Zwei Parallelprozesse - Der Prozess Jesu/Der Prozess der Gemeinde

Franz Kafka hat in seinem Buch "Der Prozess" begonnen mit den Worten:
"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."
Die letzten Sätze des Buches lauten: "Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. Wie ein Hund, sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben." Kafka, Jude mit juristischer Ausbildung, kann sein Leben als Prozess sehen, als undurchschaubaren Prozess mit schamvollem Ende. Der katholische Christ und hervorragende Erforscher des Johannesevangeliums, J. Blank, hat einer grundlegenden Arbeit über das Vierte Evangelium den Titel "Krisis" gegeben - mit "Gericht", vielleicht auch mit "Prozess" zu übersetzen. Wenn man das Evangelium einmal sehr aufmerksam auf seine Sprache, insofern sie mit dem Rechtswesen zusammenhängt, untersucht, kann einem der Gedanke kommen: Wie Kafka, so muss auch der Evangelist Johannes einen lebensgeschichtlichen juristischen Hintergrund haben. Es ist faszinierend, einmal Kafkas Gerichtstermini mit denen bei Johannes zu vergleichen. Ich will das hier nicht tun, aber doch ein paar Streiflichter bringen. Kafka:"...Ihren großen, verfluchten Prozess" - vgl. Joh: 3,19 5,22 5,24 5,27 5,29 5,30 8,16 7,24 9,39 16,8 16,11 . Ich zitiere nur Joh 12,31: "Jetzt geht das Gericht über die Welt...". Kafka: "Um einen Advokaten heranzuziehen, dazu ist die Sache doch zu kleinlich, aber einen Ratgeber könnte ich gut brauchen." "Die großen Advokaten? fragte K.... Es gibt kaum einen Angeklagten, der nicht, nachdem er von ihnen erfahren hat, eine Zeitlang von ihnen träumen würde. Lassen Sie sich lieber nicht dazu verführen. Wer die großen Advokaten sind, weiß ich nicht, und zu ihnen kommen kann man wohl gar nicht. Ich kenne keinen Fall, von dem sich mit Bestimmtheit sagen ließe, dass sie eingegriffen hätten...". "...man übergibt doch dem Advokaten die Vertretung, um die Last des Prozesses ein wenig von sich abzuwälzen." "Es hieß dort: der Advokat führt seinen Klienten an einem Zwirnsfaden bis zum Urteil, der andere aber hebt seinen Klienten gleich auf die Schultern und trägt ihn, ohne ihn abzusetzen, zum Urteil und noch darüber hinaus. So ist es."
Im Johannesevangelium heißt der Advokat mit einem griechischen Wort "parakletos". Luther hat sehr schön, aber unter Missachtung dieses Terminus aus der Gerichtssprache "Tröster" übersetzt.
Bleiben wir bei Anwalt oder eben Advokat als Übersetzung. 14,16f: "Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Advokaten geben, dass er bei euch sei ewiglich, den Geist der Wahrheit..." 15,26f: "Wenn aber der Advokat kommen wird, welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir. Und auch ihr werdet meine Zeugen sein, denn ihr seid von Anfang bei mir gewesen." 16,7-11: "Aber ich sage euch die Wahrheit: es ist euch gut, dass ich hingehe. Denn wenn ich nicht hingehe, so kommt der Advokat nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Und wenn derselbe kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht...dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist." Bei Kafka dagegen heißt es: "Trübselige Meinung, sagte K. Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht. K. sagte das abschließend, aber sein Endurteil war es nicht."

Ich möchte nicht vollständig sein mit dem Aufzählen der Termini aus der Gerichtssprache bei Johannes und mit dem Vergleich der Krisis-Aussagen bei Kafka und Johannes. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass der Evangelist Johannes das Geschehen um Christus und die verfolgte Gemeinde als eine Gerichtsszene kosmischen Ausmaßes darstellt. Die Anregung dazu stammt für Johannes aus dem zweiten Jesaja-Buch (Jes 40-55), in dem der Gerichtsprozess zwischen Gott und den Götzen geschildert wird. Israel ist Zeuge und wird erkennen, dass am Ende dieses Prozesses die Götzen Nichtse sind, während Gott sich als der ICH BIN erweisen wird - vgl. z.B. Jes 43,8ff.
Was aber möchte Johannes mit seiner Gerichtssprache? Er will dem Prozess, der Jesus und parallel dazu später seiner Gemeinde gemacht wird, der mit dem Tod Jesu und dem Tod johanneischer Gemeindeglieder bzw. mit deren Synagogenausschluss endet, den anderen Prozess, den gegenläufigen, den auf der anderen Ebene zur Seite stellen: Den Prozess Gottes gegen den Fürsten dieser Welt, den Prozess Gottes gegen jede widergöttliche Macht. Und diesen Prozess gewinnt nicht nur Jesus, der am Kreuz erhöht und sehr hoch erhaben sein wird, der alles vollbracht haben wird, sondern auch die Gemeinde wird den Prozess gewinnen. Die Gemeinde ist Angeklagte der Welt, aber Zeuge Gottes. Sie hat im Geist, der von Jesus seinen Ausgang nimmt, einen Advokaten an der Seite, von dem gilt - um mit Kafka zu sprechen - er "hebt seinen Klienten gleich auf die Schultern und trägt ihn, ohne ihn abzusetzen, zum Urteil und noch darüber hinaus." - in johanneischer Sprache: "Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten."
Noch eines: Kafka bemerkt einmal: "Die Angeklagten sind eben die Schönsten.... Allerdings gibt es unter den Schönen auch besonders schöne. Schön sind aber alle, selbst Block, dieser elende Wurm."
In der Christenheit sind durch die Maler - angeregt durch Jes 53 und Ps 45 - zwei Bildtypen von Christus entstanden: Das "Haupt voll Blut und Wunden", der leidende bis hässliche bis gesichtslose Christus und der schöne Christus, der besonders schöne - wie der Targum zu Jes 52,14 sagt: "...schöner als alle Menschenkinder" , wo es aber nach dem hebräischen Text heißt: "Weil sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder." Vom Evangelisten Johannes her ist es sinnvoll, mit beiden Bildern ganz zu leben, wie auch mit den beiden Prozessen auf je ihren ihnen eigenen Ebenen.


Prozess


Aus der Literatur

Pascal: Gedanken Nr. 609
"Ein schöner Zustand der Kirche, wenn sie nur noch von Gott verteidigt wird."

J. Blank: Das Evangelium nach Johannes Bd. 2 S. 172f
"Bei einem Text, der wie 15,18-16,4a die Vorstellung der verfolgten Gemeinde> oder der <Kirche der Märtyrer> heraufbeschwört, zeigt sich am stärksten, wie notwendig es ist, ihn zuerst aus seiner geschichtlichen Situation heraus zu verstehen und ihn nicht vorschnell zu verallgemeinern.... Denn für die Kirche hat sich die Situation gegenüber diesen Anfängen erheblich verändert! Die johanneische Charakteristik der Gemeinde gilt höchstens für die vorkonstantinische Zeit, also etwa bis zum Mailänder Edikt 313 n. Chr., und auch da nur mit gewissen Einschränkungen. ...Es dauerte nicht lange, da hat sich die Kirche gegenüber Außenseitern und Abweichlern, gegenüber Häretikern und gegenüber den Juden derselben Unterdrückungsmethoden bedient, unter denen sie die ersten dreihundert Jahre hindurch zu leiden hatte."

Ortsschild? Zur Hitlerzeit
Ortsschild? zur Hitlerzeit, Text: "Der Vater der Juden ist der Teufel." So hätte der Evangelist, selber Jude wie Jesus, nie gesprochen.