Joh 9 -Tradition und zeitgenössische messianische Diskussion

(ursprünglich in BZ NF 1978, 247-53) JOCHANAN, 321-330.)

Abstract

Ich versuche, die in Joh 9 enthaltene Quelle aus der vorjohanneischen Tradition zu rekonstruieren und die Absicht aufzuzeigen, in der Johannes diese Quelle im Hinblick auf seine eigene Gemeindesituation hin umgestaltet hat. Jesus wird als Erfüller der alten jüdischen und samaritanischen Schilo-Verheissung (Gen 49,8-12) gesehen.

INHALT

1. Verschiedene Analysen von Joh 9

     - Kurzform oder Langform aus der Tradition?

2. R. Bultmanns Analyse

Zusammenfassung von 1. und 2.

3. Eigene Analyse: Klar erkennbare johanneische Zusätze

Zusammenfassung

4. Die Geschichte aus der Tradition

5. Angenommener Wortlaut der Quelle

6. Die Absicht, mit der der Evangelist die Geschichte aus der   Tradition umgestaltet hat

7. Aus jüdischer und christlicher Exegese der Schiloh –    Verheißung

8. Gen 49,8 in Joh 9,38

1. Verschiedene Analysen von Joh 9 - Kurzform oder Langform aus der Tradition?

Unterbrechung des Erzählungsfadens, unterschiedliche Zielrichtung verschiedener Aussagen und unterschiedliche Sprache weisen darauf hin, dass eine Erzählung von der Heilung eines  Blindgeborenen bearbeitet worden ist. Über das Ausmaß der Bearbeitung durch den Evangelisten bestehen unterschiedliche Anschauungen. Den geringsten Umfang hat die Quelle für B. Lindars1, der nur die Verse 1, 6 (teilweise) und 7 (teilweise) und einzelne Wörter in V. 10 und 11 als von der Tradition vorgegeben sieht. W. Nicol2 erkennt in 1-3a, 6, 7 die Quelle und weist den Rest Johannes zu. Für R. Schnackenburg3 hat die Quelle fast denselben Umfang. Nur die Deutung von "Siloam" stammt seiner Ansicht nach noch vom Evangelisten. Für R.T. Fortna4 gehört noch V.8 zur Quelle. Nach S. Schulz5 hat der Evangelist Joh 9,8-41 ohne erkennbare Tradition gestaltet. Für R.E. Brown6 hat der Abschnitt V. 13-17 "every right to be considered as part of the healing story".

2. R. Bultmanns Analyse

R. Bultmann7 war 1941 viel weiter gegangen. Hinsichtlich der Verse 1-7 hat die Quelle für ihn denselben Umfang wie für R. Schnackenburg, wenn er sich auch in ein paar Feinheiten unterscheidet8. Auch die nachfolgende Diskussion schreibt Bultmann weitgehend der Quelle zu: In die Quelle hat der Evangelist das Motiv des Schisma eingefügt (V.16b). V.17 schloss ursprünglich an V.16a an und war keine ernst gemeinte Frage, sondern entrüsteter Ausruf. Der Anfang von V. 18 wird vom Evangelisten umgestaltet worden sein9. Die Erwähnung der "Juden" in V. 18 geht auf Johannes zurück10. V. 22f ist deutlich Zusatz zur Quelle11. Vom Evangelisten stammen sicher V. 29f. "Wieviel vom Folgenden, ist schwer zu entscheiden und ist auch relativ belanglos". An V. 28 hat sich wahrscheinlich gleich das Hinauswerfen von V. 34 angeschlossen. Die vorliegende Form von 9,35-38 dürfte im Wesentlichen auf den Evangelisten zurückgehen, dessen Stil in V. 37 deutlich ist. Es ist aber nicht möglich, Quelle und Bearbeitung zu scheiden12. V. 39 stammt aus der "Offenbarungsredenquelle" und wird vom Evangelisten in einer unanschaulichen Dialogszene weitergeführt13. Nach Bultmann berichtete die Quelle also von der Heilung eines Blindgeborenen, von einem Gespräch der Nachbarn und Bekannten mit dem Geheilten, von einem Verhör des Geheilten vor Pharisäern, welches nach dem entrüsteten Ausruf "Wie kannst du von ihm behaupten, dass er dir die Augen öffnete!" im Unglauben gegenüber der Heilungstatsache endete. Es folgte die Vernehmung der Eltern des Blindgeborenen, die schließlich die Pharisäer wieder an ihren Sohn verwiesen. In einem zweiten Verhör des Geheilten durch die Pharisäer setzte dieser der Behauptung, dass Jesus Sünder sei, die Tatsache seiner Heilung entgegen. Die Aufforderung, noch einmal darzustellen, wie die Heilung geschehen sei, beantwortete der Ge-heilte mit der Gegenfrage, ob die Pharisäer denn Jesu Jünger werden wollten. Daraufhin schmähten ihn die Pharisäer und warfen ihn hinaus. Danach fand ein Gespräch des Geheilten mit Jesus statt.

Der "Offenbarungsredenquelle" entstammen nach Bultmann die Worte Jesu: "Zum Gericht bin ich in (diese?) Welt gekommen, damit die nicht-Sehenden sehen und die Sehenden blind werden."

Zusammenfassung von 1. und 2.

Während die neueren Exegeten nur für den Großteil der Verse 1-7 bzw. auch für V. 8 eine Quelle als Grundlage annehmen, zieht sich für Bultmann die Quelle durch das gesamte neunte Kapitel.

3. Eigene Analyse: Klar erkennbare johanneische Zusätze

V.1     -

V.2                                    -

V.3     Johanneisch ist "offenbaren" (vgl. 1,31; 2,11; 3,21;      7,4; 17,6; 21,1; 21,14). "Die Werke Gottes" (vgl. 4,34; 5,20; 5,36; 6,28f; 7,3; 7,21 und öfter).

V. 4    In der Quelle mag der erste Versteil gelautet haben: "Wir müssen die Werke Gottes tun" - eine Aussage, die auf dem Hintergrund von Jes 29,18 ("die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen") und Jes 29,23 ("Wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände") verstanden werden kann (vgl. Mt 11,2: "Werke des Christus" und Mt 11,5: "Blinde sehen"). "Wirken" (vgl. 3,21; 5,17; 6,27f; 6,30). "der mich gesandt hat" (vgl. 4,34; 5,30; 6,38f; und öfter. "Tag...Nacht": Dieses Bild scheint von Johannes zu stammen (vgl. 11,9f; 13,30).

V.5     Dieser Vers zeigt durchgehend johanneische Theologie (vgl. 1,9; 1,10; 3,19; 4,42; 8,12; 12,46).

V.7     "Zum Teich Siloah (das heißt verdolmetscht: gesandt)": Das Gesandtwerden Jesu durch den Vater hat bei Johannes eine überaus große Bedeutung (vgl. 3,17; 11,42; 17,8 und öfter). Der Siloah steht schon hinter den joh Aussagen am Laubhüttenfest (7,37-39). Aus ihm wurde an diesem Fest das Wasser für die Wasserspende geschöpft. Warum sich der Blinde in der Geschichte der Tradition im Siloah hätte waschen sollen, ist nicht einsichtig. Jedes Wasser in Jerusalem hätte für diese Waschung genügt. Erst nachdem der Siloah eine christologische Bedeutung bekommt, ist es sinnvoll, ihn zu erwähnen. Wie ich zeigen werde, ist diese christologische Note erst durch Johannes in die Geschichte gebracht worden. Die Aufforderung an den Blinden wird in der Tradition gelautet haben: "Gehe hin und wasche dich!" und der Bericht von dieser Waschung: "Er wusch sich" (V.7), "Ich ging hin und wusch mich" (V. 11), "Ich wusch mich" (V.15).

V.8-15 Von diesen Versen weist keiner eindeutig auf den Evangelisten. V. 9 könnte von ihm sein (vgl. 7,40-42). In V. 11 könnte "der Mensch, der Jesus genannt wird" vom Evangelisten sein: Von einer undeutlichen Kenntnis Jesu kommt der ehemals Blinde schrittweise voran bis zum Glauben an den Menschensohn. "Zum Siloah" wird joh sein. V. 12 könnte joh sein: In 5,12 findet sich eine ähnliche, wahrscheinlich joh Frage.

V.16   "einige von den Pharisäern": Diese Formel scheint joh zu sein (vgl. 1,24; 3,1; 7,47f; 9,40. Siehe auch 12,42). "Von Gott": Das ist eine beliebte joh Formulierung (vgl. 9,33; 6,46; 8,40; 17,5.7.8). Die Schilderung eines Schismas gehört zur joh Darstellungsmethode (vgl. 7,43; 10,19).

V. 17 "Prophet ist er": Das Bekenntnis zu Jesus als Propheten ist für Johannes die positive Vorstufe zum Glauben an den Christus bzw. an den Menschensohn (vgl. 4,19).

V. 18 "die Juden": eine joh Formel.

V. 22f Die Furcht vor den Juden und vor dem Ausgestoßen-werden aus der Synagoge wird immer wieder vom Evangelisten betont (vgl. 7,13; 12,42; 16,2; 19,38; 20,19).

V. 23 Diese Erklärung erinnert an andere joh Erklärungen (vgl. 2,21; 11,52; 12,33).

V. 27 "Wollt ihr auch seine Jünger werden": Der Evangelist arbeitet mit solchen Missverständnissen (vgl. 7,26). "Seine Jünger" (vgl. 2,11; 2,12; 17,22; 3,22; 4,2; 7,3 und öfter. Vgl. dagegen die Bezeichnung in der Tradition in 13,5.22; 20,18: Jünger).

V. 28-30 Das Verhältnis zu Mose steht im Mittelpunkt des Interesses des Evangelisten14.

(V. 29) Das Gegensatzpaar "kennen - nicht kennen" benutzt Johannes öfter (vgl. 1,26; 1,31; 3,11; 4,22; 4,32; 7,27. 28. 29; 8,14; 8,19). Es kommt allerdings auch in der Tradition vor. Die Frage nach dem "woher" ist für Johannes äußerst wichtig. "Das ist ja das Wunderbare..." stellt wahrscheinlich eine Anspielung auf Ex 34,1015 dar.

V. 32 "Seitdem die Welt besteht..."16. Zum "von Gott her sein" vgl. das zu V. 16 Gesagte. Die Formulierung "etwas tun können" ist joh (vgl. 3,2; 5,19; 9,4; 9,16; 11,37; 15,5).

V. 35b.36 Dass der Heilende sich als "Menschensohn" bezeichnet, überrascht bei Johannes nicht. An drei Stellen im Johannesevangelium (9,5. 35; 3,14; 17,1) wird Jesus als der Knecht aus Deuterojesaja gesehen, der ja u.a. auch die Aufgabe zu heilen hat, obwohl die Bezeichnung "Knecht" vermieden wird. Johannes ersetzt sie durch die Titel "Sohn" und "Menschensohn"17. "an jemanden glauben" ist joh Formu-lierung.

V.37   Dieser Vers enthält wie 4,26 eine joh Selbstoffenbarung Jesu.

V.38.39a Dieser Vers und der Beginn von V. 39 sind keinesfalls zu streichen, wie das einige Ausleger aufgrund der handschriftlichen Unsicherheit tun. Johanneische Ansichten über den Menschensohn scheinen vom Schreiber von P75 abgelehnt worden zu sein. Er streicht nämlich nicht nur in 9,38, sondern auch in 3,31 und besonders in 12,34. Ich nehme deswegen an, dass P75 wohl im Menschensohn eine rein zukünftige Gestalt gesehen hat. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass seine jüdischen Zeitgenossen über den Menschensohn nicht Bescheid wüssten und eine solch törichte Frage wie in 12,34 gestellt hätten. Interessant ist, dass durch P75 eine weitere Streichung in einem Menschensohnwort (Lk 17,24) vorgenommen worden ist (vgl. weiter Lk 9,56).

V.39   "In diese Welt" (vgl. 12,25; 8,23; 11,9; 12,31; 13,1; 18,36).

V. 40.41 Zu: "einige von den Pharisäern" vgl. das zu V. 16 Gesagte. Zu: "Wenn ihr blind wäret" vgl. "Wenn ihr Abrahams Kinder seid" (8,39), "Wenn Gott euer Vater wäre" (8,42), "Wenn ihr Mose glaubtet" (5,46), "Wenn ich nicht gekommen wäre...so hätten sie keine Sünde" (15,22). Zu:  "Sind auch wir...?“ vgl. 7,47.52. V.40 erscheint mir durch und durch als joh Formulierung.

3. Zusammenfassung

Grob geurteilt, stammen 3b-5. 7 (Mittelteil), (evtl.9 und 12) 16f, 22f, 25-30, 32f, 35b-38 und 40f vom Evangelisten.

4. Die Geschichte aus der Tradition

Obwohl ich weiß, dass nicht alles, was keine ausgesprochen joh Züge aufweist, automatisch der Quelle zuzurechnen ist, scheint mir die Quelle über den eigentlichen Wunderbericht hinauszugehen und folgende Szenen enthalten zu haben: Heilungsgeschichte, Erkennen des Geheilten durch die Nachbarn, die sich nach dem "Wie" der Heilung erkundigen. Antwort des Geheilten, Verhör durch die Pharisäer (V. 13-15). Hinzuziehen der Eltern des Geheilten, sein erneutes Verhör (V.24) und seine Antwort (V.31). Feststellen der sündhaften Geburt des Geheilten durch die Pharisäer und Hinauswurf. Abschließendes Jesuswort: "Zum Gericht bin ich gekommen, damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden".

Dass die "Semeiaquelle" nicht nur Wundererzählungen ent-hielt, sondern auch die Bestätigung des Wunders durch Neutrale, zeigen 2,9; 4,51f und 6,25. In der Tradition wurde also wahrscheinlich nicht nur das Wunder Joh 9 erzählt, sondern auch seine neutrale Beglaubigung berichtet, die pharisäische Lehre von Strafe und Sünde verneint und die Meinung, dass Jesus als am Sabbat Heilender Gesetzesübertreter sei, als falsch dargestellt. Jesus, gottesfürchtig und den Willen Gottes vollbringend, ist von Gott erhört worden18.

5. Angenommener Wortlaut der Quelle

(1) Und im Vorübergehen sah er einen Menschen, von Geburt an blind. (2) Und es fragten ihn die Jünger: "Rabbi, wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, so dass er blind geboren wurde?" (3) Jesus antwortete: "Weder er hat gesündigt noch seine Eltern, (4) sondern wir müssen Gottes Werke tun." (6) Nach diesen Worten spuckte er auf die Erde und machte einen Brei aus dem Speichel und legte ihm den Brei auf die Augen (7) und sprach zu ihm: "Geh, wasch dich!" Da ging er und wusch sich und kam sehend zurück. (8) Die Nachbarn nun und die, welche ihn früher gesehen hatten als Bettler, sagten: "Ist das nicht der, der dasaß und bettelte?" (10) Nun sprachen sie zu ihm: "Wie sind deine Augen aufgetan worden?" (11) Jener antwortete: "Jesus hat einen Brei gemacht und meine Augen bestrichen und hat zu mir gesagt: Geh und wasche dich! Da ging ich, wusch mich und bin sehend geworden." (13) Da führten sie ihn, den einst Blinden, zu den Pharisäern. (14) Es war aber Sabbat an dem Tag, an dem Jesus den Brei gemacht und seine Augen geöffnet hatte. (15) Da fragten ihn wiederum auch die Pharisäer, wie er sehend geworden sei. Er aber sprach zu ihnen: "Brei legte er mir auf die Augen und ich wusch mich und sehe." (18) Sie aber glaubten nicht von ihm, dass er blind gewesen und sehend geworden war, bis sie seine, des Sehendgewordenen, Eltern riefen (19) und sie fragten: "Ist dies euer Sohn, von dem ihr sagt: Er ist blind geboren worden? Wie sieht er jetzt?" (20) Seine Eltern antworteten nun und sprachen: "Wir wissen, dass dies unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. (21) Wie es nun kommt, dass er sieht, wissen wir nicht, oder wer ihm die Augen geöffnet hat, wissen wir nicht. Fragt ihn selbst, er ist mündig, er kann selbst über sich aussagen." (24) Da riefen sie nun zum zweiten Mal den Menschen, der blind gewesen war und sprachen zu ihm: "Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch Sünder ist." (25) Jener antwortete nun: (31) "Wir wissen, dass Gott Sünder nicht hört, sondern nur den, der Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er." (34) Da antworteten sie und sprachen zu ihm: "Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren?" - und stießen ihn hinaus. (35) Jesus hörte, dass sie ihn ausgestoßen hatten, und als er ihn fand, sagte er: (39) "Zum Gericht bin ich gekommen, damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden."

6. Die Absicht, mit der der Evangelist die Geschichte aus der Tradition umgestaltet hat

Aufgrund der joh Formulierungen in Joh 9 versuche ich den Denkprozess nachzuempfinden, der sich im Evangelisten beim Hören oder Lesen der Geschichte aus der Tradition abgespielt hat. Es ist wahrscheinlich, dass dieser Denkprozess beeinflusst worden ist durch die Situation, in der sich die joh Gemeinde befunden hat.

Die Blindenheilung erinnert den Evangelisten an die Zusage Gottes aus Jes 42,6f und 49,6, dass der Gottesknecht Licht der Heiden sein soll und die Augen der Blinden öffnen soll. Im Anschluss an diese Zusage bezeichnet Johannes Jesus in 8,12 und 9,5 als "Licht der Welt"19. Diese Zusage aus Jes 42,6f steht für den exegetisch Gebildeten der damaligen Zeit jedoch in Verbindung mit der Zentralverheißung des Messias in Gen 49,10, wo es heißt:

"Nicht weicht das Szepter von Juda noch der Herrscherstab von seinen Füßen, bis dass sein "Herrscher" (? MT = Schiloh ) kommt und ihm der Gehorsam der Völker (LXX = kai autos prosdokia ethnoon) gehört"20.

Für den Evangelisten ist der, der die Erwartung der Völker ist (Gen 49,10) und der, der Licht für die Völker ist (Jes 42,6f) ein und dieselbe Person. Ja, Jes 42,6f exegesiert sogar die dunkle Verheißung von Gen 49,10 und verhilft zu einer genaueren Vorstellung, wer denn jener erwartete Schiloh sei. So interpretiert der Evangelist die Blindenheilung aus der Tradition sowohl durch den Hinweis auf Jes 42,6f als auch, indem er als Ort der Waschung den Siloah nennt und dieses Wort als "gesandt" übersetzt, damit gleichzeitig auch meint, dass "Schiloh" aus Gen 49,10 "gesandt" heißt21. Mit der Blindenheilung ist also die Zentralverheißung für Juden und Samaritaner (Schiloh = Taheb)22 in Erfüllung gegangen. Der so rätselhafte "Schiloh" ist mit Jesus identifizierbar. Alles Rätseln der Juden und Samaritaner über Schiloh ist zuende! Für den Evangelisten geschieht die eigentliche Waschung, die die Blindheit wegnimmt, also nicht in Wasser, sondern in Jesus: Dem Blinden im Glauben - für den der Heilende zuerst "der Jesus genannt wird" ist, den er später "Propheten" nennt - geht im Gespräch mit Jesus ein Licht auf, und er erkennt in Jesus den Menschensohn, Inbegriff der joh Christologie. Alle Blindheit ist von ihm genommen. Mit dieser Art der Interpretation, Gen 49,10 mit Hilfe anderer Schriftstellen zu erklären und Licht in das Dunkel der Schiloh-Weissagung zu bringen, steht der Evangelist in jüdischer exegetischer Tradition.

7. Aus jüdischer und christlicher Exegese der Schiloh-Verheißung

Aus der überaus reichhaltigen Exegese von Gen 49,8-12 interessiert in unserem Zusammenhang folgendes:

a) Targum Onkelos: "Der Ausüber der Herrschaft wird nicht vom Hause Judas weichen, und der Schriftgelehrte von den Kindern seiner Kinder bis in Ewigkeit, bis der Messias kommt, dessen das Königreich ist, und ihm werden die Völker gehorsam sein." Dieses Targum ersetzt "Schiloh" durch "Messias" und fügt hinzu: "dessen das Königreich ist". Schon in Qumran ist Gen 49,10 messianisch verstanden worden23. Johannes kannte die messianische Auslegung der Juden und Samaritaner von Gen 49,1024.

b) Midrasch Tanchuma: "Das Szepter wird nicht von Juda weichen", das bezeichnet den König Messias und den Thron seines Reiches, nach Ps 45,7: "Dein Thron, o Gott, steht immer und ewig, ein gerechtes Szepter ist das Szepter deines Königreiches."

Über das Gen 49,10 und Ps 45,7 gemeinsame Wort "Szepter" - eine Stelle legt die andere aus - ist offensichtlich die Rede vom "Königreich" auch in die Auslegung des Tg Onkelos gekommen. Der König von Ps 45 bekommt in V. 5 gesagt: "Zieh einher für die Wahrheit". So nimmt es nicht wunder, wenn man diese rabbinische Auslegungstradition vor Augen hat (Gen 49,10/ Ps 45,7)25, dass der joh Jesus vor Pilatus spricht (18,37): "Du sagst es, ich bin ein König (= Tg Onkelos zu Gen 49,10). Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll (= Ps 45,5)".

c) Josephus. Den zeitgeschichtlichen Hintergrund für die Aussage des joh Jesus, dass sein "Reich nicht von dieser Welt" ist, findet sich in der Anspielung des Josephus auf Gen 49,1026 : "Was sie (die Juden) am meisten in den Krieg trieb, war ein in den heiligen Schriften gefundener zweideutiger  Orakelspruch, dass Einer aus ihrem Lande um jene Zeit über die ganze bewohnte Erde herrschen werde. Diese Weissagung fasste man als das eigene Geschick betreffend auf, so dass viele Weise sich in der Deutung täuschten. Allein der Spruch betraf die Herrschaft des Vespasian, der in Judäa (siehe: "Das Heil kommt von den Juden" in Joh 4,22) zum Kaiser erhoben wurde."

d) Midrasch Rabbathi: Dass man auch jüdischerseits Gen 49,10 und Jes 42,4 zusammensehen konnte, bezeugt die Auslegung: "Das Szepter wird nicht von Juda weichen", das ist das Szepter, das Bileam geschaut hat, indem er sprach (Num 24,17): "Ich sehe ihn, wiewohl nicht gegenwärtig, ich schau ihn, wiewohl nicht so nahe; es tritt ein Stern hervor aus Jakob, es tritt ein Szepter auf in Israel", und von dem auch Jesaja weissagte (Jes 42,4): "Er lässt nicht nach und verzagt nicht, bis er das Recht auf der Erde verbreitet hat; nach seiner Lehre werden entfernte Länder harren."

e) Origenes: Auch Origenes27 stellt Gen 49,10 und Jes 42,4 LXX zusammen.

8. Gen 49,8 in Joh 9,38

Noch eine weitere Einzelheit in Joh 9 weist  darauf hin, dass der Evangelist bei seiner Überarbeitung der Geschichte aus der Tradition Gen 49,8ff im Auge hatte. In 9,38 heißt es, dass der Geheilte vor Jesus die Proskynese vollzog. Diese Proskynese ist in dem Judaspruch Gen 49,8 angekündigt - allerdings nur nach dem MT. Die LXX hat "werden preisen"28.

Zusammenfassung:

Der Evangelist hat also eine Geschichte aus der Tradition nicht durch einzelne kleine Zusätze erweitert, sondern hat sie ganz gezielt neu gestaltet: Einer messianischen Selbstprädikation Jesu als "Licht der Welt" folgt die messianische Deutung des Wassers Schiloah. Die Waschung wird als Waschung im Messias verstanden.

Einer vorläufigen Erkenntnis, dass der Mensch namens Jesus ein Prophet ist, folgt die noch unsichere Verteidigung und Verkündigung des Heilenden und schließlich die volle Erkenntnis, dass er der Menschensohn ist. Ihm gebührt die Proskynese. Hinter dieser Umgestaltung stehen die Auseinandersetzungen der joh Gemeinde mit Juden29 und wahrscheinlich auch Samaritanern (s. Joh 4), für die die Schiloh-Erwartung aus Gen 49,8ff als messianische Erwartung des Pentateuch eine entscheidende Rolle spielt. Der Evangelist will durch die Darstellung des theologisch uneinsichtigen Verhaltens von Pharisäern und durch die Rede vom Gericht, das sich die zuziehen, die sehen und doch blind sind, ebendiese Pharisäer zum Glauben an Jesus führen und zeigt ihnen den auch für sie theologisch verantwortbaren Weg über Jes 42,6f zu Gen 49,10 auf. Diese kontroverstheologische Situation scheint noch offener zu sein, als es durch den sicher späteren joh Einschub in 9,22f den Anschein hat. Man spricht und argumentiert noch miteinander.

So stellt die joh Überarbeitung einer Geschichte der Heilung eines Blinden aus der Tradition eine fachtheologische Auseinandersetzung dar, in der Kenntnis rabbinischer Argumentationsmethode, kombiniert mit der Methode des joh Missverständnisses, sichtbar wird: Heiland eines Blinden, Licht der Welt - das ist der Schiloh, dem Proskynese gebührt, auch von Jüngern des Mose, die sich um das Verständnis von Gen 49,10 mühen30.

1 B. Lindars, Behind the Fourth Gospel, London 1971, 339-352.

2 W. Nicol, The Semeia in the Fourth Gospel, Leiden 1972, 35-37, ähnlich J.L. Martyn, History and Theology in the Fourth Gospel, New York 1968, 3ff.

3 R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium II, Freiburg-Basel-Wien 1971, 302-328.

4 R.T. Fortna, The Gospel of Signs, Cambridge 1970,73.

5 S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1972,144.

6 R.E. Brown, The Gospel according to John I, New York 1966, 379.

7 R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 15. Aufl. 1957.

8 Kommentar, 252 A.1.

9 Kommentar, 254 A.4.

10 Kommentar, 254 A.6.

11 Kommentar, 254f A.10.

12 Kommentar, 256 A.7.

13 Kommentar, 258 und S. 258 A.2.

14 G. Reim, Studien zum alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums, Cambridge 1974 (= Studien), 130ff.

15 Studien, 138 und S. 138 A.60

16 Studien, 138.

17 Studien, 180.

18 Zum Verständnis der Heilung in Joh 9 auf dem Hintergrund der Elia-Elisageschichten s. Studien, 156-158.

19 Studien, 164-166.

20 Übersetzung nach G. von Rad, Das erste Buch Mose, Berlin21956, 367.

21 Vgl. zum gesamten Aufsatz K. Müller, Joh 9,7 und das jüdische Verständnis des Siloh-Spruches: BZ NF 13 (1969) 251-256. Er weist  darauf hin, dass sich in der Demonstratio Evangelica des Euseb eine bemerkenswerte Verklammerung von Jes 8,6a und Joh 9,7b mit dem Siloh-Spruch in Gen 49,10b findet, und wird durch das Vorgehen Eusebs an eine rabbinische Auslegungsgepflogenheit erinnert, die die Anwendung eines Analogieschlusses auf zwei verschiedene Schriftabschnitte aufgrund eines an beiden Stellen vorkommenden gleichen oder ähnlichen Wortes gestattet. Diese Auslegungsgepflo-genheit scheint sich auch bei Johannes zu finden in der Übersetzung von Siloah durch "gesandt". Soweit halte ich K. Müllers Überlegungen für absolut überzeugend. Ob der Evangelist mit seiner aus Gen 49,10 abgeleiteten Sendungschristologie eine Korrektur jüdischer Siloh-Erwartung (so S. 256) vornehmen wollte, ist mir unwahrscheinlich. Der Evangelist scheint mir eine rabbinische Exegese zu benutzen, auch wenn wir für sie noch keinen Beleg gefunden haben. Für richtig halte ich den Schlusssatz des Aufsatzes: "Wie der Blinde durch das Wasser des Siloam seine Sehkraft emp-fängt, so erhält der Glaube durch Jesus, den erwarteten messianischen Gesandten, das Licht der Offenbarung."

22 Ausgezeichnetes Material fürdie verschiedenartige Auslegung der Schiloh-Verheißung findet sich bei A. Posnanski, Schiloh 1. Teil, Leipzig 1904

23 Die folgenden Zitate sind A. Posnanski entnommen.

24 Vgl. Joh 4,22 und Studien 127f.

25 Auch für Hebr 1,8f spielt Ps 45,7f eine große Rolle.
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/130

26 Bellum VI,5,4.

27 Contra Celsum Lib I, Kap.53. Auch in Qumran (1QSb IV,27-V,29) findet sich eine Verbindung von Gen 49,9f und Jes 42,6f. Gen 49,10 spielt weiter eine Rolle in 4Qpatr, 1-7 und CD VI,8-11.

28Zur Proskynese auf dem Hintergrund von Gen 49,8-12 vgl. Mt 2,6.11. Der Stern (Num 24,17) wird nämlich wiederholt in rabbinischer Auslegung mit Gen 49,10 wegen des bei beiden Stellen gleichen Wortes "Szepter" in Verbindung gebracht. Die Magier vollziehen ihre Proskynese vor dem Schiloh:
Geschenke (hebr.: schi) bringen sie ihm (hebräisch: lo) mit. Vgl. dazu Sekhel tob, zitiert von K. Müller, a.a.O. 255: "Dem Messias werden die Völker Gaben bringen, die Könige von Arabien und Saba Geschenke" (teilweise in Mt 2,11 zitierter Psalm) und (Jes 18,7):
"Dann werden Geschenke gebracht werden dem Gott der Heerscharen." Ähnlich Bereschith Rabba, zitiert von Posnanski, Schilo 1. Teil, S. 44. Gerade Matthäus hat immer wieder das Wort "die Proskynese vollziehen" - sicher auf dem Hintergrund von Gen 49,8 - benutzt. Ist es ein Zufall, wenn Hebr 1,6 von der Proskynese der Engel gesprochen und 1,8 dann Ps 45,7 zitiert wird, der oft mit Gen 49,10 in Verbindung gebracht worden ist?

29 Vgl. G. Reim, Probleme der Abschiedsreden: BZ NF 20 (1976) 118f.
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/199

30 Erstaunliche Parallelen zu Arbeitsweise und Theologie des Evangelisten in Joh 9 gibt es in joh Material in Joh 4:

a) Joh 4,13-15 / Joh 9,5: Deuterojesajanische Selbstprädikation als Wasser, das jeglichen Durst stillt (Jes 55,1-3) bzw. als Licht der Welt (Jes 42,6f).

b) Joh 4,13 / Joh 9,7: Der Messias kann getrunken werden bzw. in ihm kann man sich waschen.

c) Joh 4,19 / Joh 9,17: Die vorläufige Erkenntnis, dass Jesus Prophet ist - wohl das höchste Zugeständnis, das die joh Gesprächspartner hinsichtlich der Beurteilung Jesu haben machen können. Der Evangelist nimmt dieses Zugeständnis als Vorstadium zum vollen Glauben an Jesus positiv auf.

d) Joh 4,25f / Joh 9,35b-38: Das Gespräch mit dem Messias, in dem dieser sich dem Gesprächspartner offenbart.

e) Joh 4,29 / Joh 9,30-33: Die Verkündigung dessen, dem man begegnet ist, als (evtl.) von Gott.

f) Joh 4,20-24 / Joh 9,38: Gespräch über Proskynese bzw. vollzogene Proskynese.

g) Joh 4,41f / Joh 9,40f: Glaube bzw. Unglaube von Zuhörern.