Jesus als Gott im Johannesevangelium - Der alttestamentliche Hintergrund

(ursprünglich auf Englisch in: NTS, 30 1984, 158-60)

(ein informativer Artikel zu Ps 45: Tyndale Bulletin 35 (1984) 65-89.
THE TRANSLATION OF ELOHIM
IN PSALM 45:7-8
By Murray J. Harris. http://www.tyndalehouse.com/tynbul/library/TynBull_1984_35_03_Harris_Elo...)

Abstract meiner Untersuchung

Der Evangelist benutzt Ps 45, um Jesus auf diesem Hintergrund als den Gott zu zeigen, zu dem Gott spricht.

B.A. Mastin hat in seinem Artikel "A neglected feature of the Christology of the Fourth Gospel"1 darauf hingewiesen, „dass bei der Konstruktion des Vierten Evangeliums der Bezeichnung Jesu als theos besondere Bedeutung gegeben wird.“ Das Vierte Evangelium scheint den Begriff theos bewusst für Jesus gebraucht zu haben. Bei Paulus ist andererseits der Gebrauch viel zufälliger, wie das auch der Fall ist für das übrige NT mit der möglichen Ausnahme von Hebr 1,8f 2. Mastin zeigt, dass Joh 1,1; 1,18 und 20,28 von Jesus als Gott spricht. „Diese drei Verse sind als strategische Punkte im Evangelium platziert, und das unterstreicht die Bedeutung dessen, was sie aussagen“3. Schließlich bemerkt Mastin: “...Es gibt Grund zur Behauptung, dass der Evangelist gedacht hat, dass der Titel theos Jesus gegeben werden sollte. Es ist wahrscheinlich, dass diese Besonderheit seiner Christologie aus der Kontroverse mit Juden herkommt und dass er seine Hochschätzung der Person Christi auf diese Weise als Ergebnis dieser Kontroverse formuliert hat”4. Ich stimme diesen Ergebnissen ganz zu. Ziel meines Artikels ist es, den Schrifthintergrund für diese Kontroverse aufzuzeigen.

 

Der alttestamentliche Hintergrund für die Bezeichnung Jesu als Gott

In Joh 18,33-37 heißt es:

33 „Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden?

34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir's andere über mich gesagt?

35 Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan?

36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt.

37 Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“

Für viele Juden und auch für Pilatus war die Herrschaft eines Königs mit dem Gebrauch von Waffen verbunden. Die Königsherrschaft aber, von der Jesus spricht und auf die einige Juden seiner Zeit gehofft haben müssen, war eine Herrschaft ohne Krieg, und die Aufgabe des Königs war es, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Für diese Definition der Aufgabe des Messias gibt es einen eindeutigen Hintergrund in Ps 45 (LXX Ps 44):

Ps 45,1-7
Lied zur Hochzeit des Königs

Eine Unterweisung der Söhne Korach, vorzusingen, nach der Weise »Lilien«, ein Brautlied.

1 Mein Herz dichtet ein feines Lied, einem König will ich es singen; meine Zunge ist ein Griffel eines guten Schreibers:

2 Du bist der Schönste unter den Menschenkindern, voller Huld sind deine Lippen; wahrlich, Gott hat dich gesegnet für ewig.

3 Gürte dein Schwert an die Seite, du Held, und schmücke dich herrlich!

4 Es möge dir gelingen in deiner Herrlichkeit. Zieh einher für die Wahrheit in Sanftmut und Gerechtigkeit, so wird deine rechte Hand Wunder vollbringen.

5 Scharf sind deine Pfeile, dass Völker vor dir fallen; sie dringen ins Herz der Feinde des Königs.

6 Gott, dein Thron bleibt immer und ewig; das Zepter deines Reichs ist ein gerechtes Zepter.

7 (Du liebst die Gerechtigkeit und hassest das gottlose Wesen,) darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit dem Öl der Freuden mehr als deine Genossen.

al ken meschachacha
elohim elohecha schämen soson
mechaberächa

Der griech. Text:
dia touto echrisen se ho` ho theos ho theos sou elaion agalliaseoos para tous metochous sou

 (Tg Ps 45,3 – nach der Übersetzung durch Strack-Bill.: „Deine Schönheit, o König, Messias, ist vorzüglicher als die der (übrigen) Menschenkinder.“)

Dieser Psalm spricht vom König – dem Messias, wie der Targum sagt und wie die LXX zu verstehen scheint. Das Schwert des Königs ist nur eine Zierde für ihn, ein Zierschwert5.

Die friedliche Aufgabe des Messias besteht darin, der Wahrheit den Sieg zu verschaffen: basileue heneken alätheias - LXX Ps. 44,5.

Als der Messias – gemäß dem Johannesevangelium – sagte: „Ich bin’s“, gingen die Häscher „zurück und fielen zu Boden“ (Joh 18,5f/Ps 45,6a).

Strack-Bill. zeigt6, dass Ps 45 rabbinische Diskussionen hervorgerufen hat: „Der 45. Psalm wird in der rabbinischen Literatur gedeutet auf die Söhne Qorachs, auf Mose, auf Ahron u. auf Salomo; s. die Erklärungen in Midr. Ps 45. Daneben geht die messianische Deutung einher, deren Hauptvertreter der Targum ist." Strack-Bill. zitiert GnR 99 (63b), eine wichtige Verbindung zur Schilo-Stelle Gen 49,10 mit Ps 45,7: "Nicht wird das Zepter von Juda weichen" Gn 49.10; damit ist der Thron der Königsherrschaft gemeint, (wie es heißt): Dein Thron, o Gott währt immer u. ewig, ein Zepter der Gerechtigkeit ist das Zepter deiner Königsherrschaft Ps 45,7."

Ps 45,7f ist die einzige Stelle im AT, wo – wie es scheint – Gott zu Gott spricht7. Gott spricht zum Messias8, dem Messias als Gott. Offensichtlich hat der Autor des Hebräerbriefes Ps 45 als auf den Messias hinweisend verstanden. Dieses Verständnis stimmt mit der messianischen Auslegung des Psalmes durch Tg, LXX und andere überein. Aber einige jüdische Gesprächspartner des Autors des Hebräerbriefes haben das “elohim” von Ps 45,8 auf “Engel” gedeutet9. Der Autor des Hebräerbriefes jedoch wollte, um seine Christologie zu untermauern, das messianische Verständnis von Ps 45 unterstreichen, indem er “elohim“ (in Übereinstimmung mit einigen vorchristlichen jüdischen Interpreten?) mit “Gott” übersetzte. Jesus ist also der Gott von Ps 45, zu dem Gott spricht. 

Die beiden einzigen Schriften des NT, in denen Jesus als Gott dargestellt wird, sind der Hebräerbrief (1,8f) und das Vierte Evangelium (1,1. 18; 20,28)10. Ich vermute, dass das Bekenntnis zu Jesus als Gott aus einem messianischen Verständnis von Ps 45 in johanneischen Kreisen stammt und dass dieses Verständnis auf vorchristliche messianische Interpretation des Psalmes zurückgeht11. In Übereinstimmung mit ihrem Logos-Begriff haben johanneische Kreise offensichtlich das “elohim/ elohecha” von Ps 45,7f übersetzt als Gott, zu dem Gott spricht. Die Bezeichnung des Messias und Logos Jesus als Gott war also in johanneischen Kreisen eine exegetische Notwendigkeit, wie sie das auch für den Autor des Hebräerbriefes war.

Dass Ps 45 auch eine wichtige Rolle für Justin spielt, der – ohne Kenntnis des Johannesevangeliums12 – viele Parallelen zu johanneischen Traditionen hat, unterstützt meine These als Grundlage dieses Psalms für die Darstellung Jesu als Gott durch Johannes. Justins Dialog enthält einen ausführlichen Kommentar zu Ps 45, der den exegetischen Hintergrund für die oben erwähnten johanneischen Aussagen aufzeigt. In D 56,14f lesen wir: "...darum hat dich, o Gott, dein Gott mit Öl der Freude gesalbt vor deinen Genossen. Behauptet ihr nun, der Heilige Geist bezeichne außer dem Vater der Welt und seinem Christus jemand anderen als Gott und Herrn?" Einige Juden waren bereit, Jesus als “elohim” = “angelos”, als Gottes Gesandten13 zu akzeptieren, nicht jedoch als Gott. Möglicher-weise gehört auch Joh 1,51 zu dieser jüdisch-christlichen Diskussion. Christen sagen: Jesus, “der König Israels” (Joh 1,49) muss von Engeln unterschieden werden, denn Gottes Engel dienen ihm, dem Menschensohn. Und Jesus, der Logos, war am Anfang (Joh 1,1), während die Engel am zweiten Tag der Schöpfung geschaffen wurden.

1 NTS 22/1, 1975/76, 32-51

2 Op. cit., 34.

3 Op. cit., 42

4 Op. cit., 51

5 Strack-Bill. Bd 3, 2. Aufl. (1954) zu Hebr 1.8f. 680. Der Tadel des Petrus, der ein Schwert gebraucht (Jn. 18.11) besteht aus zwei Teilen: einer Parallele zu Mt 26.52a und einem Stück einer Geschichte, in der der Gebrauch von Gewalt verworfen wird (Matth. 20.22,25) – allerdings ist Johannes nicht von Matthäus abhängig.

6 Strack-Bill.op. cit., 679.

7 Zur ursprünglichen Bedeutung dieses schwierigen Abschnittes s.: M. H. Segal, "El, Elohim, and YHWH in the Bible" in JQR 45/46 (1954), 89ff.; J. Mulder, "Studies on Psalm 45" Witsiers-On (1972); P. J. King, "Thy Throne, o God, is for ever and ever" in Princeton Theol. Review 21 (1923).

8 Wie wichtig Ps 45 mit seiner Erwähnung von der “Schönheit” des Messias für die Übersetzer des Targums war, kann man an der Interpretation zweier messianischer Abschnitte sehen: Jes 53 und Gen 49,8ff. Ps 45,3 "Kein profanes Aussehen ist sein Aussehen..." (Tg Is. 53.1, übersetzt von K. Koch, "Messias und Sündenvergebung in Jes 53 - Targum" in Journal for the Study ofJudaism Vol. 3 (1972), 117ff.) und: "How beauteous is the King Meshiha, who is to arise from the house of Jehuda!" (Pal. Tg. Gen. 49.8). Es ist interessant, dass die Schönheit Jesu aus Ps 45 abgeleitet wird.

9 Vgl. ähnliche jüdische Interpretationen von Ps 87,7 und Ps 82,6. Ein zweiter schwieriger Abschnitt in einem Psalm, der ‚elohim’ enthält, wird Joh 10,34 zitiert. Dort wird ‚elohim’ mit ‚Götter’ übersetzt, nicht mit ‚Engel’, s. G. Reim, Studien zum alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums (Cambridge 1974), 24 Anm. 49.

10 Zur Diskussion, welche neutestamentlichen Abschnitte von Jesus als Gott sprechen, s. Mastin, op.cit. 32f.

11 Zur Datierung von Targumen s. A.D. York, "The Dating of Targumic Literature" im Journal for the Study of Judaism Vol.5 (1974), 49ff: "If a passage is interpreted identically in a Jewish and Christian source (particularly, with reference to the Messiah), one must give priority to the Jewish source inasmuch as later rabbis would never have borrowed such an interpretation from Christians" (Diéz Macho p. 55).

12 D 38.1, 3 D 56. 14f. D 43.3f. D 86.3 – vgl meinen Artikel über Johannes und Justin in diesem Aufsatzband.
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/165

13 s ThWNT Art. angelos.