Joh 1,1-18 - wie und warum ein jüdisches Logoslied geändert worden ist - ein Entwurf.

(Februar 2009 – erstmals im Internet veröffentlicht)
 
Abstract:
Ich sehe im Logoslied ein original jüdisches Lied, das möglicherweise auch der Evangelist Johannes einst gebetet hat, bis er es aus seiner Begegnung mit Christus heraus zu zwei Zeiten verändert hat, um Juden mit auf seinen neuen Weg zu nehmen. Nun bildet es das programmatische Eingangslied seines Evangeliums. Ich führe als Entwürfe drei Texte des Logoshymnus aus verschiedenen Zeiten an: den jüdischen Text, die erste Bearbeitung durch Johannes und dann seine zweite Bearbeitung.

Inhalt

Am Anfang war: Das Lied der „Sehenden“

1.        Vom Selbstwertgefühl „der Juden“ 1

2.1      Der Text des jüdischen Logosliedes2

2.2    Meiner Meinung nach war das ursprüngliche Logoslied ein jüdisches Lied.3

3.1    Warum hat der vierte Evangelist das jüdische Logoslied ändern wollen?4

3.2    Änderungen des vierten Evangelisten am jüdischen Logoslied5

3.3    Ein neues Lied, damit keine neue Trennungslinie entsteht6

3.4    Und so wollte der Evangelist mit jüdischen Frommen des vorchristlichen Logosliedes einen neuen Hymnus beten:7
(= Vermuteter Text der vom Evangelisten erweiterten und veränderten Fassung des jüdischen Logosliedes)

4.1   Notwendigkeit einer zweiten und endgültigen Fassung des vom Evangelisten erweiterten und veränderten Logoshymnus8

4.2 Die auf den Täufer sich beziehenden Zusätze zum johanneischen Logoshymnus aus dem ‚4. Synoptiker’, vom Evangelisten eingefügt und gleichzeitig durch den Evangelisten erweitert, könnten so ausgesehen haben9

4.3  Das a) im Hinblick auf den in Jesus Fleisch gewordenen Logos und b) durch den Evangelisten im Hinblick auf Täuferaussagen doppelt überarbeitete jüdische Logoslied lautet in seiner Endfassung dann so10

5.  Einige Schwerpunkte im 4. Evangelium, die sich auf Aussagen des originalen jüdischen Logosliedes beziehen und es im Blick auf Jesus Christus weiterführen11

6.  Die für die johanneische Überarbeitung des jüdischen Logosliedes grundlegenden targumischen Einflüsse und der Einfluss von bestimmten Interpretationen, die sich in der LXX finden12

7.     Zusammenfassung13

Joh 1,1-18 – wie und warum ein jüdisches Logoslied geändert worden ist.

Am Anfang war: Das Lied der „Sehenden“

 

1. Vom Selbstwertgefühl „der Juden“1
Im Johannesevangelium14 kommt wiederholt  eine  Gruppe vor, die  ein  starkes  Selbstwertgefühl demonstriert. Es handelt sich um eine religiöse Partei, abgegrenzt von vielen anderen Juden und auch von Jesus und seinen Jüngern. Theologisch verstehen sie sich als „Sehende“ – Joh 5,37 vgl. Ex 24,10. Jesus spricht ihnen dieses Sehen, auch das Hören und den bleibenden Logos in 5,37 ab. In 9,39f sieht Jesus sie wegen ihres Verhaltens gegenüber einem geheilten Blindgeborenen als Blinde. Sie sind im Sinne von Joh 12,37ff gemäß Jes 6,10 Verblendete. Sie werden deshalb das Leben nicht sehen – Joh 3,36, und der Zorn Gottes, von dem Ps 95,11 spricht, wird über ihnen bleiben – es sei denn, sie lernen, Gottes Stimme heute/jetzt zu hören und an Jesus zu glauben – Ps 95,7; Joh 5,25.
Zum Selbstwertgefühl dieser religiösen Partei gehört, dass sie sich als Same Abrahams verstehen – 8,33. Jesus gesteht ihnen die äußere Abkunft von Abraham zu – 8,37, aber nicht die innere – 8,39. Sonst würden sie ja das Werk des Abraham tun und wie dieser glauben. Gegenüber einer solchen Infragestellung durch Jesus behaupten sie die höchste Abkunft: „Wir haben einen Vater, Gott.“ Sie sind Gottes Kinder 15. Diese Abkunft vom Gott der Liebe gesteht ihnen Jesus nicht zu, denn dann  würden  sie  Jesus  ja  lieben  und   ihn  nicht  zu  steinigen versuchen – 8,42. 59.
Wie man Kind Gottes – Joh 3,7 - wird, hat Jesus mit einem „Meister in Israel“, – wohl aus dieser Partei der Pharisäer - mit Nikodemus, in einem nächtlichen Gespräch dargelegt – 3,1ff.
Auch die Kenntnis der Wahrheit, die frei macht, nimmt die Gruppe für sich in Anspruch – 8,32ff.
Zum Selbstwertgefühl der religiösen Partei gehört die Kenntnis des Gesetzes des Mose und die vermeintliche Anwendung dieses Gesetzes innerhalb der Gruppe. Die Masse des Volkes kennt das Gesetz nicht – 7,49 – und ist deshalb verflucht. Die Angehörigen der religiösen Partei, die auch die Macht ausübt, aus der Synagoge zu verstoßen –  9,22 – sind Schüler des Mose – 9,28. Weil Gott mit Mose geredet hat – Num 12,2.8/ Joh 9,29 – scheinen die Angehörigen jener religiösen Gruppe der Meinung zu sein, dass Gott auch mit ihnen durch die Tora  geredet hat, dass sie sein „eidos“ gesehen haben und sein Wort, seinen Logos in sich bleibend wohnen haben – 5,37f. Jesus spricht ihnen diese Erfahrung ab – 9,38. Sobald der Logos in menschlicher Sprache redet, wie noch nie ein Mensch geredet hat – 7,46 – und im menschlichen Bereich handelt, wie seit Anfang der Schöpfung noch nie gehandelt worden ist – 9,32 - , versagt ja bei der Gruppe die Kenntnis des Gesetzes und Gott wird von ihr nicht erkannt – 7,28. Die Kenntnis des Gesetzes ist für diese Gruppe gleichbedeutend mit dem Besitz des Lebens – 5,39, dazu gehört auch der Besitz des Lichtes. Aber in Wirklichkeit bestimmt die Liebe zur Finsternis diese Gruppe – 3,19. Wenn die so geschilderte religiöse Gruppe ihr - von Jesus infrage gestelltes - Selbstwertgefühl und ihr Lob Gottes in einem Psalm ausdrücken würde, könnte dieser etwa so lauten:
 

2.1 Der Text des jüdischen Logosliedes2    

Vorchristliches jüdisches Logoslied
1,1 Im Anfang war der Logos
und der Logos war bei Gott,
und Gott war der Logos.
3 Alle Dinge sind durch denselben geworden, und ohne denselben ist nichts geworden16.
Was geworden ist, 4 in ihm war dasLeben,
und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat's nicht ergriffen17.
11 Er (der Logos) kam in sein Eigentum18;
und die Seinen nahmen ihn nicht auf19.
12 Wie viele ihn aber aufnahmen,
denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.
14 Und er, ( der Logos) zeltete unter uns20,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
voller Gnade und Wahrheit21.
18 Niemand hat Gott je gesehen22;
der an der Brust (im Schoß23) des Vaters ist, (der Logos),
der hat ihn uns verkündigt24.

2.2 Meiner Meinung nach war das ursprüngliche Logoslied ein jüdisches Lied.3
Eine jüdische Gruppe hat sich – wie viele vor ihr25 - mit dem Wirken der Weisheit bzw. des Logos Gottes beschäftigt. Juden haben gern vom Logos gesprochen,  von  der   Weisheit, haben griechische, aramäische und hebräische Wörter dafür benutzt. Für das Selbstverständnis jüdischer Gruppen als solche Menschen, die sich – im Unterschied zu anderen – an Gott gehalten haben, große Erfahrungen mit Gott, seinem Logos, seiner Weisheit, der Tora, gemacht haben und Gott dafür loben und sich selber bekennend freuen, gibt es viele Beispiele. Sie finden sich in Psalmen bis hin zu den Lobsängern von Qumran, die sich als Söhne des Lichtes im Gegenüber zu den Söhnen der Finsternis verstanden. Beispiel für die, die den Logos in der Form strikter Gesetzeserfüllung angenommen haben und andere verachten, ist auch der Pharisäer in Jesu Geschichte vom dankenden Pharisäer und dem Zöllner. Besonders wichtig war für jene jüdische Gruppe die Erkenntnis, dass Gott, den noch nie jemand gesehen hat, durch den Logos, sein Wort, alles geschaffen hat. Dieses Wort mit seinem Weg unter den Menschen kann man anhand der Tora genau erforschen.  Während  der  Logos  von  vielen  Menschen unverständlicherweise nicht aufgenommen worden ist, haben andere ihn aufgenommen – schließlich auch die Mitglieder dieser Gruppe -  Joh 1,12. Damit ist ihnen das Licht Gottes gegeben. Das ewige Leben ist ihnen von der Schrift her zugesichert, die sie die Tora des Mose erfüllen (Lev 18,4f). Sie wissen sich als Kinder Gottes, weil sie nach dem von Mose gegebenen Gesetz Gottes leben. Den Höhepunkt und das Ziel der Aufnahme des Logos bildete  das  Sehen26  von  Gnade  und  Wahrheit,   Joh  1,14  (Ex 34,6: werab chäsed waemet) des in Israel wohnenden Logos, der Gott authentisch verkündigt hat, Joh 1,18. Die Gruppe hat also eine Erfahrung gemacht, die der des Mose in Ex 34,6 glich, dem verehrten Geber des Gesetzes27. So steht sie mit Mose auf einer Stufe. Der Logos-Hymnus ist Ausdruck dieser wunderbaren Erfahrung. Der Logos hat bewirkt, dass die, die ihn aufgenommen haben, durch seine Exegese Gottes nun auch Erfahrung  mit Gott haben28. Davon   singen   sie   lobpreisend in Israel und in einer Welt, die unter dem Logos Unterschiedliches versteht.

3.1 Warum hat der vierte Evangelist das jüdische Logoslied ändern wollen?4
Er wollte damit in erster Linie auf eine jüdische Gruppe einwirken, die mit Begeisterung ihren Logospsalm gebetet hat. Vielleicht hat er selbst zu dieser Gruppe gehört, und das jüdische Logoslied war einst auch sein Lied. Aber dann ist er Jesus Christus begegnet.
Die Selbstbeurteilung der jüdischen Gruppe mit ihrer Gotteserfahrung und dem Bewusstsein ihrer Gotteskindschaft und des Lebens für sie lehnt der vierte Evangelist nun als Christ aber als nicht mehr der Realität entsprechend ab.
Er bringt seine Gründe für diese Ablehnung im Evangelium, im ersten Johannesbrief und im fortgeschriebenen Logos-Hymnus mit Jesus Christus als dem Logos zum Ausdruck. Einige Juden, Sänger des Logosliedes, die sich zu den ‚Seinen’ gezählt haben, die den Logos aufgenommen haben, haben jedoch Jesus, Gottes Fleisch gewordenen Logos, nicht aufgenommen, haben dessen Herrlichkeit nicht geschaut und seine Auslegung Gottes nicht angenommen, sondern sind in der Vergangenheit stehen geblieben, in der Zeit des Mose. Deswegen muss das Logoslied umgedichtet werden.

3.2 Änderungen des vierten Evangelisten am jüdischen Logoslied5
Neben den bekannten Einschüben von Joh 1,6-8.15, die sich auf den Täufer in seinem Verhältnis zu Jesus beziehen, sind meiner Ansicht nach folgende Aussagen vom Evangelisten:
2 Dasselbe war im Anfang bei Gott (=joh. Erweiterung)29.
12 denen, die an seinen (Jesu) Namen glauben30.
13 die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes,
sondern von Gott geboren sind31.
14 Und das Wort ward Fleisch (=joh. Erweiterung)32
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater33 (= joh. Erweiterung) 16 Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade anstelle von Gnade34. 17 Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. (= joh. Erweiterung)35
Der Eingeborene (Jesus), der Gott ist (=joh. Erweiterung)36
Diese – vermuteten37 - Erweiterungen werden in das jüdische Logoslied eingeflochten. Das bewirkt dreierlei: Das ursprüngliche Metrum wird zerstört. Eigentlich könnte man also den neuen Text nicht mehr als Logoslied oder –hymnus oder –psalm bezeichnen. Dagegen steht jedoch die lange Tradition dieser Bezeichnung. Weiter will dieses Lied nun als christliches Lied von Anfang an als auf Jesus Christus bezogen verstanden werden. Drittens: Ist das Metrum einmal zerbrochen und wird der Text von Anfang an als von Christus sprechend verstanden, können die zwei weiteren, vom Täufer herkommenden Texte einbezogen und im Bezug auf Christus kommentiert werden.
Als Ergebnis ist ein Hymnus entstanden, der das erstrebte Leben nicht mehr von der Erfüllung des von Mose gegebenen Gesetzes erwartet, sondern vom Logos des Anfangs, der von Gott in Jesus Christus als Mensch zu Menschen redet, wie noch nie ein Mensch geredet hat und der Weg, Wahrheit und Leben ist.

3.3 Warum hat der vierte Evangelist Änderungen an diesem Lied einer ihm nahestehenden jüdischen Gruppe angebracht?6

Vorbemerkung:
Auf Grund seiner Erfahrung mit Jesus als dem Christus hat der Evangelist Johannes dieses ihm nahe stehende Lied aus seinem eigenen geistlichen Wurzelboden der Weisheitslehre positiv aufgenommen, hat aber seine Grenzen aufgezeigt:
a)durch das Aufgeben des Logostitels im Evangelium nach der Inkarnation,
b) durch die Zusätze zum Lied und schließlich
c) durch sein gesamtes Evangelium und den ersten Johannesbrief.
Er hat das jüdische Logoslied weitergeführt und verändert, bis es zu einem Christushymnus geworden ist.
Die Trennungslinie verläuft nun nicht mehr zwischen den Juden, die den Logos vor der Erscheinung Christi abgelehnt haben und „den Juden“, die den Logos angenommen haben und ihr Lied singen, sondern sie wird nach der Überzeugung des Evangelisten erst von denen gezogen, die sehen und hören und doch nicht glauben. Die Grenze wird von denen gezogen, die Jesus verfolgen und töten wollen und den Synagogenausschluss festsetzen, von dem die Gemeinde um den vierten Evangelisten schwer getroffen ist. Als Argumentationshilfe für seine neue Sicht konnten dem Evangelisten exegetische, z.T. vom Targum geprägte Einsichten jüdischer Gruppen dienen38.  Der  Einfluss  des  Targums  zeigt  sich   im gesamten Johannesevangelium, auch im Logoshymnus. Besonders wichtig waren die vorchristlichen Einsichten des Targums zum Verständnis von Jes 639, von Ps 4540, von Jes 28,1641, von Jes 52,13ff42 und – nicht im Targum nachweisbar - das Verständnis von LXX Ps 39, wie es sich im Hebräerbrief, Kap 10 und im Johannesevangelium zeigt43.
 

3.4 Und so wollte der Evangelist mit jüdischen Frommen des vorchristlichen Logosliedes einen neuen Hymnus beten:7

(Vermuteter Text der vom Evangelisten erweiterten und veränderten Fassung des jüdischen Logosliedes:)44
1,1 Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort. (= jüdisches Logoslied)
2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. (= joh. Erweiterung)45
3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,
und ohne dasselbe ist nichts gemacht. Was gemacht ist,
4 in ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen
und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
11 Er (der Logos) kam in sein Eigentum;
und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12 Wie viele ihn aber aufnahmen,
denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, (= jüdisches Logoslied)
denen, die an seinen (Jesu) Namen glauben,46
13 die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches
noch aus dem Willen eines Mannes,
sondern von Gott geboren sind
47.
14 Und das Wort ward Fleisch (=joh. Erweiterung)48
und er zeltete unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater (= joh. Erweiterung)49
voller Gnade und Wahrheit. (= jüdisches Logoslied)
16 Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade anstelle von Gnade.
17 Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben;
die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. (=  joh. Erweiterung)50
18 Niemand hat Gott je gesehen. (= jüdisches Logoslied)
Der Eingeborene (Jesus), der Gott ist (=joh. Erweiterung)51
und der in des Vaters Schoß ist, (der Logos), der hat ihn uns verkündigt. (= jüdisches Logoslied)
 

4.1 Die zweite und endgültige Fassung des vom Evangelisten erweiterten und veränderten Logos-hymnus:8

Vorbemerkung:
Diese zweite Fassung ist erst entstanden, als der vierte Evangelist Material eines „vierten Synoptikers“52 erhalten hat.
So, wie Johannes das jüdische Logoslied in seinem Logoshymnus positiv aufgenommen, aber es von der Begegnung mit Jesus Christus, von Targum und LXX her weitergeführt hat, um den vorchristlichen Sängern des Liedes einen begehbaren Weg zum Glauben an Jesus zu zeigen,  nimmt der Evangelist in seiner zweiten Überarbeitung auch die Täuferbewegung mit ihrem von Gott gesandten Täufer positiv auf, indem er Aussagen des Täufers auf Jesus interpretierend neu anführt, um auch die Täuferjünger zu gewinnen. Hatte der Täufer sich gemäß der Eingangsworte von Jes 40 als Stimme bezeichnet und aufgefordert, den Weg des Herrn zu bereiten, so konnte der Täufer als der verstanden werden, der – nach Jes 40-55 - den Knecht Gottes ankündigt, den Gott zum Licht der Heiden gesetzt hat (Jes 42,6) und der nach Jes 53 Lamm ist, Sieger im Weltprozess Gottes. Deshalb konnte der Evangelist diejenigen Täuferjünger weiterführen, die den Täufer als Licht verstanden, nun aber hin zu Jesus als dem Licht aller Menschen, dem Licht der Welt, gewiesen werden. Der Täufer mit seiner kleinen Reichweite der Verkündigung wird vom Evangelisten also als einer der Zeugen aus Deuterojesaja im Weltprozess verstanden, in dem der Knecht53 als Licht der Welt und als Lamm im Mittelpunkt steht.

4.2 Die auf den Täufer sich beziehenden Zusätze zum johanneischen Logoshymnus aus dem 4. Synoptiker, vom Evangelisten eingefügt und gleichzeitig durch den Evangelisten erweitert, könnten so ausgesehen haben:9
6 Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes.(= aus dem 4. Synoptiker)
7Der kam zum Zeugnis,
um von dem Licht zu zeugen,
damit sie alle durch ihn glaubten.
8 Er war nicht das Licht,
sondern er
sollte zeugen von dem Licht.
9Das war das wahre Licht,
das alle Menschen erleuchtet,
beim Kommen in den Kosmos
.54
10 Er war im Kosmos,
und der Kosmos ist durch ihn gemacht;
aber der Kosmos erkannte ihn nicht.

15a Johannes gibt Zeugnis von ihm und ruft:
Dieser war es, von dem ich gesagt habe:
(V. 7-15a = johanneische Interpretation)
15 b  Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich.(= aus dem 4. Synoptiker, vom Evangelisten von der Präexistenz her interpretiert, vgl. den ähnlichen Text in Mt 3,11)

4.3 Das a) im Hinblick auf den in Jesus Fleisch gewordenen Logos und b) durch den Evangelisten im Hinblick auf Täuferaussagen doppelt überarbeitete jüdische Logoslied lautet in seiner Endfassung dann so:10
1,1 Im Anfang war der Logos,
und der Logos war bei Gott,
und Gott war der Logos. (= vorchristl. Logoslied)
2 Derselbe war im Anfang bei Gott.(= joh. Ergänzung)
3 Alle Dinge sind durch denselben geworden,
und ohne denselben ist nichts geworden.
Was geworden ist.
4 in ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat's nicht ergriffen. (= vorchristl. Logoslied)
6 Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. (= Text aus dem 4. Synoptiker )
7 Der kam zum Zeugnis,
um von dem Licht zu zeugen,
damit sie alle durch ihn glaubten.

8 Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht.
9 Das war das wahre Licht,
das alle Menschen erleuchtet,
beim Kommen in den Kosmos.
55
10 Er war im Kosmos,
und der Kosmos ist durch ihn geworden;
aber der Kosmos erkannte ihn nicht.

11 Er kam in sein Eigentum;
und die Seinen nahmen ihn nicht auf. (= joh. Interpretation, die V.3-5 aufnimmt.)

12 Wie viele ihn (den Logos) aber aufnahmen,
denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, (= vorchristl. Logoslied)
denen, die an seinen (Jesu) Namen glauben,
13 die nicht aus dem Blut
noch aus dem Willen des Fleisches
noch aus dem Willen eines Mannes,
sondern von Gott geboren sind.

14 Und der Logos ward Fleisch (= joh. Interpretation)
und er (der Logos) zeltete unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit, (= vorchristl. Logoslied)
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, (= joh. Interpretation)
voller Gnade und Wahrheit.(= vorchristl. Logoslied)
15 Johannes gibt Zeugnis von ihm und ruft:
Dieser war es, von dem ich gesagt habe: (= joh. Einleitung)

Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist;
denn er war eher als ich. (= aus dem 4. Synoptiker, vom Evangelisten von der Präexistenz her interpretiert)
16 Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade anstelle von Gnade56.
17 Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben;
die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. (= joh. Interpretation)

18 Niemand hat Gott je gesehen. (vorchristl. Logoslied)
Der Eingeborene (Jesus),
der Gott ist und (= joh. Interpretation)

der in des Vaters Schoß ist,
(der Logos), der hat ihn uns verkündigt.(= vorchristl. Logoslied)57

5. Einige Schwerpunkte im 4. Evangelium, die sich auf Aussagen des originalen jüdischen Logosliedes beziehen und es im Blick auf Jesus Christus weiterführen11
„Der Logos war bei Gott“ (jüdische Aussage, ursprünglich auf die Weisheit bezogen)58
Der Evangelist sagt im 4. Evangelium, dass Christus dieser Logos ist. Das ‚Ego eimi’  (8,24.28.58) – auch mit seinen Zusätzen - steht beispielhaft für diese Überzeugung. Dazu kommen die Aussagen von der Einheit des Sohnes mit dem Vater ( 10,33; 5,18; 8,58f; 19,7).
„In ihm war das Leben“ (jüdische Aussage, vgl Lev 18,4f)
Der Evangelist zeigt im Evangelium, dass Gott Jesus mit Leben ausgestattet hat und Jesus nun das Leben ist. Er vermittelt dieses Leben an Zuhörer, Kranke und einen Toten. Glauben und Leben werden durch Jesus zusammengebracht.
„Das Leben war das Licht der Menschen“ (jüdische Aussage)
Jesus wird im Evangelium als das Licht geschildert, durch das man nicht in der Finsternis bleibt. So erfährt z.B. ein blind Geborener seine Heilung – eine Heilung, wie sie seit der Schöpfung nicht geschehen ist. Solche Heilung ist gemäß Jes 6,10 das Ziel Gottes durch den Knecht Gottes nach Jes 42,6f. Wer sich durch Jesus nicht heilen lässt, bleibt in Blindheit gefangen.
„Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen“ (jüdische Aussage)
Jesus wird im Evangelium als das Licht der Welt dargestellt, das Blinden Licht gibt, aber von anderen abgelehnt wird, die sich als Sehende wähnen.
„Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (jüdische Aussage)59
Diejenigen, die Jesus verfolgen, steinigen und töten wollen und ihn schließlich kreuzigen, sind die Seinen, zu denen Jesus von Gott geschickt worden ist und die ihn nicht aufnehmen.
„...denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden ...von Gott geboren“ (jüdische Aussage)
Im Evangelium und dem 1. Johannesbrief werden Menschen gezeigt, die eine neue Geburt erlebt haben. Sie sind die Seinen, die Jesus aufnehmen. Nikodemus z.B. wird als auf dem Weg zur neuen Geburt gezeigt: Er spricht mit Jesus ehrfurchtsvoll (Joh 3), setzt sich für ihn ein (Joh 7) und beerdigt Jesus mit Joseph von Arimathia gemäß dem Ritus für den König Messias und zeigt in der praktischen Aufnahme von Ps 45,9 targumische Erwartungen auf. Solche Erwartungen werden wohl von manchen, die das originale jüdische Logoslied gesungen haben, als wirksame Brücke in die christliche Gemeinde gesehen worden sein, auch vom Evangelisten60.
Den Begriff „Gottes Kinder“ weitet Johannes in 11,52 über das jüdische Volk hinaus aus und stellt sich damit gegen die  in 8,41b enthaltene Auffassung, die auch die des jüdischen Logosliedes gewesen sein dürfte.
„wir sahen seine Herrlichkeit...“ (jüdische Aussage)
Diejenigen, die in Jesus die Herrlichkeit gesehen haben, werden immer wieder im Evangelium gezeigt. Die Erfahrung beginnt mit dem ersten Wunder in Kana und gipfelt im letzten Satz des Evangeliums, Joh 21,25.
„Das Gesetz ist durch Mose gegeben“ (jüdische Aussage)
Das Gesetz, dessen Vertreter im Johannesevangelium wiederholt gezeigt werden, ist für diese bindend, aber es soll die im Gesetz Forschenden (Joh 5,39) auch weiterführen zu Jesus, dem Logos, welcher der Gesandte, der Prophet wie Mose, geworden ist und das Gesetz erfüllt, indem er den Willen des Vaters allezeit tut.
„der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt“ (jüdische Aussage)
Der Logoshymnus endet beim Vater, der durch Jesus, den im Fleisch gesandten, verkündigt wird. Durch Jesus wird das Logoslied zum Hymnus vom Vater und dem Sohn Jesus und denen, die durch Jesus Gottes Kinder geworden sind.

6. Die für die johanneische Überarbeitung des jüdischen Logosliedes grundlegenden targumischen Einflüsse und der Einfluss von bestimmten Interpretationen, die sich in der LXX finden12

Vorbemerkung:
Diese Einflüsse sind vom Evangelisten Johannes angeführte jüdische Verständnishilfen für das Wirken Jesu als Gottes Logos, damit die das vorchristliche Logoslied singenden Juden den Weg zu Jesus auch von ihrer eigenen Schriftinterpretation her gehen können.
Wie wir aus dem 1. Joh. Brief und dem Johannesevangelium wissen, haben ursprünglich mit Jesus sympathisierende Juden die Gemeinschaft mit Jesus verlassen und sind nicht geblieben. Das ‚Schisma’ wird von Johannes wiederholt angesprochen, und es wird zum Bleiben ermahnt. Damit man sich entscheiden kann, dass man bleibt und nicht aus vermeintlicher Treue zu Gott und der Tora evtl. Christen wegen Blasphemie verfolgt und aus der Synagoge ausstößt oder gar tötet, muss der Evangelist vom AT her argumentieren können. Er tut das im 1. Joh. Brief (Schwerpunkte: Kain und Abel und: die Liebe Gottes) und im Evangelium im Anschluss an verschiedene Schriftstellen, die auch das vorchristliche jüdische Logoslied bzw. Ansichten von Täuferjüngern tangieren. Nur auf jene die Erweiterung des Logosliedes betreffenden alttestamentlichen Aussagen komme ich hier zu sprechen.

a) Kain und Abel:
Man kann sich nicht als Kind des Gottes der Liebe fühlen und meinen, Gott zu dienen, wenn man den Bruder hasst und indem man den Bruder tötet (1. Joh. 3,7ff und Joh 8 und Joh 15,18ff, besonders Joh 16,2). Es ist Kain, der den Bruder getötet hat61. Entweder man ist Kains Kind oder Gottes (bzw. Abrahams) Kind. Gottes Kind wird man nur durch die Verkündigung Christi, der die Menschen in der Nachfolge seines Vaters liebt – Joh 1,12.1. Joh 2,9ff u.ö.

b) Jes. 6:
Jes 6 ist nach Johannes so zu verstehen, dass der Prophet Jesaja Zeuge eines Gespräches zwischen Gott und einem ist, dem Logos, der sich mit seinem idou, eimi egoo, aposteilon me  (Jes 6,8) bereit erklärt, sich zu den Menschen senden zu lassen, damit sie geheilt werden und nicht verblendet (z.B. Joh 12,37ff). Es    hat    für    Johannes   keinen    Sinn,   in   einem jüdischen Lied vom Logos zu reden, ohne diesen Logos in der Wirklichkeit  Jesu  als  Mensch  unter  Menschen zu sehen (LXX Ps 39,7, vgl. den LXX-Text Hebr 10,5)  und ihn anzunehmen – Joh 1,11.

c) LXX Ps 39,7/ Joh 8,42b62
Als dieser von Gott mit einem Leib ausgestattete, Fleisch gewordene Mensch, – nach einer Version von LXX Ps 39, die sich auch in Hebr 10 findet – der als Lamm Gottes die Sünde der Welt trägt und damit den Tempeldienst in neuer Weise erfüllt, wird Jesus in seiner Gnade und Herrlichkeit gesehen: – Joh 1,14.

d) Tg zu Jes 53
zeigt den Knecht Gottes als den schönen, erfolgreichen Knecht Gottes. Wie der Dialog zwischen Justin und dem Juden Trypho zeigt63, können Juden gemäß Jes 53 einen leidenden Messias akzeptieren. Wie der Targum zu Jes 53 zeigt, können Juden auf Grund desselben Kapitels den Messias als Erfolgreichen und Schönen verstehen. Das Johannesevangelium führt beide Sichten, Fleischwerdung und Herrlichkeit - zusammen – Joh 1,14.

e) Ps 45:
Weil Gott - gemäß Ps 45, dem vom Targum und der LXX messianisch verstandenen Psalm, -  seinen Geliebten (= Überschrift der LXX über dem Psalm), mit dem er als Gott zu Gott spricht (Ps 45,7f),  sendet, damit der als von ihm gesalbter ewiger (Ps 45,7) König für die Wahrheit einher zieht mit einem Zierschwert (Ps 45,5) – ohne Gewalt –  und  vor  dem die Feinde niederfallen (Ps 45,6), wird nach dem Johannesevangelium Jesus, vor dem die Feinde zu Boden fallen,  als solcher König vor Pilatus auftreten und von seinem Reich sprechen und wird von hochgestellten Freunden mit königlicher Pracht (Aloe und Myrrhen aus Ps 45,9) beerdigt werden. In ihm, dem König der Wahrheit, sind Gnade und Wahrheit zu erkennen Joh 1,17.

f) TG Jes 28,16:
Von diesem König, der im Zion eingesetzt ist, durch den jeder, der glaubt, gerettet wird, spricht auch Tg Jes 28,16– Ausgangspunkt für alles johanneische Sprechen von glauben und leben, vorbereitet durch die Übersetzung der LXX von dieser Stelle: Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden, d. h. in johanneischer Sprache: Jeder, der an ihn glaubt, wird leben – wird leben in Ewigkeit – Joh 1,12.

g) Num 21,9:
Von diesem Leben spricht auch der Targum, dass (nur) die, die die erhöhte Schlange ansahen und glaubten, am Leben blieben – Joh 1,4. 1,12. 3,14f.

7. Zusammenfassung13
Der Evangelist Johannes hat ein vorchristliches jüdisches Logoslied aufgenommen und zu zwei unterschiedlichen Zeiten von seiner Erfahrung mit Christus und von jüdischen Auslegungen in Targum und LXX her verändert.
In seiner Endfassung weist der Hymnus auf eine Gemeinde mit ihrem Evangelisten hin, die um jüdische Fromme und Gesetzeslehrer und Nachfolger Johannes des Täufers wirbt, damit diese Christus als den Fleisch gewordenen Logos und das von Gott gesandte Licht sehen und mit ihm leben können – auch wenn der Kosmos Jesus weitgehend nicht annimmt, ja, ihn tötet. Es ist der Jesus, der in eigener Entscheidung (Joh 1,9 im Licht von LXX Ps 39,7-9; Joh 10,17f) zum Lamm Gottes wird, das die Sünden der Welt trägt.
Begegnet der jüdischen Gemeinde, die ihr Logoslied singt, Gnade und Wahrheit nur in der Vision und im unpersönlichen Logos, so begegnen der christlichen Gemeinde in Jesus Wahrheit, Gnade und Herrlichkeit, Leben und Liebe von Gott.
Davon bekennt sie nun, indem sie das veränderte alte jüdische Lied übernimmt und den Menschen Jesus Christus als Gottes Logos verkündigt, der die Schöpfung (Joh 1,1) am Kreuz so weit vollendet (Joh 19,28), dass der Prozess der Liebe Gottes zu den Menschen unumkehrbar weitergeht, wie dies das übrige Evangelium ausführlich schildert.

Am Anfang war: Das Lied derer, die in der Gefahr stehen, blind zu werden (Joh 9,39-41).

Am Ende steht: Ein weitergeführter Hymnus derer, die Christus als dem Gott auslegenden Logos im Fleisch begegnet sind und als Sehende  nun andere Juden zum neuen Sehen einladen.

Hinzu kommen alle Heiden, denen Leben, Licht, Wahrheit und Gotteskindschaft angeboten wird, indem sie zum Glauben an Jesus, den Repräsentanten und Ausleger Gottes eingeladen werden.

Nachwort
Ich habe den vielen Arbeiten zum Johannesprolog und zu Einzelaspekten in ihm eine weitere hinzugefügt. Mit R. Schnackenburg (mündlich) war ich mir einig, dass das Johannesevangelium Zeichen eines in der Gegenwart des Evangelisten andauernden Gesprächs mit Juden darstellt. Der vorstehende Aufsatz soll diesem Gespräch auch im 21. Jhd. dienen.
Der Johannesprolog ist für mich Versuch der Weiterführung, und nicht Abbruch einer Gemeinschaft, die durch den Beschluss des Synagogen-ausschlusses aufgekündigt worden ist. Beide Seiten hatten wohl Schuld an dieser Entwicklung. Das Johannesevangelium steuert dagegen. Theobald spricht – 161 – von dem „Aufweis, dass auch der Prolog nicht von konkreter Wirklichkeit losgelöst im Raum der Reflexion schwebt, sondern Aufarbeitung einer bestimmten Krisensituation im joh. Kreis diente.“ Dem stimme ich zu!
 

14 Relevante Literatur zum Prolog ist angegeben bei M. Theobald, Die Fleischwerdung des Logos, 1988 S. 494ff und H. Thyen, Das Johannesevangelium. Handbuch zum Neuen Testament, Tübingen 2005.
Die Literaturliste zum Prolog muss ich und will ich nicht referieren. Fachleute kennen die wesentlichen Positionen. Sie sind in Spezialuntersuchungen und fast jedem Kommentar oft ausführlich dargestellt. Ich werde nur einige Arbeiten ansprechen. Ich bedaure, dass die gebotene Kürze eines Zeitschriftenaufsatzes nicht – um nur einige Namen zu nennen – die Auseinandersetzung  mit Autoren wie Bultmann, Käsemann, Borgen, Teeple, Richter, Hofius, Theobald, Becker, Schulz, Gese, Lausberg, ... zulässt.
Ich werde nur einige Arbeiten ansprechen.
Bei M. Theobald findet sich im oben genannten Buch eine ausführliche Darstellung zur Geschichte der Johannesprolog-Auslegung ab dem 19. Jhd. Theobald, selbst vertritt (104) eher mit Käsemann und Schnackenburg die Hypothese vom christlichen Ursprung des Hymnus.
Methodisch bin ich einen neuen Weg gegangen:
/Um johanneische Veränderungen am originalen Logoslied aufzuweisen, bin ich zum einen von ausführlichen Texten des Evangeliums ausgegangen, die das Selbstverständnis „der Juden“ und dessen johanneische Kritik enthalten.
/Andererseits habe ich Aufsätze herangezogen (s. Anm 23, 26 und 30), die nun in diesem Aufsatzband enthalten sind.
/Schließlich habe ich mich für die Einschübe über den Täufer auf die These vom „4. Synoptiker“ bezogen (s. Anm 39).

15 Vgl zu dem Ausdruck „Gottes Kinder“ jüdische Texte bei K. Wengst, Johannesevangelium I,66 Anm 55

16 Chr.Dietzfelbinger, Das Evangelium nach Johannes. Teilband 1, Zürich 2001  I,25: „Die johanneische Rede von der Schöpfungsmittlerschaft des Logos hat eine kräftige alttestamentlich-jüdische Wurzel, nämlich das Denken, das sich im weisheitlichen Schrifttum des Judentums Ausdruck verschafft. Spätestens seit Spr. 8,22-31 (um 250 v. Chr.) weiß man in Israel, dass Gott, als er die Welt schuf, sich dabei der Sophia, der Weisheit, als seines Werkmeisters (Schoßkindes) bedient hat (Spr. 8,30), und ihr gemäß hat er die Welt geordnet. Im Lauf einer überaus folgenschweren Entwicklung hat das Judentum dann die Weisheit mit der Tora gleichgesetzt (Sir 24,32f; Baruch 3,22-4,4). Dabei konnte es nicht ausbleiben, dass man die Schöpferfunktion der Weisheit auf die Tora übertrug.“

17 H. Thyen, Johannesevangelium, 74 meint, dass man „aus-gelöscht“ übersetzen müsse. Ich sehe den Ausdruck unbedingt in Parallele zu „nahmen ihn nicht auf“ in V. 11.

18 Vgl z.B. Ex 15,16. R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium. 1.Teil. Dritte, ergänzte Aufl.   1972. Freiburg,  I,234:  “Der Evangelist freilich hat den Vers sicher schon auf den inkarnierten Logos bezogen.“

19 H. Thyen,  Johannesevangelium, 83f schreibt zu V. 11: „Kritisch ist jedoch zu bemerken, dass sich nirgendwo im Prolog derart platte Redundanzen finden, so dass einfach dasselbe (Th. meint: wie in V. 10) mit anderen Worten noch einmal gesagt würde. Vielmehr wird in allen Folgesätzen – sei es im Stufenparallelismus, sei es durch das Mittel des Kontrastes – stets ein Stück neuer Information eingeführt (vgl Zahn 72). Diese neue Information dürfte im Fall von V. 11 in den beiden neu eingeführten Lexemen ta idia und hoi idioi stecken die wir oben auf das jüdische Land und Volk bezogen haben.“ Diesen Bezug kann ich mir also sehr gut in einem jüdischen Logoslied vorstellen, während ho kosmos zum Vokabular des Johannes gehört. R. Schnackenburg, Kommentar I,236: „Der Evangelist dürfte den Vers wieder vom geschichtlichen Kommen...des Logos verstehen...“

20 Das „zeltete unter uns“ mit dem dazugehörenden Sehen von Gnade und Wahrheit kann man sich sehr gut in einem jüdischen Logoslied vorstellen. H. Thyen, Johannesevangelium, 93 schreibt: „Als Intertextualitäts-Signal stiftet das Verbum skänoun zu wechselseitiger Lektüre von Prolog und Sinai-Erzählung an. Hier wie da sind die zentralen Themen „Wohnen Gottes mitten unter seinem Volk“, das „Erstrahlen seiner Offenbarungsherrlichkeit“ auf dem von Mose errichteten „Zelt der Begegnung“ dort, wie auf dem Angesicht des monogenäs para patros hier. Diese für unseren Prolog-Text konstitutive Beziehung...“

21 Chr. Dietzfelbinger, I,32: „...dass es im Judentum das Gesetz, die Tora ist, die Gnade und Wahrheit enthält, und man wird nicht müde, Gnade und Wahrheit als Inhalt der Tora zu preisen.“

22 Ex 33,20     

23 ursprünglich wird vielleicht gestanden haben: „der an seiner Brust ist“. ‚Vater’ ist joh. Vorzugswort. Einen Text vom Ruhen der Tora im Schoße des Heiligen bietet Wengst, Johannesevangelium I,74

24 H. Thyen, Johannesevangelium , 107 verweist auf die ‚Anspielung’ auf Sir 43,31 und auf Sir 24 als literarischen ‚Bezugstext

25 J. Ashton,The Transformation of Wisdom. A Study of the Prologue of John’s Gospel, NTS 32 1986, 162-186

26 Die jüdischen Sänger des Logosliedes scheinen besonderen Wert auf Visionen gelegt zu haben. Gerade im Gegenüber zu jüdischen Gesprächspartnern des Johannesevangeliums führt der Evangelist alttestamentliche Visionsgeschichten an und interpretiert sie auf Christus hin:
/Jakob hat die Engel auf der Leiter auf „IHN“ herabsteigen sehen (so die Auslegung des Evangelisten nach dem unvokalisierten hebr. Text);
/Abraham hat den gesehen, der war, ehe Abraham war;
/Mose hat von „IHM“ geschrieben und
/Jesaja hat „IHN“ gesehen.
Diese vier angesprochenen alttestamentlichen Texte waren natürlich im zeitgenössischen Judentum diskutierte Ereignisse. Wohl deswegen kommen sie im Johannesevangelium z. T. massiert (Jes 6) vor.

27 Wie die Lektüre Philos zeigt, sah man den Logos (als „Brot“ usw.) auch in der Zeit des Auszugs aus Ägypten am Werke. Diesen Logos-Hintergrund nehme ich auch für folgende Aussagen des Johannesevangeliums an: Joh 6,35 „Ich bin das Brot des Lebens...“ Joh 7,37 „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke...“ Joh 8,12 „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ So sehe ich auch die Aussage des Logosliedes in Joh 1,14, Gnade und Wahrheit im Zusammenhang mit Ex 34,6, – anders als H. Thyen (Johannesevangelium, 94f) und andere. Die jüdischen Sänger des Logosliedes waren der Meinung, dass Mose die Herrlichkeit des Logos gesehen habe. Johannes lässt diese Aussage stehen, versteht aber Gnade und Wahrheit als das, was die Christen in Jesus gesehen haben.

28 Besonders wichtig ist es für das Verständnis des ursprünglich jüdischen Logosliedes, dass die Auslegung Gottes in Joh 1,18 als Werk des jüdisch verstandenen Logos gesehen wird. Erst der Evangelist führt dieses Verständnis weiter, indem er von der Inkarnation des Logos in Jesus spricht. Dadurch empfängt das Sehen von Gnade und Wahrheit der vorchristlichen Beter eine neue Qualität, die im gesamten Evangelium ausgebreitet wird.
(J. Becker hält in seinem Kommentar - I,74ff - die Inkarnationsaussage für den Evangelisten für „belanglos“. In seiner Sicht ist ein vorchristlicher Weisheitshymnus, bestehend aus 1,3f/5. 11-12c von der johanneischen Gemeinde verchristlicht worden. Vom Evangelisten stammen die Verse 2. 6-10. 12d. 13. 14d. 15. 17f). Schon in meiner Dissertation 1967, gedruckt als G. Reim, Studien zum alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums, Cambridge 1974, hatte ich S. 257 geschrieben: „Im Johannesevangelium können u.a. folgende Aussagen über den Sohn auf dem Hintergrund von Aussagen über die Weisheit gesehen werden: Joh 1,18 (vergleiche Weish 7,22; 8,3; Sir 43,31.33)...“ „Wer hat ihn gesehen, dass er von ihm sagen könnte? Wer kann ihn so hoch preisen, wie er ist? Wir sehen seiner Werke das wenigste; denn viel größere sind uns noch verborgen. Denn alles, was da ist, hat der Herr gemacht, und das gibt er den Gottesfürchtigen zu wissen.“ (Sir 43,35-37 nach Luther) Auf diesem Boden ist das ursprüngliche jüdische Logoslied gewachsen, und der Evangelist hat es von der Inkarnation her weiterführend vollendet.

29 Während in V. 1 eine zwiefältige Aussage gemacht wird – a) Identität des Wortes mit Gott: Gott war das Wort, b) ein gewisses Gegenüber  zu Gott: das Wort war bei Gott – wird in V.2 durch den Evangelisten ein gewisses Gegenüber betont: das Wort war bei Gott,

30 Glauben an den Messias – das ist johanneisch. Der Evangelist hat die Betonung des ‚glauben an’ in erster Linie aus seiner Auslegung von Jes 28,16 – wer (= jeder, der) an ihn glaubt, wird leben, nicht zuschanden werden... Für seine Auslegung konnte Johannes sich auf den Targum von Jes 28,16 und die LXX zu Jes 28,16 berufen..

31 Wie das Gespräch Jesu mit Nikodemus in Joh 3 zeigt, hatte dieser als Vertreter des Judentums, das das ursprüngliche Logoslied gesungen hatte, keine rechte Erkenntnis darüber, wie man Kind Gottes werden kann.

32 Der Evangelist Johannes hat den Inkarnationsgedanken im Anschluss an LXX Ps 39 (= BH Ps 40) und an die Berufungsgeschichte des Messias gemäß Jes 6 entwickelt.

33 doxan hoos monogenous para patros: Hier wird von Johannes auf Jes 6 angespielt. Der von Gott gesandte – Jes 6,8ff – dessen Herrlichkeit Jesaja sah und von ihr hörte, Jesus, ist die Fortschreibung jener Herrlichkeit, von der das jüdische Logoslied gesungen hat. Zu para vgl z.B. Joh 7,29; 6,46; 9,16. 33.

34 Ich schließe mich der Argumentation von E. Edwards, in: JSNT 32 (1988), 3-15, der auch H. Thyen, Johannesevangelium , 103 zustimmt, an. Die Gnade aus der Mosezeit wird durch die Gnade aus der Christuszeit aufgenommen und weitergeführt. K. Wengst, Johannesevangelium, I,72, : „Das Bekenntnis von V.16, überreich Gnade empfangen zu haben, wird also doppelt begründet: zunächst durch die Gabe der durch Mose vermittelten Tora und dann durch die Präsenz des gnädigen und treuen Gottes in Jesus Christus. (vgl auch Wengst, Johannesevangelium, Anm. 71)

35 Das Johannesevangelium stellt sich nicht gegen Mose und das Gesetz, sondern gegen diejenigen jüdischen Zeitgenossen, - „die Juden“ - die den Weg von Mose zu Jesus nicht weitergegangen sind. Dass Mose Jesus visionär gesehen hat, dass er also auch Gnade und Wahrheit visionär gesehen hat, ist dem Evangelisten klar. Was Mose jedoch nicht gesehen hat, ist die in der Inkarnation sichtbar gewordene Gnade und Wahrheit. Man kann als Jude – so die Aussage des Johannes – nicht bei der ‚nur’ visionären Schau stehen bleiben. Die Geschichte vom Blindgeborenen, sehend gewordenen in Joh 9 zeigt das deutlich. V. 17 weist auf die Unvollständigkeit der Vision „der Juden“ von ‚Gnade und Wahrheit’ in 1,14 hin. Diese Vision kommt erst zum Ziel im Sehen des als Mensch wirkenden Jesus Christus, 1,17.
Da alle anderen im Johannesevangelium angesprochenen Visionen (des Menschensohnes aus Dan 7 in Joh 1,51, des  Gesandten aus Jes 6 und Gen 49,8-12 in Joh 12 und Joh 9, des ‚Ego Eimi’ in Joh 8, den Abraham gesehen hat) auf Jesus Christus als Ziel hinweisen, kann man annehmen, dass auch diese Hinweise Korrekturen jüdischer Auslegungen dieser Visionen sein sollen wie Joh 1,17 (christlicher Text) im Hinblick auf 1,14 b-c (jüdischer Text).

36 Hier schließt sich der Evangelist an Ps 45,8 an, wo ‚elohim’ zu ‚elohim’ spricht. Das ist ein Psalm, der von TG und LXX messianisch verstanden worden ist, s. den in diesem Aufsatzband enthaltenen Aufsatz: G. Reim, Jesus as God in the Fourth Gospel - The Old Testament Background. Aus diesem Psalm stammen weiter die Darstellung Jesu als König der Wahrheit und wohl auch, dass die Häscher Jesu zu Boden fallen und dass zur Beerdigung Jesu in großer Menge Aloe und Myrrhe verwendet werden.

R. Schnackenburg, Kommentar  I,246: “Für monogenäs bildet wahrscheinlich das hebr. jachid die Grundlage, und dieses kann sowohl „einzig, einziggeboren“ als auch „einziggeliebt“ bedeuten.“ Über LXX Psalm 44 steht als Überschrift agapätos.
37 Dadurch, dass der vierte Evangelist die alten Bausteine eines jüdischen Logosliedes benutzt hat, ist wie bei allen Rekonstruktionen eine gewisse Willkür gegeben, aber eben nur eine „gewisse“. Grundsätzlich hoffe ich, einen verlässlichen Weg für ein neues Verständnis des Logosliedes aufzuzeigen.

38 Die Benutzung von Aussagen aus Targum und LXX als Argumentationshilfe gegenüber der jüdischen Gruppe, die als erste den Logospsalm gesungen hat, sehe ich als ganz wichtiges Element des Evangelisten an, Sänger des jüdischen Logosliedes als Bekenner des christlichen Logoshymnus zu gewinnen. Ein wichtiger jüdischer Anfang soll – korrigiert – zu seinem Ziel weitergeführt werden. Der Korrektur und der Weiterführung dient dann weitgehend das weitere Evangelium, das viele Themen des Logoshymnus aufgreift.

39 Vgl zu den folgenden Schriftstellen meine Untersuchungen und Aufsätze in: G. Reim, JOCHANAN, Erweiterte Studien und in diesem Aufsatzband enthaltenen Aufsätze.

40 G. Reim, JESUS AS GOD IN THE FOURTH GOSPEL. THE OLD TESTAMENT BACKGROUND (in diesem Aufsatzband enthalten)

41 s. JOCHANAN, 70-88

42 G. Reim, Targum und Johannesevangelium (in diesem Aufsatzband enthalten)

43 vgl G. Reim, Vom Hebräerbrief zum Johannesevangelium, anhand der Psalmzitate (in diesem Aufsatzband enthalten)

44 Ich habe für die johanneische Erweiterung eine andere Schrifttype benutzt.

45 Während in V. 1 eine zwiefältige Aussage gemacht wird – a) Identität des Wortes mit Gott: Gott war das Wort, b) ein gewisses Gegenüber zu Gott: das Wort war bei Gott – wird in V.2 durch den Evangelisten das gewisse Gegenüber betont ‚das Wort war bei Gott’, was das Verständnis des Wortes als des ‚späteren’ Christus erleichtert.

46 ‚glauben an’ den Messias – das ist johanneisch. S. Anm. 17

47 Vgl Anm 18

48 Der Evangelist Johannes hat den Inkarnationsgedanken im Anschluss an LXX Ps 39 (= BH Ps 40) und an die Berufungsgeschichte des Messias gemäß Jes 6 entwickelt.

49 Hier kann sich Johannes die Bezeichnung Jesu als ‚Sohn’ in der Urchristenheit anschließen, kann diese Anschauung aber auch von Ps 45 (LXX 44) her verstehen, wo Gott zu Gott spricht und die Überschrift über diesem Psalm in der LXX vom ‚Geliebten’ spricht.

50 Vgl Anm 22

51 Hier schließt sich der Evangelist an Ps 45,8 an, wo ‚elohim’ zu ‚elohim’ spricht. Das ist ein Psalm, der von TG und LXX messianisch verstanden worden ist, s. den Aufsatz: G. Reim,  Jesus as God in the Fourth Gospel - The Old Testament Background NTS Vol. 30, 158-160 (in diesem Aufsatzband auf deutsch enthalten)

52 Auf Grund meiner Forschungen hat der Evangelist Johannes, nachdem er eine erste Ausgabe seines Evangeliums fertiggestellt hatte, aus einer Gemeinde ein kleines Evangelium des Lieblingsjüngers Johannes und Zeugen des gesamten öffentlichen Lebens Jesu bis hin zu dessen Tod und Auferstehung erhalten. Jene Gemeinde hatte den Jesusjünger als Lieblingsjünger empfunden und sein altes Evangelium auch dahingehend interpretiert und in manchem vielleicht ergänzt. Das alte kleine Evangelium hat hohen historischen Wert als vierter Synoptiker neben den anderen drei Synoptikern. Manche Brüche im uns vorliegenden Johannesevangelium sind meiner Meinung nach auf die Einarbeitung des vierten Synoptikers in eine Erstausgabe des Johannesevangeliums zurückzuführen. Auch die Brüche im Logoslied gehören dazu. Als der vierte Evangelist den vierten Synoptiker erhalten hat, hat er auch sein erstes Logoslied überarbeitet, indem er die Aussagen über Johannes den Täufer im vierten Synoptiker eingefügt und kommentiert hat. H. Thyen, Johannesevangelium (s. Anm. 1), 76 meint, dass Johannes von allen drei Synoptikern „konkrete Kenntnis“ gehabt habe, was von vielen, auch von mir, bezweifelt wird.

53 Der Evangelist Johannes vermeidet den Titel ‚Knecht’ und sagt dafür lieber ‚Menschensohn’ oder ‚Sohn’ – s. JOCHANAN, 254. Zum Weltprozess s. JOCHANAN , 166f.

54 Jesus wird im Johannesevangelium als das gemäß Jes 42,6f; 49,6 verheißene Licht der Welt dargestellt. „das in diese Welt kommt“ ist joh. Zusatz. Vgl R. Schnackenburg, Komm.  I,231: “Vielleicht lässt sich die Wendung am ehesten als ein Zusatz des Evangelisten zum ursprünglichen Logoshymnus betrachten...“

55 vgl z.B. Joh 11,27 und Hebr 10,5

56 Ich übernehme die auch von H. Thyen , Johannesevangelium , 105 bevorzugte Übersetzung.

57 Wirkliche Exegese Gottes gibt es – im Unterschied zu der jüdischen Auffassung vom Logos - erst durch den Fleisch gewordenen Jesus Christus, wovon das weitere Johannesevangelium Zeugnis ablegt.

58 Zu den neun folgenden jüdischen Aussagen vgl Johanneskommentare. Ich schreibe das so pauschal, wegen der Unmenge von Kommentaren und Aufsätzen. Sie alle anzuführen, würde die Form eines kurzen Aufsatzes weit überschreiten.

59 Der Evangelist benutzt wiederholt Aussagen aus Ps 95 über Menschen des Exodus – murren, streiten, nicht hören... – um die Ablehnung Jesu in seiner Zeit, aber auch die neue Möglichkeit des ‚heute’ = jetzt (nyn) aufzuzeigen. s. G. Reim, Späte Entdeckung: Psalm 95 als Darstellungsprinzip für das Wirken des johanneischen Jesus. (Enthalten in diesem Aufsatzband)

60 s. „Targum und Johannesevangelium“ (enthalten in diesem Aufsatzband)

61 vgl den Targum zur Kainsgeschichte besonders zu Gen 4,25f

62 Joh 8,42b benutzt das Wort häkoo. Dieses Wort findet sich nur in LXX Ps 39,7 – ein Psalm mit vielen Anklängen im Johannesevangelium – und im Zitat des Psalms Hebr 10,5ff. Es ist ein Psalm, der auch nach dem Hebräerbrief von dem in den Kosmos hereinkommenden (10,3) Christus spricht, der einen Leib von Gott bereitet bekommen hat (10,5). Hier findet sich der Gedanke der Inkarnation im auf LXX Ps 39 basierenden Hebräerbrief. Für das Verständnis von Joh 1,14 ist das häkoo aus LXX Ps 39,7 konstitutiv und von höchster Bedeutung, werden doch Begriffe aus diesem Psalm auch im weiteren Johannesevangelium wiederholt verwendet, um Jesus als den inkarnierten Gesandten zu kennzeichnen.

63 Paralleltraditionen zum Johannesevangelium bei Justin (in diesem Aufsatzband enthalten): Dialog 89,2
Besonders wichtig ist es für das Verständnis des ursprünglich jüdischen Logosliedes, dass die Auslegung Gottes in Joh 1,18 als Werk des jüdisch verstandenen Logos gesehen wird. Erst der Evangelist führt dieses Verständnis weiter, indem er von der Inkarnation des Logos in Jesus spricht. Dadurch empfängt das behauptete Sehen von Gnade und Wahrheit der vorchristlichen Beter eine neue Qualität, die im gesamten Evangelium ausgebreitet wird.
H. Thyen lehnt es in: Johannesevangelium,  64 grundsätzlich ab, sich auf das Gebiet der Literarkritik zu begeben. Ihn interessiert das Johannesevangelium nur als Endergebnis. Dessen Genese – früher und bis in neueste Zeit ein wesentlicher Aspekt der Johannesexegese – interessiert  ihn  überhaupt  nicht.   Das   ist   eine   Entscheidung,   die manches für sich hat. Ich teile sie nicht und hoffe, mit diesem kleinen Aufsatz den Wert der Mühe um die Genese - z. B. des Logosliedes – aufzuzeigen.
Ein gutes Beispiel für die Erforschung der Genese des Logosliedes liefert M. Theobald, Im Anfang war das Wort. Stuttgart 1983, 75, der einen rekonstruierten Christushymnus ohne redaktionelle Hinzufügungen und Einschübe darbietet. Für Th. ist es – S.438 – wahrscheinlich, „dass eine ursprünglich einfache Evs-Eröffnung, die vom Typ her der Eröffnung des Mk-Evs nahestand, zum Joh-Prolog erweitert wurde.“ Th. sieht – S. 470 - eine „Tendenz, die literarisch und wohl auch von dem hinter ihr stehenden Verkündigungstyp her archaisch zu nennende Evs-Eröffnung mit Johannes dem Täufer zugunsten christologisch weiter zurückfragenden Darstellungen der „Arché“ Jesu zu überholen.“ Th. spricht – 478f - vom jüdischen Weisheitsmythos, „der im Prolog eine christologische Nachdefinition erfahren hat.“ Th. stellt die Hypothese auf, „dass es die in 1 Joh attackierten Vertreter der dualistischen Taufchristologie waren, die die Rede vom Logos im joh. Kreis aufgebracht haben.“ „Er hat sich bei seiner Neuorientierung des Logos in starkem Maß an die weisheitlichen Traditionen Israels angeschlossen, was auch die „poetische“ Gestalt des Logos bestätigt, die zu Recht immer schon an die großen Gedichte auf Frau Weisheit in der jüdischen Sapientialliteratur erinnert hat.“ Th. verweist hier auf J. Ashton. Auch Ashton sagt, dass der Prolog als Vorlage für den Johannesprolog „specifically Christian“ sei (161). Vgl weiter M. Theobald, Die Fleischwerdung des Logos, 1988. R. Schnackenburg, Komm. I,202 sieht als Verfasser eines ursprünglichen Logos-Hymnus Christen, jüdisch-hellenistische Konvertiten, und bietet ein rekonstruiertes Kultlied. I,207: „Mit der Aufnahme eines von der Gemeinde gesungenen Hymnus erweist sich der 4. Evangelist der urchristlichen Tradition verpflichtet, um dann in seinem Ev und seiner eigenen Theologie das christologische Verständnis noch weiter zu führen und zu vertiefen.
Einen interessanten Aufsatz hat W. Bindemann verfasst: Der Johannesprolog in: Nov. Test. 1995, 330-354. Er sieht S. 348f im Logoshymnus einen weisheitlich geprägten Grundtext (Joh 1,1a.b.c; 2; 3a,b,c,4a; 4b; 10a,b; 14,a,c, 17a) der dann eine dualistisch-gnostisierende Erweiterung im hellenistisch-jüdischen Bereich erfahren hat (Joh 1,5a,b,; 9a,b,c; 10c; 11a,b; 12a,b,c; 13 a,b,c,d; 14,d,e,g; 16a,b.) Danach ist der Text von Christen rezipiert worden (Zusätze in Joh 1,12d und 17b-c). Schließlich folgen die Interpretamente des Prolog-Autors (1,6-8; 12d; 14b; 15; 17b,c; 18). Zu den ursprünglichen Täufertexten zählt Bindemann Joh 1,6 a,b,c; 7b; 15, a,c,d,e. Interpretamente des Prologautors sind Joh 1,7a; 15b. Neben dem jüdischen Originallied finden sich also eine vorchristliche Rezeptionsstufe und zwei christliche, wobei erst in der letzten Stufe interpretiertes Täufermaterial vom Prologautor eingetragen worden ist.

Ich sehe das jüdische Originallied als viel umfangreicher an und zeige mit Hilfe des Selbstverständnisses „der Juden“ und unter Hinzuziehung von TG und LXX eine viel umfangreichere Ausgestaltung des jüdischen Originalliedes zu zwei Zeiten durch den Evangelisten, der für die letzte Stufe Material aus dem „vierten Synoptiker“ interpretierend benutzt.