Der Evangelist - Seine Herkunft, sein Verständnis christlicher Gemeinde

Der Evangelist hat sich in den 21 Kapiteln seines Evangeliums so stark durch seine Sprache, sein Denken und Glauben ausgedrückt, dass wir uns von ihm ein gutes Bild machen können. Er hat ja nicht etwas Belangloses beschrieben, das keinen Einblick in eine Persönlichkeit zulässt, sondern er hat sein Lebensbekenntnis geschrieben und das seiner Mitchristen.
Er hat das Trostbuch gegen die große Verunsicherung seiner ausgeschlossenen und verfolgten Gemeinde/n verfasst.

Wo kommt er her? Seinen Geburtsort verrät er uns leider nicht, aber er wird mit ziemlicher Sicherheit in Israel liegen, und zwar im Nordteil.
Er hat gute Ortskenntnisse z.B. von Samaria. Man sieht ihn förmlich am alten Jakobsbrunnen stehen. Er kennt sich auch ausgezeichnet im Verlauf der jüdischen Feste aus und dort, wo sie gefeiert werden, in Jerusalem. Das ist nicht nur äußerliche Kenntnis, sondern innere Anteilnahme. Er ist in den alten jüdischen Traditionen aufgewachsen. Die Schriftlesungen der Synagoge sind ihm bekannt. Seine besondere Liebe gilt dem Laubhüttenfest und dem Beginn eines neuen Lesungsjahres im Alten Testament.
Seine liebste Lesung ist die vom ersten Sabbat im neuen Lesungsjahr, die mit 1. Mose 1,1 beginnt - "Im Anfang..." - und mit der Verlesung von Jes 42 beendet wird, den Worten vom Knecht Gottes, der die Augen der Blinden öffnet.
Das ist für Johannes die Jesus-Lesung, erfüllt in der Begegnung Jesu mit einem Blindgeborenen (Joh 9) an eben jenem Lesungstage, der sich jetzt ein für allemal erfüllt, als dem Blinden die Augen geöffnet werden. Es ist die programmatische Geschichte für alle Blindgeborenen - "dass wir, die wir geboren blind, doch werden noch des Tages Kind". Es ist die Geschichte der johanneischen Gemeinde, die Geschichte, die der Evangelist an sich selbst erlebt hat und die ihn zur Anbetung Jesu geführt hat trotz des Beschlusses, aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden.

Zu der Kenntnis der Schriftlesungen der Synagoge kommt beim Evangelisten die Kenntnis der Messiaserwartung nach der aramäischen Targumlesung.
Johannes weiß, dass der Targum in 1. Mose 49,8-12 vom Messias spricht, auch in Jes 28,16, in Jes 53, im Psalm 45 und an anderen Stellen.

Der Evangelist versteht auch Hebräisch, wie aus einer Korrektur des falschen Verständnisses von 2. Mose 16,4 und 15 in Joh 6,32 hervorgeht - eine Korrektur, die man allerdings nur Kennern des Hebräischen gut darstellen kann.

Auffallend ist der Sprachschatz des Evangelisten aus dem Rechtsbereich. Lag in diesem Bereich seine Tätigkeit - ähnlich wie bei Kafkas Romanen der berufliche Rechtshintergrund des Autors immer wieder sichtbar wird?

Der Evangelist kommt aus einer besonderen Glaubensgruppe.
Das sieht man an seinem reichlichen Gebrauch von Anschauungen, die aus Weisheitsschriften des Alten Testamentes stammen. Der berühmte jüdische Philosoph Philo von Alexandrien ist in seinem Denken dem Johannes sehr nahe, auch der später lebende christliche Philosoph Justin, der das Martyrium erlitt. Johannes entstammte einer Glaubensgruppe, die die Weltgeschichte von ihren Anfängen her mit Hilfe des Begriffes vom LOGOS durchdachte, von der Weisheit her durchdachte, die vom Anfang an bei Gott ist, die den Menschen begegnet. Die großartigen Fähigkeiten der literarischen Darstellung erweisen den Evangelisten als einen gebildeten Juden mit einer großen Tradition hinter sich. Er hat für sich erkannt, dass diese große Tradition des durch die Geschichte hindurch wirkenden LOGOS in Jesus von Nazareth, in dem von Gott Gesandten ihr Ziel findet und er versucht, dieses Ziel seinen Mitchristen zu vermitteln.

Zu seiner Bildung gehört, dass er Griechisch sprechen kann.
Aber aus seinem griechischen Wortschatz, der nicht so sehr umfassend ist, wird klar, dass Griechisch nicht seine Muttersprache ist, sondern dass er sich diese Sprache erworben hat. Das ist nicht nur eine große Leistung, die dann im Johannesevangelium ihren Ausdruck findet, sondern auch ein Programm, weil es zu seiner Zeit viele Juden gab, die die Lebensführung und Sprache der gottlosen Besatzer, der Römer, hassten - ein Hass auf Besatzer und ihre Sprache, den wir auch in unserer Zeit immer wieder kennen lernen. Johannes kennt solchen Hass gegen die Römer nicht. Ja, Pilatus wird in seinem Evangelium positiver dargestellt, als er in Wirklichkeit war.

Wie der Evangelist zum Glauben an Jesus gekommen ist,
kann man nur vermuten. Als philosophisch Gebildetem mit weltoffener Einstellung war ihm wohl die Einstellung mancher gesetzesfrommer Pharisäer, die oft auf eigene Ehre aus waren, eine unangemessene Form des religiösen Verhaltens. Das eine einzige Gesetz der Liebe, das dem Evangelisten einst andere Christen von Jesus her verkündigt hatten, hatte ihn sicher angesprochen, auch die Übereinstimmung von Leben und Lehre und dann besonders der freie Tod am Kreuz. Dieser Tod des "Zeugen der Wahrheit", Jesus, war für Johannes Zeichen, dass am Kreuz der Gottesknecht zu sehen ist, der Mensch gewordene Wille Gottes.
Die frei schwebende interessante Lehre gebildeter Kreise vom LOGOS hat für den Evangelisten in der Verkörperung durch Jesus plötzlich eine Verbindlichkeit bekommen, die nicht nur seinen Geist bestimmte, sondern sein gesamtes Leben und Verhalten inmitten einer Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft erlebte er, dass der LOGOS auch nach Jesu Tod gegenwärtige Erfahrung ist, Heiliger Geist.

Wann der Evangelist gelebt hat?
Er hätte wie Lukas am Anfang seines Evangeliums auch schreiben können: "Nachdem schon viele es unternommen haben, Bericht zu geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind, wie uns das überliefert haben, die es von Anfang selbst gesehen und Diener des Worts gewesen sind, habe ich’s auch für gut angesehen, ...dass ich’s ...schriebe." Also: Viel Zeit war sicher nach Jesu Auferstehung bis zur Abfassung auch des Johannesevangeliums vergangen. Die von mir beim Zitieren ausgelassenen Worte des Lukas sollen aber anzeigen, dass Johannes eine andere Zielrichtung seines Werkes als Lukas hatte, der es für den ‘edlen’ Theophilus geschrieben hat und dass Johannes nicht wie Lukas etwas umfassend und geordnet schreiben wollte, sondern in die Gemeindesituation von Flüchtlingen hinein. Da der Evangelist weder das fertige Markusevangelium noch das des Matthäus oder Lukas in der Hand gehabt hat (darüber gehen allerdings die Meinungen der Forscher auseinander), wird man die Abfassung seines Evangeliums nicht zu spät ansetzen dürfen. Mir erscheint es am wahrscheinlichsten, dass er an seinem Werk in zwei Perioden geschrieben hat - doch davon später. Der Evangelist wird etwa um 85 n. Chr. leben und seine ursprüngliche Heimat im Norden Israels als Flüchtling verlassen haben.


Aus der Literatur

R. Schnackenburg: Das Johannesevangelium 3. Teil S. 469f
"Der Glaubende, der die Botschaft des Johannesevangeliums erfasst, gewinnt an Jesus Christus festen Halt für Gegenwart und Zukunft und wird auf die brüderliche Liebe als entscheidende Handlungsnorm verwiesen." ... "Wo viel Licht ist, fehlt es auch nicht an Schatten. Der große Theologe, den wir Johannes nennen, hat eindeutig und einseitig Akzente gesetzt, die anderes, was uns heute auch wichtig ist, zurücktreten lassen. Viele werden bei ihm das soziale und gesellschaftliche Engagement vermissen, das uns in der heutigen Weltsituation am Herzen liegt. Da gibt der synoptische Jesus, der die Stimme und das Verhalten des geschichtlichen Jesus getreuer festhält, stärkere Impulse. Die mangelnde Öffnung für die Gesellschaft und ihre Probleme hängt, darin besteht kein Zweifel, mit der äußeren Situation und dem inneren Selbstverständnis der joh. Gemeinde zusammen. Es bedarf nicht vieler Worte, dass sie darin nicht das Vorbild für die Kirche unserer Zeit sein kann."

Aus dem Talmud: (Mischna Sota IX)
"Im Krieg mit Vespasianus erließen sie Verordnungen gegen Bräutigamskränze und gegen die Hochzeitstrommel. Im Krieg mit Titus (Anm.: Vespasian und Titus kämpften 66-70 gegen die Juden) erließen sie Verordnungen gegen Brautkränze und dagegen, dass jemand seinen Sohn Griechisch lehrte."

M. Buber: Die Erzählungen der Chassidim S. 293f
Die nachjagende Ehre
"Der Maggid von Mesritsch schickte einst seinen Schüler Rabbi Menachem Mendel auf eine Fahrt durch mehrere Gemeinden, um durch öffentliche Rede den Sinn für das Lernen der Thora um ihrer selber willen zu erwecken. In einer der Städte kamen mehrere gelehrte Männer mitsammen in Rabbi Mendels Herberge und erwiesen ihm besondere Ehren. Im Gespräch mit ihnen warf er die Frage auf, warum man sage (nämlich in einem Volksspruch im Anschluss an eine Talmudstelle) <wer vor der Ehrung fliehe, dem jage sie nach>. >Ist es gut und würdig, geehrt zu werden>, sprach er, <warum wird, wer vor der Ehrung flieht, für seine ungebührliche Flucht damit belohnt, dass sie ihm nachjagt? Ist es aber tadelig, warum wird er dann für seine rühmliche Flucht damit bestraft? In Wahrheit soll der redliche Mensch der Ehrung gründlich aus dem Wege gehn; aber er ist nun einmal, wie jedermann, mit der Begierde danach geboren und muss sie bekämpfen. Erst wenn er lange Zeit und mit aller Hingabe in der Thora um ihrer selber willen gelernt hat, gelangt er dazu, die üble Begierde zu überwinden und keine Genugtuung mehr zu empfinden, wenn er Rabbi genannt wird und dergleichen mehr. Doch in seiner Seele lagert noch zuunterst jene Ehrsucht seiner Jugend, die er überwunden hat; und wiewohl er sich von ihr frei weiß, verfolgt sie ihn wie eine zähe Erinnerung und verwirrt ihn. Das ist der Makel der Urschlange, von dem er sich nun auch noch reinigen muss.>"