Evangelium als Weltereignis - Schritte über Grenzen

Das Judentum ist seit der Verheißung an Abraham und seit die Worte in Jes 2,1ff gesprochen worden sind, auf die ganze Welt bezogen: "...alle Heiden werden herzulaufen...und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!..." Auf die ganze Welt ausgerichtet ist der jüdische Glaube auch, seit 1. Mose 49,8-12 formuliert worden ist: "Juda, du bists!...Es wird das Szepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis dass der Held komme und ihm werden die Völker anhangen...". Juden verwiesen auf 3. Mose 18,5, wo es heißt: "Darum sollt ihr meine Satzungen halten und meine Rechte. Denn jeder Mensch, der sie tut, wird durch sie leben."

Auch wenn im Römischen Weltreich viele Heiden Interesse an der fortschrittlichen Religion des jüdischen Monotheismus hatten und Verbindung zur Synagoge aufnahmen, ist der weit reichende Erfolg des jüdischen Monotheismus erst in der Form des christlichen Glaubens gekommen. Paulus ist der vornehmste Vertreter dieser Verkündigung mit seiner aus Jes 28,16 hergeleiteten Formulierung "Jeder Mensch, der glaubt, wird leben - jeder, der an Jesus als den Messias glaubt, wird leben" - Röm 10.
Aber auch für Johannes steht die Weltbedeutung des neuen Glaubens im Mittelpunkt. Bei ihm wird Jesus das Lamm genannt, das die Sünde der Welt trägt. Jeder, der glaubt, wird das ewige Leben haben - 3,15 und öfter. Jesus wird immer wieder als der geschildert, der die ganze Welt im Blick hat.
Ein erster konkreter Schritt in die Gesamtwelt wird in Joh 4 gezeigt, wo Jesus die Grenze Samariens überschreitet und eine Samaritanerin, die auf Grund von 1. Mose 49,8-12 auf den Messias (samaritanisch: Taheb) aus Juda wartet, diesen Messias in Jesus erkennt und Menschen aus ihrem Volk zu Jesus ruft, dass sie ihn prüfen sollen. Das Ergebnis: Du bist der Heiland der Welt!
Ein zweiter konkreter Schritt in die Welt wird in 12,20ff sichtbar, wo etliche Griechen - also Menschen jenseits der jüdischen Grenzen, Vertreter der Welt - Jesus gerne sehen wollen. Dieser Augenblick ist für Jesus so wichtig, dass er in 12,23 sagt: "Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde."
Die Pharisäer hatten diesen Einfluss Jesu auf die Welt bei seinem Einzug in Jerusalem kommen sehen und gesagt: "Ihr sehet, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach!"
Und es ist dann der Fürst der Welt, der gerichtet ist - 16,11 - keine Chance mehr hat.
Dazu kommt noch im Gebet von 17,18 das Wort: "Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt."
Der Hinauswurf der johanneischen Gemeinde aus der Synagoge und damit aus Israel fördert diesen Prozess. Die kleine, verfolgte, geflüchtete Gemeinde des Johannes versteht sich als Kern einer neuen Weltgemeinschaft, die im Beginn der Schöpfung ihren Ursprung hat - 1,1 - die über den gläubigen Abraham führt - 8,39b - dann über Mose, der in seinen Schriften (z.B. 1. Mose 49,8-12) den Messias ankündigt - 5,45-47 - und über die Propheten, die den Messias angesagt haben (z.B. Jes 42 und 53) - später über Johannes den Täufer mit seinem Wort vom Lamm, das der Welt Sünde trägt bis zu Jesus, der die Welt zum Glauben einlädt. Mit diesem Selbstverständnis kann die Gemeinde die Verfolgung ertragen, weil ja nach der Schwere der Geburt die Freude über das geborene Kind folgt, eine Freude, die nicht mehr genommen werden kann und die das Ende allen grüblerischen Fragens bedeutet - Joh 16,23.
Die verfolgte johanneische Gemeinde fühlt sich als Teil der Weltgemeinde der Zukunft, ist in der Welt, doch nicht von der Welt, sondern von Gott.
Immer schon hat man über die Zahl der gefangenen Fische in Joh 21,11 nachgedacht. Ich möchte im Anschluss an Platos Überlegungen über vollkommene geometrische Formen, zu denen das gleichseitige Dreieck gehört, die These aufstellen, dass Johannes mit der seltsamen Zahl der gefangenen Fische die Weltgemeinschaft um Christus angedeutet hat. (vergleiche die Zeichnung auf der folgenden Seite)

Zu der Zahl der 153 Fische in Joh 21

In Platos Dialog Timaios, in dem über das Gewordene nachgedacht wird, wie von Gott die großartigen Proportionen stammen, wird auch das gleichschenklige Dreieck genannt. Ein solches Dreieck mit 153 Punkten entsteht, wenn auf einer Grundlinie von 17 Punkten an den beiden Endpunkten dieser Linie zwei weitere Linien mit je 17 Punkten aufeinander zulaufen und so ein gleichseitiges Dreieck bilden.
Ich nehme an, dass Johannes oder die ihm vorliegende Tradition mit der Zahl von 153 Fischen in Anklang an die Geschichte vom Menschenfischer in Lukas 5 ein Abbild einer vollkommenen Gemeinschaft der Glaubenden mit dem einen Herrn als Mittelpunkt aufzeigen wollte.

153 Fische - Evangelium als Weltereignis
153 Fische – Evangelium als Weltereignis


Aus der Literatur

J. Blank: Das Evangelium nach Johannes Bd. 1b S. 253 Patmos Verlag 1981
"Dieser Messias will in erster Linie für die anderen dasein, um ihnen, wie das Zeichen der <Fußwaschung> (Joh 13) demonstriert, durch seine ganze Existenz Gottes befreiende und helfende Liebe zu bezeugen. Er ist also nicht der <offenbare messianische Herrscher der Endzeit>, er ist es noch nicht! ... Christliche Identität, die sich zum einen Gott und zum einen Herrn Jesus Christus bekennt, ist durchaus vereinbar mit dem Verzicht auf äußerliche Gewalt und Macht, ebenso mit dem Engagement der Liebe, wie es im Zeichen des <guten Hirten> zum Ausdruck kommt."

 Neuschöpfung - et renovabis faciem terrae 
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