Der "heilige Pilatus"?

Dass man zwischen zwei Stühlen nicht sitzen kann, weiß jeder. Doch gerade diese Gefahr bestand für die johanneische Gemeinde: Auf dem Stuhl der jüdischen Glaubensgemeinschaft konnte sie nach dem Ausschluss aus der Synagoge nicht sitzen. Johannes kann mit seinem ganzen Evangelium nur die Unrechtmäßigkeit dieses Ausschlusses aufzeigen. Aber wie war das mit dem noch existierenden zweiten Stuhl, dem des Römischen Weltreiches? Konnte nicht die johanneische Gemeinde einfach auswandern und im römischen Reich ein geruhiges und stilles Leben führen in aller Gottgefälligkeit und Ehrbarkeit?

Wie sollte man das führen können! War es doch der für Israel höchste zuständige Beamte, der nach einem römischen Prozess Jesus als Verbrecher verurteilt hatte. Musste nicht jeder Angehörige dieser Jesus-Gruppe von vornherein als einer verbrecherischen Organisation angehörend verdächtigt sein? So sah es jedenfalls die offizielle Geschichtsschreibung im römischen Reiche: Im Zusammenhang mit dem 6-Tage-Brand Roms und mit den Gerüchten, Nero selbst habe diesen Brand legen lassen, schreibt Tacitus: "Um daher dieses Gerede zu vernichten, gab Nero den wegen ihrer Schandtaten verhassten, sogenannten Christianern die Schuld und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. Der, von dem dieser Name stammte, Christus, war vom Prokurator Pontius Pilatus unter der Regierung des Tiberius hingerichtet worden...". Der zweite Stuhl, auf dem man als Christ rechtmäßig hätte sitzen können, war also auch besetzt, und mehr Stühle gab es in der Situation für die Christen nicht. Was soll man da anfangen, wenn man sich als Christ wie Christus gesandt fühlt, in die ganze Welt gesandt, die Gott geliebt hat und deren Rettung er in Christus gewollt hat?
Es erschien dem Evangelisten Johannes ca. vierzig Jahre nach der Kreuzigung Jesu wahrscheinlicher, einen Platz auf dem römischen Stuhl zu erreichen als auf dem jüdischen. Es erschien ihm wahrscheinlicher, dass in dem Prozess gegen Jesus eine Gruppe von Juden eher die antreibende Kraft gewesen ist, als der römische Prokurator. Fast könnte man das Johannesevangelium auch einmal lesen als eine Schrift für römische Verantwortliche, in der die Harmlosigkeit des Königs der Juden aus Nazareth aufzeigt wird.
Ich trage einige Momente zusammen: Es beginnt schon im ersten Kapitel des Evangeliums, wenn Nathanael von Jesus aus Nazareth abfällig spricht: Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Er spricht damit jüdische Erwartung aus. Also: Römer müssen nur vor einem Königsanwärter Angst haben, der aus Davids Stadt, aus Bethlehem kommt. Schon im ersten Kapitel heißt es also für Römer: Keine Angst vor diesem König! Gnade und Wahrheit kann man von ihm erfahren - nicht Macht und Weltherrschaftsstreben! In Joh 2 wird dann sehr vorzeitig im Vergleich mit den anderen drei Evangelien die Tempelreinigung berichtet - ein hochbrisantes religiös-politisches Ereignis, ein ganzes Volk betreffend, ein Ereignis, das einen Römer aufhorchen lassen muss, der auch um die Zeit der Tempelzerstörung in Jerusalem, also um 70 n. Chr., ein besetztes Land ruhig halten will. Für den Evangelisten ist vierzig Jahre nach dem Prozess gegen Jesus die Auferweckung des Lazarus der eigentliche Grund für die Tötungsabsicht von Juden, weil Jesus Leben gebracht hat. Also nicht mehr ein gesellschaftliches Großereignis, wie die Tempelreinigung ist Todesgrund, sondern erst einmal ein Individual-Ereignis. Keine Angst vor diesem Jesus! Weiter: Der ängstliche Nikodemus, ein Oberster der Juden, kommt zu Jesus bei der Nacht - zu einem Aufrührer Jesus würden die Massen doch strömen und am Tage kommen und protestieren, ohne Angst. In Joh 4 wird erst einmal eine einzige, verachtete Frau zur Erkenntnis kommen, dass Jesus der Heiland der Welt ist als der, der mit Wahrheit herrscht. Nach Joh 6 könnte es gefährlich werden für die Römer, denn von 5000 Menschen um Jesus wird dort gesprochen. Aber dann kommt die überraschende Szene: Die Masse will Jesus zum König machen, der Rom gefährlich werden könnte - aber Jesus flieht! Keine Angst vor diesem Jesus! In Joh 8 taucht das politische Reizwort "Freiheit" auf, aber es wird ganz und gar religiös ausgelegt als Freiheit von Sünde. Keine Angst vor dem Freiheitsruf dieses Jesus! In Joh 10 taucht der gefährliche Mietling auf, der die Schafe im jüdisch-römischen Krieg ins Verderben führt - wogegen Jesus als guter Hirte sein Leben für die Schafe gibt, nicht seinen eigenen Namen proklamiert, sondern seine Schafe mit Namen kennt. Keine Angst vor diesem Hirten, der bestimmt kein Demagoge ist! Die gefährliche und falsche Version von Jesus als König gegen Rom wird von einem Hohenpriester in Joh 11 vertreten: Um der Wunderzeichen Jesu willen, die die Massen Jesus zuführen, könnten die Römer kommen und Tempelplatz und Volk wegnehmen! Müssen Römer vor göttlichen Wunderzeichen Angst haben?
Wenn es dann schließlich in Joh 18 und 19 zur Verhandlung gegen Jesus kommt, wird Pilatus vom Evangelisten so dargestellt, dass er gegen seine eigentliche Erkenntnis der Wahrheit und gegen seine Intention von Juden in eine Entscheidung widerwillig und unter Druck hineingedrängt wird - ein Heiliger, wenn er nur standhaft geblieben wäre! - Zuviel Verständnis seitens des Evangelisten für Pilatus?
Mit all diesen entlastenden Überlegungen versucht der Evangelist, den zweiten Stuhl frei zu bekommen, damit Christen nicht im Niemandsland dahinvegetieren müssen, sondern im römischen Weltreich ihrem von Christus übertragenen Weltauftrag nachkommen können, das Leben zu verkündigen. Es wird fast 250 Jahre dauern, bis um 313 die Argumentation des Johannes von der offiziellen römischen Politik akzeptiert werden kann - sich dann aber, von Johannes ungewollt, gegen die Judenheit als "Gottesmörder" insgesamt auswirkt. Das Johannesevangelium wird dann viele Jahrhunderte bis in unsere Zeit permanent missbraucht von Menschen, die die Christusverkündigung nicht mehr, wie der Evangelist, mit Leben in Verbindung bringen und die die Teil-Schuld weniger Menschen zu einem weit zurückliegenden Zeitpunkt der Geschichte allen Juden aller Zeiten aufbürden wollen.
In einer Zeit wie unserer, wo Christen nicht in der Gefahr sind, zwischen den Stühlen zu sitzen, sondern andere in diese Situation drängen, kann man das Pilatusbild des Johannes nicht mehr so übernehmen: Der Tod Jesu geht auf das Konto geistlichen und weltlichen Machtmissbrauches. Es ist der Missbrauch aller Zeiten. Pilatus - kein Heiliger, sondern ein berechnender, grausamer Machtmensch. Aber verstehen kann man den Evangelisten mit seiner Gemeinde aus seiner Situation heraus, nach dem jüdisch-römischen Krieg, schon. Von den zwei maßgebenden Institutionen entweder als Verführer oder als Verbrecher abgestempelt, kann man nicht den Messias verkündigen, dessen Herrlichkeit man doch gesehen hat.