Geschehen auf zwei "Bühnen" - (nicht nur) Missverständnisse über Missverständnisse

Wenn jemand sagt: “Stein" - dann muss er mir dazu sagen, an welchen Stein er denkt. Sonst denke ich zuerst etwa an die uralten Steindenkmäler in England oder Frankreich oder an den Stein, der aus der Niere heraus muss usw. Selbst wenn jemand das Feld einengt und nur von den Steinen in der Bibel redet, muss er mir genau sagen, wovon er eigentlich reden möchte: Ob über Brot aus Steinen, über die Edelsteine der Offenbarung, über die riesengroßen behauenen Steine des Jerusalemer Tempels usw. In der christlichen Gemeinde des ersten Jahrhunderts allerdings hätte man bei dem Wort "Stein" sicher zuerst an den Stein gedacht, von dem es rätselhafte Andeutungen und eindeutige Aussagen im Alten Testament und Neuen Testament gibt, vom Stein, dem Messias.

Einige Beispiele:
Da hatte sich Jakob bei seiner Flucht - 1. Mose 28 - auf einen Stein gelegt. Das kann man sehr irdisch verstehen. Aber nachdem Jakob auf diesem Stein einen besonderen Traum von der Himmelsleiter gehabt hatte und er diesen Stein gesalbt hatte, hatte der Stein eine neue Dimension, war Offenbarungsort geworden.
Als Mose in der Wüste bei großem Wassermangel - 2. Mose 17 - an den Felsen geschlagen hatte und Wasser in Strömen daraus floss, hatte dieser einst irdische Stein eine neue Qualität: Ursprung für Lebenswasser von Gott.
Als Jesaja - 28,16 - davon sprach, dass Gott in Zion einen köstlichen Stein legen wollte, da konnte man an den Felsen im heutigen Felsendom in Jerusalem denken, aber alles, was von Gott kommt, hat ja eine weitere Dimension, und so dachten schon Menschen lange vor dem Evangelisten Johannes bei Jes 28,16 an den Messias, der als Fels von Gott in Zion eingesetzt werden sollte.
Als der Psalmbeter - Ps 118,22 - davon sprach, dass Bauleute einen Stein weggeworfen hatten, Gott aber gerade diesen Stein zum Eckstein, dem hervorragenden Stein im Bauwerk Gottes, gemacht hat, da war für die Hörer wieder die zweite Dimension da. Bei Jes heißt es - 8,11-14 - dass Gott für die, die sich gegen ihn verschwören, "ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses für die beiden Häuser Israel" sein wird, "dass viele von ihnen sich daran stoßen, fallen, zerschmettern...werden."
Auch bei Daniel 2,34 wird von einem Stein gesprochen, den der Prophet dem König erst deuten muss. -
Kein Wunder also, wenn bei Christen und Juden, die vom Stein sprachen in einer Zeit hoher Erwartungen, in erster Linie an den Messias gedacht wurde. Im Johannesevangelium ist das besonders deutlich: Der Stein aus der Jakobsgeschichte taucht auf, - 1,51 - von dem Engel hinaufsteigen und auf den sie herabsteigen. An den Wasserspendenden Felsen in der Wüste wird gedacht - 7,37 - und Jesus versteht sich nach Jes 28,16 als diesen Felsen, an den man glauben kann - oder an dem man Ärgernis nehmen kann - wie Joh 6,61 und 16,1, vgl. Jes 8,14f zeigen.
Was ich hier am Wort "Stein" gezeigt habe, das gilt für johanneische Sprache überhaupt: sie ist Sprache auf zwei Ebenen - und wenn der Zuhörer nicht die richtige Ebene in den Blick bekommt, missversteht er das Wichtigste, bleibt an der unteren Ebene hängen. Also: Wenn Jesus zu Nikodemus von der Notwendigkeit einer neuen Geburt spricht - 3,3 - dann kann man als Hörer missverstehend sprechen: "Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?" Wenn man Jesus nur als auf der unteren Bühne wirkend beurteilt, dann kann man ihn nicht aufnehmen: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf." Wenn aber einige Jesus gleichzeitig auf der oberen Bühne entdeckt haben, kann es von ihnen heißen: "Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden...". Die samaritanische Frau, die sich in der Hitze mit dem schweren Wasserkrug herumplagen muss, hört von Jesus, dass er Wasser geben kann, sodass der, der es trinkt, ewiglich keinen Durst haben wird - 4,14. Die Frau hört das vorerst nur auf der unteren Ebene und antwortet: "Herr, gib mir solches Wasser, auf dass mich nicht dürste und ich nicht mehr herkommen müsse, zu schöpfen." Solche Missverständnisse werden vom Evangelisten bewusst im gesamten Evangelium aufgezeigt, weil er im Anschluss daran zeigen will, dass Menschen die Möglichkeit haben, zu einem tieferen Verständnis Jesu und ihres eigenen Lebens zu kommen, wenn sie mit Jesus im Gespräch bleiben und so ihre Vorurteile langsam abbauen. Wenn man auf der unteren "Bühne" bleibt, sieht man in Jesus nur den Sohn Josephs, der aus dem nichts sagenden Nazareth kommt, der wichtige Erwartungen aus dem Alten Testament nicht erfüllt, der sogar von einem Freund verraten wird, den alle seine Jünger verlassen und der, geschlagen und bloßgestellt, am Kreuz scheitert: Verflucht ist, wer am Holze hängt! Der Messias muss doch ewiglich bleiben! - 12,34.
Sobald man aber die obere "Bühne" in sein Gesichtsfeld bekommt, verändert sich alles, man sieht die Herrlichkeit Jesu als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit und erlebt an sich einen Prozess, der zum Kind Gottes werden lässt, zum Mitakteur auf der oberen Bühne - auch wenn man gleichzeitig auf der unteren Bühne noch spielen muss, missverstanden und verfolgt und getötet wie der Herr, nicht der Welt entnommen.
Es gibt nicht nur Missverständnisse im Johannesevangelium. Gerade einfachen Menschen werden die Augen aufgetan - wie dem Blindgeborenen. Die anfangs Jesus missverstehende Samaritanerin hat überraschende Erkenntnisse. Häscher, von Pharisäern ausgeschickt, nehmen Jesus nicht gefangen, weil für sie noch nie ein Mensch so geredet hat wie dieser Mensch - 7,46. Die obere Bühne hat sich ihnen eröffnet. Sie sehen Jesus ohne den Filter schriftgelehrter Voraussetzungen, ohne jenen Filter, der auf der unteren Bühne festhält, wenn man sich nicht hörend öffnet. Die Schriftgelehrten aber stellen an die Häscher die Frage: Seid ihr auch verführt? - und der christliche Leser des Johannesevangeliums weiß: Nicht verführt, sondern: auf die obere Ebene geführt. Auf der unteren Bühne verrät Judas- 13,30. Auf der oberen kommen Griechen und wollen Jesus sehen - 12,20f. Bei beiden Ereignissen aber sagt Jesus: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde - 12,23 - und: Nun ist der Menschensohn verherrlicht.
Das Geschehen mit Jesus ist notwendiges Geschehen auf zwei Ebenen: Neben dem hoheitsvollen romanischen Gekreuzigten steht notwendigerweise der gothische mit seinem Haupt voll Blut und Wunden oder der gesichtslose Jesus unserer Zeit.
Es ist klar, dass mit einem solchen Geschehen auf zwei Bühnen und Ebenen Entscheidungen fällig sind: auf welche Ebene man sich persönlich festlegt. Johannes spricht wiederholt davon, dass "Schismen" entstehen, Trennungen zwischen denen, die an Jesus glauben und denen, die ihn für einen Verführer halten - 7,43 9,16 10,19. Für die einen redet Jesus Worte des Lebens - für die anderen sind es Worte, die einfach unerträglich sind - 6,68/ 6,60. Die einen erkennen, dass Jesus, der LOGOS, mit Abraham geredet hat - die anderen missverstehen und sagen: "Du bist noch nicht 50 Jahre alt und hast Abraham gesehen!?"- 8,57. Die einen verstehen sich als "Jünger des Mose", - 9,28 - aber erkennen nicht, dass Mose von Jesus geredet hat - 5,46. Ihr Gegenüber dagegen, der geheilte Blindgeborene, kennt die Bibel nicht, aber anerkennt praktisch Jesus als den, von dem Mose geschrieben hat - 1. Mose 49,8-12/Joh 9,38 - weil Jesus als Messias an ihm, dem Blindgeborenen, heilend gehandelt hat, alte Verheißungen einlösend.
Mit dieser literarischen und theologischen Form des Redens in zwei Ebenen ist für die johanneische Gemeinde die Möglichkeit gegeben, sich selbst in ihrer Not auf der unteren Ebene lebend zu verstehen und zugleich ein sicheres Selbstbewusstsein zu entwickeln, auf die obere Ebene von Jesus gestellt zu sein.

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