Der Geist - Bindungen und Kreativität

Es macht die Schwierigkeit des Johannesevangeliums aus, dass der Evangelist zwei wohl schriftliche Berichte von Christen vor ihm und neben ihm über das Leben Jesu verarbeitet hat. Und es macht die Faszination dieses Evangeliums aus, dass in ihm verschiedene Glaubensformen anderer gleichzeitiger Christengemeinden ihren Ausdruck finden. Die dem Johannes eigene Ausdrucksform, die wir inzwischen schon kennen gelernt haben, hat mit dem starken Bewusstsein der Begabung mit dem Geist zu tun. Sie hat zu tun mit dem Wissen, dass der LOGOS, der vor Beginn der Welt beim Vater war, der mit den Vätern Israels geredet hat, mit Mose, mit den Propheten, dass dieser LOGOS, der in Jesus Christus gewirkt hat, mit der Erhöhung Jesu ans Kreuz zur Gemeinde gekommen ist und weiterwirkt, wie er immer gewirkt hat.
Nach dem LOGOS in der Gestalt des Jesus Christus nun also der LOGOS in der Gestalt des Geistes.

Von der Aufgabe des Geistes als Anwalt der Gemeinde in dem großen Weltprozess mit dem Bösen haben wir schon gehört. Für den Evangelisten gibt es noch einen zweiten Schwerpunkt im Wirken des Anwalts - aktuelle Lehre und Leitung:
"Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Anwalt geben, dass er bei euch sei ewiglich: den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfangen, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht... ...Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren"- 14,16-21. "Aber der Anwalt, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, was ich euch gesagt habe." "Es steht geschrieben in den Propheten:(Jes 54,13) "Sie werden alle von Gott gelehrt sein." "Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten..." 16,13. "Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit" - 17,17. Vgl weiter 20,21-23.
Beim Lesen dieser Worte bekommen wir den Eindruck einer intensiven, engen Beziehung des Evangelisten durch den Geist mit Gott, mit Christus, mit der Wahrheit. Aus dieser Beziehung heraus lässt sich Johannes an Worte Jesu erinnern und spricht sie in seiner Sprachform seiner Gemeinde aus.
Die Erinnerung durch den Geist an alles, was Jesus gesagt hat, ist also nicht die Vorlage eines Stenogramms der Worte Jesu durch den Geist, sondern neben Worte Jesu aus der Urchristenheit, die Johannes durch die Tradition schriftlich hat, tritt die Übertragung dieser Worte durch den Geist auf die aktuelle Gemeindesituation. Beispiel: Im "Stenogramm der Worte Jesu" hat nicht gestanden: Jesus sagte: "Ich bin das Brot des Lebens". Aber der Heilige Geist, der an Jesus erinnert, indem er die Geschichte von der Speisung der 5000 durch Jesus benutzt, lässt Jesus durch Johannes zu dessen Gemeinde sprechen, die sich auf der Flucht vor dem Tod befindet und sich nach Brot des Lebens sehnt : "Ich bin das Brot des Lebens." Durch den Schöpfer Geist entstehen neue Jesusworte im Munde des Evangelisten. Der Schöpfungsprozess geht weiter - "ewiglich": Joh 14,16. Johannes spricht damit natürlich auch uns heute an: dass Jesu damals gesprochene Worte und sein Handeln in neuer Form uns heute in neuer Situation ansprechen. Bei aufmerksamem Lesen des Johannesevangeliums entdeckt man oft das Nebeneinander von Tradition und kreativer Aktualisierung. Für Johannes gibt es keine Tradition um der Tradierung willen, sondern nur als für die Gemeinde hier und jetzt wirksame Tradition. Mit welchem Zorn würde der Evangelist wohl reagieren, wenn z.B. die Jungfräulichkeit der Maria bei der Geburt Jesu von Traditionalisten zum Kriterium des Glaubens gemacht würde, ohne andere Möglichkeiten, das Kommen Jesu als des Christus zu interpretieren, gelten zu lassen. Es geht Johannes genauso wie Paulus nicht um den Jesus nach dem Fleisch, um den Jesus der Traditionalisten, sondern um den jetzt durch den Geist zu uns sprechenden Jesus. Anknüpfen an die Tradition, ja, - so Johannes - aber wehe, die Tradition kommt ohne den Geist Jesu.

Marcato
Marcato


Aus der Literatur

S. Kierkegaard: Christentum und Christenheit, Kösel V. 1957 S. 308f
Der Heilige Geist. "Mit den Existenzen, wie wir sie führen, so unbedeutend, so endlich und verweltlicht, bilden wir uns ein, dass wir einen Heiligen Geist um Beistand bitten, dass Er es ist, der uns lenkt? Nein, lasst uns lieber aufrichtig sein, den Heiligen Geist in Ehren halten und sagen: Wir haben Angst, den Heiligen Geist um Beistand zu bitten; die Sache könnte leicht zu ernst werden, wenn Er wirklich käme - und uns hülfe. Das ist fünfzig Prozent ernster als das Geschwätz der Geistlichen."