es auch zweierlei Frieden. Den Frieden der unteren Ebene kann die Gemeinde ebenso wenig erfahren wie ihr Meister - 13,16 und 14,27. Aber im Frieden der oberen Ebene hat die Gemeinde Erfahrung und wird immer Erfahrung haben:
"Meinen Frieden gebe ich euch". Und 16,33:
"Solches habe ich mit euch geredet, dass ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."

Der Friede wird jedoch in Joh 18 und 19 zum großen Thema, wenn Johannes Jesus als den erwarteten Friedenskönig darstellt. Dazu muss ich einleitend etwas sagen:
Wenn Juden über den Sabbat diskutieren, diskutieren sie immer auch über die Zeit des Messias. Der Sabbat ist ja Vorgriff auf die Messias-Zeit, soll Abbild dieser künftigen Zeit sein. In diesen jüdischen Diskussionen über den Sabbat kann es um Sein oder Nichtsein gehen, wenn man z.B. entscheiden muss, ob am Sabbat Waffen getragen - und benutzt - werden dürfen oder nicht. Die eigentliche Frage aber lautet: Was sagt die Bibel zum Thema? Trägt der Messias in der Messiaszeit Waffen - dann dürfte man sie auch am Sabbat jetzt tragen und benutzen. Trägt er keine Waffen, dann darf man sich auch am Sabbat nicht verteidigen oder darf gar angreifen. Aber sagt denn das Alte Testament genau, wie es mit den Waffen und dem Messias sein wird? Jesaja scheint davon zu sprechen, wenn er prophezeit, dass man Schwerter zu Pflugscharen umschmieden wird - Jes 2,4. Und in Ps 45 - vom Targum als Messiaspsalm verstanden, heißt es:
"Mein Herz dichtet ein feines Lied, einem König will ich es singen; meine Zunge ist ein Griffel eines guten Schreibers:
Du (- d.h., der Messias -) bist der Schönste unter den Menschenkindern, voller Huld sind deine Lippen;
Wahrlich, Gott hat dich gesegnet für ewig.
Gürte dein Schwert an die Seite, du Held, und schmücke dich herrlich!
Es möge dir gelingen in deiner Herrlichkeit.
Zieh einher für die Wahrheit in Sanftmut und Gerechtigkeit,
so wird deine rechte Hand Wunder vollbringen.

Scharf sind deine Pfeile, dass Völker vor dir fallen;
sie dringen ins Herz der Feinde des Königs.
Gott, dein Thron bleibt immer und ewig;
das Zepter deines Reiches ist ein gerechtes Zepter.
Du liebst Gerechtigkeit und hassest gottloses Treiben;
darum hat dich, Gott, dein Gott, gesalbt mit Freudenöl
wie keinen deinesgleichen..."

Da trägt der Messias also ein Schwert - aber es ist nur zum Schmuck da - ein Zierschwert. Die Diskussion über diesen Psalm kann man im Talmud nachlesen. Dass man gezwungen ist, auf Grund aktueller Bedrohungen nicht nur zu diskutieren, sondern auch zu entscheiden, zeigt uns eine kleine Szene, die uns der Geschichtsschreiber Josephus überliefert hat in seinem Bericht über den Jüdischen Krieg. Der Führer der aufständischen Juden, Johannes von Gischala, lässt den römischen Feldherrn Titus, der die Stadt Gischala belagert, seine Zustimmung zur Übergabe der Stadt wissen, bringt aber die Einschränkung: "Allerdings läge es an Titus, nach dem Gesetz der Juden den gegenwärtigen Tag - es war nämlich gerade der siebte - als Feiertag zu achten. Wie es nämlich an diesem Tag ein Verstoß gegen das göttliche Gesetz sei, eine Waffe anzurühren, so dürfe man auch keine Unterhandlungen führen."
Schon der Römer Pompeius hatte 63 v. Chr. bei der Belagerung Jerusalems - um einen Teil der Juden in der Stadt für sich zu gewinnen - jeweils den siebten Tag der Woche abgewartet, um den Belagerungsdamm in die Höhe zu treiben und hat den Soldaten verboten, sich am Sabbat in ein Handgemenge einzulassen, "denn einzig zu ihrem persönlichen Schutz durften sich die Juden am Sabbat zur Wehr setzen."
Im Johannesevangelium wird Jesus auf dem Hintergrund des 45. Psalms als der Friedenskönig geschildert:
1. Er verbietet grundsätzlich die Benutzung von Waffen und sagt das dem Petrus 18,11.
2. Vor Pilatus bekennt sich Jesus zu einem Königtum, das in Erfüllung von Ps 45,5 im Zeugnis für die Wahrheit besteht.
Pilatus: "Bist du ein König?" - 18,33. .... Jesus: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da sprach Pilatus zu ihm: so bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll (= Ps 45,5). Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und da er das gesagt, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm..." - 18,38.
3. Bei der Gefangennahme Jesu, bei der nach Johannes auch römische Kriegsknechte beteiligt waren, heißt es - und man muss Ps 45,6 dazu hören ("Scharf sind deine Pfeile, dass Völker vor dir fallen"): "Als nun Jesus sprach: Ich bin’s! wichen sie zurück und fielen zu Boden. Die Waffe der Wahrheit - und nicht das Schwert - streckt zu Boden. Die Waffe der Wahrheit bringt auch Pilatus zu dem Ausspruch: "Ich finde keine Schuld an ihm". Der Verzicht auf irdische Waffen bedeutet dann allerdings auch, dass Jesus den Kelch des Todes trinken muss. Er kann als Messias nicht "ewiglich bleiben" - wie es die Gegner vom Messias auf Grund des Alten Testamentes erwarten - 12,34. Durch den Geist der Wahrheit aber bleibt Jesus ewiglich und erfüllt sowohl das alttestamentliche Gesetz als auch das Psalmwort vom Messias, der für die Wahrheit Zeugnis ablegt. Der Geist der Wahrheit übernimmt die Zeugnis-Aufgabe, aber auch die Nachfolger Jesu übernehmen sie: "Und auch ihr werdet meine Zeugen sein."
Das Friedenswerk des Messias, der den Todeskelch trinkt, geht im Geist weiter und soll in uns weitergehen, wenn wir Nachfolger Jesu sein wollen.
Noch an einer zweiten Stelle wird meiner Meinung nach die aktuelle Diskussion über das Kriegführen aufgenommen: In Joh 10, dem Kapitel vom guten Hirten. Josephus berichtet von jenem schon erwähnten jüdischen Heerführer Johannes von Gischala: "Als nun Johannes in der Nacht rings um die Stadt keine römischen Wachen mehr sah, ergriff er die günstige Gelegenheit und floh nicht nur mit seinen Schwerbewaffneten, sondern noch mit zahlreichen Zivilisten und deren Familien gen Jerusalem. Auf 20 Stadien Entfernung konnte er, der aus Furcht, gefangen zu werden und sein Leben zu verlieren, davoneilte, die vielen Frauen und Kinder auf der Flucht beisammen halten; auf dem weiteren Weg aber konnten sie nicht mehr folgen, und es war entsetzlich, wie die Verlassenen nun schrieen... von denen jedoch, die sich mit ihm auf den Weg gemacht hatten, töteten sie (- die Römer) an die 6000; fast 3000 Frauen und Kinder schlossen sie ein und trieben sie zurück." Joh 10 liest sich sehr aufschlussreich vor einem solchen, von Josephus in der Lebenszeit des Evangelisten Johannes geschriebenen Bericht: Da wird der Dieb und Räuber genannt (also z.B. Johannes von Gischala), der in den Schafstall eindringt (also z.B. bei der Bevölkerung von Gischala in Galiläa), auf den Christen nicht hören, dessen Argumentationsart sie nicht akzeptieren. Der Dieb kommt nur, dass er stehle, würge und umbringe. Man könnte ihn auch als Mietling verstehen, des die Schafe nicht eigen sind, der den Wolf - das Wappentier Roms! - kommen sieht, die Schafe verlässt und flieht; und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe. Ganz anders der Messias, der gute Hirte: Er geht durch die Tür in den Schafstall, ist also rechtmäßig dann dort. Seine Schafe kennen ihn. Er ruft sie mit Namen und führt sie hinaus. Er ist gekommen, dass die, die auf ihn hören, nicht den Tod erfahren, sondern Leben und volles Genüge haben sollen. Er lässt sogar sein Leben für die Schafe, er lässt es auf eigene Entscheidung hin. Darum liebt ihn der Vater. Und einmal wird die Erwartung aus dem Propheten Hesekiel vom Wirken des Messias erfüllt sein: Eine Herde und ein Hirte - Hes 34 und 37.
Ich denke, dass dieser Verzicht auf das Schwert zugunsten des Zeugnisses für die Wahrheit in einer vom Krieg 66-70 n. Chr. dermaßen belasteten und gezeichneten jüdischen Generation für viele Juden sehr einladend gewirkt hat, so einladend, dass Autoritäten Angst vor dem Zerfall ihrer Form des jüdischen Glaubens bekamen und eine Erweiterung des 18-Bitten-Gebets beschlossen. Christen haben den Verzicht auf das Schwert lange gelehrt und gelebt. Erst als sie sich in den Dienst des römischen Kaisers Konstantin am Anfang des 4. Jahrhunderts begaben und nicht mehr bedrohte und getötete Minderheit waren, beginnt ein Rückschritt: Der Waffe wird wieder der Friede zugetraut, nicht mehr dem Friedenskönig. Es ist, als ob die Messiaszeit gar nicht angefangen hätte. Unsere Entscheidung heute ist gefragt.

Lichtzeichen über dem Erdendunkel
Lichtzeichen über dem Erdendunkel


Aus der Literatur

Pascal (Nr. 365), "Gedanken" im Hinblick auf jüdische Erwartungen zu Ps 45:
"Die Juden verweigern (den Glauben), aber nicht alle: die Heiligen nehmen ihn an, aber nicht die Fleischlichen. Und das ist ganz und gar kein Einwand gegen seine Herrlichkeit, es ist geradezu der letzte, ihn vollendende Zug. So besteht auch die Begründung, die sie für ihre Weigerung geben - die einzige, die sich in allen ihren Schriften findet, im Talmud und bei den Rabbinern -, lediglich darin, dass Jesus Christus die Völker nicht mit bewaffneter Hand bezwungen hat: gladium tuum, potentissime (= Ps 45,4: Dein Schwert, du Mächtigster...).
Haben sie nur das zu sagen? Jesus Christus ist getötet worden, sagen sie; er ist unterlegen; er hat die Heiden nicht mit seiner Macht überwältigt; er hat uns nicht von ihrem Überfluss gegeben; er gibt keine Reichtümer. Haben sie nur das zu sagen? Gerade darin ist er mir liebenswert. Ich möchte den nicht, den sie sich vorstellen...."

Fr. Nietzsche: Also sprach Zarathustra 1961 S. 41f
"Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt. Der Krieg und der Mut haben mehr große Dinge getan als die Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die Verunglückten."

Jakob Klatzkin (1921) und Psalm 45 - in: Ein jüdischer Kalender. Ölbaum Verlag, Köln 1987/88
"Jede Politik der starken Hand wäre für uns ein Unglück. Schon das äußere Symbol einer starken Hand wäre es; etwa ein Heer, das - im Unterschied zur Miliz - naturgemäß eine Provokation der Araber bedeuten würde. Und nicht dies allein: in einem späteren Entwicklungsstadium würde auch das jüdische Volk die Machtstellung seines Heeres am eigenen Leib - und erst recht an seiner Seele - schmerzlich empfinden und teuer bezahlen müssen. Selbst wenn das Schwert ungenützt in seiner Scheide bleiben könnte, selbst wenn es für die Abwehr unserer Feinde zu stumpf wäre (Anm.: also nur ein Zierschwert, wie in Ps 45); so wird es - auch nur als Symbol - scharf genug sein, um unsere stärkste moralische Position zu zerschlagen."