Theologische Auswertung des johanneischen Gebrauchs von Ps 95

In der Sicht des Johannes ist Jesus von Gott gesandt, um die Hoffnung der Menschen auf einen zweiten Exodus, wie aus Ps 95 abgeleitet, zu erfüllen, damit Menschen zur verheißenen „Ruhe” kommen. Gott hatte dieses Ziel von allem Anfang an im Auge (Joh 1.1ff), aber die Israeliten des ersten Exodus hatten weder Gottes Stimme gehört noch haben sie seine Werke gesehen, akzeptiert. Nun hängt bei der Weiterführung dieses ersten Versuchs alles von der Annahme Jesu als des von Gott Gesandten ab (17.8), dass er der von Deuterojesaja verheißene “Ego Eimi” ist.
Aber die Weiterführung des ersten Versuches Gottes mit Menschen ist in der Jesus- Zeit ver­schieden vom Anfang in der Wüste zur Mosezeit. Jetzt wendet sich Gott in Christus nicht nur an die Juden an allen wichtigen öffentli­chen Plätzen gottesdienstlichen Lebens - die Synagoge in Kaper­naum, der Tempel in Jerusalem werden genannt - und bei den großen Festen, so dass kein Israelit in Jesu Zeit hätte sagen können: „Ich habe die Stimme nicht hören können. Ich habe die Werke nicht sehen können. Ich bin nicht in die Freiheit gerufen worden”.
Gott wendet sich „nun” in Christus an die ganze Welt, den „Kosmos", der nicht die ägyptische Sklaverei verlassen kann, sondern die Finster­nis der ganzen Welt.

Diese Weiterführung des ersten Auszuges ist für Johannes sowohl ein Tag als auch eine Zeit. Es ist der Tag Je­su und die Zeit des Geistes und der Gläubigen, ein „Heute” für je­den in der Welt.
Wenn Johannes Ps 95 benutzt, bringt er ihn mit verschiedenen wichtigen alttestamentlichen Aussagen in Verbindung. Aber er tut das in einer ihm eigenen Art in drei Schritten:

Der erste Schritt besteht in der Anspielung an ein Exodusereignis (Brot, Wasser, Licht...).

Den zweiten Schritt stellt eine Verheißung dar, die bei Jesaja - hauptsächlich Deuterojesaja - zu finden ist (Verheißung von Leben durch den Glauben an den Stein, den Messias - Jes 28,16 -, den Sohn (Knecht Gottes) - Jes 52,13ff -, die Einladung, zu trinken - Jes 55,1-3 ... .

Den dritten Schritt stellt die Erfüllung in Jesus dar, der das ver­heißene Wort Gottes ist, das wahre Brot vom Himmel und Wasser aus dem Felsen, an den man glauben kann und der am Kreuz erhöht wird, damit der Glaubende lebt.
Im Hinblick auf den johanneischen Gebrauch von Ps 95 in Verbindung mit anderen AT-Aussagen sind folgende Schriftstellen wichtig, wie ich in meiner Dissertation und in verschiedenen Artikeln gezeigt habe:

Gen 49.8-12; Exod 16.4, 15; 17.6; 34.10; Num 21.8-9; Deut 18.15-8; Jes 6.9; 28.16; 42.1, 6-7, 9; 43.9-10; 44.8; 45.19; 46.10; 49.3, 5-6; 50.6; 52.13; 53.6-7, 11-12; 55.1-3; Dan 7.10, 13; Ps 45.