Jüdisch-christlich-islamisches Gespräch - Provozierende johanneische Aussagen

Die wichtigsten für Juden provozierenden Aussagen des Johannesevangeliums hat Leo Baeck genannt. Man findet sie in einer Zusammenstellung von Essays unter dem Titel "Judaism and Christianity" (3. Aufl. 1964 S. 81 und 229). Ich übersetze: Denselben Ton..., sich vom Judentum zu trennen, "hört man im Johannesevangelium. Nur ist er hier noch schärfer, sogar feindlich, obwohl man an einer Stelle die Aussage findet, dass "das Heil von den Juden kommt" - 4,22. Das "Gesetz" wird da im Munde Jesu zu "Eurem Gesetz" - 8,17 10,34 - genau wie Pontius Pilatus, der römische Statthalter, auch von ihm hier spricht - 18,31 - oder sogar zu "ihrem Gesetz" - 15,25. Von den Juden wird als von einem fremden Volk gesprochen; der übliche Ausdruck für sie ist "die Juden" - 1,19 2,6 und 18ff, 5,10 und 15f, und oft an weiteren Stellen. Sie sind so vollständig getrennt, dass ein schlimmer Vorwurf gegen sie sagen kann: "Ihr seid von eurem Vater, dem Teufel" - 8,44. Es geht nicht mehr um die Frage vom Platz Jesu innerhalb des jüdischen Volkes... - die Stellung Jesu ist im Gegensatz zum jüdischen Volk." Und: "...der Satz aus dem Vierten Evangelium, dass "niemand zum Vater kommt, außer durch mich" - 14,6 - ist der schärfste und sektiererischste Satz, der je gesprochen worden ist. Er gab die Grundlage ab für viel Unbarmherzigkeit...und für viel fromme Grausamkeit...zur größeren Ehre Gottes.... Der Glaube der Kirche wurde zum Glauben innerhalb der Kirche." - Soweit Leo Baeck.

Ehe ich zu den Schwierigkeiten komme, die der Islam mit dem Johannesevangelium hat, möchte ich zu Leo Baecks Auswahl anstößiger Aussagen für Juden aller Zeiten einige Überlegungen wiedergeben.
1. Ich denke, dass die griechische Bezeichnung "hoi Iudaioi" falsch wiedergegeben wird, wenn man übersetzt: Die Juden - im Sinne von alle Juden. Der Evangelist ist selber Jude. Er weiß, dass Jesus und die Jünger Juden waren, viele seiner Gemeindeglieder kommen aus dem Judentum. Nach der Trennung von der Synagoge jedoch wird der Begriff Jude für Johannes zum Begriff für die feindliche Gruppe, die Jesus gegenübergestanden hat und für die Verfolger der johanneischen Gemeinde, die Hardliner unter denen, die das 18-Bitten-Gebet erweitert haben. Die Juden vor der Christusbegegnung und vor der Begegnung mit der johanneischen Gemeinde sind für Johannes Menschen mit zwei Möglichkeiten: mit der Entscheidung für oder gegen Jesus als den Christus. Ich meine, dass man die Intention des Evangelisten richtig wiedergibt, wenn man "hoi Iudaioi" fast immer mit 'einige Juden' übersetzt. Also z.B. 8,44: Jesus sprach zu einigen Juden - nämlich nur zu denen, die ihn steinigen wollten: "Euer Vater ist der Teufel." Oder - 18,36 z.B.: "Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde..." sollte verstanden werden im Sinne von: ...meine Diener würden darum kämpfen, dass ich denjenigen Juden nicht ausgeliefert würde, die meine Kreuzigung wollen." Ich bin überzeugt davon, dass der Evangelist vorsichtiger formuliert hätte, wenn er mit seiner Gemeinde sich nicht verfolgt und in die Ecke gedrängt gefühlt hätte, von der offiziellen jüdischen Autorität in Jamnia durch die Neuformulierung des 18-Bitten-Gebetes aus dem Judentum ausgestoßen. Die Benutzung des Begriffes "die Juden" durch den Evangelisten ist schmerzvolle und protestierende Anerkennung dieser Ausstoßung. Nach der Ausstoßung konnte die johanneische Gemeinde vom Alten Testament auch nicht mehr als von "unserem Gesetz" sprechen, gab es doch für sie nur noch das eine, von Jesus gegebene "Gesetz" der Liebe. Durch das christliche Nebeneinanderstellen von Thora/Propheten/Schriften und Jesusereignis war etwas Neues entstanden: Der Schwerpunkt war nun auf dem, den die jüdischen Schriften angekündigt hatten, Jesus - 5,46f. Das Gesetz wurde also zu "eurem Gesetz", Juden in die Pflicht nehmend. Dieses Gesetz aber war ohne die Erfüllung und Vollendung in Jesus Rudiment geworden, offen auf Zukunft. Dass Johannes dem Alten Testament nicht abgesagt hat, zeigen seine überaus vielen Bezüge darauf im gesamten Evangelium.
An der Fehlinterpretation des Begriffes "die Juden" ist diejenige Kirche schuldig geworden, die Juden verfolgt hat - also wieder: Einige, viele Christen sind schuldig geworden - nicht die Kirche. Zu Joh 14,6 - "Jesus spricht (zu Thomas, einem seiner Nachfolger): Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich."
Wir haben es hier mit einer Unterweisung für Christen zu tun, die sich in der Verfolgung wie auf Irrwegen fühlen und deswegen ans Sterben - 11,16 - denken. Jesus bietet nicht das Martyrium als den Weg zum Vater an, sondern sich selbst als Weg. Dass die johanneische Gemeinde nicht die Kompromisslosigkeit im Gespräch mit Juden kannte, - wie man sie aus 14,6 hören könnte, wenn dieser Vers zu Nichtchristen gesprochen worden wäre - kann man aus Jesu Wort ersehen: "Tue ich nicht die Werke meines Vaters, so glaubt mir nicht; tue ich sie aber, so glaubt doch - wollt ihr mir nicht glauben - den Werken, damit ihr zur Erkenntnis kommt...".
Neben dem vollen Glauben gibt es für die johanneische Gemeinde also den Kompromiss: eine gewisse Akzeptanz Jesu auf Grund von Jesu Taten, eine Akzeptanz, in der weitere Möglichkeiten stecken können. Wenn Schalom ben Chorin von "Bruder Jesus" spricht, so empfinde ich das als solch eine Akzeptanz. Joh 14,6 ist für Christen gemeint - nicht für Juden, die auf ihrem eigenen Wege mit Jesus sind.
Zum Islam: Mohammed scheint eine gewisse Kenntnis des Johannesevangeliums durch Erzählungen von Christen gehabt zu haben. In der 5. Sure spricht er davon, dass Jesus einen Blindgeborenen geheilt hat - also: Joh 9. Er akzeptiert Jesus nicht als Gott oder Sohn Gottes, sondern als "Diener". Vielleicht hat er die Rede des Johannesevangeliums, dass Jesus erhöht werden muss, so verstanden, dass er meint, Jesus sei nicht gestorben - Sure 2. Wie der Jesus des Johannesevangeliums, so versteht sich auch Mohammed als Gesandter, als Prophet wie Mose nach 5. Mose 18, 15-18. Allerdings ist er nach seiner Aussage der endgültige Gesandte. Von ihm hat Mose gesprochen - Suren 3 14 und 38. Nun ist der Islam die beste Religion - Sure 3. Allerdings scheint Mohammed darunter gelitten zu haben, dass man ihm ständig vorwarf, keine "Zeichen/Wunder" tun zu können zu seiner Legitimation - also im Gegensatz zu Jesus. Auch das fehlende Abendmahl mit dem Brot vom Himmel scheinen ihm Christen vorgehalten zu haben - vgl seine 5.Sure, die den Namen "Der Tisch" (Der Abendmahlstisch?) trägt: "O Jesus, Sohn der Maria, vermag dein Herr auch einen Tisch uns vom Himmel herabzusenden?"(vgl Joh 6!). "...Darauf erwiderte Allah: "Wahrlich, ich will den Tisch euch herabsenden..." Und wenn Jesus im Koran dann zu Gott sagt: "...du weißt ja, was in mir, ich aber nicht, was in dir ist; denn nur du kennst alle Geheimnisse. Ich habe nichts anderes zu ihnen gesagt, als was du mir befohlen, nämlich: Verehret Gott, meinen und euren Herrn" - so klingen hier johanneische Aussagen an, die Mohammed umformuliert. Wenn Juden und Johannesevangelium sich auf die Schrift berufen, so sagt Mohammed in der 6. Sure: "Die Schrift ist nur zwei Völkern vor uns offenbart worden, und wir waren zu unwissend, sie zu verstehen. Saget nun auch nicht: "Wäre uns die Schrift offenbart worden, so würden wir uns besser als sie haben leiten lassen"; denn von euerm Herrn ist euch nun deutliche Belehrung und Leitung und Gnade geworden." An Joh 17,21 - "auf dass sie alle eins seien" - erinnert Sure 43: "Kein Streit sei daher zwischen uns und euch (- den Christen -); denn Allah wird uns ja alle einst einigen, und zu ihm kehren wir zurück." Besondere Schwierigkeiten hat Mohammed mit den Streitigkeiten zwischen Juden und Juden, Juden und Christen, Christen und Christen. Sie sind der Grund dafür, dass Gott ihn zum letzten Propheten berufen hat, der die beste Religion bringt. Die größten Probleme hat Mohammed mit der Trinitätslehre der Christen, als Lehre von drei Göttern verstanden, s. z.B. die Suren 72 und 5.
Wenn die johanneische Gemeinde von damals Mohammed so sprechen hätte hören können, würde sie sich einmal gefreut haben darüber, dass Mohammed eine positive Einstellung zu den Werken/Zeichen Jesu hätte. Sie würde sich über die relative Anerkennung des "Tisches vom Himmel" freuen und über die vielen guten Worte über Jesus. Sie würde aber auch mit Mohammed gegen eine Lehre von drei Göttern sprechen und ihm die Logoslehre erklären. Gerade Mohammed hätte ja ein Verständnis für diese Erklärung, weil a) er sich selbst b) mit Hilfe des vermittelnden Engels Gabriel als Gesandten c) Gottes versteht - die Dreiheit also auch bei Mohammed gegeben ist, ohne dass der Monotheismus verletzt wäre. Dass Gott keine Frau hat, mit der er einen Sohn gezeugt hätte - Sure 72 - würde auch die johanneische Gemeinde sagen können und darauf hinweisen, dass - wie Mohammed - so auch Jesus natürlich Vater und Mutter gehabt hat.
Auch wenn das Johannesevangelium für Moslems eine Reihe schwerer Probleme enthält, - wie ja auch für viele Menschen aus unserem Kulturkreis - so gibt es doch eine Menge von Gesprächsansätzen, die einen Dialog als sinnvoll erscheinen lassen - auch auf Grund des Johannesevangeliums.

es werde
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Aus der Literatur

Gershom Scholem in einem Brief, erschienen in "Judaica 2" - Suhrkamp .....
"Gewiss, die Juden haben ein Gespräch mit den Deutschen versucht, von allen möglichen Gesichtspunkten und Standpunkten her, fordernd, flehend und beschwörend, kriecherisch und auftrotzend, in allen Tonarten ergreifender Würde und gottverlassener Würdelosigkeit... Dem unendlichen Rausch der jüdischen Begeisterung hat nie ein Ton entsprochen, der in irgendeiner Beziehung zu einer produktiven Antwort an die Juden als Juden gestanden hätte, das heißt, der sie auf das angesprochen hätte, was sie als Juden zu geben, und nicht auf das, was sie als Juden aufzugeben hätten."

F.. Kafka: Der Prozess, Fischer Bücherei 1963 S. 153
<Weißt du, dass dein Prozess schlecht steht?> fragte der Geistliche. <Es scheint mir auch so>, sagte K. <Ich habe mir alle Mühe gegeben, bisher aber ohne Erfolg. Allerdings habe ich die Eingabe noch nicht fertig.> <Wie stellst du dir das Ende vor?> fragte der Geistliche. <Früher dachte ich, es müsse gut enden>, sagte K., <jetzt zweifle ich daran manchmal selbst. Ich weiß nicht, wie es enden wird. Weißt du es?> <Nein>, sagte der Geistliche, <aber ich fürchte, es wird schlecht enden. Man hält dich für schuldig...>.

Mohammed in seiner fünften Sure im Koran:
(Allah spricht:) "Wir haben Jesus, den Sohn der Maria, in die Fußtapfen der Propheten folgen lassen, bestätigend die Thora, welche in ihren Händen war, und gaben ihm das Evangelium, enthaltend Leitung und Licht und Bestätigung der Thora, welche zuvor in ihren Händen war, Gottesfürchtigen zur Leitung und Erinnerung. Die Besitzer des Evangeliums sollen nun nach den Offenbarungen Allahs darin urteilen; wer aber nicht nach den Offenbarungen Allahs darin urteilt, der gehört zu den Frevlern. Wir haben nun auch dir das Buch (den Koran) in Wahrheit offenbart, die früheren Schriften in ihren Händen bestätigend, und dich zum Wächter darüber eingesetzt. Urteile du nun nach dem, was Allah offenbart, und folge durchaus nicht ihrem Verlangen, dass du abgehst von der Wahrheit, welche dir geworden. Einem jeden Volke gaben wir Norm, Religion und einen offenen Weg." ... (Allah spricht:) "O du Jesus, Sohn der Maria, gedenke meiner Gnade gegen dich und deine Mutter, ich habe dich ausgerüstet durch den heiligen Geist, auf dass du schon in der Wiege, und auch als du herangewachsen, zu den Menschen reden konntest; ich lehrte dich die Schrift und die Weisheit, die Thora und das Evangelium."