Vom Hebräerbrief zum Johannesevangelium, anhand der Psalmzitate - mit einem appendix von 2012

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(veröffentlicht in BZ NF 1 2000 92-99

Abstract

Vorangegangen sind diesem Artikel meine Beobachtungen zur Benutzung von Ps 45 und Ps 95 durch Johannes. Erst 1998 habe ich entdeckt, dass Johannes auch einen Abschnitt aus einem dritten Psalm ausführlich benutzt hat: aus Ps 40/LXX Ps 39. http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/130
Diese Entdeckung ist sehr wichtig für das Verständnis der Rede Jesu von seinem Leibe (Joh 2,13-22) im Zusammenhang mit der „Tempelreinigung“ und dem johanneischen Sprechen von Inkarnation und für die Entstehung der „johanneischen“ Sprache. (
Nachtrag 2012: Zu der wichtigen textkritischen Frage im Hinblick auf 'soma/Leib' möchte ich auf die ausgezeichnete Untersuchung von G. Steyn hinweisen: A Quest for the Assumed LXX Vorlage of the Explicit Quotations in Hebrews. Stellenbosch University 2009)

Ehe ich auf diesen dritten Psalm zu sprechen komme, fasse ich die früheren Ausführungen zu den Psalmen 45 und 95 in ihrem Verhältnis zum Evangelium des Johannes und zum Brief an die Hebräer zusammen. 

 

I   Ps 45 und Ps 95 im Brief an die Hebräer und im Evangelium des Johannes

 

1. Psalm 45

Der Targum [GR3]versteht diesen Psalm von der Hochzeit des Königs offensichtlich als Aussage über den Messias, ebenso die LXX[GR4] und sicher auch die Rabbinen[GR5]. Im Evangelium des Johannes definiert Jesus vor Pilatus in 18,33-37 sein Königreich im Anschluss an Ps 45,5 als "für die Wahrheit zeugen". Das heißt, dass er also auch auf Waffen verzichtet. In rabbinischer Diskussion wird aber z.T. das Waffentragen am Sabbat im Hinblick auf den Messias, der gemäß Ps 45 ein Schwert trägt, von den einen als erlaubt angesehen. Eine andere Meinung verbietet das, weil das Schwert aus Ps 45,4 nur ein Zierschwert[GR6] sei. Der Evangelist stellt Jesus auf dem Hintergrund jener zweiten Meinung dar: Der Messias trägt keine todbringenden Waffen. Er sieht es als seine vornehmste Aufgabe an, für die Wahrheit zu zeugen. In Ps 45,5f bewirken die scharfen Pfeile „Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit“, dass die Völker vor dem König niederfallen. In Joh 18,1-6 weichen die bewaffneten Häscher zurück und stürzen vor Jesus zu Boden.

Der Brief an die Hebräer benutzt Ps 45,4-6 nicht. Auch der Begriff "Wahrheit" ist für ihn kein Zentralbegriff. Es könnte allerdings sein, dass das Verständnis von Jesus als "König der Gerechtigkeit" Hebr 7,2 auf Ps 45,5  zurückgeht. Dort steht, der König ist „für die Sache der Wahrheit und für das Recht“. Diese Aussage steht parallel zur Übersetzung von Melchisedek als "König der Gerechtigkeit". Das könnte für den Schreiber des Briefes an die Hebräer eine Brücke bilden.

Eine zweite wichtige Bedeutung hat der Ps 45,7 im Evangelium des Johannes für die Darstellung von Jesus als Gott z.B. in 1,1; 1,18 und 20,28. Auch Röm 9,5 hat Psalm 45  messianisch verstanden. Er bezieht elohim[GR7] auf Christus als Gott. In Hebr 1,8f findet sich ein wichtiges Zitat aus Ps 45. Im Hintergrund steht sicher eine judenchristliche Diskussion. Ist in Ps 45,7f eine Aussage über Gott gemacht, der zu Gott spricht, oder bedeutet elohim bei der zweiten Anführung in V.8 „Engel"? Der Text lautet: „Darum hat dich Gott, dein Gott, gesalbt mit Freudenöl vor allen deinen Gefährten.“ Joh, Röm und Hebr haben  elohim als Gott verstanden, der "dich, Gott", d.h. den Messias, gesalbt hat1.

2. Ps 95

Im Hebr Kapitel 3 spielt Ps 95 eine wichtige Rolle. Ursprünglich war laut Ps 95 die Exodusgeneration zu Gottes Ruhe bestimmt. Sie hat diese Ruhe wegen Ungehorsam gegen Gott und Mose jedoch nicht erlangt. Nun gibt es durch den Ruf des Christus eine neue Auszugsgeneration. Wenn diese Generation wirklich "heute" seine Stimme hört, wird sie zu der versprochenen Ruhe eingehen. Der Kyrios Jesus ist der große Hirte für diese Schafe (13,20). Eine weitere, dritte Möglichkeit zum Hören wird Gott nicht einräumen. Vielleicht hat der Schreiber des Briefes an die Hebräer analog der vierzig Jahre der ersten Auszugsgeneration mit folgendem gerechnet:  Vierzig Jahre nach dem Tode von Jesus kommt das zweite "Heute" mit dem Weltende zum Abschluss. Die Möglichkeit zum Hören war vierzig Jahre lang da. "Die kleine Zeit“ (Hebr 10,37-39) ist die Zeit notwendiger Geduld bis zur Rettung der Seelen. Für Joh dagegen wird "die kleine Zeit" (Joh 14,19) mit dem Zeitalter des Geistes weitergeführt. In meinem Aufsatz über Ps 95 habe ich ein kleines Parallelenbuch zu Ps 95, dem Evangelium des Johannes und dem Hebr zusammengestellt2.

 

II Ps 40 im Brief an die Hebräer und im Evangelium des Johannes

 

1. Psalm 40 im Hebr  

Wenn der Brief an die Hebräer über den Umgang mit der Sünde spricht, nennt er in 10,1-3 die vorchristliche jüdische gottesdienstliche Praxis z.B. anamnäsis hamartioon kat eniauton. Das ist die durch den Hohenpriester geschehende alljährliche3 Erinnerung des Volkes an die Sünden. Dazu werden Tiere im Tempel geopfert. Das Blut von Stieren und Böcken kann jedoch Sünden nicht hinwegnehmen. Das kann nur durch den geschehen, der von Gott kommt, um den Willen Gottes zu tun. Als Grundlage für diese Aussage führt der Autor des Briefes an die Hebräer  Worte aus dem Ps 40 (LXX 39),7-9 an:

Hebr. 10,5 (griech.)´dio eiserchomenos eis tän kosmon[GR8]
legei thysian kai prosforan ouk ätheläsas[GR9]
sooma 4 de katärtisoo moi[GR10]

10,6 holokautoomata kai peri hamartias ouk eudokäsas[GR11]

7 tote eipon idou häkoo en kephalidi bibliou gegraptai peri emou[GR12]
tou poiäsai ho theos to theläma sou.[GR13]

In der LXX heißt es in Ps 39,7-11:

Ps 39,7: thysian kai prosforan ouk ätheläsas[GR14]
ootia5 de katärtisoo moi[GR15]
holokautooma kai peri hamartias ouk ätäsas[GR16]

Ps 39,8 tote eipon idou häkoo[GR17]
en kephalidi bibliou gegraptai peri emou[GR18] tou poiäsai to theläma sou
ho theos mou [GR19]  ebouläthän

Der Psalm geht weiter mit “und dein Gesetz trage ich im Herzen”. In V. 10f schließt sich noch an: „Ich verkündige (euängelisamän ) deine Gerechtigkeit in großer Versammlung ( en ekkläsia[GR20] megalä) siehe, meine Lippen verschloss ich nicht, Herr, du weißt es. Deine Gerechtigkeit verbarg ich nicht in meinem Herzen, von deiner Wahrheit und deinem Heil sprach ich. Nicht verbarg ich dein Erbarmen und deine Wahrheit vor großer Gemeinde (synagoogäs[GR21] polläs).“

Dieser rätselhafte Abschnitt von Ps 40 fordert zum Nachdenken auf. Wie die LXX im Vergleich zum Text der hebräischen Bibel zeigt, hat man über diesen wichtigen Psalm offensichtlich im Judentum des ersten Jh. n. Chr. - vielleicht schon vorher - besonders nachgedacht: Der Psalm knüpft in V.7 an prophetische Kultkritik an. Aber der Text der hebräischen Bibel  ist hier unverständlich: Wieso können "Ohren" von Gott "gegraben" werden, so wie Menschen sich einen Brunnen graben (Gen 26,25) oder ein Grab (Gen 50,5) graben? Die Versuche, zu erklären, wie es in der LXX zu einer neuen Aussage gekommen ist, kann ich hier nicht darstellen6.Die Erklärungen sind mir auch nicht nachvollziehbar. Auf jeden Fall findet sich in den LXX-Ausgaben B,א und A die Version, die der Hebr 10,5 anführt: „einen Leib aber hast du mir (schöpferisch) bereitet“. Nicht mehr nur von den Ohren, als Teil des Leibes, wird in der LXX gesprochen, sondern vom gesamten Leib. Dieser Leib muss etwas mit der von Gott abgelehnten Tieropferpraxis und mit Gottes eigenem Willen zu tun haben. Das sooma de [GR22]weist darauf hin.

Wer der ist, dem Gott einen Leib bereitet hat, ist rätselhaft. Auch seine Gleichsetzung mit dem, der kommt, und über den etwas in der Buchrolle geschrieben steht, ist alles andere als klar. Eindeutig ist nur, dass der Wille Gottes durch den Kommenden getan werden wird. Vom Kommen einer besonderen messianischen Person wird in verschiedenen Büchern der Bibel gehandelt. Ich nenne nur aus dem Segen des Jakob  Gen 49,10 "...bis dass der Herrscher kommt, auf den die Völker hoffen". In Jes 59,20 heißt es "Für Zion wird der Erlöser kommen und für die, die sich in Jakob von der Sünde abwenden - Spruch Jahwes". (vgl. noch Mi 5,1; Sach 9,9; Mal 3,1.) Worte der Schriftrolle wie diese haben sicher dazu geführt, dass in Hebr 10,5 die gewichtige Einleitung „Deswegen sagt er, hereinkommend in die Welt“ über die zitierten Psalmverse gesetzt wird. Hier wird möglicherweise an vorchristliche jüdische Überlegungen angeknüpft.

Es handelt sich also bei dem Kommenden um eine außerkosmische Gestalt, die nach dem Willen Gottes  ein  sooma[GR23] bekommt. Der Kommende hat den Auftrag, Gottes Willen zu tun. Er soll die alte, gegen Willen und Wohlgefallen Gottes stehende Opferpraxis beim Umgang mit der Sünde aufheben. Wie man an Hebr 10,15-18 sieht, verbindet der Autor des Briefes an die Hebräer Ps 39,7-9a LXX mit der Verheißung eines neuen Bundes. Durch diesen ist das Gesetz Gottes in die Herzen der Menschen gegeben. Es ist in ihren Sinn eingeschrieben.  Ihrer Sünden wird durch Gott nicht mehr gedacht. Sicher hat zu diesem verbindenden Schritt von Ps 39 LXX zu Jer 31 der vom Hebr nicht angeführte zweite Halbvers von LXX Ps 39,9 geführt. Dort spricht der Beter von Gottes Gesetz in seinem Inneren.

Dass dieser Beter in  Ps 39 bzw. 40 als der Christus verstanden wird, ist vielleicht schon vorchristliche Überlegung. Dass dieser Christus in Jesus gesehen wird, ist Aussage des Schreibers des Briefes an die Hebräer. Jesus hat nach einem sündlosen Leben gemäß  Gottes Willen dieses Leben am Kreuz als einmaliges Opfer für die Sünden der Menschen eingesetzt. Aber auch der Autor des Evangeliums des Johannes könnte ähnlich gedacht haben. Dass es Verbindungslinien zwischen Hebr 10 und dem Evangelium des Johannes gibt, haben viele Kommentatoren gesehen7. Nicht gesehen worden ist, dass beide Schriften für ihre Kultkritik an Ps 40 anknüpfen.

2. Psalm 40 im Evangelium des Johannes: fünf Elemente

a) Erstes Element

Für einen Zusammenhang mit Ps 39,8 LXX spricht die Stelle Joh 8,42. Dort heißt es: egoo gar ek tou theou eksälthon kai häkoo oude gar ap emautou elälytha all ekeinos me apesteilen.[GR24]

Dieses häkoo[GR25] findet man im Alten Testament nur noch in Ps 39,8 LXX. Im Neuen Testament findet man es nur in dem aus Ps 39,8 stammenden Zitat in Hebr 10,7.9! Es muss eine für Joh ungebräuchliche, wenn auch sehr wichtige Vokabel gewesen sein. Ungebräuchlich, denn er benutzt sie im ganzen Evangelium nicht mehr. Ihm ist die Vokabel eksälthon[GR26] wie 8,42 zeigt, im Sprachgebrauch näher. Sie besitzt für ihn denselben Aussagewert. Ich vermute deswegen, dass im Evangelium des Johannes die meisten sich auf Jesus beziehenden Aussagen mit eksälthon[GR27] oder elälytha[GR28] (und ähnlich) auf dem Hintergrund von Ps 39,8 LXX zu verstehen sind.

b) Zweites Element

Schon immer ist aufgefallen, dass Hebr 10,5 eine im Brief singuläre, sehr "johanneische" Formel benutzt eiserchomenos eis ton kosmon.[GR29] Diese Formel zeigt, dass wie bei Joh häkoo[GR30] als eiserchomenos[GR31] verstanden wird. Der Hebr benutzt diese Vokabel im Unterschied zu Johannes nicht mehr. Es könnte sich also bei der Einführung zu den Psalmversen im Hebr um einen traditionellen jüdischen Text oder um eine traditionelle christliche Einleitung handeln. Im Evangelium des Johannes wird nicht nur eiserchomenos[GR32] zu einem Vorzugswort. Auch von kosmos[GR33]  spricht Joh oft.

Offensichtlich hat Joh Teile des Psalmes im Zusammenhang mit der gesamten Schrift intensiv meditiert. Das ließe sich aus einer Vielzahl von Stellen mit dem einschlägigen Vokabular belegen.Aus dieser Meditation hat Johannes einen großen Weg vom Vater her gestaltet. Es ist auch ein Weg zum Vater hin mit den Menschen, die das glauben. Im Alten Testament spricht der Messias ankündigend mit Worten des Psalmes. In der Zeit des Evangelisten Johannes spricht er in den Worten des Evangeliums, die auf die Schrift zurückgehen.

c) Drittes Element

Im Evangelium des Johannes kommt sooma[GR34] selten vor. Das Wort bezeichnet in der Passionsgeschichte den toten Körper. Interessant im Hinblick auf Ps 39 LXX ist jedoch Joh 2,21: ekeinos de elegen peri tou naou tou soomatos autou[GR35].

Hier kommt dem sooma[GR36] von Jesus höchste Bedeutung zu. Sie ist höher als der Stellenwert des Tempels und seiner Sühnefunktionen mit Hilfe von Tieropfern. Der Tempel wird von Jesus gereinigt und in übertragenem Sinne abgebrochen. Diese höhere Bedeutung des sooma wird auch vom Hebr im Zusammenhang mit dem Psalmzitat herausgearbeitet.

Es mag sein, dass Joh am Anfang seines Evangeliums in 1,14 beim lebenden Jesus lieber von seiner sarks[GR37] spricht. Er geht dann aus von der Verheißung des sooma im Ps 39 LXX, das in Joh 2,21 mit dem Tod von Jesus verbunden ist. sarx und sooma von Jesus sind zwei zusammengehörende und auf einander bezogene Aspekte desselben Jesus. Zum zweiten Aspekt, sooma gehören alle jene Aussagen des Evangelium des Johannes, die von der Hingabe des Lebens von Jesus sprechen. Vornehmlich gilt das für die Bezeichnung von Jesus in 1,29 als „Lamm, das die Sünden der Welt trägt“ Vgl. dazu die Aussage von Hebr 10,4: „Unmöglich ist es, dass das Blut von Stieren und Kälbern hinweg nimmt die Sünden“.

d) Viertes Element

Anknüpfend an „in der Schriftrolle steht von mir geschrieben“ in Ps 40(39),88 ist festzuhalten, dass für Joh die gesamte Schrift (vgl. Joh 1,45; 5,39; 5,46) von dem Messias spricht. Der ist in Jesus gekommen. Neben den programmatischen Aussagen zeugen die  Zitate aus dem Alten Testament im Evangelium des Johannes von dieser Auffassung. gegraptai[GR38] und dessen Formen findet sich, um die Beziehung von Jesus zum AT auszudrücken in Joh 1,45; 2,17; 5,46; 6,45; 12,14; 12,16; 15,25; 2,22; 5,39; 6,31; 7,38; 10,35; 13,18; 17,12; 19,24; 19,28; 19,36; 19,37; 20,9... und peri emou[GR39] findet sich in Joh 5,32; 5,36; 5,37; 5,39; 5,46; 8,18; 10,25; 15,26; 18,34. Vergleicht man diesen häufigen Gebrauch mit dem Brief an die Hebräer, fällt auf, dass gegraptai[GR40] und peri emou[GR41]  nur in Heb 10,7 vorkommen!

e) Fünftes Element

Schließlich ist noch das Tun von Gottes Willen aus Ps 40(39) herauszustellen: theläma[GR42]  durch Jesus getan, findet sich in Joh 4,349 5,30; 6,38; 6,39; 6,40; 9,31. Es geht Jesus immer um das Tun des Willens Gottes. Dazu hat Gott Jesus auch vom Himmel gesandt. Der eigene Wille von Jesus besteht vollkommen im Tun des Willens Gottes.

f) Zusammenfassung

Fünf Elemente, die sich in Wiedergabe von Ps 40 (39), im Brief an die Hebräer finden, sind auch im Evangelium des Johannes verwendet worden. Allerdings hat der vierte Evangelist nicht direkt zitiert. Diese fünf Elemente finden sich in johanneischen Reden, nie jedoch in traditionellem Material.  Auch schon die Anspielungen auf Ps 45 und 95 fanden sich nie im traditionellen Material! Ein sechstes Element aus Ps 39 LXX findet sich nur im Evangelium des Johannes, falls man Joh 18,19f mit Ps 39,10f in Verbindung bringen kann: Jesus redet nicht im Verborgenen, sondern öffentlich vor der Welt, in Synagoge und Tempel.

III Vom Brief an die Hebräer zum Evangelium des Johannes?

Dass es viele Verbindungslinien zwischen Evangelium des Johannes und Hebr gibt, ist immer wieder gesehen worden10.  Wie eine Durchsicht ausführlicher Literaturverzeichnisse zu beiden Schriften in Kommentaren zeigt, gibt es erstaunlicherweise keine Monographie. Es gibt nicht einmal einen Aufsatz zur Bestimmung des Verhältnisses  zwischen beiden Schriften. C. Spicq und O. Cullmann11 haben schon lange auf die besonderen Beziehungen zwischen beiden Schriften hingewiesen . Auf Grund meiner Beobachtungen zu den Psalmen 45; 95 und (40) 39 und im Hinblick auf die vielen anderen Beziehungen zwischen Hebr und Evangelium des Johannes stellen sich mir folgende Fragen:

a) Gibt es eine direkte Abhängigkeit oder gibt es nur theologische Parallelen, die auch aus anderen christlichen Quellen herrühren könnten?

b) Wenn es direkte Abhängigkeit geben sollte: Wer ist von wem abhängig?

c) Sind die beiden Schriften gleichzeitig entstanden oder gibt es eine zeitliche Vor- und Nachordnung?

Ich beginne mit der dritten Frage und spreche dann die anderen an. Keine der beiden Schriftenzitiert die andere direkt. Dennoch gibt es schwerwiegende Tatbestände, die darauf hinweisen, dass der Brief an die Hebräer vor dem Evangelium des Johannes geschrieben wurde. Hebr zitiert die drei Psalmen mit so etwas wie einer Einleitungsformel, vgl. Hebr 1,5a u.a. zu Ps 45,7; Hebr 3,7a zu Ps 95 und Hebr 10,5a zu Ps 39,7-9 LXX (ähnlich Hebr 5,5a zu Ps 2,7 und Ps 110,4). Die Zitate sind im Brief an die Hebräer Zeugnisse für die Rechtmäßigkeit der Lehre über Christus und über den Weg seiner Gemeinde. Im Hebr sind sie mit polemischer Tendenz verbunden. Es geht um so etwas wie eine Dogmatik für die Gemeinde. Diese Dogmatik muss angewendet werden. Sie ist mit höchster und letztgültiger Autorität ausgestattet. Das Evangelium ist "Zeugnis Gottes mit Zeichen, Wundern und mancherlei mächtigen Taten und mit Austeilung des Heiligen Geistes" (Hebr 2,4). Es war verkündigt worden und stand nun in der Gefahr, verwässert zu werden, verlassen zu werden. Ein werbendes und dogmatisches Schreiben soll die Gefährdeten vor der Katastrophe bewahren. Geschrieben ist das alles in gekonntem Griechisch, von klein auf vertraut.

Joh dagegen schreibt das Evangelium mit Zeichen und Wundern. In seinem Evangelium tauchen die drei Psalmen Ps 39 LXX, 45 und 95 mit ihren verschiedenen Akzenten immer wieder auf und durchwirken das ganze Werk. Bei hypothetisch angenommener Abhängigkeit des Briefes an die Hebräer vom Evangelium des Johannes kann ich mir nicht vorstellen: dass der Verfasser des Briefes an die Hebräer die bei Joh verstreuten Aussagen aus den Psalmen bündelt. Ich kann mir nicht denken, dass er diese Aussagen dann zu Zitaten zurück entwickelt haben sollte. Er hat die Zitate ja mit etwas anderer Zielsetzung angeführt.

Möglich wäre noch, dass sowohl Joh als auch Hebr etwa gleichzeitig von Psalmen ausgehen, die aus der Tradition vorgegeben waren und die sie verschieden anwenden. Die Verwendung von Ps 45,8 in Röm 9,5 könnte z.B. darauf hinweisen. Aber eher wird man daran denken müssen, dass die drei Psalmen im zeitgenössischen Judentum, in den Targumen, in der LXX oder in Qumran unter endzeitlichen Aspekten und Hoffnungen interpretiert worden sind. Dann tauchen sie im NT auf.

Die Möglichkeit besteht, dass Hebr und Joh bei der Verwendung der Psalmen 39 LXX, 45 und 95 direkt an jüdische Auslegungen anknüpfen. So könnte eine Gleichzeitigkeit von Hebr und Evangelium des Johannes gegeben sein12. Dennoch denke ich, dass es spezielle Linien von der Gemeinde und vom Autor des Briefes an die Hebräer zum Evangelium des Johannes gibt: Die Verbindungen zwischen Hebr und der joh Sprache sind in christologischen Aussagen viel intensiver als zu allen anderen Schriften des Neuen Testaments. Auch die geschichtliche Situation13 ist in beiden Gemeinden sehr verwandt.

Das hat schon L. Baeck gesehen14. Unter der Teilüberschrift "The Separation from Judaism“ [GR43] stellt er als die beiden Schriften des NT, die für diese Trennung vom Judentum stehen, den Brief an die Hebräer und das Evangelium des Johannes nebeneinander15. Als Belege führt er an: Hebr 2,2; 7,16ff; 5,5ff; 7,11f; 2,3ff und 13,13 und bemerkt zu 13,13: "...and when the believer is required in the end to go forth without the camp, the meaning is clear[GR44]. Baeck fährt fort: "The same tone out of the same time, the tone of this wish for separation, is heard in the Gospel according to John. Only it is still harsher here, even hostile[GR45]. Mit der Einschränkung, die in Joh 4,22 gegeben ist, führt Baeck aus dem Evangelium des Johannes als Begründung an: 8,17; 10,34; 18,31; 15,25. Er sagt hinsichtlich der Juden im Evangelium des Johannes: "They are so completely separate that an angry accusation against them can say: Ye are of your father the devil (8,44). It is no longer a question of the place of Jesus within the Jewish people or of something new in Judaism, as it had been in the old tradition of the congregation; one is concerned exclusively with something new that is opposed to Judaism, with the position of Jesus in opposition to the Jewish people[GR46].

Ich denke, dass Baeck mit dem feinen Gespür eines Betroffenen - wenn auch mit falschem Verständnis von Joh 8,4416  - die zeitliche Zuordnung von Brief an die Hebräer und Evangelium des Johannes richtig gesehen hat. Zu dieser Separation gehört, dass jüdische Christen von "orthodoxen" Juden auf Grund der Auslegung von Ps 45 verunsichert waren. Sie waren nicht mehr bereit, Jesus als Sohn Gottes und als Gott zu sehen. Sie waren im Begriff, aus der christlichen Gemeinde wegzugehen. Andere Christen aber wollen ihren bedrohten Glauben an Christus unter anderem vom Alten Testament her festigen und stützen, damit das Weggehen verhindert wird. Im Brief an die Hebräer steht dieses Weggehen trotz Hebr 10,25 wohl weitgehend noch bevor - im Evangelium des Johannes (6,66) ist es geschehen.

1Zur wichtigen Behandlung von Ps 45 durch Justin vgl. G. Reim, Paralleltraditionen zum Johannesevangelium bei Justin, in: JOCHANAN, 487-534
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/165

2JOCHANAN , 382-385.

3Man kann fragen, ob die Bezeichnung des Hohenpriesters in Joh 11,49 als "Hoherpriester dieses Jahres" zeitlich zu verstehen ist, was bekanntlich zu großen Schwierigkeiten führt, oder ob man sie im Anschluss an Hebr 10,3 (vgl. Lev 16,34) nicht lieber funktional verstehen sollte: Kaiphas war der, der das  Alljährliche zu  vollziehen hatte.

4s. Anm. 5

5 Die LXX-Codices B, a und A lesen sooma/Leib, Körper statt ootia/Ohren

6 Vgl. die Kommentare zu Hebr 10,5, besonders E. Grässer, An die Hebräer. 2. Teilband (EKK XVII/2). Zürich/ Neukirchen-Vluyn 1993, 216.

7Sehr nahe an der Sache ist J. Blank: das evangelium nach johannes Patmos Verlag Düsseldorf 1981 4/1a S.216f in seiner Meditation zu Joh 2,18ff, wenn er schreibt: "Nicht so sehr die Pharisäer und ihre Torafrömmigkeit sind nach der johanneischen Darstellung die eigentlichen Gegner Jesu, sondern der Tempel mit seinem Opferkult und seinem ritualistischen Heilsverständnis....Gegenüber einer Tendenz, aus Jesus einen Vertreter jüdisch-observanter Kultfrömmigkeit im damaligen Sinn machen zu wollen, kommt diejenige Auffassung der Wahrheit näher, die in ihm den damals bedeutendsten Erben und Vertreter der prophetischen Kultkritik sieht....In der urchristlichen Tradition ist es nicht nur das JohEv, das Jesus in dieser kultkritischen Linie sieht, sondern vor allem der Hebr, der an bedeutsamer Stelle die Kultkritik wörtlich aufgreift und sie auf Jesus bezieht, indem er die Zusammenfassung seiner Ausführungen über Jesus als endzeitliches Opfer und Hoherpriester zugleich mit dem Zitat von Ps 40,7-9 abschließt (Hebr 10,5-10)."

8Joh hat bei dieser Schriftrolle wahrscheinlich besonders an Jes 6 gedacht, aber das bedarf einer gesonderten, eigenständigen Darlegung. 

9R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium I (HThK IV/1), Freiburg i.Br. 41979, 480, schreibt zu Joh 4,34.“Theologisch ist die Nähe zu Hebr 10,5-9 beachtlich; hier wird die Ganzhingabe Christi (im Kreuzesopfer) mit Ps 40,7-9 begründet, aber seine Bereitschaft, den Willen Gottes zu tun, spricht Christus schon bei seinem Eintritt in die Welt aus (V 5).“ 

10Nestle-Aland26 verzeichnet beim JohEv 21 Querverweise zum Hebr; O. Michel, Hebr (KEK), verweist auf nahezu 100 joh Stellen; R. Schnackenburg, Joh (HThK), führt etwa 35 Stellen aus dem Hebr an, und J. Becker, Joh (OETBK), hat deren ca. 27. Hinzu kommen viele Einzelbeobachtungen einzelner Forscher.

11O. Cullmann Der Johanneische Kreis. Sein Platz im Spätjudentum, in der Jüngerschaft Jesu und im Urchristentum. Zum Ursprung des Johannesevangeliums, Tübingen 1975, "Mit größter Wahrscheinlichkeit ist die Zugehörigkeit des Hebr.briefes zur joh. Gruppe anzunehmen." (C. weist besonders auf die kritische Einstellung zum Tempel und auf die christologischen Auffassungen hin); C. Spicq L·Épitre aux Hébreux, Paris 1952, 109f (die theologische Ausarbeitung des Hebr steht in direkter Abhängigkeit zur joh Katechese).  

12Hebr 2,3 mit dem Hinweis auf die erste Generation von Christen, die der Gemeinde des Hebr verkündigt haben, zeigt, dass Hebr vor dem JohEv mit seiner Gemeinde der dritten Generation anzusetzen ist.

13Im Hebr scheinen Ausschluss aus der Synagoge und Getötetwerden - vgl Hebr 10,23-25; 12,4 mit Joh 16,2-5 - noch etwas weiter entfernt als bei Joh, wenn auch schon in Reichweite. Einen so großen Abstand zwischen Hebr und Joh - 20-30 Jahre - anzusetzen, wie B. Lindars, Behind the Fourth Gospel London 1971,121 tut, scheint mir nicht zutreffend zu sein. Ich denke nur an wenige Jahre. Die Naherwartung des Hebr ist jedoch bei Joh abgeklungen und neuen Erwartungen unter der Führung des Geistes, der einen kosmischen Gerichtsprozess führt, gewichen.

14Mir liegen seine Aussagen von 1938, in der Bücherei des Schocken Verlages erschienen, nur im Englischen vor: L. Baeck, The Gospel as a Document of the History of the Jewish Faith, Philadelphia 1964

15Ebd. 80ff

16S. dazu meinen Aufsatz: Joh 8,44- Gotteskinder – Teufelskinder, in: JOCHANAN , 352-359
http://www.evangelium-johannes.de/je7/de/node/205

[GR1]=kurze Kommentierung/Erklärung für Studenten

[GR1] Dieser Aufsatz ist erschienen in der Biblischen Zeitschrift Neue Folge, 2000 Heft 1, S. 92-99. Der auf der Website wiedergegebene Aufsatz unterscheidet sich in drei Punkten: a) griech. Texte werden in Umschrift gebracht. b) In den Anmerkungen  habe ich für Laien kleine Kommentare eingefügt.

[GR2] Etwas Grundsätzliches für Laien: Dieser Artikel steht im Zusammenhang mit der Untersuchung des gesamten alttestamentlichen Hintergrundes, von dem aus Johannes sein Evangelium geschrieben hat. Vieles davon habe ich im Buche JOCHANAN (s. homepage) dargestellt. Dieser Artikel jedoch ist später entstanden. Johannes hat manches aus den Psalmen benutzt. Die drei Psalmen 40 ; 45 und 95 hat er jedoch mit dem Hebräerbrief gemeinsam. Es sind für die Erwartung des Christus besonders wichtige Psalmen. Ihre Benutzung erlaubt uns einen Einblick in die Gemeinden des Johannes und des Hebräerbriefes und in ihre Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Judentum. Besonders aber wird sichtbar, wie man in diesen Gemeinden Christus auf dem Hintergrund von Psalmen dargestellt hat und wie man den eigenen, von der Synagoge unabhängigen Gottesdienst weiterentwickelt hat.

[GR3] Als man das alte Hebräisch im jüdischen Gottesdienst nicht mehr verstand, mussten die Abschnitte der Bibel in die Umgangssprache übersetzt werden. Diese Übersetzung nennt man Targum (Tg). Sie ist z. T. auch Erklärung, wie man den Bibeltext etwa zur Zeit Jesu verstand.

[GR4] Das ist die Übersetzung des AT in die Weltsprache z.Zt. Jesu, Griechisch.

[GR5] Bedeutende Rabbis haben verschiedene Auslegungen zu Bibeltexten gegeben.

[GR6] Zierschwerter in großer Kostbarkeit tragen heute noch arabische Männer als Statussymbol – nicht zum Kämpfen!

[GR7] = Gott. Das Wort ist im Hebräischen eine Pluralform.

[GR8] Deswegen, hineinkommend in die Welt, spricht er:

[GR9] Opfer und Opfergabe hast du nicht gewollt,

[GR10] einen Leib hast du mir (schöpferisch) bereitet (eigentlich: gegraben, geschnitten.)

[GR11] Brandopfer und solche um der Sünden willen gefallen dir nicht.

[GR12] Da sprach ich: Siehe, ich komme, im Haupt des Buches (d.h. wohl: in der Schriftrolle) ist von mir geschrieben.

[GR13] Dass ich, o Gott, deinen Willen tue.

[GR14] Opfer und Opfergabe hast du nicht gewollt,

[GR15] Ohren aber hast du mir schöpferisch bereitet (wörtlich: gegraben, geschnitten)

[GR16] Brandopfer und solche um der Sünden hast du nicht gefordert.

[GR17] Da sprach ich: Siehe, ich komme,

[GR18] im Haupt des Buches (d.h. wohl: in der Schriftrolle) ist von mir geschrieben.

[GR19] Um deinen Willen, o mein Gott, zu tun...

[GR20] Dieses Wort für die Volksversammlung wird später als Bezeichnung für die Kirche benutzt.

[GR21] Versammlung. Dieses Wort wird bei uns gewöhnlich für die jüdische Gottesdienstgemeinde bzw. ihr Haus benutzt.

[GR22] Aber, dagegen

[GR23] Leib, Körper

[GR24] Denn ich bin von Gott ausgegangen und gekommen. Denn nicht von mir aus bin ich gekommen, sondern Jener hat mich gesandt.

[GR25] Ich komme/bin gekommen

[GR26] ich bin ausgegangen, hergekommen

[GR27] ich bin ausgegangen

[GR28] ich bin gekommen

[GR29] hineinkommend in den Kosmos, (in die Welt ohne den Messias)

[GR30] ich komme/bin gekommen

[GR31] hineinkommend

[GR32] hineinkommend

[GR33] die Welt ohne den Messias – und, wenn sie den Messias nicht annimmt: Die Gott und Menschen feindliche Welt.

[GR34] Körper, Leib

[GR35] Er aber sprach über den Tempel, den sein Leib darstellt.

[GR36] Körper, Leib

[GR37] das Fleisch, als Materie

[GR38] es steht (in der Bibel) geschrieben

[GR39] mich betreffend, sich auf mich beziehend

[GR40] es steht geschrieben (im Alten Testament)

[GR41] mich betreffend, sich auf mich beziehend

[GR42] der Wille (Gottes)

[GR43] Die Trennung vom Judentum

[GR44] ...und wenn der Gläubige schließlich aufgefordert wird, aus dem Lager herauszugehen, dann ist die Bedeutung dessen klar.

[GR45] Denselben Ton aus derselben Zeit, den Ton dieses Wunsches nach Trennung, hört man im Johannesevangelium. Nur ist er hier noch unerbittlicher, sogar feindlich...

[GR46] Sie sind so vollkommen abgesondert, dass eine verärgerte Anklage gegen sie lauten kann: „Ihr seid von eurem Vater, dem Teufel, her.“ Da ist nicht länger die Frage des Platzes Jesu innerhalb des jüdischen Volkes oder von etwas Neuem innerhalb des Judentums, wie es in der alten Tradition der (christl.) Gemeinde war, sondern man hat es ausschließlich zu tun mit etwas Neuem, das im Gegensatz zum Judentum steht und man hat zu tun mit der Stellung Jesu in Gegnerschaft zum jüdischen Volk.

 

APPENDIX - nur eine Skizze vom September 2012

...und noch ein Psalm- und ein Jesajateil im Johannesevangelium mit Vorbild im Hebräerbrief

Gert J. Steyn hat die Zitate aus dem AT im Hebräerbrief intensiv untersucht. Er hat u.a. darauf hingewiesen, dass Zitate in Paaren aufeinander bezogen sind. Eines dieser Paare findet sich in Hebr 2,11-13 mit einer Hinführung in 2,10. Für die 'Nichtgriechen' zitiere ich aus Luthers Übersetzung:

10 Denn es ziemte sich für den, um dessentwillen alle Dinge sind, dass er den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anführer ihres Heils, durch Leiden vollendete.
11 Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der heiligt und die geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen,
12 und spricht (Ps 22,23): "Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen."
13 Und wiederum (Jes 8,17): "Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen"; und wiederum (Jes 8,18): "Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat."
(14 Weil nun die Kinder ...)

Den Evangelisten des Johannesevangeliums, der Zitate (und synoptikerähnliche Texte) gern verarbeitend zitiert und das an verschiedenen Stellen des Evangeliums tut, wie ich auf der homepage am Beispiel von Ps 40 (39), Ps 45 (44) und Ps 95 (94) gezeigt habe, erkennt man mit seiner Zitate verarbeitenden Verkündigung auch im Hinblick auf die im Hebräerbrief angeführten beiden Zitate aus Ps 22 und Jes 8 am Werke. Schon der engere Kontext im Hebräerbrief - 'viele Söhne zur Herrlichkeit geführt', 'der heiligt und die geheiligt werden' ... - erinnert an das 'hohepriesterliche Gebet' in Joh 17. In der Tat steht die deutlichste Anspielung auf das Zitatpaar in Joh 17. Ich zitiere:

6 "Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.
26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen."

Schon im Hebr. - darauf hat Steyn besonders hingewiesen - wird Christus als Sprecher beider Zitate genannt. Jesus Christus (17,3) ist auch Sprecher von Joh 17,6. Der, der gegeben hat, ist Gott. Im selben gedanklichen Umfeld vom Geben durch Gott sind u.a. zu nennen: Joh 1,12f; 6,37-39; 6,65; 10,29; 17,2; 17,9.

Jesaja und die Kinder, die Gott ihm gegeben hat - Zeichen in höchst bedrohlicher historischer Situation - werden zum Prototyp der neuen Gemeinde Jesu und seiner Brüder (Joh 20,17), die als Gottes Geschenk an Christus als 'Gehasste' (Joh 17,14) und gleichzeitig von Gott 'Geliebte' und 'Geheiligte' (Joh 17,23; 17,17) bewahrt werden soll (6,37; 17,11f; 18,9). Es ist dies die neue Gemeinde, in der der Name Gottes verkündigt worden ist und verkündigt werden wird (Joh 17,26).

Dem von Gott an Jesus 'übergeben' kommt eine große Bedeutung zu, wenn man die Häufung der Phrase in Joh 17 sieht und den Bezug auf die Gemeinde auch in Joh 6,37; 10,29 u.a. beachtet: Es geht über Jesus Christus um die Gottesgemeinde, die Kinder Gottes, den Namen Gottes. Es geht um Herrlichkeit und Heiligkeit. Es geht um die Verkündigung des Logos Gottes, durch den Menschen, aus dem Kosmos gerufen, zu Brüdern Christi in einer neuen ecclesia werden (Ps 22,23). Die Texte hinter den betreffenden Aussagen sind dieselben, die der Hebräerbrief zitiert und - mit leichten Akzentverschiebungen - auslegt.

Die Überschrift hinter dem oben begonnenen Artikel 'Vom Hebräerbrief zum Johannesevangelium anhand der Psalmzitate' erfährt durch die angefügte Skizze eine Bestätigung. Die Gemeinde des Evangelisten hat durch die Anwendung der beiden AT-Texte auf ihre Situation Trost und gestärktes Selbstbewusstsein erfahren als eine von Gott selbst gegebene kleine und wegen ihrer Christusbindung angegriffene Gemeinde, die Brüder und Schwestern in aller Welt zur Verkündigung der Liebe Gottes für alle Welt beruft und sich der Bewahrung durch Gott gewiss sein kann.

Aus der Erfahrung ähnlicher Bewahrung wird wohl auch Jesaja gesprochen haben, als er sagte:

"Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir der Herr gegeben hat als Zeichen und Weissagung in Israel vom Herrn Zebaoth, der auf dem Berge Zion wohnt."

Und aus ähnlicher Erfahrung wird der erhörte (Ps 22,22) Psalmbeter gesprochen haben, als er sagte:

"Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern. Ich will dich in der ecclesia rühmen."
 

P.S. Obwohl die Frage nach der LXX-Vorlage für diese Skizze nicht vorrangig ist, ist das unten angeführte Buch doch wichtig für die anderen Zitate, die Hebräerbrief und Johannes gemeinsam bedacht haben:
Gert J. Steyn
A Quest for the Assumed LXX Vorlage of the Explicit Quotations in Hebrews