Jesus für Nichtjuden - Ansätze für ein Evangelium ohne jüdische Argumentationsweise

Den meisten Zeitgenossen heute fehlt weitgehend ein Verständnis für Denkweisen und Argumentationsmöglichkeiten von Rabbinern. Gerade diese Weise der verschiedenen Auslegung des Alten Testamentes aber war die Ebene, auf die der Evangelist Johannes sich ständig einlassen musste, weil

a) seine Gemeinde weitgehend aus Juden und Samaritanern bestanden haben dürfte und weil
b) in Zeiten, in denen Gespräche noch möglich waren, Juden von der johanneischen Gemeinde angesprochen werden sollten. Johannes musste also die Sprache sprechen, die von jüdischen Theologen verstanden werden konnte, auch wenn in der Begegnung mit dem Christus des Johannesevangeliums ja die Grenzen dieser rabbinischen Sprache auf folgende Weise aufgezeigt worden sind: Es sind gerade Menschen aus dem einfachen Volk ohne die große rabbinische Vorbildung, die Jesus unmittelbar verstehen - eine Frau in Joh 4, ein Blinder in Joh 9, ein Gelähmter in Joh 5, Häscher der Pharisäer in Joh 7- aber auch sie alle auf dem Mutterboden des Alten Testamentes lebend.
Wie aber kann Christus den Griechen verkündigt werden, die keine oder nur eine blasse Ahnung vom Alten Testament haben? Und: Wie kann Johannes uns erreichen? Muss jeder, der das Evangelium verstehen will, einen "Kurzkurs Altes Testament" absolvieren? Ja, natürlich. Dieses kleine Buch in Ihren Händen ist ja weitgehend ein solcher Kurzkurs. Aber das ist nicht alles. Selbst die Griechen in der johanneischen Gemeinde, die keine Kenntnisse des Alten Testamentes hatten, hatten Voraussetzungen, die wir heute nicht haben: Sie kannten die geflüchteten Judenchristen, erlebten ihre Angst mit vor jüdischen Religionseiferern, hörten von der Ausstoßung aus der Synagoge. Wie aber kann der Christus des Johannesevangeliums uns verkündet werden, die wir weithin keine Ahnung vom Alten Testament und den jüdischen Auslegungsweisen dazu haben und die wir kein unmittelbares Wissen von der geschichtlichen Situation der johanneischen Gemeinde haben? Muss jeder, der das Evangelium verstehen will, einen "Kurzkurs johanneische Gemeindegeschichte" absolvieren? Ja, natürlich.
Aber es gibt auch einen Zugang zum Evangelium ohne Kurzkurse. Verfolgte werden das Johannesevangelium, für Verfolgte von damals geschrieben, weithin gut verstehen. Menschen werden Zugang haben, deren persönliches Leben wie das der Samaritanerin unbefriedigend verlaufen ist. Kranke werden manches sehr gut verstehen. Vielleicht auch Professoren, die wissen, was es heißt: "Ehre voneinander nehmen". Auch Politiker können unmittelbar Zugang zum Johannesevangelium finden, die wie Pilatus ständig zwischen Eigeninteresse von Machterhaltung und Wahrheit sich entscheiden müssen. Pilatus hatte alle Geschichten und Reden des Johannesevangeliums nicht nötig - außer der einen, die sich vor ihm und mit ihm abspielte. Er wusste, was ein Mensch ist - und konnte herabwürdigend oder aufwertend sagen: "Sehet, welch ein Mensch!" Pilatus wusste, was Wahrheit sein kann - und konnte fragend oder wegschiebend sprechen: "Was ist Wahrheit?"
Entscheidend ist, dass ich mich an der Stelle ansprechen lasse, an der ich angesprochen werden muss, damit neues Leben mich ergreift. Das Johannesevangelium hat genügend Ansätze für eine allgemein verständliche Sprache ohne notwendigen rabbinischen Hintergrund zur Bearbeitung allgemein verbreiteter Lebensprobleme. Nicht nur Juden damals konnten sagen: Komm und sieh! - 1,46. Nicht nur Griechen damals konnten sprechen: Wir wollten Jesus gerne sehen - 12,21. Der Jesus des Johannesevangeliums kann zu uns heute unmittelbaren Zugang finden.


Aus der Literatur

S. Kierkegaard: Christentum und Christenheit, Kösel V. 1957 S.299
Unsere Art, das Neue Testament zu lesen!
"Denk Dir einen der alten Kirchenlehrer - und lass ihn Zeuge sein, wie wir das Neue Testament lesen! Wir lassen alles Existentielle aus; buchstäblich, als stünde es gar nicht da; das tun wir buchstäblich! - Die Alten aber nahmen ganz buchstäblich, was da stand."

Ernesto Cardenal: Das Evangelium der Bauern von Solentiname Gütersloh 1980
In den vier Bänden des Evangeliums der Bauern von Solentiname unterhalten sich einfache Frauen und Männer auch über Geschichten aus dem Johannesevangelium:  Über den Anfang des Johannesevangeliums, 1,1-18, über Jesus und die Samariterin, Joh 4, über das Brot des Lebens, Joh 6, über die Wahrheit, die frei macht, Joh 8, über den guten Hirten, Joh 10, über die Auferweckung des Lazarus, Joh 11, über die Abschiedsreden Jesu beim und nach dem Abendmahl, Joh 13ff, über den Weinstock und die Reben, die Verherrlichung Jesu, die himmlischen Wohnungen und den Geist der Wahrheit, dann über Jesus vor Pilatus, Joh 18f und schließlich über das letzte Kapitel. Manche Gespräche kommen schwer in Gang, z. B. das über den Anfang des Johannesevangeliums:
"Manuel hat uns den Anfang des Johannesevangeliums vorgelesen. Und jetzt besprechen wir einen Vers nach dem andern. Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. - Zuerst langes Schweigen. Dann sagte Felipe:- "Christus brachte eine Botschaft von Gott, die sehr wichtig für das ganze Volk war, und das soll heißen, dass er das Wort war. Es handelt sich nicht um irgendein beliebiges Wort, sondern um ein ernstes Wort, ohne Betrug." - Und dann spricht Alejandro: "Ich glaube, wenn Christus hier <das Wort> genannt wird, dann darum, weil Gott sich durch seine Person ausdrückt. Gott drückt sich in ihm aus, um die Unterdrückung anzuklagen...".
Beim Gespräch über das Brot des Lebens sagt Olivia: "Das Brot, das vergeht, ist das auf egoistische Weise erworbene Brot, und das Brot des Lebens ist das Brot, das wir alle gemeinsam erarbeiten. Dieses Brot bringt das ewige Leben hervor, weil es das Reich Gottes hervorbringt." Kurz darauf sagt ein junger Mann: "Wir Bauern und Analphabeten lassen uns immer von denen täuschen, die uns einen Bissen Brot anbieten oder sonst irgend etwas, das schnell zu Ende ist, auch wenn es uns hinterher schlechter geht als vorher. Dagegen lassen wir uns nicht von denen überzeugen, die uns eine neue Art des Zusammenlebens zeigen wollen, ein brüderliches Leben, das das wirkliche Leben ist."