Unser „Heute“

Für R. Bultmann 15 ist das Johannesevangelium so wichtig gewor­den, weil es ihm bei seiner Aufgabe geholfen hat, Theologie zu ent­mythologisieren und den Existentialismus zu betonen, der von Den­kern seiner Zeit gelehrt wurde. Ich zitiere nur einen Abschnitt aus seinem Kommentar: „In 16.12-24 war die alte naive Eschatologie neu interpretiert worden dahin, dass die durch den Fortgang Jesu erst ermöglichte Existenz im Glauben an ihn eschatologische Exi­stenz ist. In ihr ist faktisch erfüllt, was die Gemeinde von künfti­gen kosmischen Ereignissen erhofft hatte, und wofür sie in den Ostererlebnissen und der Geistesgabe die Gewähr und eine Voraus­nahme zu haben meinte. Die Existenz des Glaubenden ist als das Eschaton aufgedeckt worden, und zwar in der Form der Weissagung. Noch einmal sichert der Evangelist die Weissagung vor dem Missverständnis: nicht nur ihr Inhalt ist neu zu verstehen, sondern auch die Weissagung als solche darf deshalb nicht als einfache Voraussage künftiger Ereignisse verstanden werden, die eintreten werden, ohne dass der Glaubende selbst an der Verwirklichung des Verheißenen beteiligt, selbst dafür verantwortlich wäre. Die Exi­stenz des Glaubenden ist als durch die Offenbarung geschenkte Möglichkeit aufgedeckt worden; ihre Verwirklichung geschieht im wagenden Glauben selbst. Es handelt sich schlechterdings nicht um einen neuen Weltzustand, der kommen wird. Sondern was kommen wird, ist nur für den Glauben, im Glauben als gläubiger Existenz wirklich und muss deshalb immer gegen die Welt gewonnen werden.”·

Bultmann, der den Einfluss des AT auf den Evangelisten Johannes nahezu vollkommen ausgeschlossen hatte, hat nicht gesehen, dass es gerade das AT ist, das den Hintergrund für existentialistische Inter­pretation und die Entmythologisierung des christlichen Glaubens be­reitgestellt hat durch das „nun” von Jes 48.6 und - wie ich hoffe, demonstriert zu haben mit diesem Artikel - durch Ps 95.16

In unserer Zeit koennen wir das Johannesevangelium verstehen ler­nen als eine Einladung, „heute” = nyn einen Weg herauszufinden aus unserer Wüste und unserer Finsternis, aus unseren weltweiten und individuellen Problemen. Es ist eine Einladung, nach dem Sinn des Lebens suchen zu dürfen und nach dem Sinn dieser unserer Welt, indem wir auf Gottes Wort hören und seine Werke erkennen. Aber wir müssen das heute auf einem anderen Hintergrund tun als Johan­nes: Wir als Christen haben langsam sehen gelernt, dass Gott auch seinen Weg mit den Juden gegangen ist, die nicht an Jesus als den Christus glauben. Auch heutzutage weisen es die meisten Juden zurück, Jesus als den Weg anzuerkennen. Wir sehen auch darüber hinaus, dass der Tag, der „Heute“ heisst, nicht viele Menschen in an­deren Religionen erreicht hat, so dass sie eine Entscheidung im Sin­ne des johanneischen Verständnisses von Ps 95 hätten treffen können. Wir sind heute auch nicht mehr so zuversichtlich wie Bultmann war, dass der Glaubende selbst allein verantwortlich sei für die Realisierung der verheissenen Zukunft.

Wir brauchen also noch einige neue Worte von Gott und Werke, durch ihn getan in aller Welt.