Birkat ha-Minim ein jüdisches Gebet wird entfeindet

(ohne Anmerkungen erschienen in: Korrespondenzblatt, hrsg. vom Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in der evang.-luth. Kirche Bayern 6/2005, 89-92)

Abstract

Eine Bitte des 18-Bitten-Gebetes, z. Zt. des Evangelisten Johannes geändert und verschärft, hat das Verhältnis zwischen Juden und Christen über viele Jahrhunderte bestimmt und größte Feindschaft hervorgerufen. Im Aufsatz zeige ich das auf, aber auch, dass der Synagogenausschluss, von dem Johannes spricht und der wohl im Zusammenhang mit der jüdischen Bitte steht, im jüdischen Gebet heute (bis auf Ausnahmen) keine Rolle mehr spielt.

Von der Schwierigkeit, über dieses notwendige Thema zu schreiben

Weil ich weiß, wie leicht man in eine projüdische oder antijüdische Ecke gedrängt werden kann, wenn man ein im jüdisch-christlichen Verhältnis kontroverses Thema angeht, könnte ich es vorziehen, zu schweigen. Ich halte es jedoch für notwendig, dass dieses Verhältnis auch in dem Bereich entgiftet wird, der zu dem empfindlichsten gehört in der fast 2000-jährigen Synagogengeschichte und der entsprechenden Kirchengeschichte. Eine Bemerkung in der FAZ „Es fehlt bisher ... eine Kultur, die es uns ermöglicht, über Opfer und Täter ohne Verdächtigungen zu sprechen“ will ich bei diesem Aufsatz vor Augen behalten. Pfarrer/innen sollten über die Entwicklung des Gebets unbedingt Bescheid wissen, um die eigene Kirchengeschichte in ihrem (Miss-) Verhältnis zu den Juden zu verstehen. Genauso sollten Juden die Entwicklung ihres eigenen Gebetes kennen, um die harten Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Synagoge zu durchschauen.

Kurze Einführung in die Praxis des Gebets

Das 18-Bitten-Gebet (Schmone esre) ist schon zur Zeit Jesu das Hauptgebet (Tefillah) der Juden. Es wird zu drei Tageszeiten im Stehen (Amidah) gesprochen.

Zu Hause bzw. in der Synagoge wird nach einer liturgischen Einleitung gelobt und gebetet.

(Lob: Bitten 1-3) ; (Bitten 4-16: um Erkenntnis, Rückkehr zu Gott, um Vergebung, Erlösung, Gesundheit, ein reiches Jahr, um Sammlung der Verstreuten, Rückkehr der Gerechtigkeit, gegen Verleumder/ Abgefallene/ Frevler, für die Gerechten, den Wiederaufbau Jerusalems, die Herrschaft Davids und das Gebet). (Bitten 17.-19.: Die Wiederaufnahme des Opfer-dienstes. Dank, Bitte um Segen und Frieden stehen am Ende.)

Durch die inhaltliche Füllung jeder Bitte wird das ganze Gebet im Vergleich mit dem Vaterunser relativ lang. Es setzt in der Vergangenheit ein, in der Gott seinen Willen kundgetan hat. Mit dem täglichen dreimaligen Sprechen bestimmt das Gebet dann die Gegenwart und die Zukunft des Beters sehr intensiv.

Als man das Gebet in der Zeit lange vor Christus formuliert hat, stand wohl im Hintergrund, nur um etwas zu beten, was Gott in der Schrift ausdrücklich verheißen hat, etwa so, wie es Bonhoeffer in seiner Zeit formuliert hat: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen.“

In der zwölften Bitte gegen die Ketzer haben (bzw. z. T. heute: ‚hatten’) jedoch die Wünsche, bzw. die Verwünschungen besonderes Gewicht – nicht die Verheißungen. Deswegen – aber auch aus anderen Gründen – ist innerhalb und außerhalb des Judentums um diese 12. Bitte in den Jahrhunderten so gestritten und gerungen worden wie um keine der anderen Bitten. Nachdem gegen Ende des ersten Jahrhunderts nach Chr. die zwölfte Bitte gegen die Abgefallenen und Ketzer (Birkat ha-Minim) eingefügt worden ist, betrifft das intensive, täglich dreimalige Beten besonders auch die Einstellung zu den Christen. Die wahrscheinlich älteste Formulierung dieser erweiterten zwölften Bitte lautet:

„Den Abtrünnigen sei keine Hoffnung, und die freche Regierung [Rom?] mögest du eilends ausrotten in unseren Tagen, [und die Nazarener] und die Minim [Ketzer] mögen umkommen in einem Augenblick, ausgelöscht werden aus dem Buch des Lebens und mit den Gerechten nicht aufgeschrieben werden. Gepriesen seist du, Jahwe, der Freche beugt.“ (P. Billerbeck)

Was sagt der Talmud über diese Einfügung des ‚Ketzersegens’?

Vorbemerkung:
Im Judentum musste man sich mit dem Problem von Rechtgläubigkeit und Ketzerei seit alter Zeit immer wieder auseinandersetzen. Beispiele dafür aus dem Pentateuch erhalten für spätere Zeiten dann besondere Bedeutung als Präzedenzfälle. Gegen „ketzerische“ Christen wurde vereinzelt die Steinigung (vgl. Lev 24,10-16) angewendet. Die spontane Tötungsaktion nach dem Vorbild des Pinehas (Num 25,7ff) war eine zweite Möglichkeit, gegen einen Ketzer vorzugehen. Die dritte war die Überantwortung des Ketzers an das Gottesgericht. Sie ging auf das Geschehen um die Vernichtung der Rotte Korah (vgl. 4. Mose 16) zurück.

Auch wenn alle drei Auseinandersetzungen mit dem Tode des Ketzers enden sollten, sind sie sehr unterschiedlich zu beurteilen. Das größte Potential ungerechten Handelns steckte in der Aktion von Zeloten -  radikalen, auf dem Hintergrund von Num. 25,7ff für Gott eifernden Splittergruppen. „Demokratischer“ und vom Gesetz gestützt, aber nicht der Ungerechtigkeit enthoben war die Steinigung. Die absolut gerechte Form, die keine Fehlhandlung ermöglichte, war die Überantwortung des Ketzers an ein unmittelbar erwartetes Gottesgericht, das die „Gläubigen“ nur erbitten und dann zur Kenntnis nehmen konnten. Diese dreifältige Differenzierung des Umganges mit Ketzern ist wichtig, wenn der „Ketzersegen“, Birkat ha-Minim als eine Lösung des Problems von Rechtgläubigkeit und Ketzerei, das dann besonders die Christen betroffen hat, beurteilt werden soll.

Nach der Eroberung Jerusalems durch die Römer erlaubte Vespasian, in Jamnia/ Jabne am Mittelmeer eine Akademie zu gründen. Dort wurde unter manchen anderen Maßnahmen unter Gamaliel II. als pharisäische Autorität die 12. Benediktion des 18-Bitten-Gebets (um-) formuliert.

Im Talmud heißt es dazu: „Unsere Meister lehrten: Schimon, der Flachshechsler, ordnete die achtzehn Segenssprüche in ihrer Reihenfolge vor Rabban Gamliel in Jawne. Rabban Gamliel sagte zu den Weisen: Gibt es etwa einen, der einen Segensspruch von den Ketzern festzusetzen versteht? Da stand Schmuel, der Kleine, auf und setzte ihn fest...“.1  Mit der oben schon angeführten Festlegung des so harten Gebetsspruches der 12. Bitte wird um das Handeln Gottes gebetet, also sowohl auf die Steinigung als auch auf die zelotische Mordaktion als menschlichen Aktionen verzichtet! Das bedeutet sicher nicht, dass es nach der Entscheidung von Jawne gewalttätige Auseinandersetzungen mit den „ketzerischen“ Christen nicht mehr gegeben hätte, aber sie sollten nicht das offizielle Verhalten darstellen. Das offizielle Verhalten ist künftig (nur) das harte Gebet, von einem Mann formuliert, „der sich am Fall seines Feindes nicht freut.“ Der römische Staat sollte wohl auf Grund des Gebetes Christen gegenüber auch eine andere Haltung als gegenüber dem in seiner Religionsausübung weithin geschützten Judentum einnehmen2.

‚Aus der Synagoge ausgeschlossen’ – Das Johannesevangelium und der Ketzersegen

Viele Exegeten sind heute der Meinung, dass die Schärfe einzelner Aussagen des Johannesevangeliums im Blick auf „die Juden“, auf „ihre Schrift“ und der dreimalige Hinweis darauf, dass Christen aus der Synagoge ausgeschlossen werden, auf dem Hintergrund der aktuellen Beschlussfassung durch das höchste jüdische politische und religiöse Gremium in Jabne/ Jamnia um 85/90 n. Chr. gesehen werden muss.

Der Evangelist Johannes spricht dreimal vom Synagogenausschluss: 9,22 – „Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand ihn als den Christus bekennte, der sollte aus der Synagoge ausgeschlossen (in den Bann getan) werden.“ 12,42: „Doch auch der Obersten glaubten viele an ihn; aber um der Pharisäer willen bekannten sie es nicht, auf dass sie nicht aus der Synagoge ausgeschlossen (in den Bann getan) würden.“ 16,2: „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Ja, es kommt die Stunde, dass wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst damit“. (s. JOCHANAN, 612) Nach der Komposition der 12. Bitte bekam das Wort „die Juden“ für Johannes einen anderen Klang und es gab spätestens ab jetzt zwei nicht miteinander zu vereinbarende Schriftauslegungen, besonders hinsichtlich der von Christen als christologisch angesehenen Texte des AT, sodass Johannes von „eurer Schrift“ gesprochen hat. Die abschätzige jüdische Bezeichnung Jesu als „Nazarener“ wird für Johannes zum Ehrentitel – Joh 19,19ff (vgl. auch die anderen Nazareth-Stellen im Johannesevangelium).

Die Diskussion über den Einfluss der Entscheidung von Jabne auf die Theologie des Vierten Evangelisten ist nicht abgeschlossen. Ich selber kann die Härte johanneischer Formulierungen im Hinblick auf „die Juden“ und die Bezeichnung pharisäischer Bibelauslegung als „euer Gesetz“ am besten als Reaktion auf die Härte der Formulierung des „Ketzersegens“ verstehen. Beide johanneische Formulierungen hatten in einer Zeit härtester Bedrängnisse ein gewisses Recht, enthalten aber dann beide Unrecht, wenn Christen eine Verbindung auch von der zweiten Seite her zerschneiden. Sie musste vielleicht im Hinblick auf einzelne Situationen, Gruppen oder Einzelne zerschnitten werden, aber das Zerschneiden darf nie etwas Grundsätzliches zwischen Teilen der Menschheit sein, die Gott ruft. Erst das Statuieren von Aussagen der Birkat ha-Minim oder des Johannesevangeliums als grundsätzliche und unveränderbare und nicht interpretierbare hat im Laufe der Synagogengeschichte und der Kirchengeschichte zur Verfeindung von Teilen der Menschheit geführt bis hin zum Töten von Juden. Die harten Aussagen des Johannesevangeliums sind im Kontext des gesamten Evangeliums keine solche grundsätzlichen Aussagen3..Und, von jüdischer Seite her gesehen: Selbst der mit solch hoher Autorität des Synedriums bzw. Gamaliels II. versehene Ketzersegen des jüdischen Hauptgebetes ist keine solche grundsätzliche und unveränderbare Formulierung. Das zeigt die Geschichte dieser Bitte und das möchte ich in diesem Aufsatz darstellen.

Die Chiffren in der 12. Bitte – Herkunft und Bedeutung: Politische Bedeutung der Chiffren

Trotz der üblichen Bezeichnung der 12. Bitte als Birkat ha-Minim – Ketzersegen - werden in dieser Bitte zwei Zielgruppen 4 für die erbetene Aktion Gottes genannt.  Die erste ist politischer Natur. Es handelt sich um Unterdrücker der jüdischen Religion. Die Chiffre lautet: „Die Frechen“ (hebr. Sedim). Um die Zeitenwende waren das die Römer, Ursache für jüdische Aufstände und die zwei großen Kriege von 66-70 n. Chr.  und 133-135 n. Chr. In der Entstehungszeit der Bitte waren „die Frechen“ wohl die Unterdrücker, die zu den Makkabäerkriegen Anlass gegeben haben. Auf diese politischen Unterdrücker und „Frevler“ zielt ursprünglich das Ende der 12. Bitte:  „Gepriesen seist du, Jahwe, der Freche beugt.“ Diese Chiffre ist aber grundsätzlich zeitlos!5

Religiöse Bedeutung der Chiffren

Die zweite Zielgruppe ist religiöser Art. Es sind die Ketzer (Chiffre: „minim“6) und die Anhänger des Nazareners. „ und die Nazarener  und die Minim [Ketzer] mögen umkommen in einem Augenblick, ausgelöscht werden aus dem Buch des Lebens und mit den Gerechten nicht aufgeschrieben werden.“

Für die Abfassung eines Segensspruches für diese zweite Zielgruppe wurde also unter Gamaliel II ein Gelehrter gesucht. Er sollte sicherlich Schriftstellen nennen, die zu den schon in der 12. Bitte vorhandenen Stellen aus Jes 1,25-28, Jes 25,2 und 25,5 passten, also eine Aktion Gottes im Blick hatten: „Rabban Gamliel sagte zu den Weisen: Gibt es etwa einen, der einen Segensspruch von den Ketzern festzusetzen versteht? Da stand Schmuel, der Kleine, auf und setzte ihn fest...“ .

Was macht Schmuel? Er verbindet zwei Schriftstellen, 4. Mose 16 und Ps 69, (besonders V. 29), gemäß denen Gott gegen Ketzer selbst gehandelt hat bzw. handeln soll. Beide Stellen sprechen für Schmuel vom Tod der Ketzer: Der gewünschte augenblickliche Tod durch Gott geht auf das Vorbild der Rotte Korah zurück, die einen falschen Gottesdienst ausüben wollte (vgl. 4. Mose 16). Die zweite Schriftstelle stammt aus dem Ps 69. Der 69. Psalm ist ja von besonderer Bedeutung für Christen, die den Tod Jesu von der Schrift her verstehen wollen. Jesus spricht nach Joh 15,25 von denen, „die  mich ohne Grund hassen“ (Ps 69,5). Er spricht bei der Tempelreinigung in Joh 2,17 (Ps 69,10) zu Gott: „Der Eifer um dein Haus frisst mich auf“7. Paulus benutzt den Psalm in Rö 11,9f  und auch Matthäus (27,34.48) benutzt ihn. Diesen selben Psalm nimmt nun Schmuel HaKatan, um Gott zu bitten, dass Ketzer und Christen ausgetilgt werden aus dem Buch des Lebens (vgl. Ex 32,32f). Schmuel sieht den Ausschluss der Christen aus dem Buch des Lebens durch Gott als durch Ps 69 legitimiert an. Das ist – auch im Hinblick auf die jüdischen Grabinschriften bis zum heutigen Tage aufschlussreich8. Es ist für Samuel HaKatan  unmöglich, dass Christen bei den Gerechten stehen im Buch des Lebens. Deswegen erweitert er die 12. Bitte9. Schmuel der Kleine hat also eine äußerst harte Form eines „Segens“ formuliert10. Aber: Indem Schmuel die dritte Möglichkeit des rechten Umgangs mit Ketzern von der Schrift her als Überantwortung des Ketzers an das Gottesgericht formuliert, erreicht er folgendes: Eine Eigeninitiative von Juden in der bisher manchmal geübten oder versuchten Form des Tötens von Christen durch Steinigung oder zelotischen Mord wird nicht erwünscht und erlaubt. Das ist ein bisher bei der Beurteilung der 12. Bitte übersehener Fortschritt, der sich dann langsam durchgesetzt hat.

Wirkung der 12. Bitte: Christen haben keine Möglichkeit mehr, als Nachfolger des Nazareners am althergewohnten Gottesdienst in der Synagoge teilzunehmen und werden ihren eigenen Gottesdienst – auch im Anklang an den Synagogengottesdienst - weiterentwickeln. 

Samuel HaKatan hatte bei der von Gamaliel II. erbetenen Komposition einer erweiterten, präzisierten 12. Bitte gegen die Ketzer eschatologische Texte im Sinn - (Ps 69; Ps 92; Jes 24-27; Mal 3; Dtn 18,20-22). Unterstrichen wird dieses eschatologische Verständnis im Gebet durch die Worte „eilends“, “in unseren Tagen“, „umkommen in einem Augenblick“. Die endzeitliche Stimmung, die sich auch im NT findet, schimmert durch das Gebet der Juden durch.

Die Reaktion der jungen Kirche auf den Ketzersegen – 3 Phasen:

1. Phase um 100: Das Johannesevangelium

Wie oben schon angeführt, spricht der Evangelist Johannes dreimal vom Synagogenausschluss: 9,22; 12,42 und 16,2. Er benutzt Zitate aus Ps 69, die die Synoptiker nicht anführen, die aber Antwort auf die diskriminierende Anführung des Zitates aus Ps 69,29 durch Samuel HaKatan sein könnten. Schließlich sieht Johannes die Herkunft Jesu aus Nazareth – im Unterschied zu Samuel – nicht negativ. „Jesus von Nazareth, der König der Juden“ ist für Johannes höchster Ehrentitel!

2. Phase um 150: Justin

Justins Dialog mit dem Juden Trypho (um 150?) 

Justin:
„Denn ihr [Juden] habt den Gerechten getötet11. Und nun verwerft ihr die, die auf ihn hoffen12, samt dem, der ihn13 gesandt hat, Gott, den Allmächtigen und Schöpfer des Alls, und entehrt sie14, soviel an euch liegt, indem ihr die verflucht in euren Synagogen15, die an Christus glauben16.. Denn ihr habt nicht das Recht, selbst Hand an uns zu legen, derentwegen, die jetzt die Gewalt innehaben (sc. die Römer); wann immer aber ihr könntet, würdet ihr auch dies tun.“

In seinem Dialog spielt Justin wiederholt auf die 12. Bitte an mit ihrem Fluch gegen die Christen in den Synagogen und beschwert sich darüber, dass Jesus gelästert wird. Dass nicht alle Juden den Rat des Gamaliel beachtet haben und Gott das Gericht über die Christen überlassen haben, zeigt D 96,1f: „...Mit eigenen Augen könnt ihr sehen, was da geschieht. Denn in euren Synagogen verflucht ihr alle, welche durch Jesus Christen geworden sind, während die Heiden euren Fluch wirksam machen und diejenigen hinrichten, welche nur sagen, sie seien Christen.“ Und, Ap I,31: „...in dem unlängst geführten jüdischen Kriege hat Barchochebas, der Anführer des jüdischen Aufstandes, die Christen allein zu schrecklichen Martern hinschleppen lassen, wenn sie Jesus Christus nicht verleugneten und lästerten.“ – Das war 133-135 n. Chr.

3. Phase um 315-403: Epiphanius

200 Jahre später berichtet der Christ Epiphanius – in Palästina geborener Jude - über die Verfluchung der Nazoräer: „...die Söhne der Juden...stehen auf am Morgen, am Mittag und um den Abend, dreimal am Tage, wenn sie ihre Gebete vollenden, fluchen und lästern sie und sagen dreimal am Tag ‚Gott, verfluche die Nazoräer’.“

Die große Lücke

Leider haben wir aus der Zeit vom ersten bis zum neunten Jahrhundert n. Chr. keinen vollständigen Text des 18-Gebets. Die Tradition dieses Gebetes war wahrscheinlich über die Jahrhunderte hinweg weitgehend mündlich. Schriftliche Texte sind als ganze nicht erhalten – auch nicht bei Justin und Epiphanius. Es finden sich jedoch immer wieder Anspielungen auf die 12. Bitte in christlichen Dokumenten. Erst mit den gefundenen Texten der Birkat ha-Minim ab etwa 900 ändert sich die Sachlage. Eine immer größere Rolle spielten auch Kenntnisse der hebräischen Sprache, die durch spanische, französische, deutsche Konvertiten aus dem Judentum den Christen übermittelt wurden. Durch sie wurde natürlich auch der Inhalt der 12. Bitte unter Christen bekannter gemacht. Mit dem Studium des Hebräischen etwa in der Lutherzeit und den jiddischen Übertragungen der 12. Bitte musste das Problem zwischen Judentum und Kirche und christlichem Staat größer werden.

Das erste Gebetbuch um 900 n. Chr – Amram Gaon

Das älteste jüdische Gebetbuch der Welt mit dem Ketzersegen, der Birkat ha-Minim, hatte die Gemeinde aus Barcelona aus der babylonischen jüdischen Tradition, die auch das Monumentalwerk des Talmud hervorgebracht hat. Es stammt von dem berühmten Leiter der babylonischen Schule, dem weltweit anerkannten Gaon Amram aus Sura (gestorben etwa 875). Dieses Gebetbuch, Siddur Amram18  genannt, enthält die Ordnung von Gebeten und Segenssprüchen für das gesamte Jahr. Es hat sich durch ganz Spanien verbreitet und von dort in andere Länder. Der Originaltext dieses Seder kann nur auf der Grundlage verschiedener Quellen rekonstruiert werden19.

Die zwölfte Bitte der Amidah lautet nach Amram (es gibt verschiedene Manuskriptformen) so:

„Für die Apostaten (meschummedim) gebe es keine Hoffnung. (andere Form: es sei denn, sie kehren zu Deinem Bund zurück).

Und lasse die Nazarener und die minim (Ketzer) zugrunde gehen in einem Augenblick.

Und lasse alle unsere Feinde und die, die uns hassen, ganz schnell abgeschnitten sein.

Und die Herrschaft des Übermuts rotte ganz schnell aus und zerbreche sie und beuge sie in unseren Tagen.

Gesegnet seist Du, JHWH, der Du die Feinde zerbrichst und die Übermütigen/Frevler beugst.“

Ein verwandter, aber doch unterschiedlicher Text aus der palästinensischen Tradition steht uns durch einen wichtigen Fund in der Geniza von Kairo von 1896 zur Verfügung.

 

Der Fund in der Geniza von Kairo

Als der jüdische Theologe Solomon Schechter 1896 in der Kairoer Esra-Synagoge einen Beerdigungsraum für jüdische Manuskripte, eine Geniza, untersuchte, der vorher zugemauert war, machte er eine große Entdeckung. Im Laufe der Zeit fand er an die 100000 jüdische Manuskripte. Sie sind z. T. in arabischer Sprache und stammen aus dem 11.-13. Jahrhundert. Was für uns heute interessant ist: Man fand die älteste schriftliche Form des 18-Bitten-Gebets, die aus Palästina stammt. Dieses Gebet stammt in vielen Teilen schon aus der Zeit vor Jesus. Zusammen mit dem babylonischen Text des Amram, hat man nun also zwei jüdische Textformen, auf deren Hintergrund man die Klagen von Christen aus den ersten Jahrhunderten gegen die 12. Bitte sehen kann. Die beiden jüdischen Texte helfen aber auch dazu, Klagen und Angriffe von Christen in Kirche und Staat zu verstehen, die aus demselben Zeitbereich ab etwa 900 – bis hin zu Luther – stammen. Hier einige Streiflichter:

Die mittelalterliche Kirche und der Ketzersegen

Innozenz III. 1205

„...so sollen die Juden uns gegenüber nicht undankbar sein und christliche Güte mit Beleidigung und Vertrauen mit Verachtung beantworten... dass sie sich derartige Beleidi-gungen gegen den christlichen Glauben herausnehmen, die nicht nur zu sagen, sondern sogar schon zu denken ein Frevel ist.“

 

Pariser Gespräch 1240

Als der jüdische Konvertit Nicholas Donin eine Übersetzung der 12. Bitte ins Lateinische vornahm, lautet diese Bitte dann im Deutschen:

„Laß für die Convertiten (conversis) keine Hoffnung sein.

Und alle ungläubigen mynym (= Ketzer) mögen in einem Augenblick zugrunde gehen.

Und mögen alle die Feinde Deines Volkes Israel abgeschnitten werden.

Und mögest Du ausrotten und zerstören das Königtum der Frechheit/Unverschämtheit/ Boshaftigkeit...

Und zerbrich und beuge nieder alle unsere Feinde eilends in unseren Tagen.

Gesegnet seist Du, o Gott, der Feinde zerbricht und die Gottlosen niederbeugt.“

Donin bewertete die 12. Bitte so: „Jeden Tag verfluchen (Juden) in einem Gebet, von dem sie betonen, dass es mehr wert sei als andere, die Diener der Kirche, Könige und alle anderen, die Feindschaft gegen die Juden selbst im Sinn haben.“ Eine Verfluchung des Nazareners nennt Donin nicht mehr!

 

Der spanische König untersagt die Benediktion

Kastilien, Spanien, 25. Februar 1336

Während des Mittelalters verleumdeten einige jüdische Renegaten die Praktiken und Schriften des Judentums, um ihre religiöse Aufrichtigkeit gegenüber der christlichen  Kirche und weltlichen Herrschern zu beweisen. Ein solcher Mann, Alfonso von Valladolid, sagte König Alfonso XI von Kastilien, dass Juden Christen bösartig beleidigten, wenn sie eine der achtzehn Segnungen aus dem Amidah-Gebet für die Wochentage vortrugen.

Der König ordnete an, dass Alfonso einen öffentlichen Disput mit lokalen Rabbinern hielt, die unterstellte antichristliche Natur der 12. Segnung, der Birkat ha-Minim betreffend. Die Rabbiner erklärten, dass Birkat ha-Minim ("Segnung, die Ketzer betrifft,") den Herrn anflehe, "Verleumder", "Boshaftigkeit" und "Missetäter" zu verurteilen, aber das Gebet sei beinahe 1.500 Jahre alt. Es bezog sich auf die drückende Besetzung von Judäa durch die hellenistischen Syrer und die Begriffe "Verleumder" und "Missetäter" bezögen sich auf jene Besatzer und auf die jüdischen Ketzer, die mit ihnen kollaborierten. Der König ignorierte ihre Erklärungen und urteilte gegen die Rabbiner.

Am 25. Februar 1336 verbot Alfonso XI die Birkat ha-Minim, indem er behauptete, dass das Gebet ein Affront gegen alle wahren Katholiken sei. Da solche Beschuldigungen häufig dazu führten, Bücher zu verbrennen oder zu anderen gewalttätigen Taten gegen sie, entfernten jüdische Gemeinschaften in Kastilien und anderswo die "kränkenden" Formeln.

Auswertung:

Durch Juden, die zum Christentum übergetreten sind, erhalten geistliche und weltliche Macht genaue Kunde vom Wortlaut der 12. Bitte. In der Situation, die äußerst gefährlich für die jüdische Glaubensgemeinschaft wird, reagieren Rabbiner in mehrfacher Weise:

Sie weisen darauf hin, dass das Gebet in anderer geschichtlicher Situation entstanden ist und Missverständnisse durch das Alter dieses Gebetes möglich sind. Sie streichen im Gebet den Bezug auf Jesus, den Nazarener – vgl. die Übersetzung von Donin. Sie entfernen kränkende Formeln.

Bei dieser Vorgehensweise gab es in den unterschiedlichen europäischen Ländern mit unterschiedlichen Situationen für die Juden natürlich keine Einheitlichkeit mehr. In den verschiedenen Gebetbüchern haben dann mehr oder weniger entschärfte Versionen existiert. Ich führe einige Beispiele an:

Reuchlin

Der berühmte Humanist Reuchlin ist 1455 in Pforzheim geboren worden und starb 1522 in (Bad) Liebenzell – ein Jahr, bevor Luther sein Buch veröffentlichte: „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei.“ Als Luther etwa 10 Jahre alt war, begann Reuchlin, Spezialist für Griechisch und Latein, sich für Hebräisch zu interessieren, brachte ein Buch, eine hebräische Grammatik und ein Lexikon heraus. Man war nicht mehr nur auf Juden angewiesen, wenn man hebräische Texte verstehen wollte. In einer Zeit, die bewusst Hunderte von Juden verbrannte und die ab 1509 wieder hebräische Bücher verbrannte auf Betreiben des ehemaligen Juden Pfefferkorn mit Erlaubnis des Kaisers Maximilian I., setzte sich Reuchlin, Onkel Melanchthons, für die jüdischen Schriften ein. Weil in der Zeit ab dem Pariser Gespräch (in manchen Gegenden vielleicht zeitiger, in manchen später) die Chiffre ‚Nazarener’ und weitere anstößige Wörter aus der 12. Bitte entfernt worden war, meinte Reuchlin, dass „kein Wort darin gefunden werden kann, das die Getauften oder die Apostel oder die Christen oder das Römische Reich meint oder kennzeichnet.“ Es sei eine Unwahrheit, wenn man die 12. Bitte als antichristlich interpretiere. Er sagt aber auch noch die wichtigen Worte: „Gott allein kennt die Gedanken derer, die dieses Gebet benutzen.“

Luther

Luther muss vom Gebrauch einer Textform der 12. Bitte in der Synagoge gehört haben, die ihm antichristlich schien. Er erwartete noch zu seinen Lebzeiten das Weltende20.

Auf dem Hintergrund dieser Naherwartung Luthers und seiner damit verbundenen Angst, Jesus verleugnet zu haben, indem er den Juden, die die 12. Bitte sprachen, zu weit entgegenkommen würde, und er von Christen, die zum Judentum übergetreten waren, gehört hatte, muss Luthers immer schroffer werdende Haltung gegen die Juden gesehen werden.

In einem Brief 1537 an den obersten Juden in Deutschland, Josel21  von Rosheim schreibt Luther, dass er es nicht ertragen könne, dass Jesus nur als gekreuzigter, verdammter Jude verschrieen wird. Als er in Erwartung des Weltendes und nachdem er gehört hatte, dass Christen zum Judentum übergetreten seien, 1543 die unerträgliche Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“22  schrieb, forderte er als harte Maßnahmen gegen die Juden, um etliche aus der Flamme und Glut erretten zu können und sich selber nicht teilhaftig zu machen (Offb. 18,4 als Leitmotiv!) aller ihrer Lügen, Flüche und Lästerung:

Die Synagogen sollten verbrannt werden. 2. Weil auch in den jüdischen Häusern dieses Lästern Christi geschehe (s. die dreimalige Amidah am Tag mit der 12. Bitte) sollten auch sie zerstört werden. Weil in Gebetbüchern und im Talmud diese Lästerung Christi gelehrt werde, sollten diese Bücher verbrannt werden. 4. Weil die Rabbiner diese Lästerung dem Volk ein-gießen, sollte man ihnen die Lehre verbieten usw.

Luther kennt also einen Gebetstext, der „Nazarener“ noch enthielt, bzw. so verstanden wurde, dass Jesus als gekreuzigter, verdammter Jude verschrieen wird, Christus gelästert wird. Darauf verweist auch noch ein Taufbericht eines Juden 1659.

Taufe eines Juden

Als in Nürnberg 1659 sich der Jude Michael von Prag taufen ließ, wurden ihm 16 Fragen gestellt. Die erste lautet:...Ob Du von Grund deines Hertzens vor dem Allmächtigen Ewigen Gott, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs alle jüdische irrthumb und Gräuel und ihren Thalmud verwirffst und dero Lästerungen wider den Sohn Gottes und seine glaubigen ewiglich widersagest? Antwort: Ich verwerffe allen irrthumb...“ usw.

In einem Gebetbuch, das in Venedig (Jahr?) gedruckt worden ist und sich in der Erlanger Universitätsbibliothek befindet, fand ich die 12. Bitte in folgender Umschrift – der hebr. Text wird als deutscher Text, aber mit hebr. Buchstaben wiedergegeben23:

Ulemalschinim (Und den Verleumdern) und zu den Veretern  sol kein Hoffnung sein und all die Un-gloibigen un es in einem Oigenblik soln si werden werlorn und al deine Feinde bald soln sie werden werschniten

Gelobt seistu Gott der da zubricht die Feinde und macht untertanig die Mutwiligen. In heutigem Deutsch:

Und die Verleumder und Verräter sollen keine Hoffnung haben und all die Ungläubigen sollen in einem Augenblick verloren gehen und alle Deine Feinde sollen bald abgeschnitten werden. Gelobt seist Du, Gott, der da die Feinde zerbricht und die Mutwilligen untertan macht.

Auswertung dieses Textes:

Nach der Entfernung der Chiffre ‚Nazarener’ wurde im Laufe der Jahrhunderte weiter an der 12. Bitte geändert aus drei Gründen: aus Angst vor der Obrigkeit in christlichen Ländern, aus Angst vor Christen an der Basis und an der Spitze der Kirche und aus Gründen notwendiger Assimilation in Zeiten nachlassender Bedrückung. In der gerade zitierten Bitte erkennt man:

Die Entfernung der Chiffre ‚Apostaten’ – sie wird ersetzt durch ‚Verleumder’. Der Begriff „Verräter“ (Juden, die sich haben taufen lassen?) wird hinzugefügt.

Die Entfernung der Chiffre ‚minim’ (Ketzer) – sie wird ersetzt durch ‚Ungloibige’

Die Entfernung der Chiffre ‚unsere Feinde’ – sie wird ersetzt durch ‚all deine Feinde’.

Dass das Gebet selbst in dieser abgeschwächten Form noch Anstoß erregte, wird an Textformen in Gebetbüchern mit den ersten deutschen Texten am Beginn des 19. Jhd. sichtbar.

1827

Das Gebetbuch von 1827 aus dem jüdischen Museum Fürth steht als Zeichen für eine neue Zeit:

Ersetzung der Chiffre ‚minim’ ‚Un-gloibige’ – durch: ‚alle Unheilstifter’. Christen müssen sich nicht mehr als angegriffen empfinden!

„Lasse den Verleumdern keine Hoffnung, lasse alle Unheilstifter mit Einmal zu Grunde gehen, dass alle schnell ausgerottet werden! Lähme die Gewalt der Übermüthigen, dass sie geschwächt, gebrochen und gedemüthigt werde, bald, in unsern Tagen. Gebenedeyet seist Du, Ewiger, Der Du die Feinde zerschmetterst und die Übermüthigen demüthigest.“

Für uns sind die neuesten Formen des 18- Gebetes von großem Interesse. Also:
Wie lautet die 12. Bitte bei konservativen Juden, wie bei Reformjuden heute?

The Hirsch Siddur Jerusalem/New York 1978

Der Text lautet: “And for slanderers let there be no hope, and may all those who do evil perish instantly and may they all speedily cease to be. May You speedily uproot, break, destroy and humble those who do wrong with evil intent,24 speedily and in our days.

Blessed be You God, Who breaks enemies and humbles those who do wrong with evil intent“.

Im Hirsch-Siddur wird also noch ein Schritt weitergegangen und wir sehen: Die Ersetzung der Chiffre ‚unsere Feinde/deine Feinde/die Feinde’ – durch ‚Feinde’. Die Ersetzung der alten Chiffre ‚Königtum des Übermuts’ – durch ‚jene, die Unrecht tun mit böser Absicht’.

Heute ist der Sefat Emet Standardsiddur der Neo-Orthodoxie der jüdischen Gemeinden im deutschsprachigen Raum.

Jerusalem 1941

Interessant ist, dass 1941 in Jerusalem der babylonische Text von Sa’adia25 gedruckt wurde. Hier die Übersetzung:

Den Apostaten/Getauften werde keine Hoffnung und das Königtum des Übermuts werde eilends ausgerottet und zerbrochen/ zerschmettert in unseren Tagen.

Gesegnet seist du, Gott, der zerbricht die  Übeltäter/ Ungerechten / und der demütigt/unterwirft die Gottlosen (LXX)/ Frevelhaften.

Bei der Beurteilung der Übernahme dieses sehr alten Textes muss man die neue historische und geographische Situation berücksichtigen. Ein halbes Jahrhundert später lautet die Bitte in europäischem Bereich und bei Reformjuden anders.

Reformsynagogen - Um 2000

Das 18-Bitten-Gebet ist natürlich auch im ersten deutschen jüdischen Gebetbuch von J. Magonet nach dem 2. Weltkrieg enthalten, das kürzlich in Deutschland erschienen ist. Es ist ein Gebetbuch für Reform-Juden, für liberale Juden, die man unbedingt von den orthodoxen, konservativen Juden auch hinsichtlich der 12. Bitte unterscheiden muss.

Text: „Den Verleumdern sei keine Hoffnung, und alle Ruchlosen mögen im Augenblick untergehen, alle mögen sie rasch ausgerottet werden, und die Trotzigen schnell entwurzle, zerschmettre, wirf nieder und demütige sie schnell in unseren Tagen. Gelobt seist du, Ewiger, der du die Feinde zerbrichst und die Trotzigen demütigst.“

Internet

Eine neue Übersetzung aus dem Internet von Rabbiner Dr. Michael Sachs lautet:

„Gegen Verleumder

Denen aber, die uns verleumden, gib keinen Erfolg, all die Frevel Übenden laß im Fluge dahinschwinden, sie alle mögen schnell dahin sein, die im Übermute Dir Trotzenden mögest Du eilends vernichten, bald in unseren Tagen. Gelobt seist Du, Ewiger, der bricht des Feindes Macht und die frechen Übermütigen beugt!“

Und in den im Internet veröffentlichten Jewish Community News, February 2004, heißt es zur 12. Bitte:

„Erst in modernen Zeiten ist die Birkat ha-Minim wieder in Gebetsbüchern erschienen – jedoch mit einigen Änderungen: "Verleumdung" und "Übel" haben die spezifischeren Begriffe "Verleumder" und "böse Täter" ersetzt. Bis zu diesem Tag lassen jedoch viele Reformsynagogen diese Segnung weiter weg.“

Im Internet lesen wir jedoch auch, dass es einige Juden gibt, die das Gebet weiter als gegen Christen – und zwar gegen heutige Judenchristen – gerichtet sehen26.

Fazit

Reuchlin sprach über die Möglichkeit, dass Juden seiner Zeit ohne Deckung durch den Wortlaut der ihm bekannten 12. Bitte diese als gegen die Christen gerichtet verstanden, sehr vorsichtig: „Gott allein kennt die Gedanken derer, die dieses Gebet benutzen“.
Heute kann man im Hinblick auf die vielen Änderungen der 12. Bitte auf „Entfeindung“ hin auf keinen Fall grundsätzlich von einem gegen Christen gerichteten Gebet sprechen. Natürlich gibt es Ausnahmen (s.o.), aber das Gebet – wenn es denn überhaupt noch gesprochen wird – ist so neutral geworden, dass es nur durch die Boshaftigkeit von Menschen mit Gott und den Menschen feindlichem Inhalt gefüllt werden kann, also „mit den Gedanken derer, die dieses Gebet benutzen“ oder es für ihre Zwecke missbrauchen.
Der Ausschluss aus der Synagoge durch dieses Gebet findet nicht mehr statt. Kirche und Synagoge können weiter aufeinander zugehen.

Ausscheiden oder beibehalten der Birkat ha-Minim ist Sache jüdischer Gemeinden und kann nicht Forderung von Christen sein. Christen haben in ihrem Hauptgebet quasi als ihre „12. Bitte“ stehen: „Und erlöse uns von dem Bösen.“

Vorschläge für unseren Umgang mit dem Ketzersegen

Weil wir nun sehen, welche verderbliche Rolle die 12. Bitte für Christen und Juden27  gespielt hat, können wir versuchen, neue Wege zu gehen, die zum Frieden für beide Seiten führen.

Wir können sehen, dass jüdische Autoritäten die 12. Bitte unter stärkstem Druck durch die politische Situation (Verlust von Tempel und Selbständigkeit durch den jüdisch-römischen Krieg im Jahre 70 n. Chr.) und die religiöse Situation (Verbreitung des Christentums unter Juden und Heiden) formuliert haben. Sie waren der Überzeugung, diese Formulierung auf dem Hintergrund biblischer Zusagen festsetzen zu dürfen. Als Grundlage für Gespräche zwischen Christen und Juden heute sollte deshalb auch die Exegese der Schriftstellen stehen, die bei der Formulierung der 12. Bitte im Vordergrund standen und die ich oben angeführt habe.

Wir können sehen, dass Juden später ihr Gebet selbst entschärft haben, manchmal wegen des unsäglichen Druckes durch einzelne Christen und Gruppen, durch kirchliche und weltliche Gewalt. Manchmal haben sie ihr Gebet entschärft wegen des nachlassenden Druckes und der Möglichkeit einer besseren Gemeinschaft mit Christen.
Juden und Christen könnten für gemeinsames Beten eine Bitte formulieren, die nicht Ausdruck von orthodoxem Bewusstsein, sondern von erfahrenem Leiden oder von gegenseitig zugefügtem Leiden ist und auf Gottes Hilfe für beide wartet.

Wir können im Hinblick auf noch existierende aktuelle Formulierungen der zwölften Bitte mit Reuchlin sprechen: „Gott allein kennt die Gedanken derer, die dieses Gebet benutzen“ und können durch unser Verhalten gegenüber Juden dafür sorgen, dass diese Gedanken zu guten Gedanken gegenüber Christen werden.

Wir können vom Vaterunser her, das Jesu Worte ‚und erlöse uns von dem Bösen’ enthält, lernen, keinen Menschen zu verfluchen, wie feindlich er uns auch gegenüber tritt, sondern gerechtes Gericht getrost Gott überlassen. Vor allem aber werden wir Gott mit dem Vaterunser um Vergebung unserer Schuld bitten, die Christen wissentlich oder unwissentlich besonders gegenüber Juden auf sich geladen haben.

Wir versuchen, diejenigen Juden mit ihren Erfahrungen von Vertreibung, Mord und Holocaust zu verstehen, die das Gebet der zwölften Bitte sich in einer immer noch harten Form im 21. Jhd. erhalten wollen – auch wenn uns solches Beten nicht prägen darf, die wir von Jesu Lehre zur Feindesliebe aufgerufen sind.

Wir hoffen mit Juden zusammen, dass die 12. Bitte einmal ganz entleert sein wird, was das christlich-jüdische Verhältnis betrifft und bitten, dass Fluch durch Gott zum gegenseitigen Segen gewendet wird.29.

P.S. 2012
In einer Rede zum neuen liberalen Gebetbuches (Jüdisches Gebetbuch Hebräisch-Deutsch Bd. 1: Werktage und Schabbat, hrsg. von Andreas Nachama und Jonah Sievers, Gütersloher Verlagshaus) hat Walter Homolka in der Zeitschrift Kescher (Sommer 2009) im Hinblick auf die birkat ha-Minim gesagt:

"Aber auch an anderer Stelle,so die Herausgeber (Andreas Nachama und Jonah Sievers), bedürfen die traditionellen Texte der auffrischenden Hand: Kann man tatsächlich angesichts von allen Aufforderungen zu Umkehr für die Sündigen in der Wochentags amida sagen: „Den Verleumdern sei keinerlei Hoffnung“ oder wäre es nicht angemessen zu sagen „Der Verleumdung sei keinerlei Hoffnung“? „DieFrage stellen, heißt schon, sie zu bejahen“, sagt Nachama."

 

 

1 “In many cases, sacrificing by unauthorized persons is expressly forbidden and may be severely punished; e.g., in the book of Leviticus, Korah and his followers, who revolted against Moses and his brother Aaron and arrogated the priestly office of offering incense, were consumed by fire.” – aus Enc. Brit.

2 Brachot 28b, aus: Der Babylonische Talmud. Ausgewählt und erklärt von Reinhold Mayer 3/1963, 547f und: über Schmuel... S. 380).

3 Wie sehen Wissenschaftler die Abfassungszeit des Ketzersegens heute?
Neben der Mehrheitsmeinung, dass die Einfügung des Ketzersegens in ein schon bestehendes Gebet etwa um 85/90 n. Chr. unter Gamaliel II geschehen sei, wird auch die Meinung einer früheren Einfügung in ein noch älteres Gebet unter Gamaliel I vertreten, den wir als Lehrer des Saulus/ Paulus kennen (Vgl. Journal of Theological Studies, NS, Vol. 54, April 2003, 25-44).

4 Vgl. z.B. meinen Aufsatz „Joh 8,44 – Gotteskinder – Teufelskinder“ NTS 30, 1984. Jetzt in diesem Aufsatzband.

5 Der am Anfang der Bitte genannte Bezug ist in verschiedenen Zeiten unterschiedlich und deutet vielleicht so schon auf die zwei Zielgruppen hin: „Die Abtrünnigen/Apostaten betreffend“ oder „Die Verleumder betreffend“.

6 Das Ende der 12. Bitte wurde nach der Lesart geformt, die sich auch im LXX – Text von Jes 25,2 und 25,5 – der sog. „kleinen Apokalypse“  findet. Diese Lesart der LXX findet sich in der Mitte der 12. Bitte auch in der Formulierung: „die freche Regierung“ - „the kingdom of the arrogant.” Es geht also ursprünglich um eine Bitte gegen politische Gegner, im Anschluss an Jes 1,25-28 und  Jes 25,2 und 25,5 - aus der kleinen Apokalypse. Es geht um die Demütigung der Frechen (hebr. „sedim“, wie es die LXX gelesen hat, die von den   „aseboi“ = den Gottlosen spricht. Die BH hat hebr. serim = die Fremden/die Feinde ) durch Gott.
dass die Benediktion „ist gemacht geworden gegen den Minim, und gegen die bösen Leut/ und gegen die da Israel wehe tun“.

7 Zitiert aus JThS 33 1982, 19-61. S. 47 A 1: jüd. Ethischer Schriftsteller Isaac b. Eliakim von Posen (Leb Tof, c. II.)

8 Ich halte es für möglich, dass das Johannesevangelium die beiden genannten Zitate aus Ps 69 als Reaktion auf die Benutzung dieses Psalms gegen die Christen durch Schmuel eingefügt hat. Die Synoptiker haben diese Zitate nicht. Vgl. auch die Untersuchung von Ps 69 in meinem Buch JOCHANAN, 615

9 Gewöhnlich steht auf jedem jüdischen Grabstein: „Hier liegt ...“ Und am Ende folgt: „Es sei seine (ihre) Seele eingebunden in den Bund des Lebens.“

10 Auch von den Gottlosen (rascheah ase) und Hochmütigen (sedim) von denen das Buch Maleachi 3,15-19 spricht und an die man in der 12. Bitte auch denkt, wird nicht gesagt wie von den Gottesfürchtigen: „Der Herr merkt und hört es, und es wird vor ihm ein Gedenkbuch geschrieben für die, welche den Herrn fürchten und an seinen Namen gedenken...“. Wie hart Gott mit Hochmütigen ( sedim) umgeht, sieht man auch aus Dtn 18,20-22 und Apg 5,34ff: Zuerst redet in der Apg nach provozierenden Worten der Apostel der führende Pharisäer, Gamaliel, und hält die Zuhörer davon ab, die Apostel zu töten. Dann schlagen Menschen die Apostel nur, weil Gamaliel gesagt hatte: „Gott aber wird, wenn der Rat oder das Werk der Apostel aus den Menschen ist, diese Menschen so richten, wie er Theudas mit seinen 400 Anhängern gerichtet hat: Theudas erschlagen, die Anhänger zerstreut.“ Gamaliel erwartet also das Gericht für die, die im Namen Jesu predigen, von Gott. Das tut auch Samuel HaKatan mit seiner Gebetskomposition.

11 Internet: Der Jude Dr. Motti Friedman spricht von einem „ungewöhnlich bitteren Gebet“. RabbinerKook spricht von einem Gebet „voller Haß und Verdammung“. Kook sagt über Schmuel: „Man konnte sicher sein, dass er von gänzlich selbstlosen Überlegungen beherrscht war und inspiriert von den reinsten Motiven. Er hatte aus seinem Herzen alle privaten Gefühle von Hass gegen die Verfolger seines Volkes verbannt.“

12 „Gerechten“ s. 12. Bitte vgl. Jak. 5,6 „und vor ihm seine Propheten“ vgl.. Jes. 57,1; 1. Thess. 2,15.

13 Hier wird auf die zwölfte Bitte angespielt, dass den Apostaten keine Hoffnung sei.

14 Hier wird auf den Gerechten – den Nazarener – angespielt, der in der Bitte verworfen wird.

15 entehren = ausgelöscht aus dem Buch des Lebens und mit den Gerechten nicht gezählt.

16 Ein Geschehen innerhalb von Synagogen.

17 D 16,4:

18 Auch deswegen wird von Gott die verurteilende Aktion erwartet.

19 Das Gebetbuch erfreute sich einer weiten Verbreitung und ist ausführlich von den führenden Gelehrten aus Spanien, der Provence, Frankreich und Deutschland zitiert worden. Es diente als Grundlage für spätere Gebetbücher wie dem Siddur Rashi, dem Machzor Vitry und besonders für Länder, die unter babylonischen Einfluss gerieten. Es existieren drei verschiedene Manuskripte dieses Siddur. Weitere Fragmente sind in der Geniza von Kairo entdeckt worden.

20 Der Begleitbrief von Gaon Amram zu diesem Gebetbuch ist erhalten. Hier einige Auszüge:
„Amram, Sohn des Sheshna, Präsident der Akademie in (der Stadt von Mechasja) Sura an Rabban Isaac, den Sohn von Rabban Simeon, geliebt, wert gehalten und geehrt bei uns und in der ganzen Akademie. Großer Friede von der Gnädigkeit des Himmels sei über Dir und über Deinen Kindern und über allen Gelehrten und Schülern von mir und von R. Semach, dem Vizepräsidenten der Akademie Israels, von den Allufim und all den Gelehrten und Studenten der Akademie, die bei uns in der Stadt Sura sind.
Wir sind alle wohlauf, Gelehrte, Studenten und unsere jüdischen Brüder, die hier leben, sodaß wir dich allezeit grüßen und dich in guter Erinnerung haben und für dich beten und um Gnade über dir bitten, dass der Heilige, gesegnet sei Er, Gnade über dich haben möge und dich beschützen möge und retten vor allem Leid und Schaden und dass Er in seiner großen Gnade alle Wünsche deines Herzens erfüllen möge. Rabban Jacob, Sohn von Rabban Isaac, hat uns 20 Goldmünzen (gesandt) gebracht?, die du der Akademie gesandt hast, fünf für uns und fünfzehn für die Akademiekasse. ...Und eine Ordnung von Gebeten und Segenssprüchen für das ganze Jahr, um die du gebeten hast, die man vom Himmel herab gelehrt hat, die haben wir verstanden, in eine Ordnung zu bringen und zurückzusenden im Einvernehmen mit der Tradition, die in unserem Besitz ist, konform mit der Einsetzung durch Tannaim und Amoraim. Denn es heißt in einer Baraitha: R. Meir hat gesagt: Ein Mann muss 100 Segenssprüche an jedem Tag rezitieren. ...Und David, der König Israels, hat sie eingesetzt. ...Und es scheint, dass diese vergessen waren, aber die Tannaim und die Amoraim kamen und haben sie in eine Ordnung gebracht.“

21 Luther Tischreden: (Sept. 1540 Extremum iudicium. „O lieber Gott, kom schier einmahl! Ich warte stets des tags...“ (Mich. Stifel hatte den jüngsten Tag auf Sonntag, d. 19. Okt. 1533 früh 8 Uhr berechnet) „…Ich hoffe je es sey der jungste Tag nicht ferne, und wir wollen in noch erleben…Das kleine flecklein, das von Sachsen, wirdts nicht hindern, den jungsten Tag.“

22 seit 1530 unterzeichnete er in einschlägigen Schriftstücken als “gemeiner Jüdischeit Regierer im deutschen Land“, „Befehlshaber gemeiner Jüdischeit deutscher Nation“, „Befehlshaber der ganzen Judenschaft“, „gemeiner jüdischer Provoss, „gemeiner Jüdischeit Anwalt“. Andererseits wird er von Amtsleuten als “Oberster über alle Juden deutscher Nation“, „Oberster in deutschen Landen“, „Regierer der gemeinen Judenschaft“, „gemeiner Judenschaft Befehlshaber“, vom Kaiser als „Befehlshaber gemeiner Jüdischeit bezeichnet; im Vertrag mit dem Herzog von Württemberg 1551 erscheint er als „Anwalt und Gewalthaber der gemeinen Judenschaft.“  

23 1543 erschien Luthers ‚Von den Juden und ihren Lügen’ . Josel wandte sich an den Strassburger Rat mit der Bitte, in seinem Hoheitsbereich die Verbreitung dieses Buches zu verbieten, auch habe der Pfarrer zu Hochfelden wegen dieses Buches gepredigt, man solle alle Juden totschlagen. Der Rat versprach eine Durchsicht des inkriminierten Buches und gegebenenfalls ein Verbot, das dann wohl auch ausgesprochen wurde.

24 Vgl. Frauen-Gebetbücher, die traditionell in jiddisch, d.h. in hebräischen Lettern gedruckt worden waren.

25 The Hirsch (Samson Raphael,geb. 1808 in Hamburg, gest. 1888) Siddur.

Hirsch war gegen die Reform-Bewegung und lebte ab 1851 in Frankfurt. Gründete 1886 „Free Union for the Interests of Orthodox Judaism“.

26 Sa'adia ben Joseph, (auch Seadya Gaon) berühmter babylonischer Gaon (ab 928, gest. 942) der Akademie von Sura.

27 Artikel: Who were the Nazarenes (Jewish-'Christians') and when did they become Heretics?

28 Das Verhältnis der Juden zum Islam konnte immer schon entspannter sein, weil dieser in die 12. Bitte nie einbezogen war und Moslems - mit Ausnahmen – nicht als abgefallene Juden und Anhänger des Nazareners betrachtet werden konnten.

29 Anhang: Suchworte für das Internet:

Die Amidah bzw. das Achtzehn Gebet; Schmone-esre; Birkat ha-Minim; Ketzersegen, Tfilah oder Tefillah; Jewish Liturgy; Siddur; Sidur, Geniza u.a.
(Ergänzung von 2012): Eine ähnliche innerjüdische Aktion des Bekämpfens von 'Häresie' findet sich ab dem 18. Jhd. zwischen mitnagdim und hasidim (s. Texte im internet: http://en.wikipedia.org/wiki/Misnagdim  Jahreszahl 1781 eingeben!). Interessant, dass es nach schwersten Kämpfen zur Versöhnung dieser Gruppen kommen konnte.

Literaturauswahl:

Heidenheim: "Siddur Safah Berurah" die täglichen Gebete mit deutscher Übersetzung, 1823.

Zeitschriftenartikel:S. J. Joubert, "A Bone of Contention in Recent Scholarship: The 'Birkat Ha-Minim' and the Separation of Church and Synagogue in the First Century AD," Neot 27 (1993): 351-363.

“The Eighteen Benedictions and the Minim before 70 CE” JTS, NS, Vol. 54, April 2003, 25-44

Zur Bezeichnung "Segnung, die Ketzer betrifft," gibt es eine informative Geschichte in M. Bubers "Die Erzählungen der Chassidim" Manesse Verlag 1949 S.144. Ein Rabbi soll am betreffenden Sabbat die große Fluchrede aus der Schrift vorlesen. Dieser Sabbat wird nicht Sabbat der Flüche, sondern Sabbat der Segnungen genannt! - "um das schlimme Wort zu umschreiben".