Joh 13,21-30 (Ergänzung aus dem Jahr 2021)

Ein neuer Predigttext aus dem Johannesevangelium für den Sonntag Invocavit

 

Zuerst eine wichtige Beobachtung zur Abgrenzung des Textes:

Er V.21 mit den Worten: „Da Jesus solches gesagt hatte...“ Wir werden auf vorhergehende Worte verwiesen. Diese müssen dergestalt gewesen sein, dass Jesus durch sie „im Geist betrübt“ wurde (13,21). Schon in Joh 12,27 wurde von solch einem seelischen Geschehen berichtet. Grund dafür war dort, dass Jesus seinem Tod – ja dem Tod überhaupt und darüber hinaus neuem Leben – ins Gesicht geblickt hat:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt´s allein...“ .
Und was ist dann der Grund für die Betrübung im Geist in Joh 13,21? Dieser Grund wird durch die Abgrenzung des Predigttextes der Gemeinde teilweise vorenthalten.
Sollten sich der Prediger oder die Predigerin der Mühe unterziehen, dem Vorenthaltenen nachzuforschen und der Gemeinde auf die Frage nach dem Grund der Betrübung zu antworten?

Unbedingt! Es ist ja die Schrift (Joh 13,18/Ps 41,10), ohne die Joh 13,21ff nicht richtig verstanden werden kann und die erfüllt werden muss und welche die Betrübung im Geist bewirkt. An der Schrift gibt es nichts zu rütteln:

„Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen.“[1]

Ein Allerweltssprichwort!? Mose soll es von Aaron gesagt haben, David von Ahitophel. Es findet sich in abgewandelter Form in Qumran. In dem von Jesus zitierten Ps 41,10 spricht es ein Todkranker vor Gott aus.

Und: Berichte aus allen Zeiten und aus aller Welt bis in diese Tage könnten das bezeugen, was sich da vor Gott und Menschen abgespielt hat: Verrat durch engste „Freunde“. In jedem Einzelfall hat zum Sprichwort verdichtetes Geschehen sein eigenes Umfeld. Der Todkranke aus Ps 41 spricht in seiner Krankheit vom Verrat oder vom Verlassen-werden, vom Abbruch der Beziehungen, vom Ausgeliefert-werden, zitiert das Sprichwort vor Gott, weiß sich in seiner Situation durch das Zitieren mit allen in ähnlicher Lage verbunden. Seine Klage wird zum Zeiten umspannenden Bibelwort.
Jesus zitiert es vor seinen Jüngern. Der Verratende bleibt vorerst anonym und gibt dadurch Anlass zur Selbsterforschung aller, - „Herr, bin ich´s?“ - weil Jesus in Joh 13,18ff von der Beschränkung auf den einen spricht und vom Glauben und vom Gesandt -werden und vom Aufgenommen –werden der anderen.

 

Durch die Realität in Joh 13,21ff erst wird das Schriftwort gedeutet

Die Deutung dieses Schriftwortes beginnt dann in dem vorgeschriebenen Predigttext mit Joh 13,21 und endet mit den vielsagenden Worten: „Und es war Nacht.“

An entscheidenden Stellen im Johannesevangelium wird (wie hier in 13,18ff ) Geschehen um Jesus auf dem Hintergrund des Alten Testamentes gesehen und es wird dadurch eine höhere Ebene hinter dem aktuellen Erleben sichtbar gemacht: „Abschiedsreden“ – wie die Reden in Joh 13ff richtig, aber leider einseitig genannt werden – werden durch die Verbindung mit alttestamentlichem Hintergrund immer wieder zu zuversichtlich machenden „Zukunftsreden“ hinsichtlich des Weges Jesu und dem seiner Gläubigen.

Auch in dem Geschehen, das in Joh 13,18ff abgebildet wird, wird beides – Abschied und zuversichtlich machende Zukunftsrede – sichtbar.

Zuerst noch einmal zu Ps 41,10: „Aber es muss die Schrift erfüllt werden...

„Erfüllung“ des Schriftwortes verstehe ich hinsichtlich Ps 41,10 nicht als Weissagung, die erfüllt werden muss, sondern als Verrat durch einen engsten Freund, was eine allgemeine Erfahrung in der Menschheitsgeschichte ist, die in der Geschichte von Jesus mit Judas Ischariot ihre größte Tragik erreicht: Jesus wird von einem seiner zwölf Jünger an geistliche und politische Gegner verraten, deren Protagonisten – Hohepriester und Pharisäer -laut Joh 11,47 einen Rat versammelt hatten und die sprachen: „Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und es werden die Römer kommen und nehmen uns Land und Leute. Einer aber unter ihnen, Kaiphas, der desselben Jahres Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisset nichts; ihr bedenket auch nicht: Es ist euch besser, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe... Von dem Tag an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.“

Ein Verräter muss her. Einer, der genau Bescheid weiß über Jesus, der in Brotgemeinschaft mit ihm ist. Verräter dieser Art finden sich zuhauf in der Weltgeschichte. Auch Jesus kann dieser Grunderfahrung der Menschheitsgeschichte nicht entgehen, wie sie in der Schrift Ps 41,10 festgelegt ist: „Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen.“ Beweggründe für den Verrat werden in 13,18 nicht genannt, aber sie finden sich für Judas wohl hauptsächlich in der oben - 11,47ff - berichteten Situationsschilderung und in der Bewertung des Judas, dass das ihm vorschwebende Messiastum gescheitert ist, wie es der Ansicht vieler entspricht (Joh 12,34): „Wir haben gehört im Gesetz, dass der Christus ewiglich bleibe; und wie sagst du denn: Der Menschensohn muss erhöht werden“ – also: sterben?
Hier wenige Beispiele richtungsweisender Schriftworte , zu denen auch das Psalmwort in Joh 13,18 gehört, damit wir dieses bei der Predigt nicht aus den Augen verlieren:

  • “Am Anfang“ Gen 1,1 – Joh 1,1. Das gesamte Johannesevangelium steht unter diesen Eingangsworten der Schrift – auch der Verrat.
  • „Ich bin eine Stimme...“ Jes 40,3 – Johannes der Täufer Joh 1,23. Das ist die kürzeste Charakterisierung des gesamten Täufergeschehens mit Worten der „Schrift“.
  • „Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen“ Ps 69,10 – Joh 2,17. Der Tempel und Jesu Tod werden mit Hilfe des Schriftwortes in den kürzesten Zusammenhang gebracht.
  • „Sie hassen mich ohne Ursache.“ Ps 69,5 – Joh 15,25. – Eine der furchtbarsten Erfahrungen in der ganzen Menschheitsgeschichte!

Nach diesen wenigen Beispielen denke ich: Der Hinweis auf die Schrift lässt immer aufhorchen! – so auch in Joh 13,18 aus Ps 41,10: „Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen.“

Zur Übersetzung: Noch heute sagt man im Syrischen fast genau so wie im hebräischen Text: „Der mit mir Brot gegessen hat, hat seine Ferse gegen mich erhoben“ – und der Verrat ist damit besiegelt. Der letzte Körperteil, der einen Raum verlässt, ist die Ferse: „Da er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus.“ Hinter dem Wort mit der „Ferse“ steht wohl ein Brauch, der bei uns unbekannt ist. Wir würden etwa sagen: Der mein Brot gegessen hat, hat mir den Rücken zugekehrt.

Ich habe eine lange Einführung gebracht, damit man verstehen kann, weshalb Joh 13,18-20 noch zu dem vorgeschriebenen Predigttext gehört.

Es sind jedoch noch zwei weitere Beobachtungen im Hinblick auf 13,18-20 nötig.

Zuerst die Ansage in V.19: „Jetzt sage ich euch... ...damit ... ihr glaubet, dass ICH ES BIN.“ Das ist bewusste Aufnahme deuterojesajanischer Sprache! Durch Jesu Ansage des Verrates unter Hinweis auf die Schrift Ps 41,10 „Ehe es geschieht“ wird schon die Überwindung des Verrates durch den, der von sich sagt „ICH BIN“ sichtbar. Abschiedsrede ist also gleichzeitig zuversichtlich machende Zukunftsrede.

Und dann weist V. 20 schon in synoptischer Sprache über den Verrat des Judas hinaus auf die Zukunft der Jüngerschaft: Gesandt sein und aufgenommen werden vom Vater.

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Der dann in 13,21-30 folgende „offizielle“ Predigttext ist geprägt von der Frage des Petrus und dem Wort Jesu an den Lieblingsjünger (für mich: mit dem Zebedäussohn Johannes) , geprägt von dem Eintauchen und Geben des Fladenbrotstückes an Judas Ischarioth, dem Sohn Simons, womit das in Joh 13,2 genannte teuflische Vorhaben des Judas von Jesus selbst bewusst in Gang gesetzt wird (was an sein Wort in Joh 10,18 erinnert: „...Niemand nimmt es - sc. mein Leben - von mir, sondern ich lasse es von mir selber...“ .) Jesus setzt den von Judas schon beschlossenen Verrat , Joh 13,2, in Gang und er will keine Verzögerung: Handle schnell, Judas! Das Missverständnis der anderen Jünger wird angesprochen – sie denken an Armenfürsorge und Festvorbereitung – während Jesus das Weltgeschehen in Gang setzt, das im Erhöht- und Verherrlicht -werden, und in dem „Es ist vollbracht“ weitergeht und dann fortgesetzt wird im bekennenden Glauben der Gemeinde, die in Joh 1 gehört hatte „Komm und sieh!“ und die dann auch Verrat und Verfolgung nicht abbringen wird vom Weg und auch nicht die Nacht.

Zurück zu „Der mein Brot aß“:

„Brot“ ist hier In-begriff: Das ganze Zusammenleben Jesu mit Judas ist hier gemeint: Das gemeinsame Essen des Fladenbrotes und das von Jesus angebotene Lebensbrot – „alle werden von Gott gelehrt sein“ – Jes 54,13 /Joh 6,45. „Mein Brot“ – das sind Wanderungen, das sind alle Gespräche und Erlebnisse, Begegnungen mit vielen so unterschiedlichen Menschen, gelehrte und empfangene Liebe, kurz: das gesamte Evangelium ist sein Brot.

 

„...hat groß gemacht (aufgehoben) die Ferse auf mich.“

Diese wörtliche Übersetzung klingt zwar holprig, aber die Luther-Übersetzung – „tritt mich mit Füßen“ stimmt mit dem, was Judas tut, nicht überein: Judas tritt nicht, sondern er geht hinaus. Eine Ferse ist das letzte, was man von ihm sieht. Der Begriff „Fersengeld geben“ enthält diesen einen Aspekt. Mit seinem Weggehen zerbricht Judas alles: Die Mahlgemeinschaft mit Jesus und den Jüngern und die gute Erinnerung daran in alle Zukunft, die Hoffnung vieler im Volk auf das Friedensreich, gelehrt und gelebt durch Jesus. Kurz: Das gesamte Evangelium bleibt zurück, als derjenige, welcher das Brot Jesu gegessen hatte, in Gegnerschaft zu Jesus seine Ferse hebt.

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Die mit neuer Realität verbundene Exegese von Ps 41,10 in Joh 13,18-20 und 21-30 besteht in folgenden Punkten:

  • Sprecher ist Jesus – kein Anonymus
  • Sprecher ist kein Todkranker, sondern der gejagte und zum Tode bestimmte Geber des Brotes vom Himmel
  • Das Gespräch findet in einem Raum mit 13 Anwesenden statt, von denen 9 den Inhalt nicht verstehen
  • Jeder fragt sich, ob er der Verräter ist
  • Der „Lieblingsjünger“ nimmt eine zentrale Stellung ein bei der Lösung der Frage, wer denn „der“ ist, der verrät. Nicht Petrus ist Jesus so nahe.
  • Die Bedeutung des Brot – Essens wird zum Äußersten gesteigert: Jesus stößt den von Judas schon beschlossenen Verrat an: Er taucht ein Stück Brotfladen ein, gibt ihn Judas, der mit vollem Namen und Herkunftsort genannt wird
  • Jesus befiehlt dem, der den Verrat als bewusst falsche Handlung (mythologisches Kürzel: Teufel) schon beschlossen hat (13,2) und sie bewusst vollzieht, sehr schnell zu handeln.
  • Es ist Nacht.
  • Jesus wird unmittelbar (13,31) von seiner Verherrlichung (Jes 52,13ff) sprechen: „JETZT ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist verherrlicht in ihm.“ (Joh 13,31)

Verfolgte Christen werden sich immer wieder mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, dass ihr Meister ja selbst von einem der Seinen verraten worden ist und damit jede Legitimation als Messias verloren hat. Sie werden – mit Jesus – auf die Schrift in Psalm 41,10 sich und IHN verteidigend, hinweisen.

                     

 

 

 

[1] Siehe die genaue Analyse des Psalmwortes auf dieser homepage im Buch JOCHANAN S. 39-42