Rezension C. Westermann: Das Johannesevangelium aus der Sicht des Alten Testaments

Stuttgart: Calwer Verlag, 1994, Arbeiten zur Theologie; Bd. 777

Rezension von Günter Reim
In: Biblische Zeitschrift 1/1996

Inhalt: Einleitung – Die Bestandteile des Evangeliums – Die Streitgespräche – Die Bedeutung des Alten Testaments für das Johannesevangelium – Folgerungen – Anhang: Beispiele bisheriger Auslegungen.

Es macht neugierig, wenn ein Alttestamentler sich mit seinen Kenntnissen mit dem Johannesevangelium beschäftigt. Warum tut er das? “Wir sind in einer Phase der Bibelauslegung, in der die Exegese des Alten und Neuen Testaments nicht mehr ganz voneinander zu trennen sind.“ Ich meine, so hätte man 1945 schreiben können, unmittelbar nach Erscheinen des Bultmannschen Johanneskommentars. Gilt Westermanns Anfangssatz heute noch?

In einem Anhang beschäftigt sich W. mit den Theologen Bultmann, Käsemann, Bornkamm, Schottroff, Wengst und Thyen, wobei er nach seinen eigenen Ergebnissen

  • gegen die Redenquelle von Bultmann sein muss, auch
  • gegen die einheitlich gnostische Sicht des Evangeliums bei Käsemann,
  • gegen Bornkamms Überzeugung, dass auch die unbestreitbar gnostischen Züge im Evangelium anders verstanden sein wollen,
  • gegen Schottroffs Versuch, das ganze Evangelium gnostisch zu verstehen,
  • gegen Wengst, der das Evangelium als erzählte Geschichte des Jesus von Nazareth versteht, aber nicht ernsthaft fragt, ob das Evangelium einheitlich ist und
  • gegen Thyen, der meint, dass das Evangelium in allen seinen Teilen einheitlich ist, es also keine gravierenden Differenzen zwischen Sätzen des Evangelisten und Sätzen der Gnosis geben kann.

Wie kommt Westermann zu diesen Ergebnissen? Und: Halten sie einer Überprüfung stand? Sammlungen von Wunderberichten, Itinerare, Berichte, Reden weisen W. darauf hin, dass es sich beim Johannesevangelium um ein gewachsenes Buch handelt, bedingt durch die Geschichte der Gemeinschaft. Es enthält geschichtsbestimmte und ungeschichtliche Motive, einladende, offene Verkündigung Jesu und Grenzen ziehende, abweisende und verurteilende Äußerungen, die ihren Ursprung nicht in Jesus haben können. Es enthält Streitgespräche einer älteren und einer jüngeren Schicht. Diesen Streitgesprächen gilt die besondere Aufmerksamkeit W.s. Die jüngere Schicht – und nur sie – enthält nach W. gnostische Motive, Redeweise und verurteilende und abweisende Äußerungen wie in Joh 8 mit 8,44 als extrem judenfeindlichem Wort Jesu, das im Gegensatz zu allem steht, was wir sonst von Jesus wissen. Auch in Joh 6, wo nach W. durch die gnostische Redensweise das AT nicht bejaht wird, sondern eindeutig eine gnostische Stimme spricht, die sagt, das Manna in der Wüste sei kein wahres Brot gewesen. Diese Streitgespräche sind nach W. ein selbständiger Komplex, der dem Evangelium nachträglich zugefügt, bzw. eingearbeitet wurde. Die Antworten Jesu in ihm sind konstruiert. ‚Jesus’ ist hier ein Deckname für die Glaubenden wie ‚die Juden’ für die Ungläubigen.

Nur solche Aussagen des Evangeliums, die positiv zum AT stehen, zur Schöpfung, den Propheten, Psalmen, zu Hiob, gehören zum Evangelium von Jesus. Was ohne AT auskommt und gegen es spricht, muss aus der Gnosis kommen.

Das ist ein Fortschritt gegenüber Bultmann, der nahezu alle alttestamentlichen Bezüge zum Johannesevangelium ausgeschlossen hatte und die Gnosis als Grundlage für dessen Exegese angesehen hatte. Aber im Hinblick auf W.s Ansicht über Gnosis in Joh 6 und 8 zeigt sich, dass W. keine genauen Forschungen über den alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums getrieben hat und auch nicht in der vorhandenen Literatur – z.B. Freed, Borgen und in meinen ‚Studien zum alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums’ – nachgelesen hat. Für die Erklärung von Joh 6,31ff ist Kenntnis des hebräischen Textes Ex 16,4 und 15 nachgewiesen worden. Für Joh 8,44 ist der targumische Hintergrund aufgezeigt worden.
Gelten also diese beiden Hauptbeobachtungen von W. nicht, dann auch nicht die Folgerungen, die daraus im Hinblick auf die oben genannten Forscher gezogen worden sind. Meiner Meinung nach gilt für den Evangelisten wohl, dass er, aus alttestamentlicher Weisheit herkommend und manchmal gnostische Sprach- und Denkmuster benutzend – mit Hilfe „geschichtsbestimmten“ Materials, wie es W. nennt, sein Evangelium geschrieben hat, also den Weg nicht auf Gnostisierung und Entgeschichtlichung hin, sondern auf Vergeschichtlichung gegangen ist. Und es ist sehr verständlich, dass einige Juden, die wie Kain steinigen wollen, die johanneische Gemeinde aus der Synagoge ausgeschlossen und einige Christen getötet haben, von dieser Gemeinde auf Grund der Kains-Geschichte nicht als Kinder Abrahams gesehen werden konnten wie alle anderen Juden, sondern als Kinder des Teufels, der Kain gezeugt hat. Der Begriff ‚Juden’ wird dann in der kritischsten Zeit der Gemeinde für die gebraucht, die nicht wie Abraham geglaubt haben.

Bei allen Einwänden habe ich dieses kleine Büchlein von Claus Westermann als sehr anregend empfunden. Es wäre gut, wenn mehr Alttestamentler von ihren Forschungen her sich zu einzelnen Schriften des NT hinwenden würden.