14. Auswertung

Die Benutzung des Targum, die man fast ein joh. Specificum nennen kann, weist auf einen Evangelisten, der ursprünglich in einer aramäisch sprechenden Synagoge heimisch war, dann aber, mit seiner Gemeinde, daraus vertrieben wurde. Er hat sein Evangelium unter Benutzung von verschiedenen Traditionen in einer einfachen, aber fehlerlosen griechischen Sprache abgefasst, hat sie also wohl nicht später im Leben erst hinzuerworben, sondern ist in einem Gebiet mit aramäisch und griechisch sprechender Bevölkerung aufgewachsen. Seine Ortskenntnisse stammen z.T. aus eigener Anschauung. In joh. Texten sind Orte auf dem Weg nach Jerusalem angegeben: von Betsaida über Kafarnaum und Sichem. Das heißt, der Evangelist wird sich ursprünglich an Tempelwallfahrten beteiligt haben. Jüdische Feste spielen für ihn eine wichtige Rolle. Mit Beginn des Jüdischen Krieges hören dann diese Wallfahrten auf. Agrippa II., als Römerfreund, versucht, sein Land aus dem Aufstand herauszuhalten, indem er die Grenze bei Betsaida/Julias abriegelt. Auch wenn er im Hinblick auf Gamala mit seiner Blockade nicht erfolgreich ist, werden doch nicht alle seine bedeutenderen Orte wie Caesarea Philippi, Julias, Sogane und Seleukia in den Krieg hineingezogen. Abgelegene Lage und Krieg sind dafür verantwortlich, dass die joh. Gemeinde vom Hauptstrom neutestamentlicher Tradition abgeschnitten ist. Jüdische Mitbürger des Ortes, in dem die joh. Gemeinde wohnt, scheinen sich in diesem Krieg einem, der in seinem eigenen Namen gekommen ist, Dieb und Räuber ist und umbringt, angeschlossen zu haben, sind von diesem Mietling aber enttäuscht und vom Wolf erhascht und zerstreut worden. Die joh. Gemeinde dagegen steht auf Seiten der Aufstandsgegner und gehorcht dem, der in seinem eigenen Namen kommt, nicht. Auch nach dem Krieg ist die jüdische Mitbürgerschaft noch so groß und einflussreich, dass ein Teil von ihr eine Politik der Einschüchterung verfolgen kann und die joh. Gemeinde in Angst versetzt, sie schließlich aus der Synagoge ausschließt und sogar Gemeindeglieder tötet. Die joh. Gemeinde befindet sich in ständiger Auseinandersetzung mit ihren jüdischen Mitbürgern und möchte sie für den Messias Jesus gewinnen. Wenn diese Juden sich der theologischen Argumentation schon verschließen, so sollen sie Jesus wenigstens wegen seiner Werke gelten lassen - also auch von der Verfolgung ablassen. Die joh. Gemeinde scheint zwei Phasen durchgemacht zu haben: eine Phase ohne schwere Verfolgung, aber von Kriegs- und Nachkriegswirren überschattet, und eine Phase zunehmender Konfrontation und Bedrückung, die im Synagogenausschluss ihren Höhepunkt fand.58 In diese Gemeinde haben Griechen des Ortes ihren Weg gefunden und zusammen mit Judenchristen eine neue Synagoge59 gebildet, die sich als die verheißene eine Herde unter dem verheißenen einen Hirten verstanden hat.

Der Evangelist kommt ursprünglich von einer Weisheitstheologie her, wie sie sich ähnlich bei Philo60 findet und wie sie in seiner vorchristlichen jüdischen Gemeinde gepflegt worden ist. Er nimmt Traditionen aus Qumran auf und samaritanische Überlegungen, setzt sich mit der Täuferbewegung seines Ortes auseinander, hat Traditionen, die sich dann auch bei Justin und im Barnabasbrief wiederfinden. Von christlichen Gemeinden übernimmt er das über eine heidenchristliche Gemeinde gegangene Semeiaevangelium und den vor ihm schon überarbeiteten 4. Synoptiker61 - beides in schriftlicher Form.

Die joh. Gemeinde hat - wie die Johannesbriefe zeigen - von ihrem Ausgangspunkt aus andere Gemeinden gegründet. Sie hat in einer Zeit des Hasses und Krieges und der Nachkriegswirren versucht, als eine Gemeinschaft, die Gott in Christus ehrt und Liebe übt und einen anderen Frieden kennengelernt hat, zu leben. Sie verkündigt ihren Glauben den mit ihr zusammenlebenden Juden und Griechen. Die Ausstoßung aus der Synagoge bedeutet die schwerste Zerreissprobe für diese Gemeinde. In der Synagoge zu bleiben oder nicht - das wurde zur Frage, die von jedem einzelnen gelöst werden musste. Diejenigen, die nicht in der Synagoge bleiben konnten, weil sie sich im Gegensatz zu anderen (Joh 6,66) nicht von Jesus lossagen konnten,62 weil sie Worte des Lebens nur bei ihm finden konnten, haben wahrscheinlich dann ihre neuen wöchentlichen Zusammenkünfte in alter Struktur, aber mit neuem Inhalt, gehabt: Worten aus dem Pentateuch folgten Prophetenlesung aus vornehmlich Deuterojesaja und Jesusverkündigung,63 vom erinnernden und lehrenden Geist inspiriert und den Weg Jesu und den Weg der gegenwärtigen Gemeinde erhellend, dazu Gebete, denen Erhörung zugesagt war und das Mahl. Die traditionellen jüdischen Feste, die die Gemeinde feiert, bekommen ihre neue, eigentliche Bedeutung: Jedes im Johannesevangelium genannte Fest, voran das Passafest, wird zum Christusfest, zum Entscheidungsfest, an dem Menschen ungläubig oder unentschieden bleiben, auf eigene Ehre bedacht, oder aber an Christus zu glauben beginnen und den entscheidenden Schritt vom Tode zum Leben tun.

In ihrer Gesamtheit entnehme ich den angeführten Hinweisen zur Lokalisierung der joh. Gemeinde, dass sie in einem Ort der südlichen Gaulanitis beheimatet war, unweit von Betsaida und Kafarnaum.64 Von anderen Kriterien herkommend, nehme ich also die These von Wengst voll auf, präzisiere den von Wengst genannten ersten Punkt für eine Lokalisierung, der die Sprache der Gemeinde betrifft und führe weitere Punkte an.