Zwei christliche Gemeindetypen - Martyrium oder Evangelium des Lebens?

Wenn man einen, der auf hohem Ross sitzt, herunterholen will, einen anderen aber, der verachtet wird, unterstützen will, so ist ja ganz klar, auf wessen Seite man steht. Im Johannesevangelium gibt es ein Jüngerpaar, das sehr ungleich in der Gunst von manchen Gemeindegliedern gestanden haben muss. Es sind dies Petrus auf der einen Seite und ein anderer Jünger, dessen Name wohl deswegen nicht genannt wird, weil schon das Nennen dieses Namens ihn bei manchen disqualifiziert hat: ach der! Es muss aber genügend Menschen gegeben haben, die sich gerade zu dem hingezogen gefühlt haben - und nicht zu Petrus auf dem hohen Ross. Wie ist Petrus auf dieses Ross gekommen? Er war von Jesus selber ausgezeichnet worden - "der Fels". Er, als Sprecher der Jünger, hatte das großartige Bekenntnis in 6,68f abgelegt: "Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist der Heilige Gottes." Dazu aber kam, dass er durch sein Martyrium in schon vorgerücktem Alter gerade das erlebt hat, wovon er wahrscheinlich oft gesprochen hat: Der rechte Jünger Jesu stirbt als Märtyrer. Sicher hatte er viele, die ihm zustimmten und eine radikale Form christlichen Bekennens forderten - die Welt geht ja sowieso bald unter. Und auch Jesus - so dachte diese Gruppe - muss wohl das Martyrium gefordert haben. Wie gut also, wenn man als ehemaligen Leiter seiner Gemeinde jemanden gewusst hat, der Märtyrer geworden war. Er gab der Gemeinde Ansehen und Überzeugungskraft. Ich denke also, dass es das Martyrium war, das Petrus auf das Ross gehoben hat. Was aber ist, wenn eine Gemeinde einen Gemeindeleiter hat, der wohl Jünger Jesu ist, aber immer älter wird. Das Martyrium fehlt ihm als krönender Abschluss seines Lebens. Aber wie kommt eine Gemeinde damit zurecht, die ihren Gemeindeleiter schätzt, und merkt, dass Glieder der Petrusgemeinde diejenigen, die vor dem Martyrium geflüchtet sind mit ihrem Leiter, verachten, infrage stellen? Manche von den Mitverachteten meinten, dass Jesus gesagt hätte, ihr Gemeindeleiter würde nicht sterben, bis Jesus wiederkäme zum Gericht - vgl 21,23. So konnte man sich einigermaßen gegen das Infragegestellt- Werden wehren. Was aber, wenn auch dieser Jünger stirbt, ehe Jesus wiedergekommen war? Was kann man als verachtete Gemeinde tun?

Man kann den einen Jünger etwas abwerten und den anderen etwas aufwerten. Also: Was lässt sich gegen den einen anführen - was für den anderen? Da der Evangelist Johannes manche Unterlagen über Jesus, vielleicht sogar ein ganzes kleines Evangelium von dieser angefochtenen, verachteten Gemeinde erhalten hat, sind uns Abwertung und Aufwertung erhalten geblieben. Ja, der Evangelist scheint sich mit seinen theologischen Überlegungen bewusst hinter diese Gemeinde zu stellen, weil das Martyrium wohl heroisch ist, aber er die feste Überzeugung hat, dass die Welt und das Leben weitergehen und die Gemeinde den Auftrag hat, zu leben für das Evangelium, nicht nur zu sterben dafür.
Wie also sieht die leichte Abwertung des Petrus aus?
1. Petrus ist von Jesus bei der Fußwaschung ein wenig zurück geschnitten worden: Zuerst wollte er die Fußwaschung Jesu überhaupt nicht, die dienende Geste des Meisters, dann aber wollte er gleich noch Hände und Haupt gewaschen haben. Jesus aber sagt - 13,10 - "Wer gewaschen ist, der bedarf nichts, als nur noch die Füße waschen; denn er ist ganz rein." Also: Jeder, der getauft ist und dem Jesus in der Fußwaschung gedient hat, ist ganz rein - auch jener andere Jünger: ganz rein, nichts mehr darüber hinaus nötig, auch nicht das Martyrium.
2. Zurechtstutzung: In 14,36ff will Petrus nicht begreifen, dass er Jesus jetzt nicht in den Tod nachfolgen kann. Ja, Jesus sagt ihm eine dreimalige Verleugnung zu. So klar ist das mit dem Martyrium also nicht!
3. Zurechtstutzung: Nach 16,32 gehört natürlich auch Petrus zu denen, die "zerstreut werden, ein jeglicher in das Seine". Auch er lässt Jesus allein.
4. Jesus sagt bei seiner Gefangennahme zu seinen Verfolgern: "Suchet ihr denn mich, so lasset diese - alle Jünger - gehen." Das heißt doch: Jesus will von seinen Jüngern nicht die Solidarität des Martyriums.
5. Jesus erkennt den Wagemut des Petrus, der das Schwert zieht und zuschlägt, nicht an, sondern tadelt dessen Verhalten.
6. Kurz darauf verleugnet Petrus und der Hahn kräht.
Der andere Jünger:
1. Wenn man die beiden Jünger Petrus und den anderen, "den Jesus lieb hatte", auf zwei Waagschalen stellen würde, so schnitte der andere, der ohne Martyrium sterbende, verachtete Vorsteher der verachteten Gemeinde, gar nicht so schlecht ab. Oder - und so werden die beiden wirklich in 20,1 dargestellt - wenn man die beiden einmal konkurrieren lässt, sie einen Wettlauf zu einem für beide wichtigen Ziel machen lässt, so schneidet der namenlose Jünger gar nicht so schlecht ab: Er ist schneller als Petrus. Petrus sieht die Situation im Grabe zuerst, aber er sieht nur, während es von dem anderen Jünger selbstbewusst heißt: ER SAH UND GLAUBTE. Was spricht noch zugunsten des anderen Jüngers?
2. Er wird der "Jünger, den Jesus liebte" genannt - eine Auszeichnung sondergleichen. Er liegt an der Brust Jesu - 13,23 - und Petrus wendet sich deswegen an ihn, um zu erfahren, wen Jesus denn mit dem Verräter meint, von dem er gesprochen hatte.
3. Als einziger Mann, der unter dem Kreuz stand mit Frauen, ist in 19,26 der Lieblingsjünger genannt. Ihm wird die Verantwortung für Jesu Mutter übergeben. Petrus fehlt!
4. Am See Genezareth, beim nachösterlichen Fischfang ist es wieder der Lieblingsjünger, auf den Petrus angewiesen ist: Der sagt ihm, dass die Gestalt, die ihnen begegnet, DER HERR ist - 21,7.
5. Jesus setzt sich für den Lieblingsjünger vor Petrus ein. Petrus verhält sich nach seiner dreimaligen Beauftragung zum Weiden der Herde und nach seiner Bestimmung zum Martyrium durch Jesus, der ihn dahin führen wird, so: "Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, welchen Jesus lieb hatte, der auch an seiner Brust beim Abendessen gelegen hatte und gesagt: Herr, wer ist’s, der dich verrät? Da Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem? Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!" Also: Das Martyrium ist Petrus zugedacht, und der wird es nicht aus eigener Entscheidung erleiden, sondern wird, von Jesus zum Martyrium bestimmt, gegürtet und geführt werden.
Also: Martyrium ist nicht Sache einer Gemeindeentscheidung, auch nicht Notwendigkeit für alle, die an Jesus glauben. Es ist eine Weise, Gott zu preisen - daneben gibt es auch die Weise, Gott ohne Martyrium zu preisen und mit dem Evangelium des Lebens zu leben.
Ich nehme nun folgendes an: Der in 19,35 genannte Augenzeuge des Sterbens Jesu ist identisch mit dem Lieblingsjünger. Er ist identisch mit dem in 21,24 genannten "Jünger, der von diesen Dingen zeugt und dies geschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahrhaftig ist."
Aber: Was hat dieser Augenzeuge geschrieben? Das Johannesevangelium? Sicher nicht! Sondern ein kleines Evangelium, das durch seine von den Petrusleuten verachtete Gemeinde nach seinem Tode nur wenig erweitert worden ist. Zu der Erweiterung durch jene Gemeinde nach dem Tode des Augenzeugen gehört die Darstellung der konkurrierenden Jünger. Der Evangelist des uns heute vorliegenden Johannesevangeliums hat dieses alte kleine Evangelium von Gemeindegliedern des Lieblingsjüngers übernommen samt deren skeptischen Haltung zum Martyrium. Natürlich werden auch aus der Gemeinde des Evangelisten des Johannesevangeliums einige das Martyrium erleiden - vgl 16,2 - aber auch der Vierte Evangelist stellt sich auf die Seite derer, die das Evangelium des Lebens leben und verkünden werden.
Der Evangelist Johannes übernimmt also jenes alte kleine Evangelium des Lieblingsjüngers in von anderen nur wenig überarbeiteter Form und aktualisiert es für seine Gemeinde unter dem Einfluss des Geistes, der Worte Jesu immer neu lebendig werden lässt für jede Generation.
Anmerkung: Wir haben uns angewöhnt, den Evangelisten des jetzt uns vorliegenden Johannesevangeliums "Johannes" zu nennen, obwohl er ein Unbekannter ist. Johannes - das ist wohl jener Lieblingsjünger, von dem die Urform des Vierten Evangeliums stammt, der Augenzeuge, dessen Namen bei den radikalen Petrusleuten einen solchen negativen Klang wegen des fehlenden Martyriums hatte, dass die Gemeindeglieder jenes Jesus-Jüngers Johannes ihn lieber und auch stolz "den Jünger, den Jesus lieb hatte" nannten. Trotzdem werde ich den unbekannten Evangelisten der Letztform des Johannesevangeliums mit der Tradition weiter Johannes nennen oder - wer das so will, möge ihn "Johannes II" nennen, um ihn von dem sehr alt gewordenen Augenzeugen, Apostel und Jünger Johannes zu unterscheiden.


Ausgespannt


Aus der Literatur

Dietrich Bonhoeffer: Mitleiden (Widerstand und Ergebung Kaiser V. München 1954 S. 26f)
"Christus entzog sich solange dem Leiden, bis seine Stunde gekommen war, dann aber ging er ihm in Freiheit entgegen, ergriff es und überwand es. Christus - so sagt die Schrift - erfuhr alles Leiden aller Menschen an seinem Leibe als eigenes Leiden - ein unbegreiflich hoher Gedanke! - er nahm es auf sich in Freiheit. Wir sind gewiss nicht Christus und nicht berufen, durch eigene Tat und eigenes Leiden die Welt zu erlösen, wir sollen uns nicht Unmögliches aufbürden und uns damit quälen, dass wir es nicht tragen können, wir sind nicht Herren, sondern Werkzeuge in der Hand des Herrn der Geschichte, wir können das Leiden anderer Menschen nur in ganz begrenztem Maße wirklich mitleiden. Wir sind nicht Christus, aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wir an der Weite des Herzens Christi teil bekommen sollen in verantwortlicher Tat, die in Freiheit die Stunde ergreift und sich der Gefahr stellt und in echtem Mitleiden, das nicht aus der Angst, sondern aus der befreienden und erlösenden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt. Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Brüder, um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden." (Widerstand und Ergebung Kaiser V. München 1954 S. 26f)

Mahatma Gandhi/Martin Buber: Juden, Palästina und Araber Ner-Tamid-Verlag München 1961 S. 14
Buber: "Es gibt eine Situation, in der aus der satyagraha (Anm.: bürgerlich-rechtlicher Widerstand verbunden mit freiwillig erduldetem Leiden, Wahrheitskraft und Seelenstärke) der Seelenstärke keine satyagraha der Wahrheitskraft werden kann. Das Wort <Martyrium> bedeutet Zeugenschaft; wenn aber kein Mensch da ist, der das Zeugnis entgegennimmt? Zeugenschaft ohne Zeugnis, unwirksames, unbeachtetes, verwehendes Martyrium, das ist das Los unzähliger Juden in Deutschland. Gott allein nimmt ihr Zeugnis entgegen; der <siegelnde> Gott, wie es in unseren Gebeten heißt, besiegelt es; aber eine Maxime des angemessenen Verhaltens kann man daraus nicht ableiten. Solches Martyrium wird getan; doch wer darf es fordern! "