II Ps 40 im Hebr und im JohEv

1.Psalm 40 im Hebr

Wenn der Hebr über den Umgang mit der Sünde spricht, nennt er in 10,1-3 die vorchristliche jüdische gottesdienstliche Praxis z.B. (griech.) anamnaesis hamartion kat eniauton, die durch den Hohenpriester geschehende alljährliche ([iv]) Erinnerung des Volkes an die Sünden mit Hilfe von Opfern im Tempel. Das Blut von Stieren und Böcken kann jedoch Sünden nicht hinwegnehmen. Das kann nur durch den geschehen, der von Gott kommt, um den Willen Gottes zu tun. Als Grundlage für diese Aussage führt der Autor des Hebr Worte aus dem Ps 40 (LXX 39),7-9 an:

Hebr.10,5: (griech.) dio eiserchomenos eis ton kosmon legei[GR8] ,
thysian kai prosforan ouk aethelaesas [GR9]
soma de kataertiso moi [GR10]
10,6: holokautomata kai peri hamartias ouk eudokaesas [GR11] .

10.7: tote eipon Idou haeko, en kefalidi bibliou gegraptai peri emou [GR12] ,
tou poiaesai, ho theos, to thelaema sou.[GR13]

In der LXX heisst es in Ps 39,7-11:

Ps 39,7: thysian kai prosforan ouk aethelaesas [GR14] ,
Otia (5) de kataertiso moi[GR15] ,
holokautomata kai peri hamartias ouk aetesas[GR16] .

Ps 39,8: tote eipon,
Idou haeko
[GR17] ,
en kefalidi bibliou gegraptai peri emou[GR18]
(In der Schriftrolle ist von mir geschrieben (PS LXX 39,8)
tou poiaesai to thelaema sou, ho theos mou eboulaethaen[GR19] , …

Es geht weiter mit “und dein Gesetz trage ich im Herzen”, und in V. 10f schließt sich noch an: „Ich verkündige (griech. euaengelisamaen) deine Gerechtigkeit in großer Versammlung (griech.: ekklaesia [GR20] ); siehe, meine Lippen verschloss ich nicht, Herr, du weißt es. Deine Gerechtigkeit verbarg ich nicht in meinem Herzen, von deiner Wahrheit und deinem Heil sprach ich. Nicht verbarg ich dein Erbarmen und deine Wahrheit vor großer Gemeinde (griech.: synagogaes [GR21] ).“

Dieser rätselhafte Abschnitt von Ps 40 fordert zum Nachdenken auf. Wie die LXX im Vergleich zum Text der BH zeigt, hat man über diesen wichtigen Psalm offensichtlich im Judentum des ersten Jh. n. Chr. - vielleicht schon vorher - besonders nachgedacht: Der Psalm knüpft in V.7.an prophetische Kultkritik an, doch ist der Text der BH hier unverständlich: Wieso können "Ohren" von Gott "gegraben" werden, so wie Menschen sich einen Brunnen (Gen 26,25) oder ein Grab (Gen 50,5) graben? Die Versuche, zu erklären, wie es in der LXX zu einer neuen Aussage gekommen ist, kann ich hier nicht darstellen (6); sie sind mir auch nicht nachvollziehbar. Auf jeden Fall findet sich in den LXX-Codices B,א und A die Version, die der Hebr 10,5 anführt: „einen Leib aber hast du mir (schöpferisch) bereitet“. Nicht mehr nur von den Ohren, Teil des Leibes, wird in der LXX gesprochen, sondern vom gesamten Leib. Dieser Leib muss etwas mit der von Gott abgelehnten Tieropferpraxis und mit Gottes eigenem Willen zu tun haben. Das (griech.: de [GR22] ) weist darauf hin.

Wer der ist, dem Gott einen Leib bereitet hat, ist rätselhaft, denn auch seine Gleichsetzung mit dem, der kommt, und über den etwas in der Buchrolle geschrieben steht, ist alles andere als klar. Eindeutig ist nur, dass der Wille Gottes durch den Kommenden getan werden wird. Vom Kommen einer besonderen messianischen Person wird in verschiedenen Büchern der Bibel gehandelt. Ich nenne nur aus dem Jakobssegen Gen 49,10 "...bis dass der Herrscher kommt, auf den die Völker hoffen", ferner Jes 59,20 "Für Zion wird der Erlöser kommen und für die, die sich in Jakob von der Sünde abwenden - Spruch Jahwes". (vgl. noch Mi 5,1; Sach 9,9; Mal 3,1.) Worte der Schriftrolle wie diese haben sicher dazu geführt, dass in Hebr 10,5 - möglicherweise unter Anknüpfung an vorchristliche jüdische Überlegungen - die gewichtige Einleitung „Deswegen sagt er, hereinkommend in die Welt“ über die zitierten Psalmverse gesetzt wird:

Es handelt sich also bei dem Kommenden um eine außerkosmische Gestalt, die nach dem Willen Gottes ein (griech.)soma [GR23]  bekommt mit dem Auftrag, Gottes Willen zu tun und die alte gegen Willen und Wohlgefallen Gottes stehende Opferpraxis beim Umgang mit der Sünde aufzuheben. Wie man an Hebr 10,15-18 sieht, verbindet der Autor des Hebr Ps 39,7-9a LXX mit der Verheißung eines neuen Bundes, in dem das Gesetz Gottes in die Herzen der Menschen gegeben, in ihren Sinn eingeschrieben ist und ihrer Sünden durch Gott nicht mehr gedacht wird. Sicher hat zu diesem verbindenden Schritt von Ps 39 LXX zu Jer 31 der vom Hebr nicht angeführte zweite Halbvers von LXX Ps 39,9 geführt, wo der Beter von Gottes Gesetz in seinem Inneren spricht.

Dass dieser Beter in Ps 39 bzw . 40 als der Christus verstanden wird, ist vielleicht schon vorchristliche Überlegung. Dass dieser Christus in Jesus gesehen wird, der nach einem sündlosen Leben gemäß Gottes Willen dieses Leben am Kreuz als einmaliges Opfer für die Sünden der Menschen einsetzt, ist Aussage des Schreibers des Hebr. Aber auch der Autor des JohEv könnte ähnlich gedacht haben. Dass es Verbindungslinien zwischen Hebr 10 und dem JohEv gibt, haben viele Kommentatoren gesehen7. Nicht gesehen worden ist, dass beide Schriften für ihre Kultkritik an Ps 40 anknüpfen.

2. Psalm 40 im JohEv: fünf Elemente

a) Erstes Element

Für einen Zusammenhang mit Ps 39,8 LXX spricht die Stelle Joh 8,42, wo es heisst: (griech.)...ego gar ek tou theou exaelthon kai haeko. Oude gar ap emautou elaelytha, all ekeinos me apesteilen [GR24] . . Dieses (griech.)haeko [GR25]  findet man im AT nur noch in Ps 39,8 LXX und im NT nur in dem daraus stammenden Zitat in Hebr 10,7.9! Es muss eine für Joh ungebräuchliche, wenn auch sehr wichtige Vokabel gewesen sein. Ungebräuchlich, denn er benutzt sie im ganzen Evangelium nicht mehr. Ihm ist die Vokabel (griech.) exaelthon [GR26] , wie 8,42 zeigt, im Sprachgebrauch näher. Sie besitzt für ihn denselben Aussagewert. Ich vermute deswegen, dass im JohEv die meisten sich auf Jesus beziehenden Aussagen mit (griech.) exaelthon [GR27]  oder elaelytha [GR28]  u.ä. auf dem Hintergrund von Ps 39,8 LXX zu verstehen sind.

b) Zweites Element

Schon immer ist aufgefallen, dass Hebr 10,5 eine im Brief singuläre, sehr "johanneische" klingende Formel benutzt: eiserchomenos eis ton kosmon [GR29] . Diese Formel zeigt, dass wie bei Joh (griech.) haeko [GR30]  als (griech.) eiserchomenos [GR31]  verstanden wird. Da der Hebr diese Vokabel im Unterschied zu Johannes nicht mehr benutzt, könnte es sich bei der Einführung zu den Psalmversen um eine traditionelle jüdische oder christliche Einleitung handeln. Im JohEv wird nicht nur (griech.) eiserchomenos [GR32]  zu einem Vorzugswort, sondern auch (griech.) kosmos[GR33] .

Offensichtllich hat Joh, wie sich aus einer Vielzahl von Stellen mit dem einschlägigen Vokabular belegen ließe, Teile des Psalmes im Zusammenhang mit der gesamten Schrift intensiv meditiert und daraus einen großen Weg vom Vater her und mit den Menschen, die das glauben, zum Vater hin, gestaltet. Für ihn spricht der Messias ankündigend mit Worten des Psalmes, und er spricht jetzt in den Worten des Evangeliums, die auf die Schrift zurückgehen.

c) Drittes Element

Im JohEv kommt (griech.) soma [GR34]  selten vor und bezeichnet in der Passionsgeschichte den toten Körper. Interessant im Hinblick auf Ps 39 LXX ist jedoch Joh 2,21: (griech.) ekeinos de elegen peri tou naou tou somatos autou [GR35] .
Jesus spricht von dem neuen Tempel, dem „soma“, dem Tempel seines Leibes.

Hier kommt dem (griech.) soma [GR36]  Jesu höchste Bedeutung zu. Sie ist höher als der Stellenwert des Tempels und seiner Sühnefunktionen mit Hilfe von Tieropfern: der Tempel wird von Jesus gereinigt und in übertragenem Sinne abgebrochen. Diese höhere Bedeutung des (griech.) soma wird auch vom Hebr im Zusammenhang mit dem Psalmzitat herausgearbeitet.

Es mag sein, dass Joh, ausgehend von der Verheißung des (griech.) soma im Ps 39 LXX, das in Joh 2,21 mit dem Tod Jesu verbunden ist, am Anfang seines Evangeliums in 1,14 beim lebenden Jesus lieber von seiner (griech.) sarx [GR37]  spricht.

 Das Credo des Bildes – „sarx“ – So hat ein Kind sich vorgestellt, wie Maria mit Jesus Ball gespielt hat.
Aus: W. Nyssen: Das Credo des Bildes – „sarx“ – So hat ein Kind sich vorgestellt, wie Maria mit Jesus Ball gespielt hat.

(griech.)sarx und soma Jesu sind zwei zusammengehörende und auf einander bezogene Aspekte desselben Jesus. Zum zweiten Aspekt, (griech.) soma gehören alle jene Aussagen des JohEv, die von der Hingabe des Lebens Jesu sprechen, vornehmlich die Bezeichnung Jesu in 1,29 als „Lamm, das die Sünden der Welt trägt“ Vgl. dazu die Aussage von Hebr 10,4: „Unmöglich ist es, dass das Blut von Stieren und Kälbern hinweg nimmt die Sünden“).

d) Viertes Element

Anknüpfend an „in der Schriftrolle steht von mir geschrieben“ in Ps 40(39),8  8 ist festzuhalten, dass für Joh die gesamte Schrift (vgl.Joh 1,45; 5,39; 5,46) von dem Messias spricht, der in Jesus gekommen ist. Neben den programmatischen Aussagen zeugen die Schriftzitate im JohEv von dieser Auffassung.(griech.) gegraptai [GR38]  und dessen Formen findet sich, um die Beziehung Jesu zum AT auszudrücken in Joh 1,45; 2,17; 5,46; 6,45; 12,14; 12,16; 15,25; 2,22; 5,39; 6,31; 7,38; 10,35; 13,18; 17,12; 19,24; 19,28; 19,36; 19,37; 20,9... und (griech.) peri emou [GR39]  in Joh 5,32; 5,36; 5,37; 5,39; 5,46; 8,18; 10,25; 15,26; 18,34. Vergleicht man diesen häufigen Gebrauch mit dem Hebr, fällt auf, dass (griech.) gegraptai [GR40]  und (griech.) peri emou [GR41]  nur in Heb 10,7 vorkommen!

e) Fünftes Element

Schließlich ist noch das Tun von Gottes Willen aus Ps 40(39) herauszustellen.(griech.) thelaema [GR42] , durch Jesus getan, findet sich in Joh 4,349; 5,30; 6,38; 6,39; 6,40; 9,31. Es geht Jesus immer um das Tun des Willens Gottes. Dazu hat Gott Jesus auch vom Himmel gesandt. Der eigene Wille Jesu besteht vollkommen im Tun des Willens Gottes.

f) Zusammenfassung

Fünf Elemente, die sich in Wiedergabe von Ps 40( 39), im Hebr finden, sind auch im JohEv verwendet worden. Allerdings hat der vierte Evangelist nicht direkt zitiert, sondern diese Elemente finden sich - wie auch schon die Anspielungen auf Ps 45 und 95 - in johanneischen Reden, nie jedoch in traditionellem Material! Ein sechstes Element aus Ps 39 LXX findet sich nur im JohEv, falls man Joh 18,19f mit Ps 39,10f in Verbindung bringen kann: Jesus redet nicht im Verborgenen, sondern öffentlich vor der Welt, in Synagoge und Tempel.