Vorbemerkung

Etwa fünfundzwanzig Jahre nach Abschluss meiner Dissertation1 zum alttestamentlichen Hintergrund des Johannesevangeliums geht es mir in diesem Artikel nicht darum, die Benutzung der Psalmen, wie sie von anderen Forschern seitdem vermutet worden ist, grundsätzlich neu auszuwerten. Es geht mir nur um den einen Psalm, an den bei der Auslegung des Evangeliums bisher nur andeutungsweise gedacht wurde.2
In der genannten Dissertation bin ich im Hinblick auf die Benut­zung der Psalmen durch den Evangelisten Johannes zu dem Ergebnis gekommen, dass er einige Psalmzitate aus der Tradition hatte. Ich schrieb dann: „Abschließend muss gesagt werden, dass Johannes das Psalmbuch nicht benutzt hat. Ihm lag aber offensichtlich min­destens Ps 69.1-22 schriftlich vor. Es mag sein, dass zu dieser Vorlage auch noch Ps 22.19 (auch im LXX-Text) mit zugehöriger Geschichte gehört.“·
Zu jener Zeit hatte ich noch nicht gesehen, dass der Evangelist den 45. Psalm ganz bewusst benutzt hat. 1983 habe ich dann einen kleinen Artikel darüber mit dem Titel „Jesus as God in the Fourth Gospel: The Old Testament Background” veröffentlicht.3 Ich schrieb: „The only two NT writings where Jesus is presented as God are the Letter to the Hebrews (1.8-9.) and the Fourth Gospel (1.1.18; 20.28). I suppose that the confession of Jesus as God in the Fourth Gospel stems from a messianic understanding of Ps 45 in Johannine circles which goes back to a pre-Christian messianic interpretation of this Psalm. In accordance with their logos concept, Johannine circles, obviously, translated elohim/elohecha of Ps 45.7-8. as God to whom God speaks. The designation of the Messiah and Logos Jesus as God was an exegetical necessity in Johannine circles as it was for the author of the Letter to the Hebrews.“·
Nach vielen weiteren Jahren bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass Johannes den 95. Psalm sehr ausführlich benutzt hat. Ich dachte in meiner Dissertation noch, dass Ps 95.7 nur eine „formale Parallele” zu Joh 10.3 und 10.27 sei. Diese Meinung muss ich nun gründlich revidieren: Der Psalm bildet den Hintergrund für viele johanneische Aussagen. Nur war das schwierig zu erkennen - die Gründe dafür will ich später darlegen. Hier vorerst nur soviel: Der Evangelist hat wörtliche Zitate aus dem AT oft vermieden. Er hat sie so seiner eigenen Sprechweise angeglichen, dass es sehr schwer war, Ps 95 als eine Hauptquelle johanneischer Theologie zu erkennen. Es ist sehr interessant zu sehen, dass sowohl Johannes als auch der Hebräerbrief Ps 45 und auch Ps 95 ausführlich verwendet haben. Der Psalm spielte möglicherweise auch eine Rolle in Qumran, bestimmt aber in rabbinischem Denken. A. Weiser hat darauf aufmerksam gemacht, dass der Ps 95 in der Mischna als Neujahrspsalm gilt. H. J. Kraus urteilt: (hebr.) hajom ist das Heute der gottesdienstlichen Verkündigung. Nach dem 9. Kapitel der Ordensregel von Benedikt von Nursia ist dieser Psalm zu Beginn jeder Mette zu beten. Eine Jüdin, 1994 auf den 95. Psalm hin angesprochen, sagte mir: “Das ist das Allerwichtigste am Anfang unseres Gottesdienstes am Freitagabend.” War dieser Psalm schon das Allerwichtigste beim Beginn des Sabbatgottesdienstes in der Zeit des Evangelisten Johannes, wie ich vermute?4 Wenn ja, dann würde der vierte Evangelist nicht nur dem Beginn des jüdischen Lesungsjahres an Simchat Tora ein christologisches Vorzeichen geben, wie ich das in einem kurzen Artikel zu Joh 9 gezeigt habe5, sondern er würde auch dem christlichen Sabbatgottesdienst ein solches grundlegendes Vorzeichen gegeben haben, also etwa in dem Sinne: “Das ist das Allerwichtigste beim Beginn des Gottesdienstes am Freitagabend (bzw. am Sonntag), dass wir hinzutreten, dem Herrn frohlocken und dem Hort unseres Heils jauchzen, der uns in Christus, unserem Hirten, Schafe seiner Weide sein lässt, uns heute seine Stimme hören lässt und uns, wenn wir wirklich hören, zu der verheißenen Ruhe kommen lässt.”