Bestimmt das Tun die Herkunft des Menschen? - Von Teufels- und Abrahamskindern

Zum Allgemeinwissen im Judentum des 1. Jhd. nach Christus gehört wohl weithin, dass jeder Mensch vor Gott Sünder ist - auch in dem besten Leben. Dass dieses Wissen jedoch nicht gleichzusetzen ist mit einem Gefühl der Einheit aller Menschen, wissen wir von der pharisäischen Bewegung, die mit Ernst eigene Sünde und Sünde der anderen bekämpfen wollte und der ihre Erfolge im Umgang mit sich selbst ein besonderes Selbstwertgefühl gab.
Dieses Allgemeinwissen, dass alle Menschen Sünder sind, scheint jedoch in größten Krisensituationen stark in den Hintergrund zu treten und einer Einteilung der Menschen in Gute und Böse zu weichen.
Die Tatsache ist bekannt aus der Mönchsgemeinschaft in Qumran, die in der Wüste als verfolgte und ausgezogene Gemeinde in ihrem starken Angefeindetsein die Lehre von den Guten und den Bösen entwickelt hat als Lehre von den Kindern des Lichts und den Kindern der Finsternis, den Söhnen Belials, des Teufels.

In unserem Jahrhundert haben in die Enge der KZs getriebene Juden Hitler und seine Helfershelfer nur noch als Abkömmlinge des Teufels oder als Teufel verstehen können. Eine irgendwie gestaltete positive Wertung war trotz des Allgemeinwissens, dass vor Gott alle Menschen Sünder sind, situationsbedingt unmöglich.
Auch die johanneische Gemeinde kennt diese Situation. Sie kennt - nach 16,2f - Synagogenausschluss und Mord, den einige jüdische Gegner als Gottesdienst verstehen, also als Erfüllung alttestamentlicher Vorschriften von der Steinigung von Verführern, die Menschen vom rechten Gottesdienst wegführen - nach 5. Mose 13,7ff. Im Selbstverständnis der johanneischen Christen jedoch werden Angehörige der johanneischen Gemeinde als "wahre" Gläubige von Menschen gesteinigt, die Gott missverstehen. In die Enge des Todes getriebene Christen haben ihre aktuellen Peiniger - auf keinen Fall jedoch alle Juden! - nur noch als Kinder des Teufels verstehen können, als sie eine Erklärung für die Strafe der Steinigung von Christen gesucht haben. In 8,12ff ist die Situation beschrieben.
Die versuchte Steinigung: In 8,59 versuchen einige Juden, Jesus zu steinigen. Dieser Versuch ist Endpunkt einer Entwicklung, die mit der Rede Jesu vom Licht der Welt beginnt und viele zum Glauben an Jesus führt - 8,30 - und dann zum zweiten großen Thema, der wahren Abrahamskindschaft übergeht. Die Steinigung wird dadurch hervorgerufen, dass Jesus für sich die Bezeichnung ICH BIN - die Gottesbezeichnung, in Anspruch nimmt. Diese Steinigung scheint also mit der Vorschrift des Alten Testamentes in 5. Mose 13,7ff in Übereinstimmung zu sein, aber Jesus ehrt mit seinem ganzen Leben und Wirken den Vater - 8,29. Er redet Wahrheit, um Menschen von der Knechtschaft der Sünde zu befreien und möchte Juden von einer nur behaupteten zur wahren Abrahamskindschaft, zum Glauben an Jesus als den Gesandten Gottes, führen. Einige jüdische Gesprächspartner empfinden den Angriff gegen ihre von ihnen behauptete Abrahamskindschaft als unerhörten Angriff und sehen in der Behauptung Jesu, als Gottes Gesandter der ICH BIN zu sein, der schon dem Abraham in 1. Mose 18 begegnet ist, einen frevelhaften Anspruch, der die Steinigung verdient. Jesus aber benutzt eine schon vorhandene jüdische Anschauung, dass ein Mensch um seiner Begierden willen - Joh 8,44 - falsch handelt: Schon Kain hat das getan, als er seinen Bruder steinigte. Von diesem Kain, dem Zwillingsbruder Abels, sagten schon im aramäischen Targum jüdische Erklärer, er sei aus Hurerei geboren. Der Teufel - die Schlange - habe Eva verführt, als Adam Gottesdienst gefeiert habe. Die entstandenen Söhne seien nicht nach dem Ebenbild des Adam gewesen, erst in Seth ist dieses Ebenbild zu erkennen: "Und Adam war 130 Jahre alt und zeugte einen Sohn, ihm gleich und nach seinem Bilde, und nannte ihn Seth" - 1. Mose 5,3.
Der Evangelist Johannes, der diese jüdische Erklärung des aus Hurerei mit dem Teufel entstandenen Kain, der seinen Bruder Abel steinigt, kennt, sagt nun: Wenn von Jesu Gesprächspartnern einige den unschuldigen Jesus steinigen wollen, dann tun sie in ihrer Begierde dasselbe, was Kain getan hat. Sie erweisen sich also durch ihr falsches Tun als Kinder des Teufels.
Dreierlei ist festzuhalten:
1. Von einigen christlichen Theologen, denen dieser aramäische Hintergrund unbekannt ist, wird aus dieser Unkenntnis gesagt, Jesus hätte "die Juden = alle Juden" Kinder des Teufels genannt. Der Jesus aus Joh 8 nennt aber nur diejenigen, die den Gerechten steinigen wollen, Kinder des Teufels. Durch ihre Steinigung weisen sie auf ihre Herkunft hin. Sie bestimmen also durch ihr Verhalten ihre Herkunft. Wenn sie glaubten, wären dieselben Juden Kinder Abrahams, der geglaubt hat.
2. Diese Rede im Johannesevangelium ist nur vor dem Hintergrund einer christlichen Gemeinde zu verstehen, die wirklich Mitglieder durch ihr absolut unverständliche Steinigung, verloren hat, obwohl die Gesteinigten sich im Glauben Abraham verbunden wussten.
3. Diese christliche und zugleich jüdische Lehre, dass Menschen sich durch mörderisches Verhalten als Teufelskinder erweisen, hat eine unheilvolle Wirkungsgeschichte gehabt, sobald man den Satz: "Ihr, meine an Steinigung denkenden Gesprächspartner - nur ihr - seid im Begriffe, durch Steinigung Teufelskinder zu werden" - sobald man diesen Satz falsch zitiert hat: Die Juden = alle Juden sind, weil sie Juden sind, Kinder des Teufels, die man vernichten muss. Luther, dem man sehr viel Antijüdisches nachweisen kann, hat diese Stelle in Joh 8 so gedeutet, dass sich jeder, der sich Christ nennt und nicht glaubt, angesprochen finden muss, zur Umkehr aufgefordert. Können wir Menschen - auch in mörderischer Bedrohung durch fehlgeleitete Menschen - eine neue Sprache finden, die ohne jegliche Verteufelung auskommt? Das heißt auch: Können wir Christen heute aus historischem Abstand heraus die Juden ein ganz klein wenig verstehen, die aus ihrem Gesetzesverständnis heraus Christen gesteinigt haben? Hätte die johanneische Gemeinde von Jesus unprovozierender sprechen können? Könnten wir Kain und Abel, die Zwillinge, als Ich-und-Ich verstehen, d.h. ohne Rückgriff auf mythologische Sprechweise von der Vaterschaft des Teufels? Die dem Abschnitt 8,12ff vorhergehende Geschichte von der beabsichtigten Steinigung einer Ehebrecherin, die erst viel später, nach Abschluss des Johannesevangeliums und nicht durch den Evangelisten in 7,53-8,11 eingefügt worden ist, verbietet nicht nur die Steinigung, sondern auch die Einteilung von Menschen in nur Schuldige und nur Gerechte.


"Bruderschaft am Kreuz - unio mystica" 


Aus der Literatur

Else Lasker-Schüler in ihrem Stück "IchundIch"
Else Lasker-Schülers Phantasie fordert, dass Hitler samt Komplizen und Heerscharen auf ihrer <Herzensbühne> und in den <Höllengrund> marschieren. Die Armee braucht Öl für den Krieg, sie erwartet Beistand von <Mephisto>, der, <mit Herrn Adolf blutsverwandt>, ihm bisher geholfen und sogar seinen Fegefeuerofen für die Verbrennung der Juden ausgeliehen hat.

Anja Lundholm, dem KZ Ravensbrück entronnen, fragt sich, was in einer jungen KZ-Aufseherin vorgeht, die ein am Boden liegendes jüdisches Mädchen zu Tode prügelt. "Warum tun sie das?" - fragte sie die etwa 18-jährige Aufseherin. Mit hellblauen Augen habe die sie angesehen, und in ihrem Blick sei kein Hass, keine Wut, keine Verachtung gewesen - nur ein Anflug von Erstaunen. "Das ist doch kein Kind", habe sie schließlich gemeint, und "ob sie denn nie den Stürmer gelesen habe? Da stehe doch auch, dass das nur Satansbrut sei."

Papst Johannes XXIII. (1881-1963)
"Wir sind uns heute bewusst, dass unsere Augen im Laufe von vielen Jahrhunderten zu blind gewesen sind, um die Schönheit Deines auserwählten Volkes zu sehen und die Gesichtszüge unserer bevorzugten Brüder zu erkennen. Wir verstehen es, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn stehen muss. Im Laufe der Jahrhunderte lag unser Bruder Abel in Blut und Tränen durch unsere Schuld am Boden, weil wir Deine Liebe vergessen hatten. Verzeihe uns die Verwerfung, welche wir ungerechtfertigterweise über die Juden ausgesprochen haben. Verzeihe uns, dass wir Dich ein zweites Mal in jenen gekreuzigt haben, denn wir wussten nicht, was wir taten."

Aus dem geänderten Grundartikel der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau:
"Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bezeugt sie (die genannte Kirche) neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein."

Bernhard von Clairvaux (1090-1153):
Die Juden sind "mehr als bestialisch...sie sind des Teufels."

Englische Chronik zum Jahr 1190:
In ihr heißt es, dass Londoner Christen begannen, "die Juden ihrem Vater, dem Teufel, zu opfern." - also, sie umzubringen!

Jüdischer Messiasglaube 1943: in: Ein jüdischer Kalender. Ölbaum Verlag, Köln 1985/86
"Ich glaube, ich glaube, ich glaube ehrlich, unerschütterlich und fromm, dass der Messias komm,; An den Messias glaube ich und wenn er auf sich warten lässt, glaub ich darum nicht weniger fest. Selbst wenn er länger zögert auch noch, an den Messias glaube ich doch. Ich glaube, ich glaube, ich glaube. (Lied, das im Warschauer Ghetto gesungen wurde.)

M. Buber: Geschichten der Chassidim S. 461 Von seinem Schauen
"Wenn er (nämlich der jüdische Seher von Lublin, Rabbi Jaakob Jizchak) jemandem auf die Stirn sah oder jemands Bittzettel las, sah er bis in die Wurzeln von dessen Seele im ersten Menschen hinein, sah, ob sie von Abel oder von Kain herkam..."