Rezension T. Mohr: Markus- und Johannespassion

Till Arend Mohr

Markus- und Johannespassion.

Redaktions- und traditionsgeschichtliche Untersuchung der markinischen und johanneischen Passionstradition, AThANT 70, 457 S., Zürich 1982.

 

Rezension von Günter Reim
In: Biblische Zeitschrift 2/1984,

Diese unter Vielhauer und Cullmann entstandene Dissertation von T. A. Mohr ist das Ergebnis langjähriger Arbeit, umfangreich (457 S.), aber ohne Leerlauf, gediegen und informativ. In ihr wird der Versuch durchgeführt, die genaue Beziehung zwischen alten markinischen und alten johanneischen Traditionen zu bestimmen und die eine Tradition als Konstruktionshilfe für die andere zu benutzen. Die dem Mk vorliegende Tradition soll eruiert werden, um die Zielrichtung der markinischen Redaktion kennen zu lernen. Wenn der Titel der Dissertation auch an eine gleichwertige Behandlung von Markus- und Johannespassion denken lässt, so liegt der Schwerpunkt des Interesses von Mohr doch auf der Markuspassion.
Nach einer Einleitung, bei der es um Methodenfragen und einen kurzen Forschungsbericht geht (S. 11-43), folgen der Hauptteil mit 24 Unterabschnitten vom Einzug bis zum Ostermorgen (S. 45-403) und der Schluss mit dem Ergebnis und der Auswertung der Analyse. Bei den Unterabschnitten des Hauptteiles wird oft eine Einführung in das Problem gegeben, die vormarkinische Tradition, falls vorhanden, herausgearbeitet und die eventuelle vormarkinische Überarbeitung ältester Tradition. Dann wird die markinische Redaktion dargestellt. Oft werden ausführliche form- und traditionsgeschichtliche Beobachtungen wiedergegeben, sowie die Frage nach der Historizität beantwortet. Am Ende jedes Unterabschnittes steht ein Teilergebnis. Als Kriterium für die Unterscheidung von ältester Tradition im Johannesevangelium und nach-johanneischer Redaktion wird von Mohr Joh 21 benutzt. Ein durchgehender Forschungsbericht zur Johannespassion fehlt. Kurze Forschungsberichte werden zu der betreffenden Stelle gegeben.

Mohr kommt zu folgenden Ergebnissen:
Dem Evangelisten Markus hat eine schriftliche Passions- und Auferstehungs-geschichte aus der Jerusalemer Urgemeinde vorgelegen (= P). Sie war vor Markus schon bearbeitet worden durch einen hellenistisch-judenchristlichen Lehrer, der z.T wertvolle Überlieferungen nachgetragen hat (= B). Markus hat schließlich eine große Änderung des Materials vorgenommen und neue Schwerpunkte gesetzt.
Zum Feststellen der vormarkinischen Bearbeitung B ist die joh. Tradition von großer Wichtigkeit, weil die dem Evangelisten Johannes vorliegende Passions- und Auferstehungstradition im Vergleich zu der, die Mk vorlag, um eine Traditionsstufe älter ist, also Johannes unbearbeitet vorlag. Bearbeitet wurde diese Tradition erst vom Evangelisten und schließlich von einem nach-johanneischen Bearbeiter.

Zu P: P beginnt mit dem Synedriumsbeschluss. Es folgen: Salbung in Bethanien, Einzug, Tempelreinigung, Zeichenforderung, Verratsankündigung, Mahlfeier, Gethsemane, Gefangennahme aufgrund des Verrats, Jüngerflucht, Verhandlungen vor dem Hohenpriester und Pilatus, Geißelung, Verspottung und Kreuzigung des Königs der Juden, Grablegung durch Joseph von Arimathaia und die Epiphanie des Auferstandenen vor Maria Magdalena. Die Überlieferungen in P sind im wesentlichen historisch zuverlässig und stammen aus dem judenchristlichen Milieu der Jerusalemer Urgemeinde. P muss ursprünglich aramäisch abgefasst worden sein in einer Zeit, in der der Jerusalemer Tempel noch seine Hochschätzung genoss. Für P ist Jesus König der Juden, Messias, Menschensohn, Sohn des Hochgelobten. Das  Ärgernis  der  Kreuzigung  hat  P  durch Rückgriff auf Ps 22 und 69, auf das Bild des leidenden Gerechten, überwunden.

Zu B: B hat P im wesentlichen bearbeitet, indem er in Mk 10,32-34 eine neue Einleitung geschaffen hat und die Geschichten vom Besorgen des Reittieres, der Findung des Passamahlsaales und der Verleugnung des Petrus hinzugefügt hat.
B ist ein schriftgelehrter Mann, dessen Denken stark in der LXX verwurzelt ist und der vom AT her P gestaltet. Jesus ist für ihn Herr, Lehrer, Sohn Gottes und "theios aner". Als Passalamm nimmt er das Leiden freiwillig auf sich und errichtet einen Bund durch sein Blut. Bei seinem Tod geschehen große Zeichen. Nach seiner Auferstehung wird er bald als Menschensohn wiederkommen. Die Gemeinde soll Jesus nacheifern und ihn weder verleugnen noch verraten. In der vorjohanneischen Passionsgeschichte fehlen alle von B stammenden Züge.

Zur markinischen Redaktion: Mk hat dem ihm vorliegenden Passionsbericht eine wesentlich andere Gestalt gegeben. Wie für P und B, gibt Mohr auch für Mk eine genaue Liste der Einschübe und Veränderungen. Die größten Änderungen hat Mk in Kap 11-14,11 vorgenommen: Einschub von Kap. 11f, Versetzen der Einleitung von P zur Passionsgeschichte und der Salbung nach 14,1ff, Einschub von 14,10f. Mk bricht die (aus Joh zu erschließende) ursprüngliche Epiphaniegeschichte vor Maria Magdalena aus P ab und ersetzt sie durch Aufbruch und Aufruf zur Heidenmission.
Im Anschluss an seine Analyse gibt Mohr einen Überblick über die hinter den Einschüben und Änderungen stehende markinische Theologie. Mohr schließt seine Untersuchung mit knappen Überlegungen zum Selbstverständnis Jesu: Jesus trat mit einem messianischen Anspruch auf, den er durch den Menschensohn- und Gottessohntitel klar von weltlichpolitischen Erwartungen absetzte. Für die Wahrheit war er bereit, den Tod auf sich zu nehmen und hat ihn vorhergesagt. Der alte Tempel sollte niedergerissen und in drei Tagen  ein  ganz  neuer aufgebaut werden. Im Gottesreich werde er als der lebendige Menschensohn und Gottessohn erneut vom Gewächs des Weinstocks trinken in der Gemeinschaft der Vielen, zu deren Erlösung er in den Tod gehen werde.

Zur joh. Parallelüberlieferung von P: Sie ist von den Synoptikern unabhängig. Joh hatte die P-Schicht direkt zur Verfügung ohne Überarbeitung. Wegen ihres hohen Alters komme der joh. P-Tradition große Bedeutung zu. Bei Joh findet man noch P in ursprünglicher Form, z.B. sind Salbung und Einzug bei Joh noch verbunden. Überall finden sich bei Joh Rudimente von hohem traditionsgeschichtlichen Alter. Kreuzigungs-, Begräbnis- und Osterbericht sind ganz parallel mit P erzählt. In den vorjohanneischen Parallelerzählungen fehlen exakt und ohne Ausnahme diejenigen Züge, die bei Mk deutlich sekundär sind. Deutewort bei der Tempelreinigung, Zeichenforderung mit dem Tempelwort und die Epiphanie des Auferstandenen vor Maria Magdalena zeigen bei Joh noch die ursprünglichere Überlieferungsform auf. Judenchristlicher Charakter und Jerusalemer Herkunft der joh. Tradition treten gelegentlich deutlicher als bei P hervor. Übereinstimmungen mit P gehen oft bis in den Wortlaut. P ist jedoch nicht identisch mit der joh. Tradition, sondern ein selbständiger Bericht. Joh scheint die Synoptiker gekannt zu haben.

Wertung:. In meinen "Studien zum alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums" hatte ich 1974 geschrieben: "Ich bin also der Meinung, dass dem Evangelisten Material aus einem vierten synoptischen Evangelium schriftlich vorgelegen hat, ja, mit aller Wahrscheinlichkeit sogar ein ganzes viertes synoptisches Evangelium... Bei einem Vergleich mit den Synoptikern fällt auf, dass Joh ein vollständiger Bericht über die Passion und Ostern aus dem 4. Synoptiker vorgelegen hat, wie wir sie für die dem Johannesevangelium parallelen Erzähleinheiten im Mkev sehen" (S. 210, vgl. S. 239). "Das benutzte 4. synoptische Evangelium scheint in seiner nicht überarbeiteten Form älter als die uns bisher bekannten Synoptiker zu sein."

Im Gegensatz zu Mohr bin ich bei meinen Untersuchungen vom Johev ausgegangen. Nun bestätigen meine Ergebnisse die von Mohr weitgehend. In mancher Hinsicht denke ich etwas anders: Ich meine, dass Joh nicht nur einen alten Passions- und Auferstehungsbericht zur Verfügung hatte, sondern ein ganzes 4. synoptisches Evangelium, und vermute, dass auch P umfassender war. Ich rechne auch mit einer vorjohanneischen Bearbeitung von P (joh). Was Mohr, ausgehend von Joh 21 als Kriterium, einer nachjohanneischen Redaktion zuweist, sehe ich als vorjohanneische Redaktion, die den alten Bericht von P(joh) im Hinblick auf die mit ihr in Konkurrenz stehende petrinische Gemeinde überarbeitet hat und so auf ihren Garanten von P(joh), den Lieblingsjünger, hinwies, einen Jünger, der zwar nicht Märtyrer wurde wie Petrus, der aber auch weder verleugnet hat noch geflohen ist, sondern Zeuge des Todes Jesu wurde und als erster das Auferstehungsgeschehen geglaubt hat. In Joh 21 bestätigt Jesus den Martyriumsweg des Petrus, aber auch den Weg ohne Martyrium des Lieblingsjüngers (und seiner Gemeinde). In diesem Zusammenhang mag Mohr recht haben, auch die Petrusverleugnung in Mk und in Joh der Redaktion zuzuschreiben, was ich bis jetzt nicht gesehen habe und genauer untersuchen will, wenngleich "Redaktion" für mich "vorjohanneische Redaktion" heißen würde. Wie Mk der Endredaktor der von Mohr beschriebenen Schichten P und B ist, so ist für mich Johannes - oder wie man ihn nennen mag - Endredaktor von P(joh) und B(joh). Ich sehe in Mohrs Dissertation eine sehr gelungene Arbeit, die sowohl die Forschung am Markus- wie auch am Johannesevangelium entschieden voranbringt.