Das Gebet in Joh. 17 - Rückblick. Ausblick auf das gelobte Land

Wir haben in Johannes 17 das johanneische Vaterunser.
Und:
Das Gebet Joh 17 ist auch aus Meditation des Gethsemane-Gebetes in großer Intuition unter Einfluss des Geistes entstanden.
Also: Vaterunser und Gethsemane-Gebet kombiniert.
"Vater" Der Vater ist angesprochen. "Unser" - die Glaubenden sind immer in diesem Gebet dabei. Die Heiligung des Namens Gottes wird durch Jesus gleichzeitig zur Heiligung der Gemeinde. Das kommende Reich Gottes wird in seiner Form von Einigkeit und Liebe und Erkenntnis angesprochen. Es ist offen für jeden, der zum Glauben in der Welt kommen wird. Der Wille Gottes wird durch die, die der Gesandte, Jesus, sendet, erfüllt werden. Die Bitte um das tägliche Brot und das Vergeben der Schuld - eine selbstverständliche Zusage Jesu, der bei seiner Gemeinde ist - ist für den johanneischen Jesus nicht angebracht, wohl aber die Bitte, dass die Seinen vor dem Bösen bewahrt werden.
Dieses lange Gebet strömt eine große Ruhe aus. Jesus hat Zeit vor seinem Tode. Er hat Zeit in seiner Stunde. Lief alles, was geschah im Evangelium zwischen Kap.1 und Kap. 16, auf den beiden Ebenen ab - der Ebene des Leidens und der Verherrlichung - so ist jetzt nur noch die eine Ebene da, die der Begegnung von Sohn und Vater. Mit der Rechenschaftslegung in Johannes 17 über die Erfüllung dessen, was dem Gesandten von Gott aufgetragen war, wird der eine Schlusspunkt gesetzt, mit dem Gebet für die Seinen ein zweiter und dann mit dem "Es ist vollbracht - neigte sein Haupt und übergab den Geist" - 19,30 - der dritte.
Ein Rudiment der Gethsemane-Geschichte (vgl. Mt 26,38) findet sich bei Johannes noch in 12,27: "Jetzt ist meine Seele betrübt." Im Gebet von Johannes 17 ist alle Not Jesu ausgespart.
Der Theologe Ernst Käsemann hat richtig gesehen, dass besonders in diesem Gebet der über die Erde schreitende Gott in Jesus sichtbar wird. Joh 17 ist das einzige Kapitel, in dem die Ebene des Leides ausgeblendet wird - aber nur für Jesus, nicht für die Jünger: Die sind weiter in der Welt - 17,15 und werden Angst haben. Zum Rückblick auf das durch Jesus getane Werk der Verherrlichung des Vaters und der Heiligung der Gemeinde tritt der Ausblick. Auch in diesem Ausblick herrscht die große Ruhe des Gebetes vor: Obwohl die Gemeinde dem Bösen begegnen wird, ist sie doch in der dann am Kreuz vollendeten Heiligung und im fürbittenden Gebet und in der Liebe Gottes geheiligt und bewahrt für ihre weltweite Aufgabe, die zur Vollendung der Schöpfung gehört.

Erschienen für uns
Erschienen für uns


Aus der Literatur

E. Käsemann: Aus: Jesu letzter Wille nach Joh 17 J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1967 S.29
"Die Synoptiker, Paulus und noch der Hebräerbrief haben sich um einen Ausgleich zwischen Kreuz und Erhöhung bemüht und haben es auf verschiedene Weise getan. Johannes ist im Bereich des uns Erkennbaren der erste Christ, welcher Jesu Erdenleben nur als Folie des durch die Menschenwelt schreitenden Gottessohnes benutzt und als Raum des Einbruchs himmlischer Herrlichkeit beschreibt. Jesus ist der Menschensohn insofern, als in ihm der Gottessohn uns irdisch naht."