Rezension Joh. Kommentar K. Wengst

Klaus Wengst

Das Johannesevangelium

Theologischer Kommentar zum NT, 1. Teilband Kap 1-10, Stuttgart 2000, 2. Teilband Kap 11-21, 2001

 

Rezension von Günter Reim

In: Nachrichten der Evang.-Luth. Kirche in Bayern Juli 2002

 

Ein Kommentar zum Lesen

Einen Kommentar zum Johannesevangelium liest man normalerweise nicht, man schlägt nach, liest in einzelnen Bereichen. Bultmanns Kommentar liest man nicht, den von Schnackenburg und Becker, Schnelle und Wilckens auch nicht. Den Kommentar von Klaus Wengst jedoch kann man und sollte man lesen. Er ist ja nicht klassischer Kommentar, der sich ausführlich mit Einleitungsfragen beschäftigt.

Wengst bringt nur wenige Bemerkungen, aus denen man erkennen kann, dass er die Synoptiker nicht als Grundlage johanneischer Berichte sieht, z.B. Bd II,136; 196). Man findet nur ganz kurze statt der sonst üblichen langen Exkurse. Das früher einmal alles beherrschende Thema Gnosis spielt für Wengst keine Rolle. Die Komposition der Abschiedsreden wird nicht untersucht (II,136 „Da sich Kap. 15-17 sprachlich und theologisch nicht von Kap.13f unterscheiden lassen, so nicht auf einen anderen Autor oder gar mehrere andere Autoren geschlossen werden kann, sind auch sie auf den Evangelisten Johannes zurückzuführen...). Ohne genauere Begründung wird der Lieblingsjünger(II,102) als unbekannter und idealer Schüler Jesu verstanden. Joh 21 als Anhang oder nicht Anhang wird nicht diskutiert (II,326 „Joh 21 bildet m.E. den Abschluss der johanneischen Traditionslinie...“). Wer sich über diese Einleitungsfragen genau informieren möchte, sei unbedingt auf das große und zuverlässige Werk R. Schnackenburgs verwiesen.

Im Kontext des Judentums

Warum aber sollte man den Kommentar von Klaus Wengst lesen?
Ich setze das, was bei Wengst am Schluss steht (II,333), an den Anfang: „Die Zuschreibung des vierten Evangeliums an den Zebedaiden Johannes, die gewiss nicht aus historischer Kenntnis erfolgte, dürfte jedenfalls darin Recht haben, dass es sich bei dem Autor um einen Juden handelte. Dieser Autor, den ich aus pragmatischen Gründen mit der Überlieferung „Johannes“ genannt habe, hat in seiner Situation die Stimme Jesu zu Gehör bringen wollen. Er hat es getan in einer heftigen Auseinandersetzung mit der Mehrheit seiner Landsleute, die ihrerseits Gründe hatte, seinen Glauben an Jesus als Messias nicht zu teilen. Sein Evangelium macht die Notwendigkeit situationsbezogenen Verkündigens ebenso deutlich, wie dessen Kontextgebundenheit klar hervortritt. Letzteres liegt heute vor allem auf der Hand hinsichtlich seiner negativen Aussagen über „die Juden“. Die Reflexion unserer geschichtlichen Situation verbietet es, seine – damals vielleicht verständliche – Polemik nachzusprechen. Deren – leider oft nur zu bereitwillige und oft auch unbedachte – wiederholende Rezeption in der Auslegungsgeschichte verschüttet es, wie sehr auch dieses Evangelium im Kontext des Judentums steht. Das gilt es heute wahrzunehmen. So käme es darauf an, bei der Lektüre und Auslegung des Johannesevangeliums in der Kirche, ohne das Trennende verleugnen zu wollen, das mit dem Judentum Verbindende zu erkennen und herauszustellen. Dann könnte der Satz zum Leuchten kommen, den Jesus nach dem Johannesevangelium doch auch gesagt hat – ich zitiere ihn jetzt nach der Übersetzung Luthers: „Das Heil kommt von den Juden.“

Wengst stellt Fragen

Wengst will also versuchen, den christlichen Leser des Johannesevangeliums davor zu bewahren, die polemischen Worte des Evangeliums einfach „nachzusprechen“ (vgl. I,318 zu Joh 8; I,337 zu Joh 8,44; I,373 zu Joh 9,41; I,379 zu Joh 10,8).
So stellt Wengst dem Leser lieber immer wieder Fragen: „BULTMANN etwa schreibt: „Man kann nicht am Sohn vorbei den Vater ehren, die Ehre des Vaters und des Sohnes ist identisch; im Sohne begegnet der Vater, und der Vater ist nur im Sohn zugänglich“ (Komm. 192). „Auch wenn man so verstehen kann – und selbst wenn Johannes es so gemeint hätte -, dürfen wir den Text so lesen? (I,198) .

„Auf der einen Seite, auf der der jüdischen Mehrheit, wird – wie besonders aus 9,28f., innerhalb der „Zwillingsgeschichte“ zu der von Kap.5, hervorgeht – jeder positive Bezug der Schrift bzw. des Mose auf Jesus ausgeschlossen. Auf der anderen Seite, auf der der Jesus für den Messias haltenden Minderheitsgruppe, werden „die Schriften“ bzw. Mose in solcher Weise für Jesus vereinnahmt, dass denjenigen, die Jesus nicht glauben, auch ein positiver Bezug auf sie abgesprochen wird. Gibt es ein Entkommen aus dieser Alternative?“

„Johannes verfolgt die positive Intention, die Präsenz Gottes in Jesus herauszustellen. Aber darf daraus der negative Umkehrschluss gefolgert werden, dass Gott überhaupt nicht kennt, wer ihn nicht in Jesus erkennt?“ „Die Frage ist jedoch, ob Christen anerkennen, dass es für Juden eine Zugehörigkeit zu Gott und also Freiheit ohne diese Bindung an Jesus Christus gibt.“ (I,332f zu 8,37)

„Können und dürfen wir denn von Jesus als „König der Juden“ – als „Messias Israels“ im Sinne eines Messias für Israel – reden?“ (II,254 zu 19,21) Natürlich enthalten alle diese Fragen die Position Wengsts, aber mir ist nicht klar geworden, ob es für ihn nur noch rhetorische Fragen sind.

Zum Dialog befähigen

Um Christen aus möglicherweise polemischer Haltung gegenüber dem Judentum herauszuholen, wenn diese in Aussagen des Johannesevangelium ihren Grund hat, hat Wengst wohl seinen Kommentar geschrieben. Christen sollen fähig werden zum Dialog. „Solange Christen Juden in ihrer Gottesbeziehung für defizitär halten und sich also genötigt sehen, sie zum Glauben an Jesus „immer neu einzuladen“, werden diese von Achtung nichts verspüren. „Aber muss der johanneische Text in dieser Weise rezipiert werden? Die Ignorierung Jesu seitens des Judentums darf nicht als Ignorierung Gottes verstanden werden...“(II,81 zu 12,47f).

„Die“ Juden?

Zur Forderung Wengsts, das Johannesevangelium nicht nachzusprechen, tritt die Forderung, bei der Wiedergabe des johanneischen Redens von „den Juden“ zu differenzieren. W. spricht deswegen von den „anwesenden“, den „führenden“ Juden (I,78; I,187). Ich halte diese Differenzierung für sehr wichtig. W. hat sie nicht überall angewendet. Sie wäre unbedingt notwendig bei der Auslegung von 8,44. Die Aussage Jesu: „Euer Vater ist der Teufel“ ist nicht eine Aussage über alle Juden (wie von manchen „Christen“ und von manchen Rechtsradikalen heute gern gebraucht und von manchen Auslegern des Johannesevangeliums in Unkenntnis der targumischen Kains-Geschichte behauptet), sondern über einige, die vorhaben, Jesus wegen seiner Reden zu steinigen und sich in dieser Haltung Kain anschließen. Auch in 5,16.18 geht es nicht um alle Juden, die Jesus verfolgen und töten wollen, sondern um eine Gruppe. Gerade mit dieser Gruppe von radikalen jüdischen „Gläubigen“ hat die johanneische Gemeinde ihre Erfahrungen.

Zeitgeschichtliche Aussagen des Evangelisten

Ich zitiere Wengst, der ein ausgezeichnetes Gespür für zeitgeschichtliche Aussagen des Evangelisten hat:
I,275 zu 7,11-13 „Es ist eine Situation vorausgesetzt, in der es nicht opportun erscheint, durch irgendeine Äußerung mit dem Namen Jesus in Zusammenhang gebracht zu werden. Das war nicht die Situation des irdischen Jesus, sondern offenbar die des Evangelisten und seiner Gemeinde.“

I,285 zu 7,28 „...lässt der Evangelist Johannes Jesus am Ende von V.28 in aller Härte sagen: „Den kennt ihr nicht.“ Wer Gott nicht in Jesus Christus erkennt, kennt ihn überhaupt nicht? Wieder scheint mir,  diese Konsequenz aus einer bestimmten Situation heraus gezogen wird, nämlich selbst in der eigenen Gotteserkenntnis in Jesus Christus von der anderen Seite radikal in Frage gestellt und verneint zu sein und in Folge davon Erfahrungen sozialer Isolierung und wirtschaftlicher Diskriminierung machen zu müssen.“

I,320 zu 8,21 „Die Ankündigung eines feindlichen Suchens auch noch nach Jesu Weggang dürfte sich darauf beziehen, was die Gemeinde an Einschränkung und Behinderung ihrer Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten erfährt, womit Werk und Wirkung Jesu in Frage gestellt werden.“

I,337    zu 8,44 „Diese äußerste und schlimme Zuspitzung, die „die Juden“ zu Kindern des Teufels erklärt, wird aus einer Wirklichkeit heraus vorgenommen, die Johannes mit seiner Gruppe als teuflisch erfährt.“

II,154 „Wo allerdings Menschen unter Berufung auf Gott umgebracht werden, stimmt auch die Gotteserkenntnis nicht.“

II,156 zu 16,6 „Die Schüler sind bei sich; die Situation, die sie erwartet, scheint trostlos zu sein. Die Gemeinde erfährt so die ihre. Jesus ist weg; und die Feindschaft der Welt trifft sie, indem sie religiös diskriminiert, sozial isoliert und wirtschaftlich boykottiert wird.“

II,108 zu 13,31ff  „Angesichts des bevorstehenden gewaltsamen Todes ihres Lehrers haben die Schüler durchaus Anlass, in Schreien und Verzagtheit zu geraten. Genau das aber, Erschrecken und Verzagen, kennzeichnet die Situation der Gemeinde.“

Einspruch

Da ich diesen Einsichten zustimme, kann ich Wengsts Aussage in I,340 zu 8,45 nicht akzeptieren: „Denen nichts als Lüge zugesprochen wird – und damit Nicht-Wirklichkeit, wird schließlich auch die Existenzberechtigung abgesprochen werden, so dass Mord dann gerade mit dem eigenen absoluten Wahrheitsanspruch verbunden sein wird. Davon ist die Gemeinde des Johannesevangeliums noch weit entfernt.“

Aber das heißt doch für mich: Die johanneische Gemeinde ist auf dem Wege zum Mord! wenn auch noch weit entfernt.

Nur durch falsche Auslegung von 8,44 kann es zu diesem falschen Dreischritt kommen: Lüge zusprechen – Existenzberechtigung absprechen – Mord.

Ich meine weiter: Im Hinblick auf die oben angeführten Erkenntnisse Wengsts über die Not und Lebensbedrohung der johanneischen Gemeinde, von radikalen jüdischen Gruppen verursacht, hatte der Vierte Evangelist keine Möglichkeit, den Verursachern Gotteserkenntnis, echte Schriftforschung, Hören auf Gott, Stehen in der Tradition des Abraham und Mose zuzugestehen, genauso wie wir im Hinblick auf die Juden-verfolgung über Jahrhunderte hinweg bis in unsere Zeit den Verfolgern keinen Glauben an Christus, keine Zugehörigkeit zur Kirche des Christus zugestehen können, es sei denn, sie kehrten um, wie das der Evangelist Johannes von seinen Verfolgern gefordert hat, die den Synagogenausschluss mit allen seinen Konsequenzen bis hin zur Tötung durchgeführt haben.

Viel Verbindendes. Und mein Wunsch: Auch von jüdischer Seite den Dialog fördern!

Weil diese Situation nicht mehr besteht, können in der Tat bestimmte johanneische Aussagen, die einen Dialog unmöglich machen, nicht mehr einfach wiederholt werden. In dieser vielfach untermauerten Warnung besteht der große Wert des Buches von Wengst.

Natürlich wäre es von christlicher Seite her äußerst wünschenswert, wenn von jüdischer Seite offiziell der Beschluss des Synagogenausschlusses vom Ende des ersten Jahrhunderts parallel zu neueren kirchlichen Stellungsnahmen zum christlich-jüdischen Verhältnis aufgehoben würde. Ich weiß, dass die Schuld der Antijudaisten, die sich oft als Christen fühlten, unvergleichbar viel größer ist als die der Antinazarener, die sich damals als die wahren Juden fühlten und jüdischen Christen den legitimen Bezug auf die Schrift und den Glauben und das Stehen in der Tradition der Väter und die Eintragung ins Buch des Lebens abgesprochen haben.
Die offizielle Aufhebung jenes harten Beschlusses, der die abgrenzenden Aussagen des Johannesevangeliums hervorgerufen hat, wäre unendlich wichtig für einen neuen Umgang der Christen mit diesem Evangelium, aber auch für einen neuen Umgang der Juden, die das Evangelium neu lesen lernen könnten als Einladung zum Gespräch mit offenem Ausgang: Komm und sieh!

Viel Verbindendes

Dass es genügend viel Verbindendes im Evangelium des Juden Johannes und seiner jüdischen Mitchristen mit Juden ohne den Glauben an Jesus gibt, zeigen ausgezeichnet die vielen jüdischen Texte, die Wengst anführt, und die es in solcher Breite sonst nicht zu lesen gibt. Vermisst habe ich eine ausführliche Auseinandersetzung mit Auslegungen der Targume und die Diskussion der alttestamentlichen Aussagen, die für das Verständnis des Johannesevangeliums wichtig sind.

Dass es genügend viel Verbindendes im Johannesevangelium gibt,  zeigt  eine  Aussage  Wengsts  zu  19,5: „Jesus  ist hier der elende und erniedrigte Mensch. Wenn er den Menschen repräsentiert, dann ist er Repräsentant der Erniedrigten und Beleidigten, der Geschlagenen und Gefolterten. Dass diese Dimension mitschwingen soll, ist im Blick auf die Situation der ersten Leser- und Hörerschaft alles andere als abwegig.“ „In diesem geschundenen Menschen Jesus erkennt der Glaube den in die tiefste Niedrigkeit mitgehenden und sie überwindenden Gott.“ Ich meine, diese Dimension und die des Königs, der für die Wahrheit zeugt, ist doch wichtig für geschundene Juden unserer Zeit. Ich sage das, weil Wengst I,289 einmal die Frage stellt: „Was verfehlen Juden, wenn sie Jesus nicht als Beauftragten Gottes wahrnehmen?“

Das Jesusbild des Johannes verkürzt dargestellt?

Ich denke, dass es der angestrebten Annäherung von Christen und Juden nicht dienlich ist, wenn wir wie Wengst den Jesus des Johannesevangeliums nur als Propheten, Licht, Messias für die Heiden (I,174; II,81) sehen und seine innerjüdische Bedeutsamkeit nicht – natürlich ohne Überheblichkeit, Besserwisserei und Missionsdruck - ins Gespräch einbringen.

Jesus ist für den Juden Johannes, der mit Präexistenz wie der Talmud etwas anzufangen wusste, der präexistente Sohn, den der Vater nach Instruktion über göttliches Reden und Tun gesandt hat. Wenn einige von Jesu Zuhörern ihn töten wollen (5,15.18), so kann das, „was die Schrift über das Wirken Gottes bezeugt“ wirklich von diesen bestimmten Zuhörern nur „in der Perspektive dieses Sohnes wahrgenommen“ werden (I,198). Nach der messerscharfen und absoluten Trennung des Judentums von den „christlichen Ketzern“ hatte der Vierte Evangelist keine Möglichkeit, anders zu sprechen, wie es etwa noch Paulus tun konnte.

Ohne den Synagogenausschluss würde ein Johannesevangelium anders aussehen – und dieses andere Aussehen zu imaginieren und  dialogfähig zu werden,  ist  für   Christen   bleibende   Aufgabe,    damit     Jesus     nicht     nur     für   uns     in    der Traditionskette „Israels“ (I,173) steht, sondern auch für Juden von heute.

Dass sich W. von Kollegen mit deren Juden herabwürdigenden Auslegung des Johannesevangeliums absetzt (Hirsch wird oft genannt, auch Schlatter), ist nur zu verständlich. Im Hinblick auf andere (Schnackenburg, II,151, Blank, I,285, Wilckens, II,151) ist eine intensive Auseinandersetzung nötig.

Der Jude Johannes in der Tradition der prophetischen Kultkritik

An einigen wichtigen Stellen weichen meine Erkenntnisse von denen Wengsts entscheidend ab:

Ich denke, dass Johannes in einer Zeit, als der Tempel nicht mehr stand, Joh 2,13ff als „Ablösungsmodell“ (W. I,113f) unter Verwendung von LXX Ps 39 verstanden hat (vgl. meinen Aufsatz in der Bibl. Zeitschrift 2000).

Ich meine auch, dass Johannes in der Frage Anbetung in Jerusalem oder auf dem Garizim nicht nur die Samaritaner (W. I,163) anredet.

Ich bin sicher, dass Johannes Jesus nicht als „Lügner“ (W. I,274 zu 7,8.10 „legitime Tarnung“) dargestellt hat, sondern dass Jesus für Johannes wirklich nicht zu „diesem“ Fest (7,10: „Fest“ und „dieses Fest“) hinaufgegangen ist, sondern zur Offenbarung einer neuen Exodusmöglichkeit für ein Volk, das nach johanneischem Verständnis, dem Verständnis des Hebrä-erbriefes und nach dem Verständnis von Ps 95 (vgl. meinen Artikel zu Ps 95 im Johannesevangelium in meinem Buch „JOCHANAN“ http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/135 ) seine „Ruhe“ noch nicht erlangt hat. Ich meine auch, dass Johannes mit seiner betonten Darstellung Jesu auf dem Targum-Hintergrund von Jes 28,16 und dem BH/LXX-Hintergrund von Ps 45 (44) als König, der allen, die glauben, Leben geben will (unter Korrektur von Lev 18,5), mit dem „neuen Gebot“ die Aufhebung und Fortführung bisheriger jüdischer Gebotsfrömmigkeit verstanden hat (anders W. II,125 zu 14,15 und II,144 zu 15,10).

So stellt Johannes auch Schriftverständnis, nach dem man einen Sündlosen (8,46) töten will 8,59 (= eure Tora) und Schriftverständnis, gemäss dem der Getötete von Gott verherrlicht wird, einander gegenüber (anders W. II,151). Johannes distanziert sich keinesfalls von der Tora, sondern nur von einer in seiner Sicht missverstandenen und somit veränderten.

Bestimmte Aussagen des Johannes dürfen also nicht abgemildert werden, weil sie in harter Verfolgungssituation gemacht worden sind. Sie dürfen aber nicht angeeignet und wiederholt werden, wenn diese Situation nicht mehr vorhanden ist.

Trotz Kritik: Grosse Zustimmung zu dieser Art von Kommentar

Wegen unserer total veränderten Situation empfinde ich für viele Aussagen Wengsts eine große Zustimmung. Ich nenne nur die Fundstellen: I,373; 385; 390; II,116;158; 179 und zitiere beispielhaft I,373 zu 9,41: „Sieht man, dass  es im Johannesevangelium keinen isoliert auf Jesus bezogenen Glauben gibt, sondern dass es beim Glauben an Jesus immer um den Glauben an Gott geht (vgl. besonders 12,44), verbietet es sich angesichts des weitergehenden jüdischen Zeugnisses von selbst, vom „Unglauben der Juden“ zu sprechen.“      

Ich erhoffe mir im Zusammenhang mit diesem äußerst wichtigen Buch von Klaus Wengst eine intensive Diskussion und einen guten Fortgang jüdisch-christlichen Gesprächs, bei dem es nach Wengsts Worten (II,80) „um eine „Sicht“ Jesu geht, die in ihm das Wirken Gottes erkennt.“