R. Bultmann und das Alte Testament

 

DIE BEDEUTUNG

DES ALTEN TESTAMENTES FÜR

BULTMANNS JOHANNESKOMMENTAR

 

In: JOCHANAN, 269-282, mit kleinen Erweiterungen aus dem Jahre 2008

 

1938 war in Oxford eine kleine evangelische Gemeinde im Mansfield College der Congregationalists zu Gottesdiensten zusammengekommen. Sie bestand weitgehend aus von Deutschland emigrierten christlichen Juden mit ihrem Pfarrer Kramm. Drei Jahre später erschien in Deutschland Bultmanns Johanneskommentar. Dieser große, von mir überaus geschätzte Johanneskommentar hatte den alttestamentlichen Hintergrund des Vierten Evangeliums zugunsten einer Herleitung aus der Gnosis übergangen. Als ich für sechs Jahre dann Pfarrer an der Oxforder Gemeinde wurde mit ihren inzwischen alt gewordenen Jüdinnen und Juden, war mir im Hinblick auf Predigt, Bibelstunde und Gespräch mit diesen Gemeindegliedern bald klar, dass eine intensive Erforschung des gesamten Alten Testamentes im Hinblick auf seinen Einfluss auf das Johannesevangelium mit seiner Rede von den ‚Juden’ und von ‚eurer Schrift’ notwendig war. So entstand als Anhang an meine Dissertation ‚Studien zum alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums der erste Aufsatz etwa 1966 zum obigen Thema. Ohne Einzelheiten aus der Dissertation wiedergeben zu können, sind folgende große Schwerpunkte aus dem AT im Johannesevangelium ans Licht gekommen: Benutzung des Pentateuch, von Jesaja, Deuterojesaja, von Psalmen, Sacharja und Daniel durch den Vierten Evangelisten bzw. die ihm vorliegende Tradition. Diese Schwerpunkte bildeten die Grundlage für meine Auseinandersetzung mit R. Bultmann.
Wenn ich den Aufsatz hier noch einmal abdrucke, tue ich das, weil in einer Reihe von meinen achtzehn folgenden Aufsätzen zum Johannesevangelium der alttestamentliche Hintergrund als Grundlage für alles Schreiben des Vierten Evangelisten immer klarer zutage gekommen ist. Besonders wichtig sind mir im Zusammenhang mit diesem Bultmann-Aufsatz folgende Aufsätze:

Joh 9 – Tradition und zeitgenössische messianische Diskussion
mit Abbildung: Synagogenlesungsordnung, enthalten in einer Lutherbibel von 1713 (Abbildung auf S. 463)
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/202

Johannesevangelium und Synagogengottesdienst
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/203

Targum und Johannesevangelium
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/204

Jesus as God in the Fourth Gospel: The Old Testament Background
http://www.evangelium-johannes.de/je7/en/node/224

Joh 8,44 – Gotteskinder – Teufelskinder
mit Abbildung S. 465 von etwa 1938 vor einem deutschen Dorf
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/205

Nordreich – Südreich: Der Vierte Evangelist als Vertreter christlicher Nordreichstheologie
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/148

 

Späte Entdeckung: Ps 95 als Darstellungsprinzip für das Wirken des johanneischen Jesus
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/135

 

Vom Hebräerbrief zum Johannesevangelium, anhand der Psalmzitate
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/130

Die Sondersprache des Evangelisten Johannes – oder: Warum spricht er so, wie er spricht?
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/206

Wie der Evangelist Johannes gemäß Joh 12,37ff Jesaja 6 gelesen hat
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/56

 

Birkat ha-Minim – ein jüdisches Gebet wird entfeindet
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/207

 

Joh 1,1-18 – wie und warum ein jüdisches Logoslied geändert worden ist.
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/207

 

Dieser letzte Aufsatz zum Logoshymnus ist etwa 42 Jahre nach meinem ersten zu Bultmanns Johanneskommentar geschrieben worden und bildet den Abschluss eines Kreises, in dessen Mittelpunkt jene christlichen Juden aus Oxford stehen und alle, die ihnen in irgendeiner Weise verwandt sind oder es waren.

Vorbemerkung für meinem ursprünglichen Aufsatz zu R. Bultmanns Sicht

Es kann hier nicht der Versuch unternommen werden, eine ins einzelne gehende kritische Durchsicht des Bultmannschen Johanneskommentars im Hinblick auf das Alte Testament vorzunehmen1. Ich halte es jedoch angesichts der bei Bultmann zu beobachtenden Zurückhaltung, beziehungsweise Verneinung des alttestamentlichen Hintergrundes für manche Aussagen des Evangeliums für nötig, in einigen Grundlinien und Beispielen aufzuzeigen, welche Bedeutung die vorliegenden Studien über den alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums meiner Meinung nach für die Auseinandersetzung mit Bultmann haben. Auf der anderen Seite ist es kaum nötig, zu sagen, wie viel ich aus Bultmanns Kommentar gelernt habe.

Methodisch möchte ich so vorgehen, dass ich zuerst die Bedeutung des Alten Testamentes für die einzelnen Quellen (Semeiaquelle, Quelle für Passions- und Auferstehungsgeschichten, Offenbarungsredenquelle), für den Evangelisten und den Redaktor nach Bultmann wiedergebe, dann meine Kritik anbringe und im dritten Teil auf Einzelfragen zu sprechen komme.

I DIE BEDEUTUNG DES ALTEN TESTAMENTES FÜR DIE EINZELNEN QUELLEN, FÜR DEN EVANGELISTEN UND DEN REDAKTOR

 

In der Semeiaquelle findet Bultmann alttestamentliche Rede weise2. In den einzelnen Quellenstücken werden keine AT- Zitate gebracht. Nur gegen Ende der Semeiaquelle wird ein Zitat aus Jes 53,1 (Joh 12,38) angeführt, das in der Quelle apologetischen Sinn gehabt hat, aber durch den Evangelisten, der in Joh 12,40 Jes 6,9f hinzugefügt hat, neue Bedeutung bekommt3.

Die Quelle für Passions- und Auferstehungsgeschichten

Diese Quelle kennt den Schriftbeweis4 und enthält die Zitate in Joh 12,135 eventuell 12,146; 19,247; 19,288; 19,369 und 19,3710.

Die Offenbarungsredenquelle

Diese Quelle enthielt kein Zitat aus dem AT. Ihr lag eine positive Beziehung auf das AT fern11. Ihre Worte über das

Schriftstudium der Juden in Joh 5,39f enthalten eine „Abweisung der jüdischen Religion überhaupt“12. Diese Quelle kann sich deshalb auch nicht auf Mose berufen haben13.

Damit hat Bultmann ein wichtiges Kriterium für seine Quellenscheidungstheorie gefunden: Was aus dem AT stammt, kann nicht aus der Offenbarungsredenquelle stammen, was aus der Offenbarungsredenquelle stammt, kann keinen positiven Bezug auf das AT haben14. Deswegen können Sprache und Begriffswelt dieser Quelle auch nicht aus dem AT stammen. Woher aber dann? Aus der Gnosis! Diese Anschauung wird außer im Johanneskommentar15 auch in Bultmanns Rezension von Dodd’s Interpretation of the Fourth Gospel16 sichtbar, wenn er unter anderem den alttestamentlichen Hintergrund für glauben, Licht, Doxa, Sohn, Logos, erhöht werden nicht anerkennen will, sondern den Hintergrund wiederholt in der gnostischen Tradition sieht.

Der Evangelist

Der Evangelist hat offensichtlich ein positives Verhältnis zur Schrift. Das zeigen zum Beispiel die beiden Ergänzungen, die er der Offenbarungsredenquelle in Joh 5,39 einfügt, beziehungsweise in 5,45-7 anfügt17. Nur "darf man unter dem, was Mose über Jesus geschrieben hat, nicht, wenigstens nicht primär, die messianischen Weissagungen verstehen, sondern das, was für Mose charakteristisch ist, das Gesetz"18. "In welchem Sinne aber ist sie (sc die Schrift) ‚Zeugnis’? Schriftbeweise im traditionellen Sinne können ja nicht gemeint sein; denn solche bringt der joh. Jesus nicht..."19. Gelegentlich gibt der Evangelist, für den der Schriftbeweis kein primäres Anliegen ist, ihm aber doch Raum20, wenn auch nur so, dass er den Bericht der Quelle reproduziert. Der Evangelist hat folgende Zitate in das Evangelium eingefügt:

Joh 2,1721,  6,3122,  6,4523,  7,4224,  8,1725, 12,3426,  12,4027, 13,1828, 15,2529 und 17,1230, Von ihm stammt auch die Anspielung auf Gen 28,12 in Joh 1,5131,

 

Der kirchliche Redaktor

Er ist für die Einfügung der Zitate in Joh 1,2332, 7,3833 und eventuell 10,3434 verantwortlich.

 

II KRITIK DER ANSCHAUUNGEN BULTMANNS

Die Semeiaquelle

Die Annahme einer Semeiaquelle durch Bultmann als eine der Quellen für das Johannesevangelium wird durch die Anspielungen auf Elia oder Elisa in verschiedenen Wundergeschichten bestätigt. Das Zitat in Joh 12,40 wird man jedoch nicht dem Evangelisten zusprechen können35 . Es war schon in der Semeiaquelle mit dem Zitat aus Jes 53,1 verbunden.

Die Quelle für Passions- und Auferstehungsgeschichten

Bei der Untersuchung der Zitate hat sich gezeigt, dass man zu den Zitaten, die Bultmann dieser Quelle zuschreibt, noch Joh 1,2336 und 13,1837 hinzuzählen muss. Dazu kommen noch zwei Schrifthinweise in 2,2238 und 20,9, die Bultmann dem Evangelisten (Joh 2,22)39 und dem Redaktor (Joh 20,9)40 zuweist. Der erste Schrifthinweis stand ursprünglich als Abschluss der Geschichten vom Einzug in Jerusalem und von der Tempelreinigung und spielte, wie 1 Kor 15,4, wohl auf Hos 6,2 an; so auch der zweite Schrifthinweis, der sicher ursprünglich in einer Maria Magdalena-Geschichte stand. Diesen Schrifthinweis auf Hos 6,2 hatte der Evangelist nicht gekannt und hat ihn deshalb in Joh 2,17 aus Ps 69 ergänzt.

Die Offenbarungsredenquelle

Die Konstatierung dieser Quelle ist eine geniale Konzeption Bultmanns. Hier zeigt sich seine große Beobachtungsgabe, die wir in seinem ganzen Kommentar bewundern. Hier liegt aber zugleich die große Schwäche des Johanneskommentars, denn mit der Konstatierung der Offenbarungsredenquelle wird der Evangelist zu einem grandiosen Interpolierer und genialen Komponisten herabgewürdigt. Er ist aber mehr: Er ist der Verfasser der Offenbarungsredenquelle.

Zu seiner These konnte Bultmann kommen, weil er in gewissen johanneischen Redepartien alttestamentliche Anspielungen und Zitate vermisste und zugleich für diese Partien weitgehend gnostische Parallelen anführen konnte. Diese Beobachtungen Bultmanns, die richtig sind, werden dann aber falsch, wenn sie zu einem System ausgearbeitet werden, das dann sowohl Quellenscheidung als auch Interpretation bestimmt. Die Nähe zur Gnosis, in der der Evangelist - die Offenbarungsredenquelle eingeschlossen - steht, wird man durch seine Verwandtschaft mit jüdischen Weisheitskreisen erklären müssen.

In der Forschung der vergangenen Jahre ist wiederholt auf die Nähe des johanneischen Prologs zur Weisheit hingewiesen worden41, deren alttestamentliche Wurzeln offenkundig sind. Bultmann erwähnt die Weisheit42, hält aber offensichtlich nicht viel von ihr als dem Hintergrund des Prologs. Im gleichen Atemzuge mit der Weisheit nennt er nämlich Qumran, das für ihn „zu den religionsgeschichtlichen Voraussetzungen des Joh.-Evg. gehört“, wo sich der Weisheitsmythos jedoch nicht zu finden scheint, dafür aber ein „gnostisierender Charakter dieses Judentums“.

Diese Hinweise können mich jedoch nicht davon abbringen, auch weiterhin ein Lied auf die Weisheit, beziehungsweise Aussagen über die Weisheit, als Grundlage für den Prolog zu sehen. Wie ich in Übereinstimmung mit Ziener43 gezeigt habe, haben sich Weisheitsspekulation und Johannesevangelium mit denselben drei Auszugsgeschichten - Wasser aus dem Felsen, Manna und eherne Schlange - beschäftigt. Dazu kommt der weisheitliche Charakter von Joh 3 und von vielen Abschnitten der „Offenbarungsredenquelle“44. Der alttestamentliche Zweig der internationalen Weisheit, von dem Johannes abhängig ist, erfordert eine Exegese des Johannesevangeliums, die dem AT gebührenden Platz einräumt. Weil dieser alttestamentliche Zweig jedoch der internationalen Weisheit angehört, kann und muss die verwandte Gnosis zur Illustration und zum Vergleich herangezogen werden, aber immer mit dem Wissen, dass es sich um einen anderen Zweig handelt. Der alttestamentliche Charakter der johanneischen Weisheit zeigt somit die Grenze auf zur Gnosis, die das AT nicht oder nicht mehr enthält.

Ich halte nun zwei Schritte, die Bultmann in seinem Johanneskommentar getan hat, für nicht erlaubt:

a) dass die „Offenbarungsredenquelle“ nicht auf dem Hintergrund der alttestamentlichen Begrifflichkeit gesehen wird und

b) dass das AT dazu benutzt wird, den Evangelisten von der „Offenbarungsredenquelle“ zu scheiden.

Tut man das jedoch, so wird die Einheitlichkeit der johanneischen Reden gestört und es ergeben sich große exegetische Widersprüche und Schwierigkeiten, für die ich später einige Beispiele geben will.

Der Evangelist

Bei meiner Untersuchung der Zitate hat sich gezeigt, dass folgende Zitate, die Bultmann dem Evangelisten zuspricht, nicht vom Evangelisten stammen: Joh 6,3145, 6,4546, 12,4047 und 13,1848.

Dazu kommt die Anspielung in Joh 1,5149. Vom Evangelisten stammen dagegen die Zitate in: Joh 19,2850 und 7,3851, die Bultmann dem Evangelisten abspricht. Dieses Ergebnis ist von großer Bedeutung für die Frage einer kirchlichen Redaktion und der Offenbarungsredenquelle. Bultmanns Urteil, dass für den Evangelisten der Schriftbeweis kein primäres Anliegen ist, er ihm aber doch gelegentlich Raum gibt, ist verständlich, aber es bedarf einer Korrektur. Es gibt drei Schriftbeweise, die vom Evangelisten selbst stammen: in Joh 2,17; 15,25 und 19,2852. Alle drei Zitate stammen aus Ps 69. Eine Art Schriftbeweis durch den Evangelisten findet sich auch in Joh 8,28 und 13,1853.

Da der Evangelist Jesus als den Propheten wie Mose sieht54, wird man unter dem, was Mose von Jesus geschrieben hat (Joh 5,46), vornehmlich Dtn 18,15ff verstehen müssen, ohne andere Stellen auszuschließen.

Da die Weisheitstradition, von der Johannes abhängig ist, vom AT herkommt, ist der Evangelist offen für alttestamentliche Zitate und Anspielungen, die ihm in anderen Traditionen begegnen. Diese Offenheit war aber erst möglich, nachdem von der vorchristlichen Weisheitstradition der entscheidende Schritt von der Überzeitlichkeit, Ewiggültigkeit und relativen Geschichtslosigkeit in die Geschichte getan worden war, in die Geschichte Jesu Christi. Dieser entscheidende Schritt zeigt sich schon in dem dem Evangelisten aus der Tradition vorgegebenen Logoslied, in dem der Satz steht: "Und das Wort ward Fleisch" (Anm. 2008: Nach meiner Untersuchung von Ps 39 – LXX – nehme ich nun an, dass der Evangelist selbst diese Worte ins alte Logoslied eingefügt hat. Vgl. den Aufsatz zum Hebräerbrief und zum Logoslied in diesem Aufsatzband). Damit ist zugleich die Brücke von der Weisheit zu der Prophetie gebaut, die von Weissagung und Erfüllung spricht und die vom Evangelisten übernommen wird. Dass mit dem Brückenbau die Weisheitstradition nicht verlassen wird, zeigt unter anderem die präsentische Eschatologie des Johannesevangeliums, neben die Johannes jedoch eschatologische Aussagen vollkommen anderer Art aus dem 4. Synoptiker stellen kann (vergleiche Joh 5,28f).

Der kirchliche Redaktor

Wir haben gesehen, dass man die Zitate in Joh 1,23; 7,38 und 10,34 nicht dem Redaktor zuweisen kann. Eine kirchliche Redaktion sehe ich auch in Joh 21 nicht am Werke. Joh 21 wird zum Material aus dem 4. Synoptiker gehören und bei der Überarbeitung der Erstform des Evangeliums durch den Evangelisten angefügt worden sein. Joh 21 war schon vor dem Evangelisten überarbeitet worden. Ich meine z.B., dass die Einfügung des Lieblingsjüngers schon in der vorjohanneischen Überarbeitung sehr alten Materials vorgenommen worden ist. Eine genauere Analyse von Joh 21 werde ich in der Festschrift zum 65. Geburtstag von Prof. G.D. Kilpatrick im Jahre 1975 vornehmen.

III  EINZELFRAGEN

a) Der Prolog. Nach Bultmann liegt dem Prolog eine Quelle zugrunde, deren Text ein Lied der Täufergemeinde war55. Die Quelle gehört in den Kreis der frühen orientalischen Gnosis und liegt in einer modifizierten Form vor, die auf dem Einfluss des alttestamentlichen Gottesglaubens beruhen wird56. Obwohl die schon im AT begegnende Gestalt der Weisheit mit der Gestalt des Logos im Joh.-Prolog verwandt zu sein scheint, ist doch die jüdische Spekulation nach Bultmann nicht die Quelle für den Prolog, denn der Weisheitsmythos ist als solcher im Judentum nur mythologisch-poetische Einkleidung der Lehre vom Gesetz gewesen. Der johanneische Prolog muss also vom heidnischen Mythos und nicht von der Weisheit her erklärt werden57.Folglich kann Bultmann in der Quelle keine Anspielungen auf das AT finden und die Weisheit liefert nur Parallelen zum Prolog, nicht aber den Mutterboden. So redete nach Bultmann schon die Quelle davon, dass der Logos von Uranfang her beim Vater existierte58. Der Evangelist denkt aber sicher bei dem „Im Anfang...“ (Joh 1,1) an Gen 1,159. Der Logos ist nicht vom AT her zu verstehen. Dieser Begriff ist ein Indizium für den Abstand des Prologs vom AT und vom Judentum60.

Gegenüber diesen Anschauungen Bultmanns möchte ich einige Fragen stellen, die meine Meinung deutlich enthalten:

a) Sollte der Anfang eines gnostischen Logosliedes aus reiner Koinzidenz genauso sein wie der Anfang des AT - wenn man noch dazu Parallelen in der alttestamentlichen Weisheit hat61, Parallelen aus drei berühmten Kapiteln dreier Weisheitsbücher, die auch anderweitig an das Logoslied in Joh 1 erinnern?

b) Sollte es reine Koinzidenz sein, dass man fast jeden Satz des ursprünglichen Logosliedes - abgesehen von der Aussage über die Inkarnation - aus der Weisheitsliteratur, die vom AT her kommt, belegen kann62? c) Muss man die Erklärung für Joh 1,14 – „voller Gnade und Wahrheit“ - so weit herholen wie Bultmann63, wenn man im AT an zentraler Stelle (Ex 34,6) die Entsprechung für die Aussage des Logosliedes findet und zugleich sieht, wie diese Stelle im Zentrum weisheitlichen Denkens64 steht? Zeigt nicht Weish 15,1, dass man für die Aussage aus Ex 34,6 nicht unbedingt von der LXX abhängig sein muss?

d) Sollte man nicht, wenn nach Bultmann die Bezeichnung „eingeboren“ für die Beschreibung des Gottessohnes in der Gnosis traditionell zu sein scheint, auch Belege für diese Tradition finden können? Diese Belege sind aber am ehesten im AT und im Weisheitsbuch zu finden.

Es zeigt sich einfach, dass sich das Schema einer gnostischen Grundlage für die Quelle des johanneischen Logosliedes nicht durchhalten lässt. Ob man auf das schmale Fundament des Logosbegriffs, der in der Gnosis eine so bedeutende Rolle spielt, der aber auch an entscheidender Stelle in Weish 9,1 im Anschluss an Gen 1 (!) auftaucht, eine solche These bauen kann, wie Bultmann es getan hat, bezweifle ich angesichts des sich in der aus dem AT herkommenden Weisheitsliteratur anbietenden breiten Fundamentes. e) Joh 5,39f. Nach Bultmann65  stammt Joh 5,39f bis auf die eingeklammerte Bemerkung aus der Offenbarungsredenquelle:

„Ihr erforscht die Schrift, denn ihr meint, in ihr ewiges Leben zu haben, (und sie ist es, die von mir zeugt) und ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“

Bultmann kommentiert: "Im Sinne der Quelle ist dieser Satz eine Abweisung der jüdischen Religion überhaupt."

Nehmen wir einmal an wie Bultmann, der in Parenthese stehende Satz wäre ein Zusatz des Evangelisten. Könnte Joh 5,39f ohne den “Zusatz“ nur als totale Ablehnung des Schriftstudiums aufgefasst werden oder könnte man die Verse nicht auch als durch den „Zusatz“ sachgemäß interpretiert ansehen? Schon die „Quelle“ würde dann gesagt haben: Ihr durchforscht die Schrift, und eigentlich solltet ihr durch die Schriftforschung zu mir kommen, aber ihr wollt nicht zu mir kommen.

Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass Joh 5,39f so aufgefasst werden soll:

  • a) Abweisung alles Schriftstudiums durch die Offenbarungsredenquelle.
  • b) Positive Wertung des Schriftstudiums durch den Evangelisten.

Meiner Meinung nach wäre also schon in der „Quelle“ eine positive Beziehung auf das AT vorhanden gewesen. Diese positive Beziehung lag aber nach Bultmann der Quelle fern66. Bultmann weist offensichtlich Joh 5,39f wegen des Satzes:

„...und ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet“der Offenbarungsredenquelle zu. Wenn er es nicht täte, müsste er ja auch Joh 7,37; 6,37. 44f. 65 dem Evangelisten zuweisen67.

Aber: "Der Ausdruck (sc ‚kommen zum Offenbarer’) ...ist vielmehr im Mythos traditionell: der Offenbarer ‚ruft’ die Menschen zu sich, und die hörenden ‚kommen’ zu ihm; s. zu 7,37." Schaut man sich aber Joh 7,37 an, worauf Bultmann verweist, so liegt diesem Vers einwandfrei Jes 55,1 zugrunde - und nicht ein Wort der vom AT freien Offenbarungsredenquelle, der Bultmann den Vers zuweist68!

Bultmann muss die Worte vom Kommen zum Offenbarer, also auch Joh 5,39f, der Offenbarungsredenquelle zuschreiben, wenn nicht ein Stein nach dem anderen aus der Mauer seiner These herausfallen soll. Er muss dann auch den ihn störenden Satz "...und jene ist es, die von mir schreibt" dem Evangelisten zuweisen.

f) Joh 6,45. Bultmann weist das Zitat in 6,45a - "Es steht geschrieben in den Propheten: Und es werden alle von Gott gelehrt sein" - dem Evangelisten zu, 6,45b aber - "Jeder, der es vom Vater hört und lernt, kommt zu mir" - der Offenbarungs-redenquelle69.

Nun ist aber 6,45b nicht ohne 6,45a zu denken: pas aus 6,45b nimmt das pantes aus 6,45a auf und mathoon das lemude des MT.

Die Entfernung der positiven Anspielung auf das AT aus dem Text, um dadurch den Text der Offenbarungsredenquelle rein zu erhalten, nimmt dem Text den Kern - und nicht den Zusatz.

Sollte man weiter bei der offensichtlich geringen Kenntnis des AT durch den Evangelisten erwarten können, dass er an mehreren Stellen in seinem Evangelium gerade das passende Zitat in die Offenbarungsredenquelle einfügen kann? Diese Frage wird noch verstärkt durch die Beobachtung, dass das Zitat aus den Propheten ganz wahrscheinlich ein dem Pentateuchzitat (in Joh 6,31 aus MT Ex 16,4. 15) zugeordnetes Zitat ist, Johannes also zwei Zitate ideal in eine Rede der Offenbarungsredenquelle eingearbeitet haben müsste. Dazu kommt noch, dass wir wissen, dass man sich in Weisheitskreisen (vergleiche Weih 16,26 und Philo) in ähnlicher Weise wie in Joh 6,27ff mit Ex 16,4. 15 beschäftigte. Man kann also nicht wie Bultmann70 sagen, dass der Evangelist die Offenbarungsredenquelle „historisiert“. Im Gegenteil! Er schließt seine Offenbarungsreden an Kerne aus verschiedenen Überlieferungen an. Die Historie ist zuerst da; und von ihr ausgehend deutet Johannes.

g) Joh 7,37f. Bultmann weist den von ihm vorgeschlagenen Parallelismus

„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke, wer an mich glaubt“ der Offenbarungsredenquelle zu71, das Zitat aber der kirchlichen Redaktion72. Als Grund für die Quellenscheidung gibt Bultmann den durch Vers 38b gesprengten Zusammenhang zwischen den Versen 37 und 38a und Vers 39 an. Ich habe bei der Untersuchung des Zitates in Joh 7,38 gezeigt, woher das Zitat stammt und was man von dem Parallelismus in 7,37f zu halten hat. Ich habe auch weiter zu zeigen versucht, wie Johannes mit seinen Aussagen in 7,37f in der alttestamentlichen Weisheitstradition steht73. Die Verse7,37-9 bilden eine Einheit. Im Hinblick auf die Untersuchung von 7,37f glaube ich auch nicht, dass man Joh 11,25f „ohne Zweifel“74 aus den Offenbarungsreden ableiten kann.

h) Joh 9,5. Nach Bultmann stammt Joh 9,5 aus einer Lichtrede der Offenbarungsredenquelle75. Ich habe zu zeigen versucht76, dass der Evangelist hier Jesus als Erfüller des Gottesknechtswortes darstellt, nach dem der Knecht als das Licht der Heiden die Augen der Blinden öffnen soll.

i) Joh 16,8. Nach Bultmann ist der Gedanke eines Prozesses von kosmischen Dimensionen, der vor dem Forum Gottes stattfindet, ein gnostisches Motiv, während Stücke in Dtjes nur eine gewisse Analogie darstellen77.

Ich habe in der vorliegenden Arbeit die klare Abhängigkeit des Evangelisten vom deuterojesajanischen Schema zu zeigen versucht78 .

j) Einzelne Begriffe

Für Bultmann enthalten die Offenbarungsreden die gnostische Begrifflichkeit. So werden zum Beispiel die Begriffe Brot des Lebens79, Leben80, Licht81, erhöht werden82, verherrlicht werden83und glauben in erster Linie aus dem gnostischen Gedankenkreis hergeleitet.

Ich habe in der vorliegenden Arbeit wiederholt auf die Herkunft dieser Begriffe aus Jes, Dtjes und der Weisheit (im Anschluss an den Pentateuch) hingewiesen.

Zusammenfassung. Wir haben nur einige Steine aus der Mauer der Offenbarungsreden-These Bultmanns geprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass das AT nicht als Prüfstein verwendet werden kann, um festzustellen, ob ein Text des Johannesevangeliums der Offenbarungsredenquelle oder dem Evangelisten zuzuschreiben ist. Man kann die Aussagen der ‚Quelle’ grundsätzlich nicht von den Aussagen des Evangelisten scheiden, weil die Quelle mit dem Evangelisten identisch ist.

Trotz dieser negativen Feststellung halte ich Bultmanns Versuch einer Quellenscheidung in Offenbarungsredenquelle und Evangelist für sehr bedeutsam: So, wie nach Bultmann die Offenbarungsredenquelle schreibt, schreibt meiner Meinung nach der Evangelist, wenn er, von allgemeinen alttestamentlichen Gedanken herkommend, wie sie ihm in der Weisheit vorlagen84, das Christusereignis beschreibt.

Bultmanns Arbeit der Quellenscheidung hilft uns, einen Strom christlicher Tradition, nämlich die Weisheitstradition, aus derJohannes herkommt, deutlicher zu sehen als wir es bisher konnten85.

Um aber kein verzerrtes Bild dieser Tradition zu bekommen, müssen wir sehen lernen, dass sie keine Aversion gegen das AT enthielt, dass also diese von alttestamentlichem Denken und alttestamentlichen Begriffen stark bestimmte Quelle über die Begrenzung hinaus reicht, die Bultmann ihr gesetzt hat.

Vorbemerkung: Bultmanns Kommentar wird in den folgenden Anmerkungen als B. abgekürzt.

1 Bei einer solchen Durchsicht kann man sich auch nicht nur auf den Kommentar beschränken, sondern muss Bultmanns Artikel: ‚Johanneische Schriften und Gnosis’ in: OLZ 43, 1949, 150ff, seinen Artikel: ‚Johannesevangelium’ in: RGG III, 840ff und die Rezensionen Bultmanns von B. Noacks: ‚Zur johanneischen Tradition’ 1954 in: ThLZ 1955, Sp. 521ff und von C.H. Dodd·s: ‚The Interpretation of the Fourth Gospel’ 1953 in: NTS I, 1954/55, hinzunehmen.

2 s. B. Index: Alttestamentliche Redeweise, 560.

3B., 346f.

4B., 519.

5B., 319 („aus einer Quelle“).

6B., 319: "Fraglich ist, wem V.14f zuzuschreiben ist. Standen diese Verse in der Quelle, so waren sie schon in dieser ein sekundärer Zusatz, der den Bericht nach den Synoptikern ergänzte, wie der Nachtragscharakter verrät. Aber auch der Evangelist könnte die Ergänzung vorgenommen haben."

7B., 519.

8B., 522.

9B., 524.

10B., 524.

11B., 109 Anm.4.

12B., 201.

13B., 205 Anm. 2.

14vgl. z.B. B., 50, Anm. 1; 201; 264, Anm.3.

15Siehe z.B. B., Index: Gnosis , 562.

16 Siehe Anm. 82

17B., 201; 205.

18B., 205.

19B., 200.

20B., 519. Bultmann denkt an zwei Fälle: Joh 12,40 und 19,24.

21B., 87

22B., 163; 169 Anm.5

23B., 172

24B., 230 Anm.5.

25B., 212.

26B., 270 Anm.2.

27B., 347.

28B., 364f.

29B., 424.

30B., 385.

31B., 74.

32B., 58

33B., 229 Anm.2.

34B., 297: "Die Argumentation trägt den Charakter typischer altchristlicher Schriftbeweise und befremdet innerhalb des Joh-Evg."

35Siehe JOCHANAN ,  37ff

36Siehe JOCHANAN ,  4ff

37Siehe JOCHANAN , 39ff

38B., 90: "Der Evangelist setzt damit den christlichen Weissagungsbeweis für Tod und Auferstehung Jesu voraus, einerlei, ob er mit der graphä das ganze AT meint oder ob er an eine einzelne Schriftstelle denkt."

39vgl. JOCHANAN, 10ff

40B., 530.

41vgl. unter anderem: W.F. Howard: Christianity according to St. John, 1947; P. Winter: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 1953 , 355; S. Schulz: Komposition und Herkunft der Johanneischen Reden, 1960, 32-4; G. Ziener: op.cit.; R. Schnackenburg: Das Johannesevangelium 1. Teil, 207.

42Bultmann: Das Evangelium des Johannes, Ergänzungsheft, 1957, 11.

43Siehe JOCHANAN , 193fff

44vgl. zum Beispiel: Joh 4,11-15; 4,23f; 8,38; 10,30; 14,6f; 14,20f; 14,23f; 15,15; 16,13-15; 16,27f; Kap.17.

45Siehe JOCHANAN , 12ff

46Siehe JOCHANAN , 16ff

47Siehe JOCHANAN , 37ff

48Siehe JOCHANAN , 39ff

49Siehe JOCHANAN , 101ff

50Siehe JOCHANAN , 48ff

51Siehe JOCHANAN , 70ff

52Siehe JOCHANAN , 10ff; , 42ff; , 48ff

53Siehe JOCHANAN , 39ff

54Siehe JOCHANAN , 110ff

55B., 5.

56B., 13.

57B., 8.

58B., 12.

59B., 6.

60B., 7.

61Spr 8,22; Weish 9,9; Sir 24,14.

62vgl. die eigene Untersuchung von Spr, Weish und Sir in JOCHANAN

63B., 49f.

64Weish 3,9; 4,15; 15,1.

65 B., 201;

66 B., 109 Anm.1.

67B., 201 Anm.6; 168 Anm.4.

68B., 228f Anm.7: "In der Tat dürfte das Wort Jesu V.37 aus den Offenbarungsreden stammen, und zwar wohl aus dem gleichen Stück, dem 4,13f entnommen ist."

69B., 172.

70B., 93.

71B., 228f Anm.7

72B., 229 Anm.2.

73Siehe JOCHANAN , 70ff; 192ff; und Anm. 163

74B., 307 Anm.1.

75B., 304.

76Siehe JOCHANAN , 164ff

77B., 433 vergleiche 330.

78Siehe JOCHANAN , 166ff

79B., 133.

80B., 307 Anm.5.

81B., 260 Anm.4.

82Bultmann: Rezension von C.H. Dodd’s „Interpretation“, 88.

83Bultmann: Rezension von C.H. Dodd’s „Interpretation“, 83. 

84 (Ergänzung 2008:) Aus meinen Aufsätzen zu Ps 95, zu Hebräerbrief und Johannesevangelium und zum Verständnis von Jes 6 durch den Evangelisten kann man ersehen, dass zu den „allgemeinen alttestamentlichen Gedanken“, wie sie Johannes in der Weisheit vorlagen, sehr bestimmte Texte aus dem AT die Reden des Johannesevangeliums entscheidend geprägt haben.

85Ich finde folgende Aussagen von R.McL. Wilson (Gnosis and the New Testament, Oxford 1968) in diesem Zusammenhang sehr beachtenswert: Wilson sieht wie Barrett die Benutzung des Johannesevangeliums durch Gnostiker, aber er bemerkt dazu: "Gnostic use of a document does not make the document itself Gnostic." (46) Wie Stephen Neill, der auf die Spannung zwischen Johannesevangelium und gnostischer Anschauung hingewiesen hat, so sagt auch Wilson, dass man das Johannesevangelium nicht ohne Qualifikation als gnostisch bezeichnen darf. Obwohl bestimmte Berührungspunkte da seien, dürfe man Johannes nicht als Gnostiker bezeichnen. (47) W.A.Meeks, The Man from Heaven in Johannine Sectarianism, in: JBL 1972, 44ff) stellt fest: "It is now commonly agreed that the Jewish Wisdom myth lies behind both the Johannine christology and the gnostic soul and savior myths". (46)