4. Theologische Einflüsse auf das Johannesevangelium

In Joh 4 und 8 spielen samaritanische Traditionen eine Rolle. In Joh 4 lag dem Evangelisten eine Geschichte aus der Tradition vor. In ihr wurde eine Begegnung Jesu mit einer Samaritanerin geschildert, der Jesus auf den Kopf zusagt, dass sie fünf Männer gehabt hat und dass der jetzige auch nicht ihr Mann ist. Die Frau erkennt daran Jesus als Propheten und läuft in den Ort, um Männer zu Jesus einzuladen, ob er der Messias ist - die Samaritanermission beginnt. Der Ausbau dieser traditionellen Geschichte durch den 4. Evangelisten ist weithin klar: Jesus spricht in joh. Rede zur Frau vom lebendigen Wasser, das er selbst ist, und klärt die Frage, ob die rechte Anbetungsstätte Gottes in Jerusalem oder auf dem Garizim ist. Für Johannes kommt das Heil gemäß Gen 49,8-12 aus den Juden. Jesus ist der Schilo/Taheb.9 Samaritanische Anschauungen kommen in Joh 4 nicht nur aus der Tradition, die von der Begegnung am Jakobsbrunnen erzählte, sondern der Evangelist kennt sich selbst auch aus, offenbar so gut, dass ihm von jüdischen Mitbürgern ketzerische samaritanische Theologie vorgeworfen wird.10 Dieser Vorwurf wird in Joh 8 gemacht, wo Jesus gegenüber Juden, die ihn steinigen wollen, eine Theorie entwickelt, gemäß der sie aus Hurerei zwischen dem Teufel und Eva als Kains-Kinder und somit Teufelskinder entstanden sind. Nachdem die Samaritaner sich nicht als Nachkommen Kains, sondern Seths verstehen,11 wird die in Joh 8 entwickelte Theorie von den Teufelskindern als samaritanisch gebrandmarkt._

In dieser Theorie über die Nachkommen Kains treffen sich Samaritaner und 4. Evangelist auch mit Qumran. Über die Einflüsse dieser Gemeinschaft auf das Johannesevangelium ist viel geschrieben worden. Herauskristallisiert haben sich: das dualistische Denken, das sich besonders stark in Joh 8 zeigt, die theologische Auswertung des Redens vom Stein in Ex 17,6; Jes 8,14; 28,16, wodurch Stein-Wasser-Glaube-Leben in Beziehung miteinander gesetzt werden konnten,12 und die messianischen Testimonien 4QT.__

Sicher ist auch, dass von Johannes aus der Tradition Polemik gegen die Täufergemeinde übernommen worden ist. Dass es sich für den Evangelisten aber nicht um bloße Übernahme von für ihn eigentlich nicht mehr aktueller Tradition handelt, zeigen zumindest zwei Beobachtungen: Täuferpolemik wird vom Evangelisten in Joh 1,6-8.15 in den Logoshymnus eingebaut, also an prominenter Stelle. Und: Die Tradition in Joh 3,22-30 wird in joh. Sprache in Joh 3,31-36 fortgeführt: Jesus hat dem Täufer gegenüber den Vorteil, dass er >von oben< kommt und das bezeugt, was er selbst gehört und gesehen hat. Jesus ist der Zeuge des Vaters. Der Täufer ist der Zeuge Jesu: Joh 5,33ff. Die Taufe wird zwar wohl in der joh. Gemeinde praktiziert, aber wohl durch die andere >Versiegelung< überboten: >Wer sein (Jesu) Zeugnis annimmt, besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist< (3,33).

Dass das Johannesevangelium eine besondere Affinität zur Weisheitstheologie besitzt, ist wiederholt einleuchtend beschrieben worden. In diesen Bereich gehört auch die Nähe zur philonischen Logoslehre und zu den Memra-Aussagen des Tg. Mit dieser Logos-Lehre als Voraussetzung war die joh. Gemeinde ursprünglich angetreten. Sie ist das Urgestein, auf dem das Johannesevangelium gewachsen ist. Die vorchristliche jüdische Gemeinde, aus der der 4. Evangelist kommt, war durch diese Theologie geprägt. Nun ist für Johannes Jesus der von der Schöpfung an durch alle Zeiten wirkende Logos, der schließlich Fleisch geworden ist.