Jesus, der Freie - Nur eine Sicht des vierten Evangelisten?

Wenn die Johannes-Gemeinde der Flüchtlinge Jesus als ihren Führer versteht, so könnte sie das auf zweierlei Weise tun:

a) sie könnte auch Jesus als Flüchtling verstehen
b) sie könnte Jesus deswegen als ihren Führer betrachten, weil er frei ist und souverän. Nun finden sich für beide Ansichten Aussagen im Johannesevangelium.
Zu a)

Jesus, der Flüchtling: In 6,15 entzieht sich Jesus denen, die ihn wegen der Brotspeisung zum Könige machen wollen. In 7,44 wird berichtet, dass etliche Jesus greifen wollten, aber niemand Hand an ihn legte. Die mit der Festnahme beauftragten Knechte werden von Hohenpriestern und Pharisäern getadelt: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? In 8,59 verbirgt sich Jesus vor denen, die ihn gerade steinigen wollen. 10,39f heißt es, dass sie ihn abermals suchten, zu greifen, aber er entging ihnen aus ihren Händen und zog hin wieder jenseits des Jordan... Hätten wir nur diese Aussagen, so würden wir Jesus als den Gejagten verstehen, dessen man am Ende, nachdem man offiziell beschlossen hatte, ihn zu töten - 11,53 - doch habhaft wird, auch wenn er sich noch einmal in eine Gegend nahe bei der Wüste, nach Ephraim, mit seinen Jüngern geflüchtet hatte - 11,54. Jesus, der Flüchtling als Führer der Flüchtlinge.
zu b) Die johanneische Gemeinde konnte Jesus als ihren Führer betrachten. Jesus ist der, der seine Zeit in Händen hat. Wie wir noch weiter sehen werden, zeigt der Evangelist das Geschehen um Jesus immer auf zwei Ebenen an, und zu der zweiten gehört eben, dass Jesus der vollkommen Freie ist: Er weist bei seiner Verhaftung die Häscher auf sich: ICH BINS! Es ist dies das souveräne "ICH BIN" dessen, der schon dem Mose bei dessen Berufung begegnet war, als der gesagt hatte: Wer bin ich denn, dass ich zum Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten? - 2. Mose 3,11. Auf dieses göttlich-souveräne ICH BIN hin weichen die Häscher im Johannesevangelium zurück und fallen zu Boden - 18,6. Jesus fragt sie dann zum zweiten Mal, wen sie suchen, obwohl sie bei seiner identischen ersten Frage ihm schon geantwortet hatten: "Jesus von Nazareth". Und er erhält auf seine zweite Frage dieselbe Antwort: "Sie aber sprachen: Jesus von Nazareth." Da sind wieder die zwei Ebenen, auf die der Evangelist oft weist: Jesus ist sowohl der, der aus Nazareth kommt und er ist der, der der von Gott gesandte ICH BIN ist.
Schon lange vor der Verhaftung zeigt der Evangelist Jesus als diesen Souveränen - und Jesus wird auch am Kreuz seine Zeit selbst bestimmen und sprechen: "Es ist vollbracht" - 19,30.
Dass Jesus der Freie ist, der Freie Gottes, wird schon vom ersten Wort des Johannesevangeliums an aufgezeigt.
Es ist nicht notwendig, alle Aussagen der Souveränität Jesu aufzuzeigen, aber ich will einige nennen:
Der Täufer Johannes spricht über Jesus: "Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt." - 1,29. Schon hier wird die Proklamation des Kreuzes sichtbar.
Dann 3,14f: "Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben." 8,28: "Wenn ihr des Menschen Sohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ICH es BIN."
Und - eine weitere wesentliche Aussage - 10,17f: "Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich’s wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selber."
Der Evangelist weist immer wieder darauf hin, dass es Jesus ist, der die entscheidende Stunde bestimmt, wenn er in souveräner Haltung, nicht im geringsten gejagt von den Häschern, zum Vater hinübergeht und ihm seinen Geist übergibt (vgl. u.a. die "Stunde" 2,4 7,30 8,20 12,27 16,32/17,1, vgl. das "Hinübergehen zum Vater"- 14,12 u.öfter. vgl. "Er übergab den Geist" 19,30). So ist Jesus zugleich beides: Der Gejagte und der absolut Freie. Er ist der Mensch/Fleisch-gewordene LOGOS.
Wer etwas für sich über Freiheit lernen will, der muss zum Freien kommen: "Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen." 8,31f.
Der Gemeinde Jesu wird es nicht anders als ihrem Meister gehen: Sie ist die gejagte, die sich verbergen muss, vor Steinigung fliehen muss, einige werden sogar getötet - und sie ist die, von ihrem souveränen Herrn frei gemacht, in die Freiheit des Lebens ziehende selbstbewusste Schar.
In den anderen Evangelien finden wir diesen großen theologischen Entwurf vom Auszug nicht - vielleicht deswegen nicht, weil die große Not der Verstoßung aus der Synagoge mit all dem, was damit zusammenhängt, nicht so da war wie in der johanneischen Gemeinde.


Unterwegs


Aus der Literatur

M. Buber: Glaube der Propheten:
"Der Messias, - der alles Menschsein mit höchster Intensität Verwirklichende."

Aus: "Die Geschichte eines Sorgenkindes":
(Ruth Müller-Garnn
: ...und halte dich an meiner Hand. Echter Verlag/Verlag des Rauhen Hauses 1977, S.20)
"Wir waren glücklich, als Markus (Anmerkung: Markus ist durch einen Impfschaden geistig schwerstbehindert) mit 18 Monaten das erste Mal auf seinen Füßen stand und mit zwei Jahren die ersten Schritte machte. Aber bald rannte er aus seiner ewigen Unruhe heraus überall hin und pausenlos und ohne Rücksicht auf Verluste. Er rannte über Papierkörbe, an den Tischkanten und gegen die Möbel und hatte gar kein Gespür dafür, dass es verschiedene Ebenen gibt. Er marschierte auf einem Tisch entlang und begriff nicht, dass der höher als der Fußboden ist. Wie ein Traumwandler, der sicher ist, dass die Luft ihn trägt, rannte er mit Begeisterung und Schwung auf die Leere zu und stürzte jämmerlich."

Martin Buber: Geschichten der Chassidim, S. 326 „Ich“
"Ein Schüler des großen Maggids hatte etliche Jahre dessen Unterweisung empfangen und gedachte heimzukehren. Unterwegs besann er sich, er wolle in Karlin Rabbi Ahron aufsuchen, der vordem im Lehrhaus des Maggids sein Gefährte gewesen war. Es ging auf Mitternacht, als er die Stadt betrat; aber sein Verlangen nach dem Anblick des Freundes war so groß, dass er sich sogleich zu dessen Haus wandte und an das erleuchtete Fenster klopfte. <Wer ruft?> hörte er die vertraute Stimme fragen und antwortete, da er gewiss war, dass auch die seine erkannt würde, nichts als: <Ich!> Aber das Fenster blieb verschlossen, und von innen kam kein Laut mehr, ob er auch wieder und wieder pochte. Endlich schrie er bestürzt: <Ahron, warum öffnest du mir nicht?> Da entgegnete die Stimme des Freundes, aber so ernst und groß, dass sie ihn fast fremd dünkte: <Wer ist es, der sich vermisst, sich Ich zu nennen, wie es Gott allein zusteht?> Als der Schüler dies vernahm, sprach er in seinem Herzen: <Meine Lehrzeit ist noch nicht um>, und kehrte unverweilt nach Mesritsch zurück."