III Vom Hebr zum JohEv?

Dass es viele Verbindungslinien zwischen JohEv und Hebr gibt, ist immer wieder gesehen worden 10. Wie eine Durchsicht ausführlicher Literaturverzeichnisse zu beiden Schriften in Kommentaren zeigt, gibt es erstaunlicherweise keine Monographie, nicht einmal einen Aufsatz zur Verhältnisbestimmung zwischen beiden Schriften - und das, obwohl doch C. Spicq und O. Cullmann11 betont auf die Beziehungen zwischen beiden Schriften hingewiesen haben. Nach meinen Beobachtungen zu den Psalmen 45; 95 und (40) 39 und im Hinblick auf die vielen anderen Beziehungen zwischen Hebr und JohEv stellen sich mir folgende Fragen:

a) Gibt es eine direkte Abhängigkeit oder gibt es nur theologische Parallelen, die auch aus anderen christlichen Quellen herrühren könnten?

b) Wenn es direkte Abhängigkeit geben sollte: Wer ist von wem abhängig?

c) Sind die beiden Schriften gleichzeitig entstanden oder gibt es eine zeitliche Vor- und Nachordnung? Ich beginne mit der dritten Frage und spreche dann die anderen an. Keine der beiden Schriften zitiert die andere direkt. Dennoch gibt es schwerwiegende Tatbestände, die darauf hinweisen, dass der Hebr vor dem JohEv geschrieben wurde.Hebr zitiert die drei Psalmen mit so etwas wie einer Einleitungsformel, vgl. Hebr 1,5a u.a. zu Ps 45,7; Hebr 3,7a zu Ps 95 und Hebr 10,5a zu Ps 39,7-9 LXX (ähnlich Hebr 5,5a zu Ps 2,7 und Ps 110,4). Die Zitate sind im Hebr Testimonien für die Rechtmäßigkeit der Lehre über Christus und den Weg seiner Gemeinde mit stark polemischer Tendenz. Es geht um so etwas wie eine Dogmatik für die Gemeinde, die angewendet werden muss und mit höchster und letztgültiger Autorität ausgestattet ist. Das Evangelium - "Zeugnis Gottes mit Zeichen, Wundern und mancherlei mächtigen Taten und mit Austeilung des Heiligen Geistes" (Hebr 2,4) war verkündigt worden und stand nun in der Gefahr, verwässert zu werden, verlassen zu werden. Ein werbendes und dogmatisches Schreiben soll die Gefährdeten vor der Katastrophe bewahren. Geschrieben ist das alles in gekonntem Griechisch, von klein auf vertraut.
Joh dagegen schreibt das Evangelium mit Zeichen und Wundern. In seinem Evangelium tauchen die drei Psalmen Ps 39 LXX, 45 und 95 mit ihren verschiedenen Akzenten immer wieder auf und durchwirken das ganze Werk. Ich kann mir nicht vorstellen, dass, bei hypothetisch angenommener Abhängigkeit des Hebr vom JohEv, der Verf. des Hebr die bei Joh verstreuten Aussagen aus den Psalmen bündelt und zu Zitaten zurückentwickelt haben sollte, um sie sodann mit etwas anderer Zielsetzung anzuführen.

Möglich wäre noch, dass sowohl Joh als auch Hebr etwa gleichzeitig von aus der Tradition vorgegebenen Psalmen ausgehen und sie verschieden anwenden. Die Verwendung von Ps 45,8 in Röm 9,5 könnte z.B. darauf hinweisen. Aber eher wird man daran denken müssen, dass die drei Psalmen im zeitgenössischen Judentum, in den Targumen, in der LXX oder in Qumran unter endzeitlichen Aspekten und Hoffnungen interpretiert worden sind und dann im NT auftauchen.
Trotz dieser Möglichkeit, dass Hebr und Joh bei der Verwendung der Psalmen 39 LXX, 45 und 95 direkt an jüdische Auslegungen anknüpfen und so eine Gleichzeitigkeit von Hebr und JohEv gegeben sein könnte12 , denke ich, dass es spezielle Linien von der Gemeinde und vom Autor des Hebr zum JohEv gibt: Nicht nur sind die Verbindungen zwischen Hebr und der joh Sprache in christologischen Aussagen viel intensiver als zu allen anderen ntl Schriften, auch die geschichtliche Situation13 ist in beiden Gemeinden sehr verwandt.
Das hat schon L. Baeck gesehen.14 Unter der Teilüberschrift "The Separation from Judaism[GR43] " stellt er als die beiden Schriften des NT, die für diese Trennung vom Judentum stehen, den Hebr und das JohEv nebeneinander15. Als Belege führt er an: Hebr 2,2; 7,16ff; 5,5ff; 7,11f; 2,3ff und 13,13 und bemerkt zu 13,13: "...and when the believer is required in the end to go forth without the camp, the meaning is clear[GR44] ." Baeck fährt fort: "The same tone out of the same time, the tone of this wish for separation, is heard in the Gospel according to John. Only it is still harsher here, even hostile[GR45] ...". Mit der Einschränkung, die in Joh 4,22 gegeben ist, führt Baeck aus dem JohEv als Begründung an: 8,17; 10,34; 18,31; 15,25 und sagt hinsichtlich der Juden im JohEv: "They are so completely separate that an angry accusation against them can say: Ye are of your father the devil (8,44). It is no longer a question of the place of Jesus within the Jewish people or of something new in Judaism, as it had been in the old tradition of the congregation; one is concerned exclusively with something new that is opposed to Judaism, with the position of Jesus in opposition to the Jewish people[GR46] ."

Ich denke, dass Baeck mit dem feinen Gespür eines Betroffenen - wenn auch mit falschem Verständnis von Joh 8,4416 - die zeitliche Zuordnung von Hebr und JohEv richtig gesehen hat. Zu dieser Separation gehört, dass jüdische Christen von "orthodoxen" Juden auf Grund der Schriftauslegung von Ps 45 verunsichert, Jesus nicht mehr als Sohn Gottes und als Gott zu sehen bereit sind und aus der christlichen Gemeinde wegzugehen drohen, während andere Christen ihren Glauben an Christus u.a. vom AT her festigen und stützen wollen, damit das Weggehen verhindert wird. Im Hebr steht dieses Weggehen trotz Hebr 10,25 wohl weitgehend noch bevor - im JohEv (6,66) ist es geschehen.

Erlangen, 30. Juli 1999 Günter Reim.

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