Der Weg zum Kreuz auf dem Hintergrund des Alten Testamentes - Jüdische und jüdisch-christliche Sicht

Viele Juden haben über die zwei Jahrtausende seit Jesu Kreuzigung gesagt, dass sie zu einem Messias, der am Kreuz hängt, keinen Zugang haben können, weil ihnen das Gesetz, die Thora, bindend dagegen steht.
Wohl nicht viel mehr als 5o Jahre nach der Entstehung des Johannesevangeliums hat der christliche Philosoph Justin von Juden folgende Argumentation gehört, die in seinem "Dialog mit dem Juden Trypho" jener Trypho vorbringt:
"Mein Herr, die erwähnten Schriften und ähnliche veranlassen uns, dass wir den, der als Menschensohn von dem Bejahrten die ewige Herrschaft erhält, in Herrlichkeit und Größe erwarten. Dieser euer sogenannter Christus aber ist ohne Ehre und Herrlichkeit gewesen, so dass er sogar dem schlimmsten Fluch verfiel, den das Gesetz Gottes verhängt: er ist nämlich gekreuzigt worden." Und: "Aber daran zweifeln wir, ob es notwendig war, dass Christus in so schmachvoller Weise am Kreuze starb; denn verflucht ist nach dem Gesetze, wer gekreuzigt wird. Dies ist also noch eine Lehre, von der ich mich momentan nicht überzeugen kann. Das ist zwar klar, dass die Schrift einen leidenden Christus verkündet. Wissen möchten wir aber, ob du auch das beweisen kannst, dass Christus ein im Gesetz verfluchtes Martyrium erleidet... ...denn so etwas können wir uns nicht einmal denken."
Folgende Vorschrift ist für den frommen Juden Trypho und für manchen Gleichgesinnten absolut bindend (5. Mose 21,22f):
"Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben - denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott -, auf dass du dein Land nicht unrein machst, das dir der Herr, dein Gott, zum Erbe gibt."
Diese Vorschrift ist absolut bindend, es sei denn, Justin könnte eine Schriftstelle aus der Thora anführen, die eine andere Interpretation des Kreuzestodes Jesu möglich macht.

Wir wissen, dass sowohl Paulus als auch Johannes mit diesem jüdischen Verständnis der Kreuzigung konfrontiert worden sind. Uns interessiert, wie Johannes mit dem Fluch umgeht, der ja hinter 19,31-42 sichtbar wird.
Johannes geht die vom Alten Testament bedingte Hemmung von Juden, an einen Gekreuzigten, an einen Verfluchten zu glauben, von drei Seiten an:
a) Johannes nennt eine Gegenschriftstelle aus der Thora: Wenn schon, laut 4. Mose 21,8f, Mose durch eine "Kreuzigung" - die Johannes bewusst eine "Erhöhung" in 3,14f nennt - Leben für von Schlangen gebissene und zum Tode bestimmte Menschen erwirkt hat, dann wird erst recht die "Erhöhung" des Menschensohnes ans Kreuz Leben für alle bewirken, die an Jesus glauben, also für Juden und Heiden, wenn sie nur glauben.
b) Eine zweite Gegenschriftstelle stammt aus den Propheten.
In Jes 52,13-53,12 ist von einem Gottesknecht die Rede, über dessen Leben und Wirken die großartige Überschrift steht: "Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein."
Über dieses wunderbare Lied vom Gottesknecht haben Generationen von Juden und Christen nachgedacht. Für Johannes ist Jes 53 das Zentrum des Nachsinnens über die Kreuzigung geworden. Warum ist dieses Lied vom Gottesknecht in Jes 53 für Johannes so wichtig geworden? Es hängt sicher damit zusammen, dass man schon im Judentum des ersten Jahrhunderts eine doppelte Auslegung des Liedes kannte. Man konnte dem Lied zwei Überschriften nach diesem jüdischen Verständnis geben:
a) "Das Lied vom leidenden Gottesknecht." und
b) "Das Lied vom erhöhten und verherrlichten Gottesknecht."
Es existieren nämlich bei den Juden zwei Bibeltexte zu Jes 53
:
Da ist zuerst der in hebräisch geschriebene, wie wir ihn in unseren Bibeln haben. Als man aber z. Zt. Jesu im Volk das alte Hebräisch nicht mehr verstand, weil sich schon lange die Volkssprache Aramäisch gebildet hatte, - (vgl. Althochdeutsch mit heutigem Deutsch) - existierte in dem Judentum, in dem Johannes aufgewachsen war, eine Übersetzung von Jes 53 in diese Volkssprache (= Targum). Diese Übersetzung ist aber von Ps 45 beeinflusst, von dem die Übersetzer meinten: In ihm wird vom Messias gesprochen, genauso wie in Jes 53. Weil im Ps 45 die Schönheit dieses erwarteten Königs gepriesen wird, musste notwendig auch der Messias von Jes 53 schön sein, schöner als andere Menschen. Folglich wird dann in der Übersetzung des hebräischen Textes in die Volkssprache Jes 53 zum Lied vom erhöhten und verherrlichten Gottesknecht, der schöner ist als alle Menschen, dem seine Aufgabe, die er von Gott hat, gelingen wird.
Das Überraschende ist nun, dass der Evangelist Johannes beide möglichen Verständnisse dieses Gottesknechtes aufnimmt:
Jesus ist für ihn der Verfolgte und Gejagte, der bei vielem, was er sagt, missverstanden wird und den man auch dann wegen dieser Missverständnisse verlassen kann oder dem man von vornherein keinen Glauben schenkt, der schließlich verraten wird, gefangen und gekreuzigt, getötet wie die Lämmer zum Passafest und zu derselben Stunde wie sie. Jesus ist das Lamm, das verstummt - Jes 53,7 - und der Pilatus keine Antwort gibt - Joh 19,9 . Er ist der, den man in der Mitte von Übeltätern kreuzigt, nachdem diese Kreuzigung von einigen Juden gefordert worden war.
Jesus ist der leidende Gottesknecht aus dem hebräischen Jes 53.
Aber Johannes nimmt gleichzeitig das andere Verständnis des aramäischen Targum auf. Jesus ist der, der Glauben findet, dass er von Gott gesandt ist - 17,8. Das Alte Testament prophezeit, dass er von einem Freunde verraten wird, der das Brot mit ihm gegessen hat - Ps 41,10. Am Kreuz scheitert er nicht, sondern kann als Zusammenfassung für die Erfüllung des gesamten Auftrages als Gottesknecht sprechen: "Es ist vollbracht" - 19,30. Und er kann während seines gesamten Wirkens davon sprechen, dass er erhöht und verherrlicht werden muss - Jes 52,13 - Joh 3,14 8,28 12,32.34 7,39 8,54 11,4 12,16.23.28 13,31,32 14,13 15,8 16,14 17,1,4.5.10 21,19.
Jesus ist der erfolgreiche Gottesknecht des aramäischen Targum.
Er ist - unbegreifbar für jeden, der nicht glaubt - das Lamm der Niedrigkeit und gleichzeitig das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt.
Schönheit und Größe des Johannesevangelium liegen auch darin, dass der Evangelist in wunderbarer Weise diese zwei Ebenen von Niedrigkeit und Hoheit, von Missverstehen und Glauben finden, von Scheitern und Erfolg haben, von Verfolgt-Werden und Anhängern finden zusammenbringen kann und dass er diese beiden Ebenen mit seinen Mitchristen in der Verfolgung leben kann.
Menschen können Jesus als den im Gesetz Verfluchten ansehen, - wie Trypho - aber sie können aus dieser Position herausfinden, wie Nikodemus, der "vormals bei der Nacht zu Jesus gekommen war" - 19,39. Das Alte Testament gibt ihnen die Möglichkeit und die Begegnung mit dem Lamm, dem Knecht, stellt sie vor die Wirklichkeit.
Auf dem Weg zum Kreuz spielen Psalmen für Johannes eine besondere Rolle, nämlich: 22 40 (Septuaginta Ps 39) 41 45 69 82 95. Diese Psalmen haben vielen Christen des ersten Jahrhunderts geholfen, den Weg Jesu zum Kreuz, aber auch den eigenen Weg zu verstehen.
Meistens konnten Christen schon an Überlegungen anknüpfen, die im zeitgenössischen Judentum zu diesen Psalmen vorhanden waren.
Christen konnten also auf ein gewisses Verständnis bei jüdischen Mitbürgern hoffen, wenn sie sich auch auf bestimmte Psalmen beriefen. So sind manche Schriftstellen aus dem Alten Testament weniger als Weissagungen zu verstehen, sondern als Verstehenshilfen für besonders schwierige Situationen. Ich nenne nur zwei Beispiele:
a) Schon in der Mönchsgemeinschaft von Qumran hat man sich Verrat mit Hilfe von Ps 41,10 erklärt: "Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen."
b) Wie man aus Josephus und dann im Talmud erfährt, haben zeitgenössische Juden sich Weisung aus Ps 45 gesucht, ob sie am Sabbat Waffen benutzen können. Der die Waffengewalt ablehnende Jesus des Johannesevangeliums spricht vor Pilatus von der Grundlage dieses Psalms her.
Die meisten Aussagen des Johannesevangeliums kann man nur vom Hintergrund des Alten Testamentes her verstehen.

resurrexit - auferstanden
resurrexit auferstanden


Aus der Literatur

Aus dem Talmud zu Ps 45 und zu anderen alttestamentlichen messianischen Friedensaussagen:

Mischna. "Ein Mann geht nicht mit einem Schwert aus... Wenn er aber ausgeht, ist er ein Sündopfer schuldig. Rabbi Elieser sagt: Sie (Anm.: Schwerter, Bogen...) sind für ihn Schmuckstücke; und die Weisen sagen: Dem ist nicht so, sondern sie gereichen ihm zur Schande."

Aus dem Talmud Sanhedrin 98 a: Wie der Messias kommt.
"Rabbi Alexandri sagte: Rabbi Jehoschua, Levis Sohn, stellt einander den machtvoll kommenden und den machtlosen Messias gegenüber:
Es steht geschrieben (Daniel 7,13): <Und siehe, mit den Wolken des Himmels kommt einer wie ein Menschensohn> ; ferner steht geschrieben (Sacharja 9,9): <Demütig und reitend auf einem Esel.> <Mit den Wolken des Himmels> - wenn sie würdig sind; <demütig und reitend auf einem Esel> - wenn sie unwürdig sind."

(Der Evangelist Johannes bezieht beide Schriftstellen auf Jesus.)