Heute - jetzt - aktueller geht es nicht

"In der Entscheidung des Glaubens oder Unglaubens kommt zutage, was der Mensch eigentlich ist und immer schon war. Aber es kommt so zutage, dass es sich jetzt erst entscheidet."
So hat R. Bultmann 1941 zu der Begegnung des Nikodemus mit Jesus geschrieben. Bultmann hat damit sich selbst und jeden Menschen gemeint, also auch mich heute und jetzt. Bei Johannes hat Bultmann gefunden, was "heute" und "jetzt" heißt: Dass es dem Evangelisten mit seinem Evangelium nicht um eine Aufzählung von Geschichten und Personen um und mit Jesus geht, nicht um das historische Schicksal Jesu, sondern jeweils um mich heute und jetzt. Es geht um meine Begegnung mit Jesus durch den Geist und es geht um meine Entscheidung, woher ich sein will und wohin ich gehen will. In der Person des Nikodemus steht mein Lebensweg zur Debatte, auch in der Person jener namenlosen Samaritanerin oder des namenlosen Blinden. Wer ist der Messias? "Ich bin es, der (im Augenblick) mit dir spricht" - 4,26.

Wie ist Johannes zu dieser Evangeliumsgestaltung gekommen, die die Existenz des Menschen hier und jetzt so konsequent anspricht und zur Entscheidung ruft?
Ich denke, es hat mit allgemein-menschlicher Tendenz zur Flucht in Vergangenes vor einer notwendigen Entscheidung im Heute zu tun. Diese Tendenz haben wir in Joh 6 gesehen, wo die Zuhörer Jesu, die für sich Wesentliches jetzt hätten hören können, sich durch einen Verweis auf die Vergangenheit vor der eigenen Entscheidung flüchten: "Unsere Väter haben das Manna gegessen in der Wüste - was tust du denn für ein Zeichen, auf dass wir sehen und glauben dir?" - 6,31.30. Aber: Schon die flüchtenden Israeliten in der Wüste damals hatten auf Gott ja nicht gehört - Ps 95 - sodass eine spätere Generation mit dem Psalmwort ermahnt werden musste:
"Wenn ihr doch heute auf seine Stimme hören wolltet!" - Ps 95,7b.
Dieses "heute" hat jede Generation zu bedenken - ob sie hören will oder nicht. Der Jude Nikodemus hat nach dem Bericht des Johannesevangeliums offensichtlich sein "heute" nicht versäumt, auch nicht die Samaritanerin, die sich zuerst vor der persönlichen Entscheidung in die sachliche Frage flüchten wollte, wo denn der rechte Ort der Anbetung wäre, in Jerusalem oder auf dem samaritanischen Berge Garizim. Auch der Blindgeborene hat sein "heute" nicht versäumt, sondern wurde sehend in doppelter Hinsicht.
Mit dem Hören ist jetzt der Übertritt in die Gotteskindschaft da.
Aber von einigen anderen wird berichtet, dass sie nicht hören wollten - 8,43, 9,27, dass sie die Finsternis mehr liebten als das Licht, denn ihre Werke waren böse - 3,19. Im Augenblick des Nichthörens ereignet sich dann jeweils das Gericht für einen Menschen und im Augenblick des Hörens das Heil: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen. Wahrlich, wahrlich, es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben." - 5,24f.
Das meditierende Nachdenken über das "Heute" von Ps 95 hat Johannes wie auch den Schreiber des Hebräerbriefes dazu geführt, den jeweils aktuellen Hörer des Evangeliums zur Entscheidung zu fordern: "Darum, wie der heilige Geist spricht: Heute, wenn ihr hören werdet seine Stimme, so verstockt eure Herzen nicht... Sehet zu, liebe Brüder, dass nicht jemand unter euch ein arges, ungläubiges Herz habe..." Hebr 3,7ff.
Die kleinen Wörter "nun, jetzt, heute" bei Johannes fordern persönliche Beachtung - nicht geschichtliche. Bultmann hat immer wieder darauf hingewiesen.

Heute
Heute


Aus der Literatur

Aus dem Talmud (Sanhedrin 98a)
"Rabbi Jehoschua, Levis Sohn, vom Propheten Elia zum Messias geschickt, sagt zu diesem: "Friede sei mit dir, mein Meister und mein Lehrer! Er sagte zu ihm: Friede sei mit dir, Levis Sohn! Er sagte zu ihm: Wann kommst du, Herr? Er sagte zu ihm: Heute!..." Als Levis Sohn diese Antwort "Heute" dem Elia wiederum berichtet, erklärt ihm dieser das "Heute" :"Dies wollte er dir damit sagen: Heute - wenn ihr auf seine Stimme hört."

Aus Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, S.549: Heute wie gestern
Als Rabbi Menachem Mendel von Kosow einst bestürmt wurde: "Warum kommt der Messias nicht?" sagte er: "Es steht geschrieben (1. Sam. 20,27): ’Warum ist der Sohn Isais weder gestern noch heute gekommen?’ Warum nicht? Weil wir heute sind, wie wir gestern waren."