Joh 4.44 - Problem oder Schlüssel - 1974. Mit einem Nachtrag 2011 und einem Nachtrag von 2013

           

Die Verwerfung Jesu in Nazareth in johanneischer Komposition

R. E. Brown schreibt in seiner Einführung zu Joh 4,43-5,1 folgendes: „Diese drei Verse stellen eine notorische crux im Vierten Evangelium dar.“ Einige der diskutierten Fragen sind: Was bedeutet griech. patris in diesem Kontext? Ist V.44 eine Einfügung durch einen Redaktor? Wie kann man es verstehen, dass die Galiläer Jesus empfingen, wenn der vorhergehende Vers von „keiner Ehre“ für einen Propheten in seiner eigenen patris spricht? Ich möchte diese Fragen behandeln, indem ich bestimmte Elemente im Johannesevangelium, die uns an die Verwerfung Jesu in Nazareth erinnern, mit den synoptischen Parallelen vergleiche.

1. Liste der Elemente
Joh 4,43
                    Mk 6,1
                    Lk 4,14

Joh 4,44
                   Mk 6,4
                   Mt 13,57
                   Lk 4,24
Joh 4,45           
                  Lk 4,15

Joh 4,48

                  Lk 4,23b

Joh 6,30

                  Mk 6,5a

                  Lk 4,23b s. oben

Joh 6,41f

Joh 6,52

Joh 6,61

                  Mk 6,3

                  Mt 13,55

                  Lk 4,22b

Joh 6,59

                  Lk 4,15

Joh 6,61

                  Mk 6,3b

Joh 7,5
                  Mt 13,55 (Mk 6,3b)           

Joh 7,14f
                 Mk 6,2 (Mt 13,55)

Joh 7,45
                  Lk 4,29

Joh 8,59

Joh 10,31

Joh 10,33

Joh 10,39

Joh 11,8

Joh 12,36

                  Lk 4,29f

Zusammenfassung

Der Evangelist Johannes scheint eine traditionelle Geschichte der Verwerfung Jesu in Nazareth benutzt zu haben, die folgende Elemente von Mk 6,1-6 enthielt:

1. Jesus kommt in seine Heimatstadt (allerdings wird Nazareth – aus Gründen, auf die ich später eingehe, nicht erwähnt in 4,43-45).

2. Er lehrt in der Synagoge (anstelle des originalen Nazareth wird in 6,59 Kapernaum erwähnt).

3. Seine Zuhörer murren (der Evangelist ersetzt das  gr. exeplässonto, vgl Mk 6,2, in 6,41 durch egongytzon aus Ex 16,2) über den Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter sie kennen, 6,41f.

4. Auch Jesu Brüder werden erwähnt (7,3).

5. Die Juden wundern sich über die Lehre Jesu, obwohl er die Schrift nie gelernt hat (7,14f).

6. Jesu Worte sind den Juden anstößig (6,61).

7. Jesus zitiert ein Sprichwort über einen Propheten, der in seiner Heimatstadt keine Ehre findet (4,44).

Neben diesen markinischen Elementen scheint die johanneische Vorlage drei weitere Punkte enthalten zu haben:

a) Die Forderung eines Wunders (6,30) und Jesu kritische Worte dazu (4,48).

b) Den Versuch, an Jesus Hand anzulegen (Joh 7,30.32.44; 8,20; 10,39; 11,57) und ihn zu steinigen (8,59; 10,31.33; 11,8).

c) Die erfolgreiche Flucht Jesu (8,59; 10,39; 12,36).

Alle diese weiteren Elemente finden wir in der lukanischen Form der Verwerfungsgeschichte.

Nur zwei wichtige Elemente dieser lukanischen Form vermisst man bei Johannes:
1. Wie Jesus die Schrift unter Benutzung von Jes 61 zitiert und
2. den Hinweis auf die Propheten Elia und Elisa, die ihr Heimatland verlassen haben, um ein Wunder an Nicht-Juden zu wirken.

Aber diese zwei Elemente haben möglicherweise ihre Parallele in Jesu Lehre der Schrift (6,32ff) und in der Erwähnung der Galiläer, die Jesus empfangen hatten (4,45. Vgl. Mt 4,15 und Joh 7,52).

 

II. Warum gibt Johannes die Verwerfungsgeschichte nicht zusammenhängend und als Ereignis in Nazareth wieder?

Wir finden die eigenen Überzeugungen über die Bedeutung Jesu in johanneischen Reden (Jesus als Lebensbrot, Licht der Welt usw.). Aber bei der Komposition seines Evangeliums brauchte Johannes den „Sitz im Leben“ für seine Reden. Das Sprichwort über den Propheten, der keine Ehre in seiner Heimatstadt findet, konnte jedoch in erweitertem Sinn verstanden werden: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“1.
Auf diese Weise wurde die Geschichte von der Verwerfung Jesu in Nazareth zum Prototyp für alle Ablehnungen Jesu durch verschiedene Hörerschaften – sei es in Kapernaum oder in Jerusalem „am letzten Tage, welcher der höchste war“ (7,37), im Tempel (7,14) oder in der Halle Salomos (10,23.39) oder während des Passafestes (11,55; 12,36).
Die Geschichte von der Verwerfung Jesu in Nazareth bot die Elemente an, die (wiederholt) vorzugsweise am Ende und als Höhepunkt johanneischer Reden als „Sitz im Leben“ (vgl. die Reden in den Kapiteln 6; 7; 8; 10; 12) angefügt werden konnten.
Das ist eine Kompositionsweise von höchster Bedeutung, die der Evangelist für die Erstform seines Evangelium benutzt hat2.

Aber gleichzeitig ist dieser Schlüssel für johanneische Komposition verantwortlich für eine „notorious crux“ wie die in Joh 4,43-45, wo Johannes ein Element (4,44) in solch einer Weise benutzt, dass viele Forscher nur urteilen konnten: „Ein Redaktor war am Werk“ – wie es in vielerlei Hinsicht Johannes selber war.

1Nach meiner Ansicht hat Johannes diesen Vers auf der Grundlage des Sprichwortes in Joh 4,44 mit stilistischer Anknüpfung an den vorhergehenden Vers des traditionellen Logoshymnus, Joh 1,10, geformt.

2Wie ich in G. Reim, Studien zum alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums (Society for New Testament Studies, Monograph Series 22), 1974, 238ff (Jetzt: JOCHANAN, 238ff) vorgeschlagen habe, hat Johannes sein Evangelium in zwei Zeiträumen komponiert:
Die erste Form (Erstform) war ein erweitertes Wunderevangelium, das aus traditionellem Material einer Wunderquelle und aus johanneischen Reden (mit hinzugefügtem „Sitz im Leben“) bestand.
Die Form des Evangeliums, die wir jetzt vor uns liegen haben (Jetztform), entstand dann, als der Evangelist in den Besitz eines vierten synoptischen Evangeliums kam, das auch Passions- und Auferstehungsgeschichten enthielt. Johannes hat dieses Evangelium seiner Erstform hinzugefügt und dadurch auch einige Schwierigkeiten für das Verständnis der Jetztform des Evangeliums verursacht (nämlich durch die Einfügung von Kap 5 aus dem Vierten Synoptiker zwischen den Kapiteln 4 und 6). Die Geschichte der Verwerfung Jesu in Nazareth stammt aus der Tradition des Wunderevangeliums. (2011: Ich habe diese meine Ansicht korrigiert. Siehe die Überschrift des Anhanges unten.) Mit Ausnahme von Joh 6,59 und 6,61 finden sich ihre Elemente nur in der Erstform des Evangeliums. Ursprünglich könnten die traditionellen Elemente in 7,40ff mit der Verwerfungsgeschichte zusammengehört haben.

 

Anhang zum vorstehenden Aufsatz von 1974 aus dem Jahre 2011

Nazareth-Predigt
Die vermutete Vorlage der Situation der Nazareth-Predigt Jesu aus dem 4. Synoptiker



Hier zuerst die Gesamtversion der Geschichte. Danach werden ihre Einzelelemente kommentiert:

Jesus kam aus Judäa in seine Vaterstadt, Nazareth, und seine Jünger folgten ihm.
Und er lehrte in ihrer Synagoge.
Da gerieten die vielen Zuhörer in Erregung.
Und sie verwunderten sich und sprachen: Wie kennt dieser die Schrift ohne gelehrt worden zu sein?
und sprachen: Ist dieser nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen?
Und sie sprachen: Was für ein Wunder zeigst du uns, dass wir sehen und dir glauben?
Er aber, Jesus, sprach: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht.
Amen, ich sage euch: Ein Prophet findet in seiner Vaterstadt keine Ehre.
Sie aber nahmen Anstoß an ihm und hoben Steine auf, dass sie sie auf ihn würfen.
Er aber ging durch ihre Mitte hindurch.

Hier nun der Text der Geschichte in Einzelteilen und mit den wichtigen Anmerkungen:

Jesus kam aus Judäa in seine Vaterstadt, Nazareth und seine Jünger folgten ihm.
Obwohl der 4. Evangelist auch aus dem Titulus Nazareth als wichtigen Bezugsort Jesu kennt und auch Nathanael darauf anspielt, nennt er in 4,43 diese Stadt nicht. Auch in 7,52 wird vor Nikodemus Nazareth nicht genannt, sondern wie in 4,43 Galiläa.

Für den Evangelisten kommt Jesus also aus Judäa. Er geht nach Galiläa. Dort wird er von den Galiläern aufgenommen. Auch die samaritanische Frau und die Samaritaner hatten Jesus zuvor aufgenommen.

Die eigene patris (Vaterstadt), die einen Propheten nicht ehrt, muss also jeder Ort sein: Judäa und Galiläa (wie sich in Joh 6 herausstellt), wo ihn die  judaioi (etwa: jüdische Interessengruppen) ablehnen.

Idia patris (etwa: Vaterstadt, die in jemandes Besitz ist)  wird dann – in Parallele zu der Frage nach dem rechten Ort der Anbetung in Joh 4,19ff – jeder Ort, wo Jesus durch Menschen geehrt wird und mit ihm zugleich der  pater (Vater) der idia patris: Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn auf.

Und er lehrte in ihrer Synagoge.
Nur in der lukanischen Version der Geschichte von der Predigt in Nazareth ist diese Predigt als Schriftauslegung vorhanden. Johannes lag möglicherweise ein kurzer Text ohne eine bestimmte Schriftauslegung wie auch bei Markus und Matthäus vor – aber die Geschichte als ganze ist nicht auf einen von beiden zurückführbar. Der Johannes vorliegende Text mit seiner Leerstelle bei einer Predigt in der Synagoge eröffnete dem vierten Evangelisten die Möglichkeit, diese Predigt als Predigt in Kapernaum, 6,59, in großer Ausführlichkeit zu bringen und auf die Vermutungen der Zuhörer hinsichtlich der Herkunft Jesu grundsätzlich einzugehen und es wiederholt zu tun.

Hätte der Evangelist in 4,43 aus der Tradition „Nazareth“ aufgenommen, so wäre das Programmatische der ganzen Geschichte für das gesamte Predigen und Wirken Jesu, für Ablehnung und bewusst auf die eigene „Stunde“ zugehen und das Hinübergehen zum Vater in einer  Geschichte eingekapselt geblieben.

Für den Evangelisten gilt jedoch: Nazareth, Ort für Verkündigung und Ablehnung, ist überall – also z.B. auch in Kapernaum, wie in Joh 6 dargestellt.

Da gerieten die vielen Zuhörer in Erregung.
Während diese Erregung nach Lk 4,22 noch positive Aspekte hatte und erst später, 4,28, nach dem zweiten Teil der Auslegung in eine Erregung voller Zorn übergeht, die zu Tätlichkeiten führt, steht die ganze Lehre Jesu in der Synagoge bei Markus und Matthäus  durch die Worte von „erregt werden“ und „Anstoß nehmen“ nur unter einem negativen Vorzeichen. Auch bei Johannes ist die Situation am Anfang der Verkündigung Jesu noch offen, 6,30. Erst nach der weiteren Verkündigung mit der Selbstoffenbarung Jesu als Brot des Lebens und als der, der den Durst stillt, wird die Erregung der Zuhörer mit ihren negativen Aspekten deutlich, wenn die Reaktion unter Anspielung auf Ps 95 / Ex 16 und 17 – murren und streiten – in Joh 6,41 und 6,52 berichtet wird.

Und sie verwunderten sich und sprachen: Wie kennt dieser die Schrift ohne gelehrt worden zu sein?
Mit diesen Worten scheint der 4. Evangelist nahe an seiner Quelle geblieben zu sein. Vielleicht war in ihr auch die Frage nach dem pothen (woher?) wie bei Mk und Mt enthalten. Johannes benutzt es sonst wiederholt – z.B. 7,28; 9,29.

Auf welche „grammata“ (etwa: das geschriebene Alte Testament) sich die Quelle bezog, wissen wir nicht. Lukas scheint zwei ihm passend erscheinende Texte aus Jes 61,1 und 58,6 eingefügt zu haben, die keiner der anderen drei Evangelisten angesprochen hat. Auch die Anspielung auf 1. Kön 17 haben die anderen nicht. Lukas scheint sie jedoch schon „geerbt“ zu haben.

Für Johannes sind das „didaskein“ (lehren) und die „didachä“ (die Lehre, Auslegung, Predigt) aber ohne fest damit verbundene Texte aus der Tradition, sehr wichtig, weil er diese Begriffe auf  wesentliche johanneische Lehraussagen beziehen kann: z.B. auf alles, was Joh 6,59 – etwa ab 6,26 - vorangegangen war: Die möglichen „grammata“ wären dann für Johannes in Joh 6: Ex 16,4.15/ Ps 78,24 und Jes 54,13. Hauptthemen im Zusammenhang mit „didaskein“ von Joh 6 in der Synagoge sind dann die Rede vom Lebensbrot und vom Verhältnis zwischen Vater und Sohn, vom glauben und vom Leben.

In 7,14ff geschieht das „didaskein“ im Tempel und die Schwerpunkte sind: das Verhältnis zwischen Vater und Sohn besonders im Bezug auf das „reden“ und „gesandt-sein“ und – wie schon in 6,41und dann in 8,28f („…wie mich der Vater gelehrt hat, das rede ich“, vgl 12,50 am Ende des 1. Teiles des Johannesevan-geliums!) – in Bezug auf die Herkunft Jesu.

Es könnte sein, dass alle Aussagen im Johannesevangelium, aus dem Wortstamm didaskein herkommend, auf die Erwähnung von didaskein in der Nazareth-Predigt zurückgehen, also auch Joh 6,45 und die Bezeichnung Jesu als didaskalos (Lehrer, Rabbi), der von Gott ist,  durch Nikodemus in Joh 3. Dieser erkennt damit ansatzweise, was die Zuhörer von Joh 6 Jesus absprechen.

Das didaskein durch den geheilten Blindgeborenen, der hinausgeworfen wird – 9,34 – ist Nachfolgetat eines werdenden Jesusanhängers, der nun weiß, woher Jesus ist, und ist Nachfolgeschicksal dessen, der wie Jesus in Nazareth wegen seines Lehrens verfolgt wird. Das Lehren wird schließlich durch den Parakleten weitergehen – 14,25f. In der Folgezeit wird allerdings auch trotz der Führung durch den lehrenden Parakleten die Erfahrung von Nazareth weitergehen: Hinauswurf aus der Synagoge, Getötet-werden, Gefahr des skandalitzein (sich an einem Stein/Fels stoßen, Anstoß nehmen), verursacht durch die, die weder den Vater noch Jesus kennen – 16,1-4.

und sprachen: Ist dieser nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen?
Nur die Johannes vorliegende Tradition spricht noch von der Kenntnis des Vaters Jesu, Joseph. Ist der nach den anderen Synoptikern nicht mehr am Leben - vgl Lk  4,22? Von den ungläubigen Brüdern spricht Johannes erst in 7,3ff. Sie scheinen – s. Mk und Mt – in die Geschichte von der Nazareth-Predigt zu gehören.

Das häufige Reden vom Vater und seinem von ihm gesandten Sohn - mit der Abwehr des Blasphemie-Vorwurfes als Höhepunkt unter Auslegung von Ps 82,6 in Joh 10,30ff - scheint im Johannesevangelium weitgehend im Anschluss auf das „ist dieser nicht Jesus, der Sohn Josephs? Kennen wir nicht den Vater und die Mutter?“ - vgl Joh 6,42; 7,27f - zurückzugehen, also auf die Tradition der Nazareth-Predigt aus der Tradition des 4. Synoptikers.

Und sie sprachen: Was für ein Wunder zeigst du uns, dass wir sehen und dir glauben?
Die Erwartung eines Wunders wie in Kapernaum haben Menschen gemäß Lk 4,23 und Joh 6,30 – jeweils im Kontext der Nazareth- bzw. Kapernaum-Predigt. Ähnliche Erwartungen scheinen hinter Mt 13,58 und Mk  6,5 zu stehen.

Er aber, Jesus, sprach: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht.
Vom Unglauben der Zuhörer der Predigt sprechen Mt 13,58, Mk 6,6 und – nicht explizit – Lk 4,28. Im Johannesevangelium jedoch häufen sich die Aussagen über die, die nicht glauben, obwohl Jesus die Werke seines Vaters tut, der ihn gesandt hat. Vgl. nur 5,24.38 oder 10,37-39 und 12,37ff.

Daneben aber stehen die Aussagen über die, die glauben, z.B. 4,53; 12,11,  ja glauben, dass Gott Jesus gesandt hat – 17,20. Der apistia (Unglaube) im Anschluss an die Nazareth-Predigt steht das pisteuein (glauben) gegenüber, nachdem die didachä Jesu über den Vater und den Sohn und das gesandt-sein des Sohnes gehört worden ist – s. das Jüngerbekenntnis durch Petrus in 6,69, das möglicherweise aus derselben Tradition wie die Nazareth-Predigt stammt.

Amen, ich sage euch: Ein Prophet findet in seiner Vaterstadt keine Ehre.
Wie Johannes die Erinnerungen an die Nazareth-Predigt an vielen Stellen des ersten Teils seines Evangeliums aufleuchten lässt, so geschieht es auch, dass das Wort vom Propheten der in seiner patris keine Ehre hat, eingeschoben wird in einen Kontext, der dem Sprichwort ursprünglich fremd ist und nun zum Nachdenken über den Sinn hinter dem Sprichwort anregt.
Wo immer (auch in Joh 3,31-36) Jesus im Johannesevangelium von Vater und Sohn spricht, von diesem innigen Verhältnis, das der Welt zum Heil und zur Heilung dienen soll, muss man sich als Einleitungssatz davor denken:

 Jetzt spricht Jesus über die idia patris zu denen, die die Seinen werden sollen. Und: Es geht jetzt nicht mehr um die Verwerfung in Nazareth, sondern um die Wahrheit Gottes in Christus, die sich durchsetzen wird.

Die Ehre, die man dem Propheten in seiner eigenen patris nicht gewährt, sondern sie für sich selbst zu gewinnen sucht (5,44), wird durch Jesus dem Vater gegeben, 8,49, der wiederum seinen Sohn ehrt und mit ihm die Seinen – 12,26.

Das „Amen, ich sage euch“ ist zwar in der Nazareth-Geschichte nur Lk 4,24 überliefert, aber Johannes verstärkt das Wort vom Propheten durch emartyräsen (gab Zeugnis ab) und benutzt das verstärkende Amen, aber dann in Joh 6 im Umfeld der Diskussion um Joseph als Jesu Vater 6,41ff.

Johannes hat die bei Lk seltene Form des „Amen, ich sage euch“ wohl in seiner Vorlage der Nazareth-Geschichte gefunden.

Sie aber nahmen Anstoß an ihm und hoben Steine auf, dass sie sie auf ihn würfen.
Wie Johannes „Zeichen und Wunder“, 4,48, aus der Tradition hat, so auch das Wort „skandalitzein“, 6,61 und 16,1. Das ist ein höchst brisantes Wort, das von Jes 8,14 und 28,16 herkommt. Vgl. z.B. Rö 9,32f. Dieses harte Wort ist in der Geschichte von der Predigt in Nazareth Mk 6,3 und Mt 13,57 enthalten. Ich vermute, dass es auch in der Tradition, die Johannes vorlag, enthalten war.

Die nach Lukas berichtete versuchte Steinigung Jesu, Lk 4,28ff, findet sich bei Johannes an exponierter Stelle am Ende einer Jesusrede, die mit den Worten schloss: “Jesus sprach zu ihnen: Amen, Amen, ich sage euch, ehe Abraham war, ego eimi (bin ich = Gottesbezeichnung). Da hoben sie Steine auf, dass sie sie auf ihn würfen.“(Joh 8,58f)

Und, wiederum an exponierter Stelle am Ende einer Jesusrede, 10,30f: “Ich und der Vater sind eins. Da warfen die iudaioi wiederum Steine, dass sie ihn steinigten.“

Auch die von Johannes wiederholt berichteten Versuche, Jesus zu greifen, wird man aus dem Steinigungsversuch der Nazareth-Geschichte aus der Tradition ableiten können. Vgl. z.B. Joh 10,31 mit 10,39.

Er aber ging durch ihre Mitte hindurch.
Die nur bei Lukas enthaltene abschließende Notiz, dass Jesus „mitten durch sie hindurch ging“, war mit Sicherheit auch in der Geschichte von der Predigt Jesu in Nazareth aus der synoptischen Tradition enthalten.

Johannes scheint diese Notiz in doppelter Weise verstanden zu haben: als Flucht und als hoheitsvolles, selbst bestimmtes sich-entfernen. Joh 8,59 deutet auf Flucht. 10,39 entgeht Jesus „ihren Händen“ nach einer auf der Schrift basierenden Verteidigungsrede. Er weiß, dass nicht die ioudaioi, die ihn steinigen wollen, den Gang der Dinge bestimmen, sondern dass das „ergreifen“ (7,30ff; 8,20; 10,39; 11,57) und die „Stunde“ (8,20; 12,23) und das Geschehen um die Kreuzigungs-Erhöhung von ihm festgesetzt wird. Die Notiz der Tradition, dass Jesus mitten durch sie hinwegging wird also für Johannes zur grundlegenden Verstehensmöglichkeit des Weges Jesu.

Die Notiz hilft Johannes auch, das von ihm verwendete Wunderevangelium aus einer Tradition und ohne Passions- und Ostergeschehen mit dem synoptiker-ähnlichen Evangelium mit Passions- und Ostergeschehen vielfältig zu vernetzen und durch die johanneischen Reden des ersten Teils des Evangeliums verständlich zu machen.
Der Versuch, Jesus zu greifen, zu steinigen und zu töten – vgl die vielen Stellen dazu - wird in der auf dem AT basierenden (LXX Ps 39; Jes 6; Jes. 52,13ff…) Sicht des Johannes zum in eigener Entscheidung bestimmten Weg Jesu (Joh 10,15) :
Er kommt vom Vater, von Gott - 8,42! - von oben – 8,23 - handelt und redet im Namen des Vaters, stellt sich den Häschern in eigener Autorität, gestaltet seine Stunde selbst, und geht zum Vater hinüber – 8,14 -  wird erhöht und verherrlicht.
Der Prophet gilt am Ende etwas in der eigenen patris Gottes, dem gesamten weltumspannenden Gottesbereich, und wird von ihm und den Seinen geehrt. Jesus,  der aus Synagoge und seiner patris getrieben wird, wird schließlich zur Tür. Durch sie gehen die Seinen ein und aus und finden Weide, weltweit, in allen Zeiten.

Ich habe eine sehr hypothetische Textrekonstruktion vorgelegt. Sie beruht in allererster Linie auf johanneischen Aussagen, die weithin aus dem ersten Teil des Evangeliums stammen, orientieren sich aber auch an den Nazareth-Predigten der anderen Synoptiker, von denen keine der Ausgangspunkt der johanneischen Aussagen ist.

Johannes muss ein eigener schriftlicher Bericht vorgelegen haben, wie ja auch die Traditionen des Passions- und Auferstehungs-geschehens, die dem Johannesevangelium zugrunde liegen, unabhängig von den anderen Synoptikern sind.

Ich weiß, dass über diese Unabhängigkeit des vierten Evangeliums von den Synoptikern diskutiert wird, kenne aber eine Reihe von Forschern, die wie ich fest von ihr überzeugt sind.[3]

Ich bin immer schon noch einen Schritt weiter gegangen und habe von einem ganzen vierten synoptischen Evangelium als Vorlage für Johannes gesprochen, wofür diese homepage wiederholt zeugt.

Ich möchte im Zusammenhang mit diesem vierten Synoptiker die rekonstruierte Geschichte von Jesu Predigt in Nazareth als Teil aus dem Anfangsbereich des 4. Synoptikers sehen.

Sie stammt nicht aus dem Wunderevangelium (der Semeiaquelle), welches Wunder Jesu als Einladung zum Glauben an den Messias in einer Werbeschrift zusammengestellt hat – und nicht eine Predigt geboten hat und abwertende Aussagen über Jesus, den Sohn Josephs aus Nazareth.

Der vierte Evangelist zeigt – ausgehend von der Nazareth-Predigt der Tradition - in vielfältiger Weise, wer der wirkliche Vater Jesu ist und woher Jesus gekommen ist und wohin er geht.

Nach Jahren der Forschung am Johannesevangelium ist mir klar geworden, dass Johannes nicht nur einmal -  wie 1974 für die Nazareth-Predigt aufgezeigt – diese Methode der Auffächerung eines Textes in seiner Evangeliums-Komposition benutzt hat, sondern sie auch auf Psalmen ausgedehnt hat:
Auf Ps 95, Ps 69, Ps LXX 39/BH 40 und auf Jes 6.[4]
Die größte Auffächerung hat ein interner Text des Johannesevangeliums erfahren, der Prolog.[5]

 

1 Dieser Teilaufsatz wurde abgeschlossen am 15.10.2011. Er enthält natürlich manche Doppelungen im Vergleich mit Teil 1.

2 Im obigen Aufsatz zu Joh 4,44 von 1976 dachte ich, dass die von mir aus den bei Johannes vorhandenen Rudimenten erschlossene Verwerfungsgeschichte aus der Tradition des Semeia-Evangeliums stammte, weil die Rudimente sich nur in der Erstform des Johannesevangeliums finden – mit Ausnahme von Joh 6,59 und 6,61. Ich denke jetzt anders und rechne jene „Verwerfungsgeschichte“ aus der Tradition  dem „4. Synoptiker“ zu. So, wie der Evangelist die Tempelreinigungsgeschichte aus dem 4. Synoptiker in die Nähe des Evangeliumsanfangs gestellt hat, um etwas Wesentliches über das gesamte Jesusgeschehen auszusagen, hat er die „Verwerfungs-geschichte“ – in  sinnvolle Einzelteile geformt – an vielen Stellen bis Joh 12 an theologisch und lokal signifikanten Orten eingefügt und ausgelegt.

Er hat damit erreicht, dass das Wunderevangelium, welches ohne Passions- und Ostergeschichten war, mit jenen Geschichten verklammert werden konnte. Der Weg zu Passion und Ostern wurde so mit seinen positiven und negativen Seiten im ganzen ersten Teil des Johannesevangeliums verständlich.

Wie das Verklammern des Wunderevangeliums mit den Passions- und Ostertraditionen des 4. Synoptikers durch den Evangelisten angegangen worden ist, habe ich in dem Aufsatz „Der Augenzeuge…“ aufgezeigt.
http://www.evangelium-johannes.de/je7/en/node/201

Wichtig: Ich will die „Verwerfungsgeschichte“ nicht mehr so nennen, sondern „Situation der Nazareth-Predigt“, weil es ja schon in jener Geschichte aus der Tradition nicht nur um Verwerfung ging, sondern z.B. auch um „Lehren“ und „der Steinigung entgehen“, was der 4. Evangelist auf vielerlei Weise und ausführlich beleuchtet hat.

Am Ende der Entwicklungen der Nazareth-Predigt steht der Sohn, der aus freier Entscheidung  nicht nur flieht, sondern nach geschehener Lehre in Kapernaum, in Jerusalem, an den jüdischen Festen zu seiner Stunde zum Vater hinübergeht – was ich mit dieser Erweiterung meines ursprünglichen Aufsatzes nach über 35 Jahren aufzeigen möchte.

3 S. zuletzt den Kommentar von M. Theobald zum 1. Teil des Johannesevangeliums. 
http://www.evangelium-johannes.de/je7/en/node/238     

4 Die betreffenden Aufsätze sind auf dieser homepage enthalten.
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/56
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/130
Auch die Gethsemane-Szene ist in geringem Maße bearbeitet worden, wahrscheinlich auch das Vaterunser.

5 S. den Aufsatz zum Prolog auf dieser homepage, node 236.
http://www.evangelium-johannes.de/je7/en/node/236

 

2. Anhang zum vorstehenden Aufsatz von 1974 aus dem Jahre 2013

Leidensankündigung im Johannesevangelium?

Eine ähnliche Entwicklung wie die im 1. Anhang aufgezeigte scheint mir mit der synoptischen ‚Leidensankündigung’ (Mk 8,31ff par) vor sich gegangen zu sein: Ein vom vierten Evangelisten im ‚vierten synoptischen Evangelium’ vorgefundener Text der ‚Leidensankündigung’ (mit Kontexten Mk 8,27ff/Joh 6,71ff, Jünger-Auserwählung /Lk 6,12ff s.u.) wurde von ihm in seinen Teilstücken an verschiedenen Stellen der Erstform seines Evangeliums eingefügt.
Zu diesen Teilstücken gehören:

  • (Traditionsstücke in Joh 6,60-66?)
  • Jesu Rede zu den ‚Zwölfen’ (Lk 9,12/Joh 6,71 - Judas, - nicht der Verräter - Lk 6,16/Joh 14,22), von Jesus ausgewählt (Lk 6,13/Joh 6,70) (Kontext: Das Petrusbekenntnis: Mk 8,27-30/Lk 9,18/Joh 6,67-71)
  • Die Rede vom ‚Menschensohn’ (Mk par 8,31/Joh 3,14)
  • (griech.) dei polla pathein (Mk 8,31/Joh 3,14 – griech: hypsothänai dei vgl 8,28; 12,32.34)
  • Auferstehung nach drei Tagen (Mk 8,31/Joh 20,9; 2,18-22)
  • seine (griech.) psychä verlieren oder bewahren (Mk 8,35/Joh 12,25)

Eine ‚Vase’ kann aus den Teilstücken weitgehend zusammengesetzt werden – wie das auch mit der Nazareth-Geschichte gemacht werden konnte.
Klar wird auf jeden Fall:
Die Leidensankündigung mit ihrem Kontext stammt von keinem der drei Synoptiker, sondern aus einem vierten synoptischen Evangelium.

Warum aber hat Johannes nicht den kleinen Evangeliumsteil als ganzen übernommen?

Er war ihm zuerst einmal so wichtig, dass er ihn überhaupt übernommen hat als wichtige Ergänzung der Erstform seines weitgehend aus kommentierten Wundern bestehenden Evangeliums. Handelt es sich doch um ganz zentrale Aussagen zum Lebensweg Jesu. Diese Aussagen waren wohl denen besonders wertvoll, von denen Johannes ‚ihr’ Evangelium übergeben bekommen hat.
Der Evangelist hat nicht nur sie berücksichtigt, sondern hat die neuen/alten Texte für seine Zeit und innerhalb seines Jesusverständnisses zum Sprechen gebracht.
Nicht mehr die Jünger müssen auf die Notwendigkeit des Leidens… Jesu eingestimmt werden. Die gegenwärtige Aufgabe des Evangelisten besteht darin, gegenüber schriftgelehrten Gegnern und noch zweifelnden oder ängstlichen Sympathisanten den Tod Jesu als schriftgemäßen und für alle Menschen Leben ermöglichenden sinnvollen aufzuweisen. Deswegen bekommt der schriftgelehrte und hoch stehende Nikodemus eine interpretierte Erhöhungs-Ankündigung zu hören. In ihr kommt das dei noch vor, auch der Menschensohn, aber das leiden müssen – dieses Wort benutzt der Evangelist im ganzen Evangelium nicht – wird im Hinblick auf Jesaja 53 und auf das auferstehen müssen (vgl Mk 8,31) ersetzt durch muss erhöht werden. Und diese Erhöhungs-Ankündigung wird bezogen auf Mose und die erhöhte eherne Schlange: Erhöhung Jesu bringt allen, die an ihn glauben, Leben. So bekommt die alte und erschütternde Leidensankündigung für Jünger in euphorischer Messias-Erwartung einen neuen Charakter für eingeschüchterte und verunsicherte mögliche Jesus-Anhänger, ohne ihren alten Charakter zu verlieren. Zwischen Mk 8,31 und Joh 3,14 steht Ostern – und Nikodemus wird es erleben und - aus der Grablegung für den Messias-König mit ‚bei hundert Pfunden Myrrhe und Aloe’ (vgl Ps 45) ersichtlich - auch annehmen.
Auch die anderen oben genannten Teilstücke aus dem Bereich der Leidensankündigung der Synoptiker werden von Johannes in die Erstform an verschiedenen geeigneten Stellen seines Evangelium eingebaut.
So ist ein großartiges Werk durch den vierten Evangelisten entstanden, geprägt von Tradition und Geist und so offen für neue Wege in unserer Zeit.