3.11 Die Logoschristologie

Ausgewählte Texte zur Logoschristologie aus Justin D 50,1 Trypho: Wie kannst du beweisen, dass es neben dem Weltschöpfer noch einen Gott gibt?

D 61,1 Vor allen Geschöpfen als Anfang hat Gott aus sich eine vernünftige Kraft erzeugt, welche vom Heiligen Geiste auch Herrlichkeit des Herrn, ein andermal Sohn, dann Weisheit, bald Engel, bald Gott, bald Herr und Logos genannt wird, und welche sich selbst als ersten Feldherrn bezeichnet, da sie in Gestalt eines Menschen Josua, dem Sohne des Nave, erschien. Alle Attribute kommen der selben nämlich zu, weil sie dem väterlichen Willen dient, und weil sie aus dem Vater durch das Wollen erzeugt worden ist.

D 61,3 Zeuge soll mir sein das Wort der Weisheit, welches selbst Gott ist, vom Vater des Weltalls erzeugt, welches Logos, Weisheit, Kraft und Herrlichkeit des Erzeuger ist. Durch Salomo sprach er die Worte: >Wenn ich euch das verkündet habe, was täglich geschieht, will ich daran denken, von dem Ewigen zu erzählen. Der Herr erschuf mich als Anfang seiner Wege für seine Werke. Vor der Zeit, im Anbeginn, ehe er die Welt erschuf und die Abgründe erschuf, ehe die Wasserquellen hervorbrachen und die Berge aufgestellt wurden, hat er mich gesetzt...<.

D 62,4 Vielmehr war der, welcher in der Tat vom Vater ausgegangen und vor allen Geschöpfen erzeugt war, bei dem Vater, und zu ihm spricht der Vater, wie der Logos durch Salomo geoffenbart hat; denn eben er ist es, welcher der Anfang vor allen Geschöpfen war, vom Vater erzeugt worden war und von Salomo Weisheit genannt wird.

Ausgewählte Texte zur Logoschristlologie des Johannesevangeliums

Vorbemerkung

Um diesen Aufsatz kurz zu halten, führe ich das Logoslied aus Joh 1 hier nicht an. Wie die Lektüre Philos zeigt15, sah man den Logos auch in der Zeit des Auszugs aus Ägypten am Werke. Diesen Logos Hintergrund nehme ich auch für folgende Aussagen des Johannesevangeliums an:

Joh 6,35
Ich bin das Brot des Lebens... Joh 7,37 Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke...
Joh 8,12 Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Auswertung 1:

Die Logoschristologie Justins und des Johannes ist in der Forschung oft genug zusammengestellt und ausgewertet worden16. Diese Auswertung brachte sehr unterschiedliche Ergebnisse: dass Justin nicht ein schriftlich fixiertes Werk, sondern nur eine Tradition für seine Logoslehre zugrunde liege17, dass die Einführung des Logos-Begriffes bei Justin nicht auf Johannes zurückgehe18.
Es sei im höchsten Grade unwahrscheinlich, dass die Aussage von der Fleischwerdung des Logos, die aller philosophischen Logosspekulation durchaus entgegen ist, bei Justin und Johannes unabhängig voneinander entstanden sein soll19. Für die Logoslehre Justins seien Reminiszenzen an Johannes anzunehmen 20. Die Voraussetzungen für die Erforschung des Verhältnisses zwischen Justin und Johannes haben sich geändert, nachdem weithin angenommen wird, dass der Logoshymnus in Joh 1 nicht vom Evangelisten stammt, sondern von ihm aus einer christlichen Gemeindetradition übernommen worden ist. (Anmerkung 2013: Wie aus dem Aufsatz zum Logoshymnus zu ersehen ist, habe ich meine Ansicht über die Herkunft des Logoshymnus geändert: Ich sehe als Grundlage ein jüdisches Logoslied, das vom Evangelisten wesentlich geändert worden ist.) Die Logoslehre Justins könnte also genauso im Zusammenhang mit dieser Tradition gesehen werden, in der das Logoslied schließlich entstanden war. Ich nehme an, dass Justin in dieser Abhängigkeit steht, denn: 1. finden sich bei Justin keine wörtlichen Zitate aus Johannes, was bei der Wichtigkeit der Logoslehre für Justin überraschend ist. 2. ist die Weiterführung der Logoslehre bei Justin - z.B. in der Exegese von Gen 18 - nicht allein dessen eigene Leistung, sondern stammt aus Traditionen, die im Johannesevangelium keinen Niederschlag gefunden haben. 3. findet sich bei Justin nichts vom Wirken des Logos in der Wüstenzeit und vom Wirken des Fleisch gewordenen Logos in der Christuszeit, was doch für Johannes von eminenter Bedeutung ist. Während wir im Johannesevangelium die Lehren des Fleisch gewordenen Logos finden, treffen wir bei Justin auf die Lehren über den Logos, der u.a. auch Fleisch geworden ist. Für die Auslegung des Johannesevangeliums ist jedoch die Logoslehre Justins insofern von Bedeutung, als man bei ihm sieht, welche enorme dogmatische Konsequenzen die Übertragung des Logos­-Titels auf Jesus mit sich brachte. Die bewegenden Fragen wurden: Welche Stellung nimmt der Logos zum Schöpfer und zur Schöpfung ein? Welche Aufgaben hat der Logos in der Zeit zwischen Schöpfung und Jetztzeit wahrgenommen? Wie verhält sich die Logos-Wahrheit zur philosophischen Wahrheit? Wie äußert sich der Logos in Jesus? Eine Darstellung der Logoslehre des Johannesevangeliums wird an der wohl nur etwa vierzig Jahre späteren Logoslehre bei Justin nicht vorbeigehen können.