Johannesevangelium und Synagogengottesdienst - eine Beobachtung

(ursprünglich in: BZ NF 1983, 101 und JOCHANAN, 331-33 mit Abbildung: Synagogenlesungsordnung, enthalten in einer Lutherbibel aus Hamburg von 1713)

 

Abstract

Der Evangelist benutzt die zwei jüdischen Lesungen für den Beginn des neuen Lesungsjahres - Genesis 1,1-,6,9 und Jesaja 42,6- 22 - um Jesus und sein Wirken an ebendiesem Beginn des neuen Lesungsjahres als Erfüller dieser programmatischen Texte darzustellen.

In Joh 9 liegt uns eine vom Evangelisten überarbeitete Wundergeschichte aus der Tradition vor. Zur Überarbeitung gehört auch: "Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt" (9,5). Diese Aussage ist eine Anspielung auf Jes 42,6, wo der Knecht Gottes als "Licht der Heiden" die Aufgabe hat, die Augen der Blinden zu öffnen. Aus dem Kontext dieser Stelle stammt auch die Bezeichnung Jesu als "Auserwählter Gottes" in Joh 1,33. Vom Targum wird der ganze Abschnitt Jes 42,1ff als messianisch gekennzeichnet: "Siehe, mein Knecht, der Messias...". Der Evangelist Johannes stellt Jesus also auf dem Hintergrund der Geschichte einer Blindenheilung aus der Tradition als den von Jesaja prophezeiten Messias dar. Darüber hinaus sieht er die Heilung im Kontext der Weltgeschichte, wenn er den Geheilten sagen lässt: "Von Ewigkeit her hat man nicht gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat." Man kann also bis zum Anfang der Welt zurückgehen, ja, bis in die Ewigkeit, ohne dass für die Zwischenzeit die Heilung eines Blindgeborenen berichtet werden könnte. Diese von einem Nichttheologen gemachte Bemerkung vor theologisch hochgebildetem Auditorium - "wir aber sind Jünger des Mose" (Joh 9,28) - ist von großer Bedeutung. Der Lesungszyklus für die Synagoge beginnt ja mit Gen 1,1, der Lesung vom Anfang, und dieser Lesung zur Seite steht als Lesung aus den Propheten Jes 42,6-22 vom Knecht, dem Blindenheiler, von dem, der wenige Verse vorher als "Messias" vom Tg bezeichnet worden ist. Wochenabschnitt und Prophetenabschnitt werden also von Jesus erfüllt. Nicht irgendein Wochenabschnitt jedoch, sondern der allererste im Lesungsjahr, das man an einem besonderen Tage beginnt: am letzten Tag des Laubhüttenfestes - exakt der Tag also, an dem Jesus den Blindgeborenen heilt, "der letzte Tag des Festes, welcher der größte war" (Joh 7,37). Während die Priester an diesem Tage Wasser aus der Siloah-Quelle schöpfen, wäscht sich der Blindgeborene seine Augen in dem Siloah, der "gesandt" heißt. Er kommt zu Jesus, der ausgerufen hatte:

"Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!"

Das jüdische Lesungsjahr hatte aufgehört mit der Lesung von Dtn 33,1-34,12. Wenn sich die jüdischen Gesprächspartner des Blindgeborenen als "Jünger des Mose" bezeichnen, fühlen sie sich in Übereinstimmung mit Dtn 33,3: "Sie werden sich setzen zu deinen Füßen und werden lernen von deinen Worten". Wenn sie sagen: "Wir wissen, dass Gott mit Mose geredet hat", fühlen sie sich in Übereinstimmung mit Dtn. 34,10: "Und es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der Herr erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht...". Der Blindgeborene aber beurteilt Jesus als "Prophet" (Joh 9,17), kommt dann zum Glauben an den "Menschensohn" (9,38) und vollzieht die dem Schilo/Gesandten gebührende Proskynese (Gen 49,10) - mit dem neuen Lesungsjahr beginnt das entscheidend Neue!